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Die Falle – Unterwegs mit den Minenräumern in Afghanistan

Masar-i Scharif, 09.08.2012, Süddeutsche Zeitung.
Die Hauptstraße lag verlassen da. Wo sonst alle Läden offen stehen, wo sich Fußgänger drängen und sich der von Mopeds und Autos aufgewirbelte Staub auf Rinderhälften legt, die in der Sonne hängen – da war jetzt niemand. Jan S., Hauptfeldwebel der Bundeswehr, stand ganz allein da.

Zwei Soldaten entschärfen eine Mine
Am Ende steht der Entschärfer immer vorne. Nur eine kleine Unachtsamkeit entfernt vom Tod (Quelle: Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Er gehört zur Einheit der Kampfmittelbeseitiger in Masar-i Scharif, zu den Minenräumern und Bombenentschärfern. Bei sich hatte er nur seine Spezialwaffe gegen Sprengstoff: sie ist jung, lebhaft und zerkaut gern Plastikflaschen. Sammy, eine belgische Schäferhündin, trainiert darauf, Hunderte von Explosivstoffen zu erschnüffeln. Neben einer Polizeistation in Masar-i Scharif war ein verdächtiges Kabel entdeckt worden, das am Tag zuvor noch nicht dort lag. Ein Fall für Jan S.

In Afghanistan kann ein solches Kabel den Tod bedeuten. Es kann das Kabel zu einer Bombe sein. Zwanzig Infanteristen sicherten das Gelände, beobachteten Fenster und Dächer, ein Arzttrupp stand in sicherer Entfernung. Der Hauptfeldwebel schritt mit seinem Spürhund die Straße ab. Das Kabel lief an einem Haus entlang und verschwand in einer Wand. Sammy, die Hündin, sie reagierte nicht. Jan S. lacht, wenn er von diesem Einsatz erzählt: „Es war auch nichts da. Die afghanische Polizei hatte das Kabel selber gelegt, um den Strom anzuzapfen.

Aber man kann nie sicher sein. Als Soldat in Afghanistan erfährt man vieles, was die Menschen zu Hause niemals erfahren. General Andreas Marlow erfährt besonders viel, denn sein Job ist es, als stellvertretender Kommandeur die militärische Lage im Einsatzbereich der Bundeswehr zu kontrollieren. Er hält die Taliban hier oben im Norden des Landes für stark geschwächt. Die NATO hat sie aus den Dörfern herausgedrängt, afghanische Einheiten sichern das Erreichte. „Offen können sich die Aufständischen fast nirgends mehr zeigen“, sagt Marlow. Aber er weiß, dass auch militärische Erfolge mit menschlichen Tragödien erkauft sind.

Was Marlow am meisten mitgenommen hat, war das Schicksal eines schwedischen NATO-Soldaten im Frühling dieses Jahres. Der junge Mann ging auf Patrouille neben einem gepanzerten Fahrzeug, als eine Sprengfalle explodierte. Die Ladung riss dem jungen Soldaten beide Beine und die Hände weg, zerfetzte seinen Unterleib und ein Auge. Er überlebte. „Ich muss oft an ihn denken“, sagt Marlow, „es ist erschütternd.“

Im Mai fuhr ein afghanischer Krankenwagen zum Krankenhaus der Stadt Sar-i Pol. Bei der jungen Frau hinten im Auto hatten bereits Wehen eingesetzt, es war nicht mehr weit zur Klinik, als die Sprengfalle explodierte und den Wagen zerfetzte. Drei Begleiter starben und auch die Mutter mit dem Kind, das eben dabei war, das Licht der Welt zu erblicken. Doch alles Licht verlöschte in einer grellen Detonation, ein Sinnbild der afghanischen Tragödie.

Diese selbst gebauten Sprengfallen, im Militärjargon IED genannt, sind heute die stärksten und grausamsten Waffen der Taliban. Nur noch selten gibt es hier Feuerüberfälle, seit die NATO-Schutztruppe ISAF die Krieger in den Untergrund abgedrängt hat. Aber geschlagen sind sie nicht. Allein in den beiden vergangenen Jahren kamen fünf Deutsche durch Sprengfallen ums Leben, etliche Soldaten wurden verwundet. Die Todesopfer unter den afghanischen Sicherheitskräften und Zivilisten gehen in die Dutzende. 18 .000 Vorfälle mit Sprengfallen zählt die ISAF jährlich. Die meisten gehen in der Kampfzone entlang der afghanischen Grenze hoch, wo Amerikaner und Briten in einen brutalen Guerillakrieg verstrickt sind. Fast alle dieser Waffen liegen in oder an Straßen, versteckt unter Staub, Steinen, Plastiktüten, ausrangiertem Haushaltsgerät oder einem toten Hund. Die Phantasie derer, die sie auslegen, die Phantasie der Täter, hat keine Grenzen.

