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Afghanistan mit ganz anderen Augen

Donaueschingen/Masar-i Scharif, 24.01.2012, Südkurier.
Seit Sommer 2011 sind Soldaten des Jägerbataillons 292 aus Donaueschingen in Nordafghanistan im Einsatz. Für die meisten von ihnen steht die Rückkehr unmittelbar bevor. Die Zeitung Südkurier hat Erfahrungen und Eindrücke zusammengetragen.

Silhouette eines deutschen Einsatzsoldaten

Mission fast erfüllt: Die Jäger aus Donaueschingen kehren bald heim (Archivbild) (Quelle: Bundeswehr/Wayman)Größere Abbildung anzeigen

Gerade für die Soldaten der 3. Kompanie der Task Force Masar-i Scharif in Baghlan-i-Jhadid waren die Lebensumstände besonders spartanisch. Da sie auf jede Form von Infrastruktur verzichteten, bis ein neuer Außenposten (Combat Outpost) errichtet sein würde, mussten sie neben den Fahrzeugen unter Zeltplanen nächtigen.

Erschwerend, dass die verbliebenen Aufständischen im Raum in regelmäßigen Abständen versuchten, die Bauarbeiten zu verzögern beziehungsweise zu verhindern. So kam es in der Vergangenheit wiederholt zu Gefechten und Übergriffen auf die afghanischen Baukräfte.

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Leben im Außenposten

Inzwischen hat sich bei jedem Soldaten der Task Force eine gewisse Routine eingestellt. Jede Kompanie hat ihr eigenes „Reich“ mit einem Betreuungszelt, in dem die Kräfte verpflegen können und auch deutsches Fernsehen schauen können. Die Morgenverpflegung ist mit Cornflakes, Brot und diversem Aufstrich reichhaltig. Abends gibt es Frischkost aus der Feldküche, nur am Mittag müssen die Soldaten mit EPA (Einmannpackungen, Feldrationen) vorlieb nehmen. In der Regel wird der dadurch manchmal entstehenden Eintönigkeit jedoch durch Versorgungspakete Abhilfe geschaffen. Die entsprechend schweren Pakete für die Soldaten addieren sich bei Verzögerungen in der Postversorgung dann schnell zu Postladungen von fünf Tonnen.´

Das Leben in den Zelten gestaltet sich jeder nach seinen Bedürfnissen gemütlich, indem man sich seinen Bereich mit Zeltbahnen oder Decken abhängt. Klimaanlage und Feldheizgeräte sorgen im Sommer wie im Winter für eine angenehme Temperatur.

Das Leben im Observation Post (OP) bringt nicht nur Erschwerungen mit sich. Viele Soldaten sind froh, im OP zu sein, da sie hier erkennen, dass sich ihre Arbeit tatsächlich positiv für das Land und die Sicherheit auswirkt. Die Tage im Camp Marmal, ein weiteres Feldlager in der Nähe von Masar-i Scharif, werden dennoch als angenehme Abwechslung angenommen. Kann man doch mal wieder in Badelatschen zum Duschen gehen, ohne einen längeren Marschweg durch die teils widrigen Wetterbedingungen auf sich nehmen zu müssen und abends seine zwei Dosen Bier trinken.

Das afghanische Wetter hält landestypische Überraschungen bereit. So erlebten die Soldaten im OP an einem Tag Anfang Dezember frühsommerliche 25 Grad. Gegen Abend brach innerhalb weniger Minuten ein Schneesturm über das Lager herein und hielt die gesamte Nacht durch an, um die Soldaten am Morgen mit Schnee und Temperaturen um den Gefrierpunkt zu überraschen.

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Theorie und Wirklichkeit

Die deutsch-afghanischen Begegnungen sind ein Teil des täglichen Lebens eines jeden Soldaten geworden. Die aus der Einsatzvorbereitung mitgenommenen Handlungsanweisungen zum Umgang mit den Afghanen konnten einer Gegenüberstellung mit der Realität nicht standhalten. Die afghanischen Sicherheitskräfte sind nach zehn Jahren ISAF den Umgang mit ausländischen Soldaten gewohnt, ein Miteinander gestaltet sich sehr kameradschaftlich, ohne Berührungsängste oder Hemmungen vor kulturellen Befindlichkeiten.

Im selben Maße galt es, aus der Einsatzvorbereitung vermittelte Klischees abzulegen. Die afghanischen Kameraden sind weder unpünktlich, noch reden sie „um den heißen Brei“ herum. Gerade Gespräche auf der Kommandeurebene laufen sehr ergebnisorientiert ab.

Einzige Herausforderung stellt die Gewöhnung des europäischen Magens an das zentralasiatische Essen dar. Und so blieb auch der Kommandeur nicht verschont und kämpfte eine Nacht mit seinem Magen. Das Vertrauen der Bevölkerung gewinnen die Soldaten schnell durch ihr freundliches und kooperatives Auftreten. Jeder kann die afghanischen Begrüßungsformeln. Die Ärzte versuchen im Rahmen ihrer Möglichkeiten jederzeit zu helfen.

Zur Veranschaulichung eine kleine Anekdote von den Soldaten des Echo-Zugs. Als sie sich in ihrer Nachtaufstellung befanden, kamen zwei kleine Jungen zu ihnen. Einer hatte eine schwere Mittelohrentzündung. Die Sanitäter empfahlen ihm, ins Krankhaus zu gehen. Kurz darauf kamen die beiden Jungen mit ihrem Vater zurück, der ihnen erklärte, dass ihm als Bauer schlicht das Geld fehle für eine Krankhausbehandlung. Der Zugführer gab ihm 20 Dollar, der Vater fuhr ins Krankenhaus, seinem Sohn konnte geholfen werden. Dankbar kam er zurück und wollte sich erkenntlich zeigen. Der Sprachmittler riet dem Zugführer, das Angebot bloß nicht auszuschlagen. Seitdem kommen die Jungen in regelmäßigen Abständen zum Zug und bringen Essen von den Eltern vorbei, das in der Regel dankbar angenommen wird, aber wegen der Empfindlichkeit der europäischen Mägen nicht verzehrt wird.

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Der Gefahren bewusst

Der Gefahr, der sich die Soldaten täglich in der Erfüllung ihres Auftrages aussetzen, wird durchweg professionell begegnet. Nachlässigkeiten, wie sie in der Einsatzvorbereitung immer wieder vorkommen und abzustellen sind, findet man hier nicht.

Jeder ist sich der Ernsthaftigkeit seines Handelns und der Lage bewusst und agiert entsprechend diszipliniert und besonnen. In den bisherigen Feuergefechten haben die Soldaten ihre Überlegenheit durch Ausbildung unter Beweis stellen können und ziehen daraus ein Gefühl von Selbstvertrauen, das nicht zu Übermut führt, aber dennoch keine Angst vor neuen Gefechten aufkommen lässt.

Heimweh kann man bei den Soldaten wenig beobachten. Die täglichen Aufgaben sind zeit- und kraftraubend, so dass die spärliche Freizeit (Baseday oder gar Wochenende sind hier Fremdwörter) zum Telefonieren nach Hause oder Regenerieren/Schlafen genutzt wird. So verging auch die Weihnachts- und Neujahrszeit schnell, und der Tag der Rückkehr kommt mit großen Schritten näher.

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Stand vom: 03.12.13


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