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Afghanistan: Die Angst ist täglicher Begleiter

Schwerin, 27.01.2012, Schweriner Volkszeitung.
Hauptmann Marcel Bohnert war sieben Monate in einer der gefährlichsten Provinzen in Afghanistan stationiert. Die Schweriner Volkszeitung berichtet über seinen Einsatz – und die Gefühle seiner Familie.

Soldaten blicken von einer Anhöhe über Felder

Blick über die Felder: Weites Land mit vielen Gefahren (Quelle: Bundeswehr/Rippl)Größere Abbildung anzeigen

Es ist ein Albtraum für Renate Bohnert. Ihr Junge ist in Afghanistan und eben hat die Schwerinerin gehört, dass dort Soldaten getötet wurden. Ist es Marcel? Der Gedanke treibt sie fast in die Verzweiflung. Sie schreibt ihrem Sohn SMS. Doch der antwortet nicht. Stunden später dann die erlösende Nachricht: Es ist nicht Marcel.

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Angstgefühle und Erfolgserlebnisse

Das ist jetzt fast ein halbes Jahr her. Vor wenigen Tagen ist der 32-jährige Mecklenburger in Hannover aus dem grauen Airbus der Luftwaffe gestiegen. Die Mutter stand am Flughafen und schloss ihn nach 203 Tagen Angst wieder in die Arme. Sie hatte ein Schild für ihn gemalt. „Willkommen zurück“ sollte darauf stehen. Im Eifer des Geschehens hat sie das zweite „l“ vergessen. Egal – dann schwenkt sie eben „Wilkommen zurück“. Marcel ist endlich wieder zu Hause.

Nach Afghanistan ist der Hauptmann mit einer vagen Vorstellung von Land und Leuten geflogen. Nun, unversehrt zurück, sagt er: „Für mich verbuche ich es als Erfolg.“ Die Worte klingen eigenartig fremd in der Rückzugsdebatte. Stolz auf einen Einsatz, den die Mehrheit der Deutschen schlicht ablehnt? Erfolgreich im gescheiterten Staat Afghanistan?

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Katz-und-Maus-Spiel um Leib und Leben

Marcel Bohnert war Chef einer Kampfkompanie im Distrikt Chahar Darreh in der Provinz Kundus. Gefährlicher kann es für einen deutschen Soldaten am Hindukusch nicht werden. 250 Soldaten hörten zeitweise auf Bohnerts Kommando. In wenigen Monaten wird sich für den Hauptmann entscheiden, wie weit sein Weg in der Hierarchie der Dienstgrade und goldenen Abzeichen nach oben führt.

Bohnert und ein Kamerad an der Umgebungskarte

An der Lagekarte: Marcel Bohnert weist die Ablösung ein (Quelle: Bundeswehr/Rippl)Größere Abbildung anzeigen

Präsenz zeigen hieß die Mission. Gemeinsam mit der afghanischen Polizei und Armee (ANA) sollten Bohnert und seine Soldaten den Aktionsradius der Sicherheitskräfte vergrößern. In der Theorie klingt es einfach: Rausfahren und Präsenz zeigen. In der Praxis wartet ein raues Land am Rande des Abgrunds, lauern versteckte Sprengfallen und Hinterhalte. „Wenn ich mir anschaue in welchem Gebiet wir uns bei der Ankunft ungefährdet bewegen konnten und wie groß es jetzt ist“, sagt Bohnert, „dann bin ich stolz.“ Stück für Stück haben sie sich bei spielsweise an eine Kleinstadt herangearbeitet. Vorsichtig die Lage sondiert. Dann die Randgebiete. Heute bauen Entwicklungshilfeorganisationen dort millionenschwere Projekte auf.

Aber jede Patrouille in dem Distrikt ist eine Fahrt ins Ungewisse. Ein Jahr zuvor war Marcel Bohnert schon einmal auf Erkundung in Afghanistan. Bei seinem Vorgänger sollte er sich auf den Einsatz vorbereiten. Der hatte zu diesem Zeitpunkt bereits etliche Verletzte in seiner Kompanie. Dieser Eindruck ist noch präsent als im Sommer 2011 sein Einsatz beginnt. Die Angst wird zum Begleiter in dieser Zeit. „Am Anfang hatte ich das Gefühl, an jeder Ecke knallt es“, erzählt Bohnert. „Irgendwann gewöhnt man sich daran.“ Oder verdrängt es.

