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Blog: Aus dem Kongo-Einsatz

Menschenmasse kongolesischer Einwohner
Aus dem Kongo-Einsatz (Quelle Bundeswehr)

Kinshasa, 09.01.2013.
Oberstleutnant Walter B. übernahm eine anspruchsvolle Aufgabe von seinem Vorgänger – die Fortsetzung der Unterstützung zum Aufbau der kongolesischen Streitkräfte.


24. Oktober: Abschied und Neubeginn

Gruppenfoto: Walter B. mit seinem Team
Under Blogger Walter B. wird verabschiedet (Quelle: Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Mein Nachfolger Thorsten S. ist mit besten Voraussetzungen angereist, afrikaerfahren und – was mir wichtig ist – sprachlich absolut fit. Im Wesentlichen waren die Kontakte zu den kongolesischen Partnern herzustellen, ihn in die bisher bewährte Arbeitssystematik einzuweisen, denn einlesen kann er sich allein. Aber auch die sozialen außerdienstlichen Möglichkeiten durften in dieser Woche nicht zu kurz kommen, und so ist er rasch in Kinshasa und der Mission angekommen.

Es galt also, vom Kongo loszulassen, sich von den teilweise wirklich lieb gewonnenen Kameraden in der Mission und den militärischen Bereichen, aber auch vom zivilen Umfeld zu verabschieden – nicht immer ganz leicht. Wegzugehen mit dem Bewusstsein, vielleicht ein ganz klein wenig bewegt zu haben im Verhalten von militärischen Verantwortlichen gegenüber Untergebenen. Gezeigt zu haben, dass etwas zu bewegen ist, ohne die Regeln zu brechen, wenn man es denn wirklich will – und ich weiß diese Körnchen bei meinen Kameraden in guten Händen.

Zu gehen aber auch in dem Wissen, dass der Kongo in seiner politischen und kulturellen Wirklichkeit noch lange brauchen wird, um sich zu entwickeln – nicht im westlichen Verständnis, sondern innerstaatlich, im Umgang der Mächtigen mit der Bevölkerung und der Bevölkerung im Umgang miteinander. Und unser von westlichen Denkmustern geprägtes Verständnis von Entwicklung scheint mir da wenig hilfreich.

Ich bin um unendlich viele Erfahrungen reicher, mein Verständnis von Respekt hat sich noch einmal deutlich erweitert; dafür bin ich dem Land und seinen Menschen, aber auch all denen dankbar, die mich an die Hand genommen, mich in diesem verwirrenden, weil so widersprüchlichen Land geführt haben.

Blieb zum Schluss die Verleihung der EU-Medaille als äußeres Zeichen der Verabschiedung aus der Mission EUSEC verbunden mit der traditionellen Übergabe der „Antouka“, einer uralten Fetischfigur. Ich bekam die Nummer 358; kaum vorstellbar, dass so viele Soldaten und zivilen Mitarbeiter seit Missionsbeginn 2006 dort mitgewirkt haben. Und kurz vor dem Abflug dann der guten Tradition folgend die Verabschiedung durch wirklich alle Missionsangehörigen im Innenhof des Missionsgebäudes – das hat noch einmal tief bewegt.

Aber bereits während des Fluges nach Brüssel konnte ich mich der neuen Aufgabe gedanklich zuwenden: Seit zwei Tagen weiß ich, dass ich auch die letzten Jahre meiner Dienstzeit Afrika widmen kann – und darauf freue ich mich ungemein.

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1. Oktober 2012: Eine neue Ära

Hand schreibt auf Paipier
Auch im Kongo geht es nicht ganz ohne Bürokratie (Quelle: Bundeswehr/Wilke)Größere Abbildung anzeigen

Aus dem Urlaub zurück, war es mir leider nicht vergönnt, noch einmal an einer Kontrolle der Gehaltsauszahlung im äußersten Osten unmittelbar an der Grenze zu Ruanda teilzunehmen. Die wurde von der kongolesischen Seite vorgezogen, also kam ich zu spät aus dem Urlaub. Den Schilderungen meiner französischen Kameradinnen folgend, habe ich wirklich etwas verpasst.

