Schweiger-Interview zum Film Schutzengel: „Ein bisschen mehr Anerkennung
“ für Soldaten
Berlin, 20.09.2012.
Til Schweiger spricht über seinen neuen Film Schutzengel und über Afghanistan-Veteranen.

Am 27. September läuft Til Schweigers neuer Film Schutzengel in den deutschen Kinos an. Der 48-Jährige spielt hierbei einen Afghanistan-Veteranen, der nach seiner Soldatenzeit als Polizist in einem Zeugenschutzprogramm arbeitet. Jan Marberg (Y-Redaktion), Hans-Joachim Gemballa (www.bundeswehr.de) und Torsten Sandfuchs-Hartwig (aktuell) sprachen im Vorfeld mit Schweiger.
Sie waren vor einigen Wochen bei den deutschen Soldaten in Afghanistan. Welche Eindrücke konnten Sie mitnehmen?
Ich war das erste Mal in Afghanistan. Wir waren insgesamt zehn Leute und als wir zurückkamen, haben wir uns tagelang noch immer angerufen, so kreuz und quer: Wie geht es dir? Hast du auch geträumt? Wir hatten alle irgendwie dieselben Gefühle. Wir haben uns im Spaß Veteranen genannt.
Diese vier Tage als Tourist waren unheimlich beeindruckend. Ich persönlich habe sechs Tage hintereinander davon geträumt.
Wie kam es dazu, den Film vorab bei den deutschen Soldaten in Afghanistan zu zeigen?
Es fing damit an, dass Paul, mit dem ich den Film geschrieben habe, als ehemaliger Soldat der SAS (Special Air Service, britische Spezialeinheit) auch oft in Afghanistan und im Irak war. In einem Militärkrankenhaus in London hat Paul einen 25-Minuten-Trailer des Films mit englischen Untertiteln vor Kameraden gezeigt, die gerade aus Kandahar kamen.
Die Reaktionen waren überwältigend, alle wollten den Film auch auf Englisch sehen. Und diese Idee hatten wir ja von Anfang an: Einmal in Deutschland mit mir in der Hauptrolle und dann mit einem internationalen Star. Dann haben wir den Film dem Bund Deutscher Veteranen vorgeführt und die sagten, wir müssten ihn in Afghanistan zeigen. Danach ging alles ganz schnell.
Wie entstand die Filmidee?
Paul und ich haben uns bei einem Film angefreundet, den ich vor zwei Jahren in den USA gedreht habe. Da hat er das Military Training gemacht, er hat schon Schauspieler wie Will Smith oder Tom Cruise trainiert. Er hat mich dann besucht und ist ein halbes Jahr geblieben. Wir haben unendlich viele Gespräche geführt und irgendwann beschlossen, einen Film zu machen.
Und warum dieses Genre? Es ist ja doch ein bisschen ab von dem, was sonst mit dem Namen Til Schweiger verbunden ist.
Ich habe auch schon andere Filme gemacht. Die gehen aber ein bisschen unter, weil sie nicht so erfolgreich sind. Vor ein paar Jahren habe ich One Way gedreht, ein Film, der sich mit dem Thema Vergewaltigung und Selbstjustiz auseinandersetzt. Der ist in Deutschland gefloppt, lief aber im Fernsehen mit ziemlich großem Erfolg. Schutzengel kam zustande durch das Kennenlernen von Paul, seine Geschichten, die er erzählt hat und unsere Freundschaft. Da habe ich mir gedacht, es ist mal an der Zeit.
Auf der Bambi-Verleihung habe ich dann Hauptfeldwebel Ralf Rönckendorf getroffen, der sein Augenlicht verloren, aber einen Kameraden gerettet hat. Ich habe mich länger mit ihm unterhalten. Er sagte nur, das einzige was er sich wünschte, wäre, dass seine Kameraden ein bisschen mehr Anerkennung für das bekommen, was sie leisten. Da habe ich zu ihm gesagt: Ich kann es dir nicht versprechen, aber ich mache gerade einen Film, ich versuche mein Bestes.
Ihre 15-jährige Tochter spielt eine Hauptrolle in diesem recht anspruchsvollen Film. Wie kam es dazu?
Ich habe sie nicht gefragt. Ich habe von Anfang an, als wir das Buch geschrieben haben, gedacht, im Idealfall spielt es meine Tochter. Ich weiß, alle Emotionen, die sie im Film braucht, hat sie, die habe ich alle mit eigenen Augen schon erlebt – von rotzfrech über aggressiv bis zu Tode betrübt und verletzlich. Als das Buch fertig war, habe ich es ihr geschickt.