Mit jedem Tag, an dem nichts passiert, nimmt die Anspannung ab. Man bekomme ein Gespür für gefährliche Situationen, sagt der 32-Jährige. Ist irgendwas anders als sonst? Laufen weniger Kinder auf der Straße herum? Türmen sich kleine Hügel am Straßenrand? Danach scannen die Soldaten ihre Umwelt. All das könnten Hinweise sein. Mit Taktik versuchen sie dem Gegner, Aufständische wie es bei der Bundeswehr korrekt heißt, immer einen Schritt voraus zu sein.

Immer unberechenbar bleiben“, sagt der Hauptmann. „Das ist das Wichtigste.“ Die Soldaten gehen nie zweimal den gleichen Weg und umgehen große Straßen und bekannte Trampelpfade. Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel. Das klappt oft. Aber nicht immer. Einmal werden Soldaten seiner Kompanie angegriffen und ein Sprengsatz explodiert unter einem Fahrzeug der Afghanen. Drei Polizisten werden verletzt.

Deutsche Soldaten, lokale Sicherheitskräfte und afghanische Polizisten bei der Aufklärung

Auf Patrouille: Wer ist Freund, wer ist Feind? (Quelle: Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Vor solchen Nachrichten fürchtet sich die Familie zu Hause. Die Daheimgebliebenen hören, lesen und schauen besonders aufmerksam Nachrichten. Ist von Afghanistan die Rede, zucken sie zusammen. „Ich habe die ersten Wochen alles verfolgt“, sagt Renate Bohnert. Noch immer aufgewühlt, erzählt die Mutter von den vergangenen Monaten. „Es hat sich angefühlt wie Jahre.“ Es schwingt aber auch Stolz mit, wenn sie von ihrem Sohn erzählt. Sie war es, die in der Redaktion anruft und das Zusammentreffen organisiert.

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Keine Nachrichten sind gute Nachrichten

Der 32-Jährige hatte sich darauf verlegt, nicht zu viel Kontakt zur Familie zu haben. „Das klingt hart“, sagt er. Aber zu oft an zu Hause denken, lenke ab. Alle zwei, drei Wochen telefoniert er mit seiner Schwester, den Eltern und Großeltern. Ab und zu ein paar Mails und Briefe. Das war's. Es ist seine abgeklärte Art, mit der Entfernung und der Gefahr umzugehen.

Marcel Bohnert hat seiner Familie gesagt, wenn ihm etwas zustoße erfahren sie es von der Bundeswehr und nicht aus den Medien. Solange heißt es: Keine Nachrichten sind gute Nachrichten. An diesen Gedanken klammern sie sich. „Er hat mir gesagt, wenn etwas passiert dann kommen sie zu mir nach Hause und überbringen die Nachricht“, erzählt die Mutter. „Zum Glück hat es in der Zeit wenig an der Tür geklingelt.“

Als Marcel Bohnert in Schwerin aus dem Zug steigt, steht seine Familie schon aufgeregt am Bahnsteig. „Endlich zurück“ steht auf einem selbstgemalten Schild. Seine Tante zündet Wunderkerzen an, der Schwager hat sich zur Begrüßung ein T-Shirt mit seinem Bild darauf drucken lassen. Der Großvater schließt den Enkel glücklich in die Arme, der Vater ringt um Fassung. Ein paar Schritte dahinter folgt Renate Bohnert ihrem Sohn. Sie kämpft mit den Tränen.

Zu Weihnachten haben sie „Oh Tannenbaum“ aufgenommen und Grüße über das Militärradio Andanach verschickt, erzählt Renate Bohnert. Dann erfährt sie, dass sich die Patrouille von Marcel verschiebt. Die Mutter telefoniert durch die halbe Bundeswehr, damit er das Lied seiner Familie noch hören kann. Ein paar Tage später erklingt mitten in Afghanistan „Oh Tannenbaum“. Die Familie sei in dieser schwierigen Zeit noch enger zusammengerückt, sagt Renate Bohnert und kämpft wieder mit den Tränen.

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Stand vom: 03.12.13 | Autor: Manja Nowitzki


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