Dennoch – auch die inhaltliche Ausgestaltung des ab dem 1. Oktober gültigen neuen Mandats und die Vorbereitung der Aufnahme neuer Missionsangehöriger einschließlich des neuen Chefs der Mission ließ nicht wirklich Langeweile aufkommen, dürfte sich aber kaum von dem unterscheiden, was zeitgleich in deutschen Dienstzimmern in Hinblick auf die Einnahme der neuen Struktur geleistet wird. Ein wesentlicher Punkt des neuen Mandats ist seine Begrenzung auf maximal zwei Jahre. Grund genug, von unseren kongolesischen Partnern massiv eine zunehmende Übernahme von Eigenverantwortung einzufordern, sie zur eigenständigen Gestaltung der notwendigen Prozesse zu bewegen. Wahrlich ein Bemühen, dem vielfach mit Unverständnis, oft mit Ablehnung begegnet wurde.

Bedauerlich der Weggang meines alt gedienten belgischen Vorgesetzten, aber auch von einem Wechsel gehen bekanntlich positive Signale aus, und so ist es auch hier. Die Arbeit wird transparenter, von kongolesischer Seite reklamierte mündliche Absprachen werden auf Sinnhaftigkeit hin hinterfragt und nur wenige behalten Bestand – Enttäuschung allenthalben! Es ist nicht einfach, vermeintliche Privilegien zu verlieren. Aber die Budgetverantwortung für immerhin europäische Steuergelder lassen keine Alternative zu.

Leider verlassen auch meine beiden deutschen Mitstreiter vor mir die Mission. Ein von wirklichem Respekt getragenes Verhältnis über die Dienstgradgruppen hinweg findet ein Ende. Ich habe das in dieser Intensität nur selten in meiner Dienstzeit erfahren – wir haben uns würdig voneinander verabschiedet.

Es bleiben nur noch drei Wochen bis zum Missionsende, die Verbindungen zum Nachfolger sind geknüpft, die Aufgabenpakete sind geschnürt. So langsam muss ich mir Gedanken über die Übergabe meiner Verantwortung machen!

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31. August 2012: Bis zur letzten Stunde

Zwei kongolesische Soldaten mit Ausweisen
Soldaten der kongolesischen Armee mit ihren neuen Truppenausweisen (Quelle: Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Meine Hoffnung, frisch geduscht und relaxt in den Flieger zu steigen, hat sich nicht erfüllt. Das hatte auch damit zu tun, dass sich die Mission in Kisangani, bedingt durch persönliche Schwierigkeiten des kongolesischen Delegationsleiters, sehr zäh entwickelte und wir doch erheblich hinter unseren selbst gesteckten Erwartungen zurückgeblieben sind. Erst nach deutlicher Intervention seitens EUSEC wurde das System umgestellt und noch vor unserem Abflug wurden endlich auch die Witwen und Waisen ausgezahlt. Die kongolesischen Missionsmitglieder sind noch zwei Tage länger geblieben, besonders die weiblichen Mitglieder haben die Auszahlung teilweise lautstark vorangetrieben.

Zurück in Kinshasa, am 29., hat es uns aber fast die Sprache verschlagen. Hatten wir eigentlich gedacht, das Experiment in Kisangani rasch zum Abschluss bringen zu können, durften wir feststellen: das Drucken der Truppenausweise für die frisch erfassten Soldaten hatte noch gar nicht begonnen, obwohl wir alle Voraussetzungen geschaffen hatten! Der fehlende Zugangscode zu den Druckmaschinen war so ziemlich die schlechteste Ausrede.

Dann aber ging es ganz schnell: Die vorgebrachten Begründungen wurden rasch und auch unter Inkaufnahme des Gesichtsverlusts einiger Betroffener widerlegt und durch Zufall hatte ich den Auftrag, in anderer Sache mit dem geschäftsführenden Beamten des Verteidigungsministers, einem Konteradmiral, persönlich zu sprechen. Ich hatte im Vorfeld gegenüber meinen säumigen Partnern keinerlei Zweifel aufkommen lassen, diese laxe Dienstauffassung beim Admiral zu thematisieren – und das Risiko wollte nun wirklich niemand eingehen. Im Ergebnis waren die Truppenausweise innerhalb weniger Stunden gedruckt und einer lokalen Fluglinie zum Transport nach Kisangani übergeben.

