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Meinung: Warum Deutschland Kampfdrohnen braucht

Hamburg, 22.02.2013, Hamburger Abendblatt.
Ferngelenkte Waffen sind furchtbar. Aber die Bundeswehr könne es sich nicht leisten, darauf zu verzichten. Das meint Thomas Frankenfeld, Journalist beim Hamburger Abendblatt und Oberst der Reserve.

Predator in der Luft
Die US-Drohne Predator ist die vielleicht bekannteste ihrer Art (Quelle: US Air Force/Harper)Größere Abbildung anzeigen

Auf dem Zweiten Laterankonzil im Jahre 1139 erließ Papst Innozenz II. eine schwer verständliche Bestimmung, die gemeinhin als Ächtung der Armbrust gewertet wurde. Es hieß, die europäische Ritterschaft habe den Papst dazu gedrängt, dieses furchtbare Instrument zumindest für den Kampf Christen gegen Christen zu verbieten. Sie fanden, eine derart entsetzliche Fernwaffe, die in der Lage war, ihre Rüstungen noch auf 150 Meter zu durchschlagen, sei unmenschlich. Die Geschichte der Menschheit zeigt leider, dass die mit großer Findigkeit betriebene Entwicklung immer wirksamerer Waffen durch kein Verbot und keinen Appell aufzuhalten war:

Die Diskussion um den Einsatz von Kampfdrohnen hat deswegen eine neue Qualität in der Kriegsgeschichte, weil mit diesen Flugrobotern zum ersten Mal ein einzelner Mensch gezielt von einem anderen getötet werden kann, der Tausende Kilometer von seinem Ziel entfernt in einem Sessel sitzt. Für die Drohnen gilt indessen dasselbe wie für alle anderen Waffensysteme – ihre Abschaffung zu verlangen ist, als wolle man Zahnpasta zurück in die Tube drücken. Alle militärisch hoch entwickelten Staaten arbeiten an der Entwicklung beziehungsweise Perfektionierung von Aufklärungs- und Kampfdrohnen. Deutschland ebenfalls.

Die hierzulande gewohnt aufgeregte Debatte um die Frage, ob auch die deutschen Streitkräfte über diese Waffe verfügen sollten, erinnert bedenklich an Papst Innozenz und die Armbrust. Robotisierte Waffensysteme sind die Standardwaffe der Zukunft – wer sich verweigert, kann gleich einpacken. Das ist kein moralisches Urteil, sondern ein faktisches.

Natürlich ist der Gedanke, mit Kampfdrohnen könnte die Bundeswehr im Kriegseinsatz Menschen töten, furchtbar. Noch furchtbarer ist allerdings der Gedanke, deutsche Soldaten müssten unnötig im direkten Gefecht sterben, weil ihnen diese Fernwaffe nicht zur Verfügung steht. Deutschland, dessen Militärtradition nach 1945 als Lehre aus der aggressiven Militarisierung in Kaiserreich und NS-Zeit gründlich gebrochen wurde, tut sich mit der Anwendung militärischer Gewalt weitaus schwerer als seine Verbündeten. Das ist gut so – und verständlich, wenn man etwa bedenkt, dass Deutsche im Zweiten Weltkrieg allein bis zu 27 Millionen Sowjetbürger getötet haben.

Im Grunde verdrängen die meisten Deutschen, was zur Aufgabe unserer Soldaten gehört. Diese riskieren zwar in unserem Namen ihr Leben, können aber nicht mit derselben Anerkennung rechnen wie jene in den USA, Frankreich oder Großbritannien. Ein französischer Offizier der Einsatztruppe in Mali sagte kürzlich über die dortigen Islamisten: „Wir töten sie, bevor sie uns töten.“ Es ist unsicher, ob eine ähnliche Äußerung eines deutschen Einsatzkommandeurs bei uns auch mit Gleichmut oder gar Zustimmung aufgenommen werden würde. Wohlgemerkt: „Sie“ – das sind Fanatiker, die all jene Menschen, die sich ihrer intoleranten Gottesstaats-Ideologie verweigern, ohne Erbarmen töten und verstümmeln. Auch Kinder.

Der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr, der ja kaum deutschen Interessen dient, sondern vor allem eine Solidaritätsadresse an die USA darstellt, wurde den Deutschen jahrelang als eine Art beschütztes Entwicklungshilfeprojekt verkauft – bis man nicht mehr leugnen konnte, dass man sich im Krieg befand. Man schickte die Bundeswehr in eine Blutmühle – ohne Jets, ohne Kampfhubschrauber und ohne Abstandswaffen. Man mag gar nicht daran denken, ob manche der 53 gefallenen Deutschen noch leben würden, hätte die Bundeswehr wirksamere Waffen gehabt. Deutschland hat vor einem guten halben Jahrhundert entschieden, dass es wieder Streitkräfte haben will, und vor gut 20 Jahren, dass es sie auch außerhalb unserer Grenzen einsetzen will. Wenn das schon unbedingt sein muss, dann müssen wir unseren Soldaten aber auch jene Ausrüstung und Bewaffnung geben, die ihre Überlebenschancen im Krieg erhöhen.

Es gibt gute Gründe, Kampfdrohnen entsetzlich zu finden. Aber sie können dazu beitragen, dass die Männer und Frauen der Bundeswehr wieder heil nach Hause kommen. Und bis eigenständig operierende Kampfmaschinen entwickelt sind, trifft auch beim Drohneneinsatz immer noch ein Mensch die Entscheidung, ob tödliche Gewalt angewendet werden soll.

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Stand vom: 22.02.13 | Autor: Thiomas Frankenfeld


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