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Lehrgang Flugphysiologie

Königsbrück, 27.06.2012.
„Flugphysiologie“? Studieren wir jetzt auch noch Medizin – ich wollt doch nur Fliegen lernen.

Collage: Hochleistungszentrifuge und Kamea-Icon
Start einer Pilotenlaufbahn: Die Hochleistungszentrifuge (Quelle: Bundeswehr)Größere Abbildung anzeigen

Bevor ich mich mit neun weiteren Kameraden Richtung Königsbrück aufmachte, wusste ich noch nicht so recht, was mich in den kommenden Tagen erwarten wird. Die bisherigen Erzählungen bezüglich des Lehrganges beruhten oftmals auf die diversen Zentrifugenfahrten der Jetpiloten-Anwärter.

Dieser Ausbildungsinhalt steht aber für einen Transportpilotenanwärter gar nicht auf dem Plan - warum auch, wenn ich später mit maximal 2.5g meine Fracht von A nach B befördere. Was werden wir also zusätzlich alles über unseren Körper lernen?

In der sächsischen Tundra 30 Kilometer nordöstlich von Dresden angekommen, bezogen wir alle frohen Mutes neu hergerichtete Einzelzimmer. Nahezu luxuriös, dachte ich mir – hier lässt es sich aushalten.

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Urlaubsstimmung?

Bei angenehmen 25°C kam fast ein wenig Urlaubsstimmung auf – und da die Kaserne an sich recht übersichtlich ist und auch die weiteren Einrichtungen wie Sportanlagen und Kantine auf neuesten Stand gebracht wurden, fühlten wir uns allesamt richtig wohl. Eine sehr gute Voraussetzung für einen Lehrgang, schließlich hat eine positive Grundstimmung oftmals gute Lernbereitschaft zur Folge.

Der erste Vormittag war geprägt von theoretischen Unterrichten. Unser Hörsaalleiter, ein erfahrener Transportpilot mit Flugbereitschaftsbackground, unterrichtete uns das nötige Wissen über Hypoxie (ohne jetzt ins Detail zu gehen: Sauerstoffmangel und die Folgen - Wikipedia hält dahingehend einige Informationen bereit), räumliche Desorientierung und Nachtsichtfähigkeit.

Für die praktischen Anteile wurden wir zehn in zwei Gruppen aufgeteilt – die eine Hälfte sollte am kommenden Vormittag die Höhenkammerfahrt mit anschließender rapiden Dekompression in Angriff nehmen, der andere Teil begann das Training im Desorientierungstrainer.

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Viele neue Begriffe

Die ganzen Begriffe waren natürlich neu für uns, manche Dinge kannte ich zwar (theoretisch) schon aus dem Studium, aber wenn man die einzelnen Thematiken dann auch praktisch anwendet, wird man dann doch überrascht, wie sich der Körper, trotz genauer Kenntnis des Ablaufes, verhält. Ich begann das Training in der Höhen-Klima-Simulationskammer. Nach Anpassung eines Jethelmes und der Sauerstoffmaske begab ich mich mit den vier weiteren Kameraden in die simulierte Fahrt auf 23.000 ft Höhe.

Simuliert? Nun ja, der Kabineninnendruck wird gemäß einer Steigrate kontinuierlich verringert, genauso, wie der Aufbau unsere Atmosphäre – steigende Höhe, sinkender Druck. Ich fliege also, auch wenn die Druckkabine weiterhin am Boden steht. Der eigene Körper spürte erst einmal gar nichts, aber Demonstrationsbeispiele sowie das in der Kabine angebrachte Barometer zeigten, dass sich die Druckverhältnisse änderten.

Am Beispiel eines Verbandpäckchens wurde gezeigt, was mit eingeschlossen Gasen in einem abgeschlossenen Volumen passieren kann – das Päckchen blähte sich während des Aufstiegs so auf, dass es gut und gern auch als Spielball für diverse Mannschaftssportarten herhalten konnte. Auch ein zu Beginn schlaff hängender Ballon war bei Erreichen der 23.000 ft Kabinendruckhöhe prall gefüllt.

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Unsere Symptome

Im Körper würde das Gleiche passieren. Langsam dämmerte mir, warum ich am Vorabend kein Weizenbier oder blähende Speisen zu mir nehmen sollte – danke für den Rat, dass stille Wasser war eine gute Entscheidung! Nun begann der Testleiter uns abwechselnd von der Sauerstoffversorgung zu trennen. Wir wussten, wer getrennt werden würde und sollten kontinuierlich unsere Symptome beschreiben.

Ich fühlte recht lange gar nichts, bevor ich langsam etwas Schweißbildung an der Stirn, Hitzewallungen sowie leichtes, aber stärker werdendes Kribbeln in den Oberschenkeln verspürte. Klare Symptome von Sauerstoffmangel. Ich entschied daraufhin, den Sauerstoff wieder zuzuschalten. In der Nachbesprechung mit den Ärzten habe ich erfahren, dass ich bei ca. 68% Sauerstoffgehalt im Blut die Wiederversorgung mit hundertprozentigem Sauerstoff initiiert hatte. Die ärztliche Überwachung ist kontinuierlich, bei 65% Sauerstoffgehalt im Blut wäre von extern Sauerstoff zugeschaltet worden, um unsere Gesundheit nicht zu gefährden.