Während der Unterredung wurde durch den Admiral noch einmal die Einmaligkeit der Aktion in Kisangani herausgestellt und zugesichert, alle notwendigen Maßnahmen zur Auszahlung des Gehalts an die jungen Rekruten zu veranlassen. Da geriet dann sehr schnell Sandrines Krankheit in Kisangani (glücklicherweise keine Malaria) mit zwei Tagen Ausfall ebenso in Vergessenheit wie die durch die Ankündigung des Streiks der Lufthansamitarbeiter entstandene Unsicherheit mit Blick auf meine Anschlussflüge am 31. August.

Aber am Ende hat alles reibungslos geklappt.

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24. August 2012: Auch die Hoffnung ist nicht von Bestand

Kongolesisches Militär warten in Mission
Kongolesische Realität: Das Geld für die Auszahlung ist eingefroren (Quelle: Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

So schwungvoll die Mission in Kisangani begonnen hatte, so schnell hat uns die kongolesische Realität wieder eingeholt. Das Geld für die Auszahlung ist eingefroren, weil sich der Befehlshaber der Militärregion und der Generalstab in Kinshasa über Details nicht einig wurden – und ohne Einverständnis des örtlichen Kommandeurs rührt sich hier nichts. Das kannte ich aber bereits aus der Mission im Juni.

Aber es gibt auch hausgemachte Probleme: Führungsunwillen der Verantwortlichen dokumentiert sich in Abwesenheiten und mündet bei einem derart stark zentralisierten System wie diesem in Unsicherheit und Lethargie. Aber am Ende wird alles gut: Am zweiten Tag lief es wesentlich besser, meine französische Kameradin und ich haben mit Erfolg versucht, auf unterschiedlichen Arbeitsplätzen auszuhelfen – man kennt das biometrische System fast so gut wie unsere kongolesischen Freunde.

Das kleine EUSEC-Team hat natürlich die Ausfallzeiten genutzt: Stadttour, Gang über den lokalen Markt und ein privat gehaltener Besuch bei unseren amerikanischen Freunden waren Ausgleich für die aufkommende Ungeduld. Inzwischen ist die gemischte Delegation sogar zu medialer Berühmtheit gelangt. Der Empfang durch den Befehlshaber wurde ebenso im regionalen Fernsehen gesendet, wie dessen Schleusung durch das biometrische Kontrollsystem und seine Bezahlung. Die Bedeutung dieses Brigadegenerals in der Region ist schon beeindruckend und mit deutscher medialer Präsenz von hohen Militärs nicht vergleichbar.

Gestern nun haben wir, Sandrine und ich, an der zweimal in der Woche stattfindenden Flaggenparade der Garnison teilgenommen. Unsere nicht angekündigte Anwesenheit fand unter anderem auch deswegen ein ausgesprochen positives Echo, weil unsere Counterparts aus Kinshasa sich gegen die Teilnahme entschieden hatten.

Für mich zeichnet sich langsam der nächste Einschnitt ab: der zweite Urlaubszeitraum in einer Woche. Aber bis Dienstag steht die Mission hier in Kisangani im Mittelpunkt meines Interesses. Danach ist der sehr detaillierte Abschlussbericht zu erstellen, die finanziellen Ansprüche sind geltend zu machen.

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19. August 2012: Alles klappt überraschend gut

Angetretene kongolesische Soldaten
Läuft wie am Schnürchen: Die kongolesischen Soldaten sind da (Quelle: Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Wie bereits vermutet: Am Donnerstag um 13.30 Uhr habe ich die Kopie des Grundsatzbefehls im Ministerium abgeholt, am Freitag um 12 Uhr war die gesamte Mannschaft in Kisangani vollzählig und bei bester Gesundheit vor Ort. Und dann passierte etwas völlig Unerwartetes: Alle per Telefon geforderten Transportmöglichkeiten waren vor Ort, das zur biometrischen Kontrolle erforderliche Material war sofort verfügbar, der aufnehmende Truppenteil war informiert und aufnahmebereit.

