Beratung statt Bevormundung: Bundeswehr unterstützt afghanische Pionierschule
Masar-i Scharif, 19.06.2012.
Im Camp Shaheen bei Masar-i Scharif befindet sich eine der zentralen Ausbildungseinrichtungen der afghanischen Armee: die Afghan National Army Engineer School. Diese Pionierschule bildet Fach- und Führungspersonal aus. Dabei unterstützt ein internationales Beraterteam, an dem sich auch die Bundeswehr beteiligt.

Das Operational Mentor and Liaison Team (OMLT) der Pionierschule bilden Soldaten aus Deutschland, Belgien, Kroatien, Finnland, Ungarn, Norwegen und Schweden. Insgesamt 51 Mann, davon 29 Deutsche, coachen ihre afghanischen Kameraden.
Zur Seite stehen ihnen dabei 25 afghanische Sprachmittler. Ohne sie wäre die Kommunikation nur sehr eingeschränkt möglich, denn nur einige, vor allem dienstgradhöhere afghanische Offiziere, sprechen Englisch. Seit 2009 besteht die Schule im Camp Shaheen; von Oktober 2009 an haben bis heute rund 2.500 Lehrgangsteilnehmer einen Ausbildungsgang durchlaufen.
Ausbildung der Ausbilder
Sechs verschiedene Ausbildungsgänge hat die ANA Engineer School auf dem Lehrplan: „Das Ausbildungskonzept erstreckt sich von einer erweiterten Spezialausbildung für Mannschaften über Unteroffizier- und Offizierlehrgänge bis hin zur Kampfmittelbeseitigung
“, erklärt Oberstleutnant Jens N., einer der Mentoren.
Die Kurse dauern zwischen zwei und zwölf Wochen. „Dabei fassen wir als Berater vor allem die Ausbildung der Ausbilder ins Auge. Die afghanischen Soldaten sollen schließlich selbst in der Lage sein, die jeweiligen Lehrgänge zu planen, durchzuführen und zu leiten. Nur so kann ein nachhaltiges Ergebnis unseres Einsatzes erreicht werden
“, erläutert der Offizier weiter.
Die internationalen Soldaten beraten und unterstützen ihre jeweiligen „Menti“ heute meistens nur noch reaktiv. Das bedeutet, dass sie sich eher in zweiter Reihe hinter den Afghanen sehen, und Ratschläge dann erteilen, wenn die Afghanen dies wünschen. Schulleiter ist ein afghanischer Offizier, und auch der deutsche Oberst Ralf B., der ihm mit Rat und Tat zur Seite steht, ist in seiner Funktion kein stellvertretender Schulkommandeur, sondern Senior Mentor und Leiter des OMLTs der Schule.
Zusammenarbeit auf Augenhöhe
Der afghanische Schulkommandeur blickt bereits auf eine lange militärische Karriere zurück. Mit der internationalen Unterstützung ist er äußerst zufrieden. „1983 trat ich in die damalige afghanische Armee ein, studierte in der ehemaligen Sowjetunion. Zwischendurch musste ich die Streitkräfte, durch zwischen-ethnische Probleme bedingt, verlassen und arbeitete eine Zeit lang als Transportmanager
“, erzählt Oberst Ahmadullah.
„2004 trat ich der Pioniertruppe der ANA bei und bin nun seit zwei Jahren Schulkommandeur
“, erklärt der Vater von sechs Kindern. Besonders wichtig ist für ihn, alles von zwei Seiten zu betrachten. „Es gibt eben hin und wieder verschiedene Ansichten von uns Afghanen und den Beratern zu einem bestimmten Thema. Davor kann ich meine Augen nicht verschließen. Dann müssen wir uns austauschen und eine gemeinsame Lösung finden. Das funktioniert sehr gut. Gerade deshalb finde ich, dass wir ganz ausgezeichnet und auf Augenhöhe zusammenarbeiten
“, sagt der Oberst.
Die Praxis ist Schwerpunkt
Während sich der afghanische und der deutsche Oberst im Dienstzimmer des Schulkommandeurs besprechen, findet ein Großteil der Ausbildung in verschiedenen praktischen Parcours oder in den Lehrsälen der Schule statt. Angehende Kampfmittelbeseitiger untersuchen Fahrzeuge auf versteckte Sprengfallen oder steuern Aufklärungsroboter durchs Gelände. Afghanische Pioniere bauen fachgerecht Stellungen und Sperren auf oder durchsuchen verdächtige Personen in fiktiven Szenarien.
In einer Schreinerwerkstatt arbeiten derweil einige Soldaten mit Holz, auf einem Trainingsplatz steuern dagegen künftige Bediener schwerer Pioniermaschinen ihre Fahrzeuge unter dem wachsamen Blick ihrer Ausbilder durchs Gelände.

Die Ausbildung zum Thema Personenkontrolle beispielsweise schaut sich der deutsche Hauptfeldwebel Rainer S. genauestens an. Er ist für eine Klasse von 32 afghanischen Soldaten zuständig. Er berät dabei die drei afghanischen Ausbilder der angehenden Pionier-Unteroffiziere. Ein paar Meter weiter füllen Soldaten Sandsäcke, ziehen Rollen mit Sicherheitsdraht auseinander, bauen Zufahrtskontrollen für einen Checkpoint auf.
In die Ausbildung fließen auch die Erfahrungen der afghanischen Soldaten aus Kampfgebieten, wie etwa im Süden des Landes, mit ein. „Wir müssen auch hier die Bedürfnisse und Erfahrungen der Afghanen in den Vordergrund stellen. Schließlich sind es vor allem die Afghanen, die in den Kampf ziehen
“, meint Oberstleutnant N.
Unterstützung auch nach 2014
Zwar begleiten die meisten OMLTs ihre afghanischen Einheiten und Verbände grundsätzlich auch in den Einsatz. Von Dauer wird ein militärisches Engagement aber nicht sein. Die gesamte Verantwortung für die Sicherheit des Landes wird bald in den Händen der Afghanen allein liegen. Denn die Rückverlegung ist beschlossene Sache. Deshalb helfen die Berater den Afghanen auf ihrem eigenen Weg. Das haben auch die Berater der afghanischen Pionierschule immer vor dem geistigen Auge.
Die derzeitige Infrastruktur der Pionierschule ist veraltet, bisweilen improvisiert. Daher befindet sich parallel zum Ausbildungsbetrieb bereits eine neue Pionierschule im Bau. Die Bundesrepublik Deutschland hat für die Finanzierung insgesamt 24,2 Millionen Euro bereitgestellt, die in den sogenannten ANA-Trust-Fond eingezahlt wurden.
Die Finanzierung umfasst die Kosten für die Planung, für den Bau und die Ausstattung sowie für den Unterhalt der Einrichtung für fünf Jahre. Das Gelände der Schule wird in diesem Rahmen auch einen neuen Übungsplatz erhalten.
Die Finanzierung der neuen Pionierschule ist ein Beispiel, wie sich die Bundesrepublik Deutschland auch trotz der geplanten Rückverlegung vom Hindukusch nach 2014 für Afghanistan weiter engagiert.
