Karrierecenter Hannover als Leuchtturmprojekt
Hannover, 08.08.2012.
Mit dem künftigen Karrierecenter Hannover findet ein historischer Umbruch statt: Erstmals werden Bewerber für militärische und zivile Laufbahnen der Bundeswehr unter einem Dach geprüft. Aber noch sind die Umbaumaßnahmen nicht beendet.

In wenigen Monaten gehen in Hannover-Bothfeld die Lichter aus: Pünktlich am 30. November 2012, um 23.59 Uhr, wird das Zentrum für Nachwuchsgewinnung Nord für immer geschlossen. Und bereits wenige Sekunden später, am 1. Dezember um 00.00 Uhr, übernimmt das Karrierecenter Hannover den Verantwortungsbereich. Es ist der Aufbruch in eine neue Ära.
In diesem Sinne ist Alexander Scholz so etwas wie ein Expeditionsleiter. Auf seinem Schreibtisch sieht es nach Arbeit aus: Rechts stehen Laptop und Monitor, links liegen Notizbücher und Papierstapel, dazwischen: Stifte, Kalender, Locher, Klebeband-Rolle. Neben dem Aktenschrank stehen gut eingelaufene Joggingschuhe – der 38-Jährige macht einen sportlichen Eindruck.
Alexander Scholz arbeitet, gemeinsam mit seinem Kameraden Detlef Knoop, in einem Projektbüro, das für Planung, Umsetzung und Dokumentation des Leuchtturmprojekts Karrierecenter zuständig ist. Er ist Ansprechpartner für alle kleineren und größeren Probleme, die bei der Umstrukturierung entstehen. Denn chaotische Übergabeszenen soll es Ende November natürlich nicht geben. Deswegen hat das Karrierecenter in einer sogenannten Arbeitsgliederung bereits am 1. Mai 2012 die Arbeit aufgenommen. Salopp ausgedrückt: Im Hintergrund läuft der neue Laden bereits.
Historischer Umbruch
Mit dem Karrierecenter Hannover findet ein historischer Umbruch statt: Erstmals seit Gründung der Bundeswehr im Jahr 1955 werden Bewerber für militärische und zivile Laufbahnen unter einem Dach geprüft. Bis dato herrschte eine strenge Trennung – auch in räumlicher Hinsicht: Das Zentrum für Nachwuchsgewinnung war für die Laufbahnen der Zeitsoldaten zuständig, zivile Dienstposten wurden dagegen von den Wehrbereichsverwaltungen vergeben. Wer sich für beide Laufbahnen interessierte, musste zwei Bewerbungen einreichen und Bewerbungsverfahren an unterschiedlichen Orten durchlaufen.
Mit den neuen Karrierecentern – 16 werden es sein, acht davon mit Assessment Center – präsentiert sich die Bundeswehr erstmals als ein Arbeitgeber für alle Bewerber. Erste Synergieeffekte sind erzielt. Zahlreiche Einrichtungen werden bereits heute von Bewerbern für militärische und zivile Laufbahnen gemeinsam genutzt, darunter Empfang, Küche, Unterkünfte, Ärzte, Psychologen, Computerräume, Sportanlagen und Sportprüfer.
Knisternde Nervosität
Im CAT-Raum beispielsweise ist eine Unterscheidung der Bewerber nicht mehr möglich. Beim CAT – die Abkürzung steht für „Computer-Assistiertes Testen“ – sitzen die Probanden vor Prüfcomputern und werden in Rechtschreibung, Mathematik, logischem Denkvermögen und anderen Bereichen getestet. Die kniffligen Tests dauern normalerweise zwischen 60 und 90 Minuten, dabei herrscht konzentrierte Ruhe: Leise klicken die Tasten, surren die Computerlüfter, gelegentlich holt jemand tief Atem, mehr ist nicht zu hören. Die Nervosität knistert unhörbar.
„Keine Angst, aber Respekt
“
Keine Angst, aber Respekt
Als einer der ersten Probanden verlässt Noel Elias den Computerraum. Der 20-Jährige will Soldat werden und im Heer zum Mechaniker ausgebildet werden. Vor einem Auslandseinsatz hat er „keine Angst, aber Respekt“
, „ich war ja noch nie in so einer Situation“
. Auf seinem rechten Unterarm hat er die Namen seiner Eltern tätowiert – in arabischer Schrift. Für den heutigen Tag trainierte er Sit-ups und Liegestützen, lernte Politikernamen und geschichtliche Daten auswendig.
Wenige Minuten später beendet Julia Meyer die Prüfung. Die 23-Jährige will Zivilistin bleiben und hofft auf eine Anstellung als Regierungssekretärin. Meyer hat bereits eine Ausbildung als Rechtsanwaltsgehilfin beendet, „doch das wurde mir ein bisschen langweilig“
. Jetzt, bei der Bundeswehr, möchte sie „etwas Neues erleben“
.