Wie sich zeigen sollte, ist dieses selbst für kongolesische Generale etwas nicht Alltägliches, denn als wir meldeten, dass am Samstag um 17 Uhr 98 Soldaten biometrisch erfasst worden sind, führte diese Information zu ungläubigen Nachfragen aus Kinshasa. Das musste natürlich mit einem abendlichen „Coup de Cohäsion“ gewürdigt werden – und meine französische Kameradin Sandrine und ich waren gerne bereit, dazu einzuladen. Möglich wurde all dies unter anderen auch durch die logistische Unterstützung durch ein amerikanisches Team, das Ausbildungsunterstützung für diese Einheit leistet und seit mehr als einem Jahr versucht hatte, die Erfassung voranzutreiben.

Und so wurde der alte Grundsatz – eine Hand wäscht die andere – auch hier am Äquator mit Leben erfüllt. Im Ergebnis konnten wir am Sonntag melden: 115 kongolesische Soldaten und 1 Schimpanse (Maskottchen der Einheit) biometrisch erfasst. Und wenn man schon einmal erfolgreich war, macht das Appetit.

Jetzt haben wir uns in den Kopf gesetzt, diese 115 Soldaten (der Schimpanse erscheint natürlich nicht auf der Gehaltsliste) noch für die Gehaltszahlung im August vorsehen zu lassen. Das wird enorm viel Überzeugungsarbeit kosten, aber es wäre ein absolutes Novum! Und das lohnt die Mühe allemal – besonders im Sinne der Soldaten.

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15. August 2012: Erneut Kisangani

EUSEC-Team im Gespräch
Letzte Absprachen vor der Auszahlung von Gehältern (Quelle: Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Nun wird mich die nächste Operation ab übermorgen also wieder zurück nach Kisangani führen, dieses Mal allerdings, um die biometrische Überwachung der Auszahlung von Gehältern für insgesamt circa 3.300 Soldaten und Soldatinnen zu unterstützen. Zuvor sollen am Wochenende etwa 130 neue Soldaten biometrisch erfasst werden, die dann hoffentlich sehr schnell mit den Dienstausweisen ausgestattet und umgehend in die Gehaltsliste aufgenommen werden können.

Heute nun wurde endlich die interne Befehlsgebung an das gesamte Team durchgeführt, ein kompliziertes Unterfangen, weil einerseits die Mitglieder aus sehr unterschiedlichen Abteilungen des Ministeriums erstmalig miteinander kommuniziert haben und andererseits der Teufel bekanntlich im Detail steckt. – Wie kommen wir eigentlich nachts um 5 Uhr alle zum Flughafen? Vor allem aber: Es fehlt noch immer die Unterschrift des Ministers unter den Grundsatzbefehl und die entsprechenden Marschbefehle.

Und das bereitet uns, dem EUSEC-Team, erhebliche Probleme für den Planungsprozess, denn EUSEC kommt auch für Flüge, Tagegelder und so weiter der kongolesischen Partner auf. Dazu bedarf es aber eines begründenden Dokuments – eben des Grundsatzbefehls.

Meine französische Kameradin Sandrine und ich werden langsam etwas unruhig. Aber die Erfahrung lehrt, dass auf den letzten Drücker doch noch alles klappen wird.

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24. Juli 2012: Fortschritte und Veränderungen

Französischer Soldat unterhält sich mit Mitarbeitern
Adieu: Der französische Kamerad fliegt bald in die Heimat (Quelle: Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

So sehr die zweieinhalb Wochen Urlaub in Deutschland notwendig waren, so sehr freue ich mich darüber, wieder zurück in Kinshasa zu sein. Es hat sich mittlerweile einiges getan: Die Möblierung unseres neuen Gebäudes ist abgeschlossen, vor allem aber scheinen in meinem Aufgabenbereich „Verbesserung der Verwaltungsverfahren“ nun erstmalig meine kongolesischen Gesprächspartner die Einführung von arbeitserleichternden Softwareprogrammen zu akzeptieren.

Ausschlaggebend dafür ist eine Weisung des Verteidigungsministers mit dem Ziel, wirklich alle Soldaten sowie berechtigte Witwen und Waisen zeitgerecht zu bezahlen und wo möglich Gehaltsüberweisungen auf Bankkonten auszuführen. Letzteres mag in Kinshasa und einigen größeren Städten zu realisieren sein, einer Ausweitung in der Fläche sind natürlich Grenzen gesetzt.