Afghanische Soldaten untersuchen Anschlagstelle und bergen Verwundete
Die selbst gebauten Sprengfallen sind heute die stärksten und grausamsten Waffen der Taliban (Quelle: Bundeswehr/Jan)Größere Abbildung anzeigen

Und nur manchmal haben die Opfer Glück. Daniel B. zum Beispiel, er wurde voriges Jahr ein zweites Mal geboren. So sagen es die Soldaten jedenfalls. Daniel B. ist Hauptfeldwebel bei den Kampfmittelräumern, ein ruhiger, gelassener Mann mit kurz geschnittenem blonden Bart. Ein wenig scheint es, als staune er beim Erzählen noch immer, wie viel Glück er hatte. Vergangenes Jahr hatten er und seine Leute bei Kundus eine Sprengfalle aus einer Staubstraße geholt, saubere Arbeit, ein Erfolg, der Selbstvertrauen gibt. Bis sie beim Abrücken ein Rohr voller Metallsplitter entdeckten, auf einen Punkt gerichtet wie eine Kartätsche. Die Attentäter hatten es mit einem Gurt an die Äste eines kleinen Baums gebunden und sorgfältig mit Rindenstücken beklebt. „Die hatten alles sehr, sehr gut getarnt“, sagt B. Die Splitter hätten seinen Körper trotz der Schutzkleidung zerfetzt.

Solche Fallen nennen die Entschärfer „second IED“, die zweite Bombe. Die zweite Bombe geht hoch, wenn die erste gefunden wird. Oder wenn die erste explodiert und Helfer herbeieilen, um den Verletzten zu helfen. Der Triggerman, wie sie hier sagen, sitzt dann im nahen Versteck und drückt den Knopf für die Fernzündung. „Aber es ist nichts passiert damals“, sagt Daniel B., der Hauptfeldwebel. Heute trägt er bei jedem Einsatz einen Störsender unter dem Helm, der die Frequenzen zwischen der Bombe und dem Auslöser unterbricht; die meisten Fahrzeuge sind mit noch stärkeren Störsendern ausgerüstet. Aber damals hatte er das Gerät noch nicht. Warum die Bombe im Baum nicht zündete? Er weiß es nicht.

Am Anfang war die Technik der Sprengfallen primitiv: Die Untergrundkämpfer legten einen Stolperdraht, der einen Sprengsatz auslöste, oder sie verlegten Minen, die nach all den Kriegen zu Tausenden verfügbar waren. Mit einem klassischen Minendetektor, der auf Metall reagiert, ließen sie sich einfach aufspüren. 2003 marschierte die US-Armee im Irak ein, Soldaten wurden abgezogen. Der Druck auf die Taliban ließ nach, diese wiederum nutzten ihre Erfahrungen aus dem Irak. Die ersten Selbstmordattentäter tauchten auf. Und die Sprengfallen wurden raffinierter. Selbst gebaut aus Düngemitteln und Chemikalien, vergraben in Plastikflaschen, ausgelöst durch eine verborgene Druckplatte.

Die ISAF rüstete ihre Fahrzeuge nach; klassische Verstecke wie die Abflussrohre unter den Straßen wurden systematisch kontrolliert. Der nächste Schritt war die Auslösung der Sprengfallen durch Handys und Fernbedienungen. Bei Kandahar erwischten amerikanische Soldaten einige Bombenleger samt einem Video, das die Terroristen im Pach-Tal gedreht hatten: Unten rumpelt ein gepanzerter US-Konvoi vorbei, ein Mann sagt: „Allahu Akbar, nimm nicht den ersten Wagen. Nimm Nummer fünf.“ Zu hören ist ein Piepton und die Wahlgeräusche, der Triggerman hat auf den Funkauslöser gedrückt.

„Drück doch, drück doch!“, ruft der erste. „Was machst Du! Dann nimm den anderen Knopf.“ Aber nichts geschieht. Seit es die Störsender gibt, haben die Bombenbauer Probleme. Allerdings stellen sie sich auf das neue Abwehrmittel ein und legen wieder herkömmliche Fallen. „Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel“, sagt B., der Hauptfeldwebel.

Das Gesetz des Überlebens heißt für die Entschärfer: Fühle dich niemals sicher. Am schlimmsten sind die Straßen in der Flussschleife nördlich von Baghlan, denen die Bundeswehr Namen wie „Mallorca“ oder „Alicante“ gab. Die Bevölkerung hier besteht aus Paschtunen, aus dieser Ethnie gingen die Taliban hervor. Es gibt hier viele Verstecke für sie. Jedes Mal, wenn eine Patrouille ausfährt, jedes Mal, wenn die Bundeswehr die afghanischen Polizisten aufsucht, welche die Region mit einem Netz aus kleinen Stützpunkten zu sichern versuchen, müssen die Straße untersucht werden. Straßen, auf denen Eselkarren entlangfahren, Kinder zur Schule radeln, die Pick-ups der Bauern entlangbrausen. Alle kann es treffen. Es ist ein stilles, indirektes Duell.