Früher wären sich Bewerber wie Noel Elias und Julia Meyer bei ihren Assessments niemals begegnet. Doch 2012 ist bereits Normalität, was vor ein paar Jahren noch undenkbar erschien: Bewerber für militärische und zivile Laufbahnen werden gleichzeitig in einem Raum getestet.
Kürzere Wege
Die Karrierecenter-Reform kommt zum richtigen Zeitpunkt. Denn spätestens seit der Aussetzung der Wehrpflicht zum 1. Juli 2011 konkurriert die Bundeswehr mit der freien Wirtschaft um die größten Talente. „Es ist von Vorteil, wenn die Bundeswehr gegenüber allen Bewerbern als einheitlicher Arbeitgeber auftritt
“, findet Alexander Scholz: „Manche Bewerber, die zunächst auf eine militärische Laufbahn hoffen, sind für eine zivile Verwendung viel besser geeignet – und umgekehrt.
“ Er erinnert sich: „Früher war das Weiterschicken sehr umständlich. Doch dank des Karrierecenters sind die Wege ab sofort bedeutend kürzer.
“
Alexander Scholz holt aus seinem Aktenschrank eine interne Informationsmappe hervor. Darin sind die bereits gesammelten Erfahrungen bei der Umstrukturierung akribisch aufgelistet. 21 Seiten, aufgeteilt in Kapitel wie IT und Personal, umfassen die lessons learned bereits. Das komprimierte Wissen aus dem Projektbüro in Hannover dient sieben anderen Karrierecentern in Deutschland als Orientierungshilfe.
Wände werden eingerissen
Scholz' Mappe wird von Monat zu Monat dicker, denn die Umbaumaßnahmen für das künftige Karrierecenter Hannover sind noch nicht beendet. Über der doppelflügeligen Eingangstür an der General-Wever-Straße steht unverändert Zentrum für Nachwuchsgewinnung Nord, und im Gebäude werden weiterhin Wände eingerissen: Die infrastrukturellen Maßnahmen sehen bisher die Renovierung von 29 Räumen vor, unter anderem Arbeiten am Fußboden und an der IT-Technik, Maler- und Putzarbeiten, Elektroarbeiten und Maurerarbeiten.
Die zentrale Herausforderung während des Umbaus ist die sogenannte „bruchfreie Bedarfsdeckung
“ – Alexander Scholz vergleicht das mit einer Reparatur am laufenden Motor. Denn selbstverständlich darf der Betrieb nicht gestört werden; alle Mitarbeiter hier müssen unverändert ihre Jobs ausüben können. „Kompliziert wird es, wenn jemand ausziehen muss, obwohl sein neues Büro noch nicht fertig ist
“, weiß Alexander Scholz aus Erfahrung.

Der Umbau ist dringend notwendig. Bislang arbeiteten im Zentrum für Nachwuchsgewinnung Nord 45 Soldaten und 48 zivile Mitarbeiter. Im künftigen Karrierecenter werden es 27 Soldaten und 121 Zivilisten sein. Sprich: Mehr als 50 neue Mitarbeiter unter dem gleichen Dach.
Jeder Mitarbeiter wird gebraucht
Eine der ersten neuen Mitarbeiterinnen ist Evelin Wistuba. Die 39-Jährige war früher im Kreiswehrersatzamt in der Widerspruchsbearbeitung beschäftigt, doch mit der Aussetzung der Wehrpflicht wurde ihre Stelle obsolet.
Übergangsweise unterstützte sie die Pressestelle einer Panzerdivision, doch im April 2012 fand sie im künftigen Karrierecenter eine neue Beschäftigung: Evelin Wistuba ist jetzt Leiterin der Bewerberbetreuung. Gemeinsam mit vier weiteren Betreuern kümmert sie sich um die Neuankömmlinge. Denn alle Bewerber sollen sich im Karrierecenter von Anfang an gut aufgehoben fühlen. Dafür erhalten sie alles Notwendige, von der Informations- und Orientierungsmappe bis zur Bettwäsche für die Übernachtung.
Noch ist Evelin Wistuba hier nur auf Abordnung, doch inoffiziell steht bereits fest, dass sie ab dem 1. Dezember 2012 übernommen wird. Im künftigen Karrierecenter sind 46 Prüfungswochen pro Jahr vorgesehen, da wird jeder Mitarbeiter gebraucht.
Kindheitstraum: Soldatin
Neben den militärischen Eignungsprüfungen, die hier unverändert in alter Form weiterlaufen, sind seit Mai bereits mehrere zivile Assessments gelaufen. Heute, an einem verregneten Donnerstag im Juli, werden Bewerber für den mittleren nichttechnischen Verwaltungsdienst geprüft. Die Frauen und Männer stammen aus ganz Deutschland, aus Flensburg und Sagard auf Rügen, aus Damme und Darmstadt.
Eine der Ältesten ist Sabine Drees aus Wunstorf. Die 43-Jährige bewirbt sich gleichzeitig für eine zivile Laufbahn und als Zeitsoldatin. „Das war schon mein Kindheitstraum
“, erzählt sie: „Ich bin in Bergen in der Nähe eines Truppenübungsplatzes aufgewachsen. Tarnfleck gehörte für mich schon immer zum Alltag.
“ Jahrelang war sie mit einem Soldaten verheiratet, und jetzt, wo ihre Kinder selbstständig geworden sind, möchte sie eine neue Karriere beginnen. Auch ein Afghanistan-Einsatz schreckt sie nicht ab – ganz im Gegenteil: „Bei der Bundeswehr habe ich das Gefühl, etwas für die Allgemeinheit zu tun. Es macht einfach Sinn.
“
Alexander Scholz hat seinen Rundgang beendet, sitzt wieder an neuen Präsentationsfolien. Nur noch vier Monate bis zur offiziellen Übergabe – da darf keine Sekunde unnötig verschwendet werden.