Leider werde ich mich in einer Woche auch von einem wirklich geschätzten französischen Kameraden verabschieden müssen, der nach sechs Monaten Dienstzeit nach Marseille zurückkehren wird. Er ist gerade auf dem Weg, seine Nachfolgerin vom Flughafen abzuholen. Aber das ist erst der Anfang von gravierenden Veränderungen: Andere Missionsmitglieder werden im August – also während des Haupturlaubszeitraumes – und September ihre Mission beenden.

Somit wird EUSEC bis zu meinem Missionsende Ende Oktober ein völlig neues Gesicht erhalten und mit neuer Mannschaft das angehen, was auf der Führungsebene seit Monaten in enger Zusammenarbeit mit der Kommission in Brüssel ausgearbeitet worden ist: Das neue Mandat mit Wirksamkeitsdatum 1. Oktober 2012 und mit absehbar veränderter Schwerpunktsetzung. Zum Glück wird jedoch mein Aufgabenbereich auch unter neuem Mandat „überleben“ und dieses Wissen motiviert für die zweite Hälfte (ja, heute ist „Bergfest“).

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20. Juni 2012: Prüfung für die Militärakademie

Kongolesische Männer sitzen am Tisch im Unterrichtsraum
Die Köpfe rauchen: Fünf Stunden Prüfung haben begonnen (Quelle: Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Zehn wirklich aufschlussreiche Tage in Kisangani gehen zu Ende. Tage voll neuer Erkenntnisse über Land und Leute, über Mentalitäten und Sichtweisen. Nachdem meinen belgischen Kameraden und mich zunächst brütende Hitze hart nördlich des Äquators empfing, erleichterte die nachfolgende drastische Temperaturreduzierung es, unsere Augaben zügig aufzunehmen. Die bestanden darin, das Hauptquartier der 9. Militärregion bei der Vorbereitung und Durchführung der Aufnahmeprüfung Ungedienter für die Zulassung zur Militärakademie zu unterstützen.

Die Realität holte uns rasch und teilweise ernüchternd ein: Waren die 56 abgegebenen Bewerbungen noch sauber eingetütet, so hatte keine Prüfung der Eingangsvoraussetzungen (unter anderem Abitur, Identitätsnachweis, Führungszeugnis, Jahrgangsbeschränkung) stattgefunden. Der älteste Bewerber war 42 Jahre alt, das festgesetzte Maximum beträgt jedoch 25 Jahre. Ein Prüfungsraum war nicht angemietet, demzufolge waren die Bewerber auch nicht vorinformiert über Ort, Zeitpunkt und Rahmenbedingungen der Prüfung.

Hatte ich mich zunächst über den frühzeitigen Abflug vier Tage vor dem Prüfungstermin gewundert, gab uns aber genau das die Flexibilität, die Dossiers der Prüflinge eingehend zu studieren, die Bewerber in persönlichen Gesprächen einzuweisen und die Prüfung selbst angemessen vorzubereiten. Leider war die einzige weibliche Bewerberin aus dem Bewerbungsraster herausgefallen, und auch vielfach vorgebrachte wirtschaftliche Gründe, trotz mangelnder Voraussetzungen zugelassen zu werden, ließen keine Berücksichtigung zu.

Waren unsere kongolesischen Partner zu Beginn noch der Auffassung, das alles sei ja bisher von EUSEC auch so gemacht (und bezahlt) worden und müsse demnach auch heute so sein, ließen sich drei jüngere Offiziere von unserer Arbeitsweise anstecken und versuchten, diese teilweise noch zu übertreffen.

Und so meldeten sich – wie insgesamt über 800 Bewerber im gesamten Kongo – 25 zugelassene Anwärter um 7 Uhr zur Prüfung. Die in den Tagen zuvor zur Sicherheit aufgenommenen Fotos wurden verglichen (im Vorjahr waren ganz andere Personen zur Prüfung erschienen als bei der Anmeldung) und die Bewerber von Repräsentanten der kongolesischen Bildungsbehörde in die Aufgabenstellungen eingewiesen. Los ging’s mit fünf Stunden Prüfung in Mathematik, Französisch und Allgemeinwissen, die die angehenden Offiziersanwärter ebenso voller Elan angingen, wie die am zweiten Tag geforderte Ausarbeitung zu einem Thema nach Wahl.