Dann hat sie am nächsten Tag geschrieben: Papa, das Buch ist so geil. Ich fragte, ob sie Lust habe, die Rolle zu spielen. Erst einmal war sie total begeistert von der Idee. Dann fing sie an nachzudenken und zu hadern, weil ich ihr gesagt habe, das hat natürlich Konsequenzen. Wenn du so eine Rolle spielst, musst du wirklich vollen Einsatz bringen. Dann gibt es auch kein Reiten, denn das versichert niemand, wenn die Hauptdarstellerin Springreiten macht.
Dann hat sie hin und her überlegt, hat Paul kennengelernt. Er hat ihr viel erzählt, sie hat ihm viele Fragen gestellt. Er hat mit ihr auch Autofahren geübt und Schießen trainiert. Das fand sie natürlich sehr cool. Sie hat auch die Rolle völlig verstanden. Ich musste mich am Set nie lange hinstellen und ihr etwas erklären.
Hatte sie denn vorher schon einen Bezug zu Soldaten?
Vorher nicht, ich ja eigentlich auch nicht mehr. Ich hatte zwar einige Monate Wehrdienst geleistet – 1983 im niederländischen Budel, ein heißer Sommer. Das war aber eine andere Zeit.
Posttraumatische Belastungsstörung, also PTBS – war das auch ein Thema in der Vorbereitung?
Klar, ich habe ja mit jemandem zusammen das Buch geschrieben, der darunter leidet, immer wieder Albträume hat. Das ist auch Thema in dem Film. Viele Soldaten haben gesagt, wenn sie den Leuten Fotos zeigen und darüber reden wollen, hat man das Gefühl, da ist überhaupt kein Verständnis da. Dann packst du deine Fotos wieder ein.
Gab es Beratung durch die Bundeswehr?
Nein, aber ich hatte ja mit einem Ex-SAS-Soldaten den besten Berater überhaupt.
Welche Rolle spielt das Soldatsein für den Polizisten Max in dem Film?
Also der Max hat aufgehört, Soldat zu sein, weil er genug hatte. Er hat unter der Schuld gelitten, dass sein bester Freund seine Beine verloren hat. Deshalb hat er sich einen vermeintlich sicheren Job gesucht. Im Zeugenschutzprogramm bist du ja eigentlich sicher.
Du kannst ja nicht davon ausgehen, dass da ein Maulwurf ist und wie in unserem fiktiven Film die Adresse preisgibt. Sein Background als Elitesoldat hilft ihm, das Mädchen Nina zu beschützen und auch der ausweglosen Situation zu entkommen. Deswegen wollte ich auch unbedingt, dass der Film erst einmal ein gutes Ende nimmt. Dass Nina den Traum, den sie hat, leben kann.
Aber wenn man ein bisschen weiterdenkt, hat Max hat nach wie vor seine Albträume und sein Belastungssyndrom. Doch es geht ihm jetzt sicher besser als vorher.
Sie haben im Grunde mehrere Fulltime-Jobs gemacht. Drehbuchautor, Produzent, Cutter, Regisseur und Hauptdarsteller. Wie geht das, gleichzeitig die Hauptrolle zu spielen und Regie zu führen?
Also wenn ich selbst spiele, gehe ich nach jeder Einstellung an den Monitor und schaue mir das an. Dann kritisiere ich mich genauso wie alle anderen. Es gibt immer mal wieder einen Schauspieler, der zu mir sagt: Til, spiel es doch mal so. Ich bin da sehr offen. Denn im Endeffekt entscheide ich: Entweder ist es eine Superidee oder nicht.
Wie kritisiert ein Vater seine Tochter?
Es gab einen Moment, wo ich Luna dann auch mal wirklich vor allen Leuten kritisiert habe. Das ist mir nicht leicht gefallen, aber das musste ich einfach machen. Ansonsten hatten wir eigentlich eine super Zeit, weil sie die Rolle voller Energie gespielt hat.
Sie sind einer der erfolgreichsten Produzenten der vergangenen 20 Jahre und haben es auch geschafft, sich in den USA einen Namen zu machen. Was kommt als nächstes und vor allem, wann kommt das Tier, das drei Ohren hat?
Das Tier, das drei Ohren hat, gibt es wahrscheinlich so nicht. Denn der dritte Teil wird einfach Keinohrhasen 3 heißen. Den wollen wir kommenden Sommer drehen.