Ein afghanischer Junge führt einen bepackten Esel
Vor allem die Afghanen müssen mit der Gefahr leben. Jeder Schritt auf den Straßen und Wegen ist gefährlich (Quelle: Bundeswehr/Stollberg)Größere Abbildung anzeigen

Keiner hat so oft mit dem Feind zu tun wie der Entschärfer, und doch ist für kaum einen der Feind so anonym. Der Entschärfer weiß von den Netzwerken der Gegenseite, die vom Hintermann in Pakistan zu dem Bauern reichen, der eine Kiste voll Sprengstoff vergräbt. Der Entschärfer weiß nicht, wer sie sind, aber er kennt ihre Handschrift, die Art, wie sie Bomben bauen, verstecken, Fallen anbringen. Die Herrschaft, die sie errichten wollen, richtet sich gegen alle Werte, die er vertritt.

Hauptfeldwebel B. sagt, er habe keinen Hass auf sie. „Wenn ich arbeite, ist das alles ausgeblendet. Ich bin ganz ruhig, es wird ganz still in mir, ich wende an, was ich gelernt habe; und bisher waren wir immer besser als die auf der anderen Seite.“ Er ist zu den Kampfmittelräumern gegangen, um zu helfen, Sprengsätze aus dem Boden des vom Krieg verwüsteten Balkan zu holen. Aber schon lange ist er selbst im Krieg. Er hat einen fahrbaren Roboter mit Fernbedienung; dann ein Gerät, das Sprengfallen mit Wasserdruck zerschießt, neuerdings haben sie auch Aufklärungsdrohnen, die in der Nacht über gefährliche Straßen fliegen und die verräterischen dunklen Stellen suchen, die darauf hinweisen, dass hier gegraben wurde.

Probeweise im Einsatz ist das viel debattierte „Route Clearance Package“. Das High-Tech-System besteht aus mehreren Fahrzeugen, es hat Bodendurchdringungsradar und andere Finessen – aber es braucht sehr viel Platz, den die engen Pisten oft nicht bieten. So ist es am Ende doch wieder der Entschärfer, der vorne steht, während die Infanterie, die ihm Deckung gibt, Abstand hält. Er ist es, der jedes Detail erfassen muss, ein Stück Draht, eine Unebenheit. Er braucht diese Art siebten Sinn.

Seitenansicht des Panzers Typ Wiesel
Neues Gerät gegen Sprengfallen: Panzer vom Typ Wiesel mit Bodendurchdringungsradar (Quelle: Bundeswehr/Mandt)Größere Abbildung anzeigen

Jan S. sitzt unter dem Sonnendach vor seinem Wohncontainer in Masar-i Scharif und spielt mit der Hündin Sammy. Es werden Witze gemacht über Kameraden, die eine Vorliebe für großflächige Tattoos haben: Waffen, Drachen, chinesische Zeichen. Der Job ist gefährlich, nicht wirklich fürstlich entlohnt und verbunden mit einer hohen Scheidungsrate. Der Nachwuchs fehlt, von den wenigen, die das Beseitigen von Kampfmitteln als reizvolle Aufgabe empfinden, fallen etliche durch die Prüfung. Also wird S. wieder und wieder angefordert.

Zu Hause wissen sie nicht, was er hier eigentlich tut, sagt er. „Das ist besser, dann machen sie sich nicht so viele Sorgen.“ Seine Jungs werden in der Schule gefragt: „Ist euer Papa im Krieg?“ Daniel B. in Baghlan skypt dagegen täglich mit seiner Freundin. Er setzt auf Vertrauen, will nichts in sich hineinfressen und nicht wie ein Fremder heimkommen, mit Problemen und Erinnerungen, die sie nicht verstehen kann. Er telefoniert so oft, dass er die 120 Freiminuten schon nach wenigen Tagen verbraucht hat. Aber er muss konzentriert bleiben. Mehrere deutsche Entschärfer sind schon umgekommen.

Jan S. hat einen Kameraden, der schon fünf Mal in Afghanistan war. Einmal, bei mehr als 50 Grad, ging er in dem schweren Schutzanzug schwitzend und schwerfällig wie ein Raumfahrer einen Hügel hoch, in unwegsamem Gelände, und legte eine Sprengfalle frei, in Handarbeit mit einer Messerklinge. Am Tag zuvor war ein ungarischer Kollege durch eine Explosion getötet worden. Der Deutsche dachte an den Toten, an die eigene Tochter daheim. Und er fragte sich: Was machst du eigentlich hier?

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Stand vom: 09.08.12 | Autor: Joachim Käppner


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