Insgesamt war es eine durchaus fordernde Prüfung – ich hätte spätestens bei Mathematik die Flügel gestrichen. Sie diente jedoch dazu, in diesem Jahrgang die immens hohen Durchfallquoten an der Militärakademie zu minimieren und mittel- und langfristig ein qualitativ gut aufgestelltes Offizierskorps zu rekrutieren. Ich persönlich jedenfalls reise mit einem guten Gefühl nach Kinshasa zurück: Wir haben junge Leute mit wirklich hohem Potenzial gesehen, die hoffentlich ihren Weg gehen und als Offiziere den Kongo weiter voranbringen werden.

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7. Juni 2012: Impressionen abseits des Dienstes

Collage: Buch-Icon und Blick auf Berge
Atemberaubend: Blick vom christlichen Wallfahrtsberg nahe Kinshasa (Quelle: Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Es ist ein relativ kühler Abend in Kinshasa, keine 22 Grad gegen 20 Uhr, und ich weiß, dass mein privates Umfeld in Deutschland sich nach solchen Temperaturen sehnt. Mir jedenfalls kommt die Abkühlung gelegen – auch, weil man dabei gut über Dinge abseits des Tagesgeschäfts nachdenken kann.

Die letzte Woche war gut ausgefüllt. Der Empfang anlässlich der offiziellen Einweihung unseres Dienst- und Wohngebäudes bei besten Wetter und unter reger Teilnahme des diplomatischen Korps, der internationalen Partner von EU, Vereinten Nationen, der Hilfsorganisationen sowie einiger hochrangiger kongolesischer Offiziere war durchweg gelungen und gab Gelegenheit, angeregte Gespräche auch einmal außerhalb des eigenen Aufgabenbereichs zu führen. Bei solchen Anlässen erst wird einem erst richtig bewusst, was eigentlich mit Vielfalt der Kulturen gemeint ist, und was letztlich alle verbindet – gegenseitiger Respekt.

Ein Höhepunkt des bisherigen Aufenthalts war sicherlich die „Jazz Time“ im Garten der deutschen Botschaft, die direkt am Kongo liegt. Hatte ich eigentlich eine relativ geschlossene Gesellschaft erwartet, war die Überraschung umso größer, Menschen aus aller Herren Länder zu treffen, sich auch hier über alle möglichen Dinge unterhalten zu können und dieses vor allem auch auf Deutsch. Die anstehende Fußball-Europameisterschaft wird hier sicherlich die Kontakte enger werden lassen, denn die Botschaft wird „Public Viewing“ anbieten – zumindest an den deutschen Spieltagen.

In unserer knappen Freizeit können wir Kinshasa und Umgebung erkunden, seien es die Stromschnellen des Kongo, keine 10 Kilometer entfernt, oder der steile Anstieg auf einen christlichen Wallfahrtsberg mit einem atemberaubenden Panorama auf tektonische Meisterwerke der Natur. All das kann wohltuende Abwechslung bringen.

Auch sonst erschließt sich mir das Leben in Kinshasa in immer neuen Facetten. Der dreitägige Busfahrerstreik hat auch hier im Kongo vor Augen geführt, wie abhängig Gesellschaften jeder Kultur von funktionierenden Verkehrsmitteln sind, und wir reden dabei von zigtausenden, meist stark verrosteten Bussen (zum Beispiel VW-Busse, die mehr als 30 Jahre auf dem Buckel haben, aber immer noch röhren). In Kinshasa ging nur noch wenig, die sonst gut gefüllten Straßen waren fast leer, viele Geschäfte geschlossen, die Schulkinder hatten Schulausfall zu „beklagen“.

Und in engster Nachbarschaft, im Hof des anliegenden Lebensmittelgeschäfts, haben drei Ziegen den heutigen Tag nicht überlebt. Wie schon seit Tagen hatten sie gegen 16 Uhr noch gemeckert, gegen 17 Uhr hingen sie aber unter freien Himmel am Haken, und morgen früh würde ich sie sicher in der Thekenauslage wiederfinden. Fleischbeschau, Kühlkette, Verpackungsvorschriften sind hier überwiegend Fremdwörter. Aber ich bin froh, in dem Geschäft wenigstens ein spezielles Getränk, das ich in Frankreich schätzen gelernt habe, kaufen zu können.

