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Ich war die kleine Schwester

Riga, 22.09.2007.
Es wirkt ein bisschen verloren, wie Erika Wöhrle da zwischen den vielen Steinkreuzen steht. Ein Halstuch über der hellblauen Windjacke, das weiße Haar zurückgekämmt und ein Körbchen mit Blumen in der rechten Hand sucht sie das Grab ihres Bruders.

Erika Wöhrle auf dem FriedhofLupe

Erika Wöhrle sucht das Grab ihres Bruders (Quelle: Susanne Lichte)

Sie steht auf dem Soldatenfriedhof Riga-Beberbeki in Lettland. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. hat diesen Friedhof gerade feierlich eingeweiht. Der Generalinspekteur der Bundeswehr, General Wolfgang Schneiderhan, hielt die Gedenkrede und der Oberbefehlshaber der lettischen Streitkräfte, Brigadegeneral Juris Maklakovs, legte einen Kranz nieder. Alle waren sich einig: Dieser Friedhof sei ein Ort der Mahnung und Versöhnung.

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Versöhnung braucht Erinnerung

Für Erika Wöhrle ist der Friedhof vor allem ein Ort der Trauer. „Ich bin seine kleine Schwester“, sagt sie und sucht weiter nach dem Grabstein, in den der Name ihres Bruders Albert Wöhrle eingraviert ist. Aus Stuttgart ist sie angereist, zusammen mit vielen anderen Angehörigen von gefallenen Soldaten. Die Reise hat der Volksbund organisiert.

Erika Wöhrles Bruder ist einer von 2.400 Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg, die hier auf dem Waldfriedhof ihre letzte Ruhe gefunden haben. In den kommenden Jahren sollen bis zu 10.000 weitere Kriegstote hierher umgebettet werden. Insgesamt starben rund 100.000 Wehrmachtsangehörige im zweiten Weltkrieg in Lettland.

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Arbeit für den Frieden

Die meisten kamen in den längst aussichtslosen Schlachten kurz vor Ende des Krieges um und wurden nicht älter als 18 bis 20 Jahre. Albert Wöhrle starb wenige Monate vor seinem 25. Geburtstag. Geboren am 1. Dezember 1919, fiel er als Leutnant der Reserve am 22. September 1944. Dass er jetzt, über 60 Jahre nach Kriegsende, eine würdige letzte Ruhestätte gefunden hat, ist der Arbeit des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge zu verdanken.

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Soldaten mit Kranz

Kranzniederlegung in BeberbekiGrößere Abbildung anzeigen

Reise in die Vergangenheit

In enger Zusammenarbeit mit lettischen Behörden und dem dortigen Komitee der Brüderhilfe errichtet der Volksbund Sammelfriedhöfe. Nach oft aufwändiger Recherche werden die Toten aus Tausenden Grabstätten im Lande exhumiert, identifiziert und umgebettet.

Die sogenannten Umbetter sind dafür auch auf die Zusammenarbeit mit der Bevölkerung angewiesen. „Wichtige Zeitzeugen sind alte Frauen. Sie haben oft über Jahrzehnte am selben Ort verbracht und kennen die Geschichte“, erzählt Thomas Schock. Man müsse viel Geduld haben und sich manchmal lange Geschichten anhören. Aber irgendwann komme der entscheidende Hinweis. „Auf dem Acker, dritte Kartoffelreihe, drei Schritte nach oben, da liegen drei Mann“, habe ihm beispielsweise eine Frau in einem Dorf erzählt. „Sechzig Jahre wusste sie von den Toten auf ihrem Feld, aber es hat eben niemand nach ihnen gefragt“, sagt Schock.

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Kameradschaft über den Gräbern

Auch der Leichnam von Albert Wöhrle lag viele Jahre unbeachtet im Süden Lettlands unter der Erde. Erst ab 1990, nach der Auflösung der Sowjetunion, konnten mit den neu gegründeten Staaten in Osteuropa nach und nach Kriegsgräberabkommen geschlossen werden. So auch mit den drei baltischen Staaten Estland, Litauen und eben Lettland. Beim Aufbau der Kriegsgräberstätten helfen Soldaten und Reservisten der Bundeswehr und oft auch der Armeen des jeweiligen Landes mit.

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Grabsteine in Beberbeki

Erinnerung und MahnungGrößere Abbildung anzeigen

Erlösender Abschied

Erika Wöhrle bleibt plötzlich stehen. Ihre Augen füllen sich mit Tränen. Sie steht vor dem Grab ihres Bruders. Mühsam bückt sich die 80-Jährige und stellt den Korb mit den roten Rosen und weißen Chrysanthemen ab. Sie sortiert die Blüten und streicht mit der Hand über den Stein auf dem der Namen ihres Bruders steht. Sie weint bitterlich.

Es dauert eine Weile, dann erhebt sie sich. „Als er das letzte Mal nach Hause kam, das war im Sommer 1944“, sagt sie und plötzlich streift ein Lächeln ihr Gesicht. „Da war ich 18 und er hat mich zum ersten Mal ausgeführt.“ Sie blickt noch einmal auf den Grabstein, dann dreht sie sich um und geht zurück zu ihrer Reisegruppe.

Später bei Kaffee und Kuchen ist die Stimmung gelöst – fast fröhlich. „Es ist wie eine Erlösung“, sagt Lothar Clasen. Es sei wichtig gewesen, endlich Abschied nehmen zu können. „Nach über 60 Jahren haben wir dafür jetzt einen Ort“, sagt der 89-Jährige und die anderen stimmen ihm zu.

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Stand vom: 03.12.13 | Autor: 


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