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Gastbeitrag zum Ehrenmal: Gedanken eines Angehörigen

Riedstadt, Berlin, 08.09.2011.
Am 8. September 2009 wurde das Ehrenmal der Bundeswehr in Berlin eingeweiht. Für Klaus-Dieter Diebel hat diese Stätte eine ganz persönliche und tragische Bedeutung. Sie erinnert auch an seinen Sohn Michael, der 2007 in Afghanistan sein Leben ließ. In einem Gastbeitrag beschreibt Diebel seine Gedanken und Empfindungen zum Ehrenmal.

Porträt von Diebel
Klaus-Dieter Diebel verlor seinen Sohn in Afghanistan (Quelle: Privat)Größere Abbildung anzeigen

Seit ihrer Gründung hat die Bundesrepublik Deutschland eine bemerkenswerte Phase von Frieden und Wohlstand erlebt. Trotz des „Kalten“ und der vielen heißen Kriege, die in der Welt auch damals schon folgten und unsägliches Leid verursachten, ließ sich Deutschland mit Europa als eine „Insel der Seligen“ bezeichnen. Besonders für uns Deutsche schien Krieg soweit weg – obwohl die Truppen des Warschauer Paktes vor unserer Haustür standen.

Aufgrund ihrer Geschichte hat sich die Bundesrepublik Deutschland auf die Fahnen geschrieben, dass von deutschem Boden oder durch deutsche Soldaten nie wieder Krieg ausgehen solle. Eine Entsendung deutscher Truppen in Drittländer? Undenkbar!

Doch die Zeiten haben sich gewandelt. Hier ist nicht der Platz, um zu analysieren oder zu spekulieren, was letztlich die Gründe dafür waren und sind, dass deutsche Truppen inzwischen in mehreren Regionen der Welt zugleich einer Mission nachgehen. Tatsache ist, dass es so ist. Die Kriege auf dem Balkan, der internationale Terrorismus und das nicht zu enden scheinende Kapitel Afghanistan halten nicht nur uns Deutsche seit rund 20 Jahren in Atem.

Deutsche Soldaten sterben wieder, und viele Menschen fragen: „Warum?“ Mein Sohn Michael ist einer der Toten. Er starb 2007 bei einem Selbstmordanschlag im afghanischen Kundus. Auf das „Warum?“ habe auch ich keine Antwort gefunden. Allein in Afghanistan sind inzwischen mehr als 50 deutsche Soldaten ums Leben gekommen. Die Situationen, in die sie geraten, scheinen immer gefährlicher zu werden.

Was sagen die toten Soldaten uns Hiergebliebenen und Hinterbliebenen? Ich will nicht das beschönigende Wort vom „Gefallenen“ bemühen, zumal wir es bei dem Ehrenmal auch mit Bundeswehr-Bediensteten zu tun haben, die beispielsweise durch einen Unfall im Manöver starben. Von einer Glorifizierung der Getöteten zu Helden kann schon deswegen keine Rede sein. Ich weiß, mein Sohn würde das auch nicht wollen. Seine Mutter will es nicht, sein Bruder will es nicht, und ich – sein Vater – will es auch nicht.

Ich kenne keine Angehörigen, die ihre Toten als Helden gesehen haben wollen. Eine Glorifizierung würde höchstens den Blick auf ein echtes Gedenken verstellen. Sie würde auch die Frage nach dem Sinn von Auslandseinsätzen unmöglich machen.

Viele Menschen in unserem Land wissen mit dem Thema Tod nicht umzugehen. Wir lernen das nicht. Wie mir scheint, bringt es viele Menschen in besondere Verlegenheit, wie sie auf den Tod von Soldaten reagieren sollen – besonders Angehörigen gegenüber. Angehörige werden oft gemieden, oder man begegnet ihnen mit einer gewissen Befangenheit.

Daher war es wie eine Befreiung für viele Angehörige, als das Ehrenmal 2009 endlich eingeweiht wurde, denn dadurch wurden unsere Toten der Anonymität entrissen. Mein Dank und der vieler Angehöriger gelten unvermindert dem damaligen Verteidigungsminister Dr. Franz Josef Jung, weil er den Bau des Ehrenmals initiiert hat, und dem Architekten Professor Andreas Meck für die würdige Ausführung.

Es geht darum, allen, die durch ihren Dienst in der Bundeswehr ihr Leben verloren haben, die Ehre zu geben und ihre Identität in den öffentlichen Raum zu rücken. Über 3.100 Namen werden als Leuchtschrift auf eine Wand projiziert. Es geht um einen Ort der Trauer und des Gedenkens. Es geht um einen Ort des Begegnens jenseits ideologischer Standpunkte. Es geht darum, einen Ort geschaffen zu haben, an dem wir Menschen uns auf das besinnen können, was uns ausmacht – die Menschlichkeit.

Eine Gruppe Besucher stehen im Ehrenmal
Trauer, Gedenken, Begegnung: Besucher im Ehrenmal (Quelle: Bundeswehr/Stollberg)Größere Abbildung anzeigen

Sicher ließe sich manches Detail verbessern. Auch ich würde gerne den Namen meines Sohnes aufrufen können. Vielleicht ist das für Außenstehende nicht nachvollziehbar. Aber wenn ich seinen Namen sehe, fühle ich mich ihm an diesem Ort besondern nah. Ich weiß, dass es anderen Angehörigen ähnlich geht. Sie warten oft einen halben Tag oder länger am Ehrenmal, um die Würdigung ihres zu Tode gekommenen Familienmitglieds zu erleben.

Ich persönlich wünsche mir, dass dem Ehrenmal viel mehr Aufmerksamkeit zuteil wird als dies bislang der Fall ist. Wir gedenken regelmäßig der beiden Weltkriege und dessen, was im Namen Deutschlands in der Welt angerichtet wurde. Das ist gut und richtig so. Das Ehrenmal könnte ein „Stein des Anstoßes“ dafür sein, über das aktuelle Geschehen nachzudenken. Dazu gehört für mich die Frage, wo Verteidigung anfängt, und ab wann diese in Krieg mündet.

Möge dieses Ehrenmal einen Beitrag dazu leisten, dass wir aus der Geschichte gelernt haben. Krieg ist niemals eine Lösung. Wappnen wir uns, falls uns jemals jemand wieder das Gegenteil erzählen will.

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Stand vom: 14.08.12 | Autor: Klaus-Dieter Diebel


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