Langsam stellt sich auch frohe Erwartung ein auf die nächste Aufgabe, die mich (endlich) auch einmal aus Kinshasa herausführen wird: die Überwachung der Einstellungsprüfungen für Offizier-Aspiranten der kongolesischen Armee. Die Reise wird mich ab dem nächsten Dienstag für zehn Tage nach Kisangani führen.

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26. Mai 2012: Gehaltszahlung – Ein Erlebnis der besonderen Art

Collage: Einheimische stehen dicht gedränkt; Blende mit Buch-Icon
Für viele Witwen und Waisen ist die Gehaltsauszahlung die einzige Einnahmequelle (Quelle: Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Die vergangenen neun Tage waren wie vermutet mehr nur als eine einfache Erfahrung. Aber der Reihe nach:

Nachdem die biometrische Überwachung der Gehaltsauszahlung für insgesamt 4.350 Soldaten und Hinterbliebenen hier in Kinshasa in enger Zusammenarbeit mit unseren kongolesischen Partnern technisch vorbereitet war, verzögerte sich der Beginn aufgrund einer fehlenden Unterschrift des Ministers um einen Tag.

Am Tag der Befreiung, einem offiziellen Feiertag, begann endlich das Projekt an zwei getrennten Orten mit sehr unterschiedlichen infrastrukturellen Rahmenbedingungen. Während das eine Team in einen großen Konferenzsaal verwiesen wurde, hatte mein Team das zweifelhafte Vergnügen, die Operation unter einer einfachen Überdachung, ansonsten aber für alle frei zugänglich, durchzuführen. Und so ließen die Ergebnisse auch nicht lange auf sich warten:

Schon am ersten Tag standen bis zu 700 Menschen Schlange, darunter Witwen mit Kleinstkindern, um durch einen engen Korridor gelassen, danach listenmäßig erfasst und anschließend per Daumenabdruck kontrolliert zu werden. Sie wurden (noch) aus dem Budget des Ministeriums für Verteidigung und ehemalige Kämpfer bezahlt.

Aber zunächst nicht für alle: Die Reihenfolge richtete sich stark nach dem Dienstgradgefälle, Witwen und Waisen wurden in den ersten drei Tagen überhaupt nicht zugelassen. Was sich aber kontrolliert anhört, wandelte sich im Verlaufe eines jeden Tages hin zu aufruhrähnlichem Verhalten, welches nur durch massiven Einsatz von Militärpolizisten in den Griff zu bekommen war. Verdenken kann man das den Menschen aber auch nicht: Keine Vorinformation über einen persönlichen Zahlungstermin, der ständige Anblick des Geldes, welches für jedermann sichtbar in Plastiksäcken lagerte und nicht zuletzt die Tatsache, dass sieben Stunden vergebliches Warten unter freiem Himmel mit der Aussicht, gleiches am nächsten Tag wieder zu erleben, nicht unbedingt zur Beruhigung der Lage beiträgt.

Nicht dass ich mich persönlich bedroht gefühlt hätte – aber die Intensität der Auseinandersetzungen keine fünf Meter entfernt, der gegen Nachmittag stark anwachsende Geräuschpegel, die vergleichsweise geringe soziale Achtung von Witwen und Waisen – all das war schon etwas Neues. Aber am Ende hatten alle diejenigen ihr Geld bekommen, denen es auch zustand.

Das galt auch für 40 Gefangene in zwei Gefängnissen, die am letzten Tag vor Ort ausgezahlt wurden. Überraschend zu sehen war, dass sich sowohl das Zivilgefängnis (4.000 Insassen) wie auch das kleinere Militärgefängnis, zumindest in den uns zugänglichen Bereichen – und wir kamen unangemeldet – in einem gepflegten Zustand befanden. Sauber angelegte Gemüsebeete und Viehhaltung haben sicherlich den einen oder anderen Speisezettel aufgebessert.

Und die Arbeitsbedingungen für unser Team entsprachen nun endlich dem Standard, der für die gesamte Operation zu erwarten gewesen wäre: diszipliniert. So hält wieder der Alltag Einzug und ich hoffe, nun endlich wieder meiner eigentlichen Aufgabe nachkommen zu können: der Verbesserung der Verwaltungsverfahren in Personalangelegenheiten.

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14. Mai 2012: Ein erstes Fazit

Collage: Buch-Icon; Gruppenfoto
Oberstleutnant B. ist jetzt drei Wochen im Kongo (Quelle: Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Nun ist es bereits drei Wochen her, dass ich bei bereits einbrechender Dämmerung auf dem Flughafen N’djili in Kinshasa gelandet bin, in bewährter Weise in Empfang genommen durch meinen Vorgänger, Oberstleutnant C., und den bewährten Fahrer der Mission Emmanuel, der auf irgendeine für mich nicht wahrnehmbare Weise die Schwellen der Einreisebürokratie merklich absenkte; nach nur 30 Minuten jedenfalls war ich durch.

Der Flug nach Kinshasa war für meine Familie, mehr aber für mich selbst, der Abschluss einer etwas aufregenden Zeit. Die nach Rücksprache mit Matthias C. erfolgte Zustimmung zur Planung für diesen Einsatz setzte eine sehr enge Zeitplanung in Gang; im Mittelpunkt nunmehr die Verbesserung der Sprachkompetenz Französisch als unabdingbare Voraussetzung für ein Bestehen in der Mission. Der Stab der Deutsch-Französischen Brigade ermöglichte dankenswerterweise sehr kurzfristig eine nach meiner Bewertung ausgesprochen hilfreiche Hospitation im französischen Anteil.

Die unmittelbare Verlegungsvorbereitung selbst dagegen verlief eher unaufgeregt; einige Erfahrungen mit Auslandseinsätzen und -verwendungen waren da nicht hinderlich und auch die Familie scheint in den letzten zehn Jahren bereits einen Gewöhnungsprozess durchgemacht zu haben. Nicht ganz business as usual, aber auch nicht weit davon entfernt. Nun also Kinshasa!

Die Einweisung – Mein Vorgänger Oberstlteutnant C. hat darüber berichtet – war geprägt von der Anerkennung der kongolesischen Partner für die Kompetenz und Arbeitsleistung, besonders aber auch die Einfühlsamkeit meines Vorgängers; ein missionsweit durchaus nicht zum normalen Ablauf gehörendes Abschiedsessen auf Einladung seiner Hauptansprechpartner einschließlich Geschenkübergabe mag Beleg dafür sein. Die Messlatte ist also sehr hoch gelegt und die sechsmonatige Verwendungsdauer in der Mission wird vermutlich kaum ausreichen, dieses Niveau zu erreichen, weil vieles einfach nur über persönliche Beziehungen zu erreichen ist – und das braucht Vertrauen und damit Zeit.

Ohne die während der Einweisung erhaltenen Tipps und Verhaltensregeln hinsichtlich der erforderlichen Arbeitsabläufe, der internen (menschlichen) Besonderheiten der Mission, besonders aber der Eigenarten unserer Gesprächspartner im kongolesischen Generalstab, wäre eine verzugsarme Aufnahme der Dienstgeschäfte schwer möglich gewesen. Mein belgischer Vorgesetzter und die anderen vier Kameraden meines Arbeitsbereiches haben mich ebenso fürsorglich aufgenommen und geführt.

Bedauerlicherweise ermöglichen der Tagesablauf und die vorgegebenen Sicherheitseinschränkungen noch kein intensives Kennenlernen der Menschen und Eigenarten von Kinshasa, besonders bei Nacht, aber das kommt sicher noch. Allemal bin ich froh, noch kein einziges Mal von irgendeinem Krankheitsanzeichen heimgesucht worden zu sein – das darf ruhig so bleiben.

Am Vorabend des Tages zur Befreiung am 17. Mai steht nun endlich ein für mich erstes echtes Ereignis bevor: das Überwachen der Soldauszahlung an die Truppe. Dem Vernehmen nach ein von vielen Unwägbarkeiten begleitetes Unterfangen mit hohem Stellenwert bei den Kongolesen, das die volle Aufmerksamkeit der Mission erfordert – mal sehen, ob Matthias C.’s im Osten gemachte Erfahrungen auch hier in Kinshasa Gültigkeit haben. Am Donnerstag jedenfalls werde ich um eine Erfahrung reicher sein.

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Stand vom: 14.01.13


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