Collage: Sechs Piloten in der Simulationsanlage und Kamera-Icon
Jederzeit auf Höhe in der Simulationsanlage (Quelle: Bundeswehr/Gygas)Größere Abbildung anzeigen

Jeder der fünf Teilnehmer hatte andere Symptome, wir wissen jetzt, wie sich unser (!) Körper im Falle einer Sauerstoffmangelerscheinung verhält, in einer Notsituation würde ich die richtige Entscheidung treffen können. Danach ging es ab auf 15.000 ft, wo nochmals der Sauerstoff getrennt wurde, um weitere Computertests mit uns durchzuführen. Wir hatten auf verschiedenen Druckhöhen Zuordnungstests durchführen dürfen.

Nachher zeigte die Testauswertung, dass meine Konzentrationsfähigkeit mit weniger Sauerstoffversorgung erheblich nachließ. Man merkt das in der Kabine selbst kaum, erst die harten Fakten in der Auswertung lassen einen gewissen Aha-Effekt aufkommen. Nach etwas mehr als einer Stunde landet man dann wieder auf Ortshöhe, eine eindrucksvolle Demonstration für uns.

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Dekompression

Direkt danach findet noch die rapide Dekompression statt (hier wird simuliert, dass schlagartig das Kabinendrucksystem versagt). Wir saßen zu zweit in einer kleinen Kammer und es ging zunächst auf 8.000 ft Kabinenhöhe.

Die benachbarte, große Kammer, in der wir zuvor noch selbst auf 23.000 ft gestiegen waren, wurde auf eine Druckhöhe von 25.000 ft evakuiert. Durch Öffnen eines Ausgleichsventils stiegen wir dann binnen einer Sekunde auf ca. 22.500 ft und eine gefühlt unendliche Menge an Luft strömte aus den eigenen Lungenflügeln hinaus in die Kabine. Seltsames Gefühl, ungewolltes Ausatmen durch die Druckunterschiede zwischen Kammer und Lunge, und man kann (und soll) nichts dagegen tun. Gleichzeitig sank die Temperatur rapide ab, was auch zur Folge hatte, dass die relative Luftfeuchtigkeit anstieg und Wasser kondensierte - auf einmal saß man mitten in einer Nebelbank.

Eigentlich reine Physik, aber trotzdem irgendwie unglaublich beeindruckend. Nach einem kurzem Blick auf das angebrachte Barometer war klar, wir befanden uns auf 22.500 ft, hier war also simuliert etwas schief gelaufen, externe Sauerstoffversorgung war notwendig und der Hebel für das Notfallsystem musste umgelegt werden. Wiederum versorgt mit 100% Sauerstoff konnten wir den Sinkflug einleiten.

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Der Desorientierungstrainer

Nach einem ausgiebigen Mittagessen hieß es dann für mich ab zum Desorientierungstrainer. Ein relativ neues Gerät, welches 360° frei beweglich um die Hochachse Gieren kann sowie in einem begrenzten Winkelbereich auch die Nickbewegung nachstellen kann. Die abgeschlossene Kanzel hat im Inneren ein generisches Cockpit mit Stick und Display, für die Demonstration wird allerdings innen alles ausgeschaltet, so dass man in einem absolut dunklem Raum angeschnallt auf die kommenden, vom Testleiter eingeleiteten Bewegungen wartet.

Der Versuch startete mit einer langsamen Winkelgeschwindigkeit um die Hochachse. Man spürte nichts, unser Gleichgewichtsorgan kann die sehr langsame Winkeländerung nicht detektieren - das Gerät giert, ohne das ich etwas davon vernahm. Zum Glück wurden Fluginstrumente erfunden – ohne Außenreverenz (bspw. Wolkenflug) kann man dem eigenen Körper nicht glauben. Danach wird es schneller, die Gierrate wird erhöht. Ich sollte mir vorstellen, dass ich einen Wing-Man (Flügelmann) hinter meinem rechten Flügel etwa 50 ft unter mir habe.

Auftrag: vergewissern sie sich, dass er weiterhin an seiner Position fliegt! Ich drehte meinen Kopf also recht rasch (das sollte man tunlichst lassen!) nach rechts und senkte ihn dabei leicht. Daraufhin spielten meine Sinne verrückt. Ich hatte mein eigenes Koordinatensystem aus der Drehachse bewegt, es fühlte sich an, als würde ich mit samt meinem Flugzeug nach rechts auf den Kopf rollen. Wahnsinn. Die menschlichen Sinnesorgane sind scheinbar nicht fürs fliegen gemacht. Der ein oder andere Flugunfall ist durch solche Sinnestäuschungen passiert, mir würde das durch diese Demonstration hoffentlich nie passieren.

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Sport ist sehr Wichtig

Danach ging es dann noch zum Sportunterricht. Schwerpunkt hier war vor allem das Rückentraining. Oft vernachlässigt, kann dies vor allem beim Fliegenden Personal später zu Problemen führen. Uns wurden einige Übungen vorgeführt, mit Flexi-Bar und Terraband können abwechslungsreiche Trainingseinheiten zusammengestellt werden. ich hatte hier wieder meinen Spaß.

Am nächsten Morgen hieß es dann schon wieder Abschied nehmen. Wir haben alle noch in einer Diskussionsrunde mit Arzt und Hörsaalleiter die vergangenen Demonstrationen besprochen, bevor wir dann das begehrte Lehrgangszeugnis inklusive blauen Kärtchen erhalten haben. Wieder ein Lehrgang, der wahnsinnig interessant war, in fünf Jahren, dann hoffentlich mit Schwingen an der Brust, geht es zur Auffrischung.

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Stand vom: 02.07.12


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