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Stets bereit – beim ORF-Bataillon in Kosovo (2)

Nordkosovo, 08.02.2012.
Seit Unruhen im Norden des Kosovo im Sommer 2011 ausbrachen, ist nunmehr das zweite Reservebataillon der NATO im Einsatz. Die mehrheitlich aus deutschen Soldatinnen und Soldaten bestehende Operational Reserve Force (ORF) löste im Dezember das Bataillon ab, das seit August 2011 im Einsatz war. Die Lage hat sich inzwischen deutlich entschärft.

Soldat steht Wache, im Hintergrund Bundeswehrfahrzeuge

Gespannte Aufmerksamkeit: Ein Soldat auf Posten (Quelle: Steffen Maluche)Größere Abbildung anzeigen

Gleichzeitig verhandelt der Bataillons-Kommandeur mit dem Bürgermeister des Ortes, um ihn von der Notwendigkeit des Passierens aller Fahrzeuge zu überzeugen. Der Kommandeur ist hier nicht nur als militärischer Führer gefragt, sondern auch als Vermittler. Berührungsängste haben dabei weder der Kommandeur noch seine Soldaten.

Hauptmann Christof G., Chef der 2. Kompanie, begibt sich mit einigen seiner Soldaten direkt zur Sperre. Er sucht das Gespräch mit den Besetzern. Seine beiden Geländefahrzeuge parken am Straßenrand. Die Deutschen gehen auf die Serben zu, die um ein Lagerfeuer herum an der Ortseinfahrt nach Zupce stehen. Von Feindseligkeit seitens der Serben ist nichts zu spüren. Vielmehr begrüßt man sich mit Handschlag und ist nach wenigen Augenblicken im Gespräch. Hauptmann G. ist gebürtiger Russe und versucht, auf Russisch zu kommunizieren. Zwei seiner Soldaten, ein gebürtiger Russe und ein in Polen geborener Soldat, unterstützen ihn dabei.

Die Stimmung ist vergleichsweise gelöst. Die Serben halten auch an diesem „Checkpoint“ schichtweise 24 Stunden am Tag aus. Sie wollen verhindern, dass Beamte der Pristina-Regierung in den serbisch dominierten Norden gelangen. Sie vermuten, dass Albaner in den EULEX-Fahrzeugen sitzen. Allerdings scheint die Situation nicht nur entspannter als noch im Herbst 2011, sondern auch die Gründe für den Frust der Serben scheinen sich zu relativieren.

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Keine Waren von den „Albanern“

Als Reaktion auf die Weigerung der Serben, EULEX und der Pristina-Regierung volle Bewegungsfreiheit im Norden zu gewährleisten, setzt die KFOR zurzeit eine Einfuhrbeschränkung für serbische Waren ins Kosovo durch. Dieses „Embargo“ behindert auch die Versorgung für die Bewohner Zupces, die selbstverständlich dennoch die Möglichkeit hätten, Waren aus dem Süden, also aus dem Herzland des Kosovo zu beziehen. Die absolute Haltung vieler Serben, die von ihnen selbst als Stolz bezeichnet wird, lässt das aber nicht zu. Überhaupt stützt sich die gesamte Logistik und Organisation der Region auf Serbien. Die Männer an der Sperre haben ausschließlich serbische Banknoten in der Tasche, an den Fahrzeugen sind – wenn überhaupt – serbische Nummernschilder montiert.

Einer der Besetzer weist auf die Schuhe eines „Kollegen“. Der trägt dünne Slipper, die nicht einmal mehr im Sommer etwas taugen würden. Sie seien auch ohne Einfuhrbeschränkung arm in der Region, erklärt er. Das alles frustriere ihn zwar, aber trotzdem sei er entschlossen, seine Ansicht zum Staat Kosovo auch auf die Straße zu tragen, versichert er und geht zurück zum Feuer – nicht ohne noch einmal darauf hinzuweisen, wie sehr er die Luftschläge der NATO im Jahr 1999 als unrechtmäßig empfunden hätte.

Die Meinung über Sieg oder Niederlage im Kosovokrieg ist hier im serbischen Norden eine ganz andere als im albanischen Süden des Landes. Und doch respektieren die serbischen Besetzer der Sperre die deutschen Soldaten. Auch wenn sie manchmal mit dem Auftrag der KFOR Probleme haben.

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Freie Fahrt im neunten Anlauf

Währenddessen fährt ein einzelnes EULEX-Fahrzeug auf die Sperre zu. Binnen Sekunden sind die Serben auf der Straße und fordern den Beamten auf, umzudrehen. Einige Stunden später taucht der „Testkonvoi“ auf. EULEX-Fahrzeuge sind in ihn integriert. