Barkasse Marine 1: Ein Boot, drei Mann und viel Berlin
Berlin, 06.07.2012.
Die Barkasse Marine 1 ist normalerweise das einzige Boot der Bundeswehr, das auf den vielen Gewässern der Hauptstadt Berlin fährt. Sie ist natürlich kein Kriegsschiff, sondern dient repräsentativen Zwecken. Ihre Besatzung hat trotzdem manches zu erzählen.

Sie ist nicht mehr ganz die Jüngste, doch sieht man ihr das nicht an. Denn die 1978 gebaute Barkasse Marine 1 der Bundeswehr in Berlin wird von drei Männern umhegt und gepflegt, die weder an Lack noch an Motoröl sparen. So glänzt die „Dame“ vor dem Reichstag oder der Museumsinsel auf über 250 Fahrten im Jahr und muss sich vor keinem anderen Schiff verstecken.
Bootsführer Guido Grund ist sichtlich stolz auf den Zustand der 14,98 Meter langen Barkasse mit ihrem Sechs-Zylinder-Dieselmotor und 160 Pferdestärken. Der Stabsbootsmann leistet seit April 2008 Dienst auf der Marine 1. „Ich finde meinen Dienstposten hier großartig
“, schwärmt er. Unterstützung hat Grund im Oberstabsgefreiten Willi Mietzner, der für die Technik zuständig ist, und Obermaat Sebastian Baum, der seemännischen Dienst leistet.
Die drei Soldaten sind eine Art schwimmende Außendienststelle der Bundeswehr: Sie schippern durch die Wasserstraßen Berlins, fungieren als Stadtbilderklärer und sorgen im weitesten Sinne auch für Nachwuchsgewinnung. Oft hält Grund mit der rechten Hand das Steuer und mit der linken erzählt er in ein Mikrofon Wissenswertes über die Hauptstadt.
Politische Bildung auf dem Wasser
Die Hauptaufgabe der Barkasse ist in erster Linie der protokollarische Dienst. So werden auf der Marine 1 Militärstabsgespräche geführt. Das Verteidigungsministerium nutzt sie zu repräsentativen Zwecken oder es werden internationale Gäste von Kanzleramt, Bundespräsidialamt oder Deutschem Bundestag auf ihr empfangen. „Vergangenen Sonntag haben wir beispielsweise einem indischen Staatssekretär mit seiner Delegation Berlin vom Wasser aus gezeigt
“, erklärt Stabsbootsmann Grund.
Daneben gibt es auch Fahrten im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit, der Nachwuchsgewinnung und der politischen Bildung. Immerhin ist die Marine 1 das einzige Boot der Marine in Berlin, und die Stadt bietet sich mit ihrer wechselvollen Geschichte und dem Sitz der Regierung für Bildungsfahrten an.
Grund ist begeistert von seinem Dienst für die Marine in Berlin. „Es macht mir große Freude, den Gästen etwas über die Geschichte der Stadt zu erzählen
“, sagt er.
Quasi den Atlantik überquert
Der gebürtige Brandenburger kennt viele Anekdoten zur Geschichte der Hauptstadt und als ehemaliger DDR-Bürger interessieren ihn besonders die Veränderungen seit dem Fall der Mauer – mit anderen Worten die jüngere deutsche Geschichte.
Gerade die politische Bildung von jungen Soldaten liegt ihm am Herzen. „Die Bildung der Streitkräfte ist wichtig. Schließlich repräsentieren die jungen Soldaten und Soldatinnen als Botschafter in Blau Deutschland im Ausland
“, erklärt der Stabsbootsmann.
Im vergangenen Jahr absolvierte die Marine 1 mit ihrer Besatzung in gut neun Monaten – etwa von März bis November – mehr als 275 Gästefahrten. An die 3.000 Gäste wurden an Bord empfangen. Rund 11.000 Kilometer legte die Barkasse in und um Berlin insgesamt zurück, und das mit teils zwei bis drei Fahrten pro Tag und oftmals an sieben Tagen in der Woche. „Die Strecke ist weiter als eine Atlantiküberquerung
“, sagt Grund, der schon seit 21 Jahren für die Deutsche Marine zur See fährt und viele Jahre auf dem Segelschulschiff Gorch Fock dienen durfte.
Vom Ozean auf die Spree
Das bisher schönste Erlebnis für den 43-jährigen Stabsbootsmann war eine Fahrt mit dem ehemaligen amerikanischen Außenminister Henry Kissinger. „Für mich ist er eine Lichtgestalt – charmant und spritzig. Er war bei uns auf der Brücke und wir konnten ein paar Worte mit ihm wechseln
“, erzählt Grund. Es ist eines von vielen Begegnungen, die er nicht mehr vergessen wird und die er nicht missen möchte.
Grund vermisst die Seefahrt auf hoher See nicht. Zwar sei es ein ganz besonderes Erlebnis, im Oktober bei 17 Meter hohen Wellen über den Nordatlantik zu fahren, die kraftvolle Schönheit der See zu erleben und die Demut vor den Naturgewalten in sich zu spüren. Doch empfindet er auch die Seefahrt auf der Spree als Herausforderung.
„Wenn ich auf hoher See einen Meter neben dem Kurs liege, macht das nichts. Passiert mir das auf der Spree, kann ich schon mal einen Brückenpfeiler rammen
“, sagt er lächelnd. Aber das möchte natürlich niemand der schönen Barkasse zumuten.

Mit dem Boot durch die Heide
Auch Obermaat Baum, seit sieben Jahren Soldat, ist begeistert von seinem Dienst an Bord. Er ist zwar erst seit ein paar Wochen auf der Barkasse, mit seinen 26 Jahren ist der Potsdamer aber bereits fünf Jahre zur See gefahren und trägt das goldene Seefahrerabzeichen.
Trotzdem wollte er unbedingt auf die Marine 1, bewarb sich ausdrücklich für den Dienst in Berlin. Ein Highlight war für ihn in diesen ersten Wochen eine Fahrt mit dem ehemaligen Wehrbeauftragten Reinhold Robbe und der Deutsch-Israelischen Gesellschaft. „Noch vermisse ich die große Seefahrt nicht. Ich sammle tolle neue Eindrücke hier
“, sagt der Obermaat.
Neben all diesen interessanten Begegnungen an Deck, der Freude an der Vermittlung von politischen und geschichtlichen Ereignissen rund um die Hauptstadt gibt es für die drei Soldaten ein ganz besonders schönes Erlebnis im Jahr: die Teilnahme an der „Müritz-Sail“ in Waren. Die Marine 1 zeigt dort Flagge.
Es ist die zweitgrößte maritime Veranstaltung in Mecklenburg-Vorpommern und von Berlin aus über die zahlreichen Gewässer in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern gut zu erreichen. „Wir fahren 195 Kilometer gen Norden, passieren 17 Schleusen, das fordert nautisch einiges von uns ab
“, sagt Grund. Die Fahrt durch die Schorfheide allerdings sei ein Traum.
„Das Wundervolle an der Arbeit an Bord ist, dass man immer ein Feedback bekommt. Die Gäste bedanken sich und freuen sich über die Geschichten, die wir ihnen erzählen – das macht Spaß
“, sagt Grund. Dann nimmt die kleinste fahrende Einheit der Bundeswehr Kurs auf den Schiffsbauerdamm. Dort warten Soldaten aus dem Verteidigungsministerium bereits auf ihre Fahrt unter dem Motto „Berlin im Wandel der Zeit“. Stabsbootsmann Grund hat dazu einiges zu erzählen.
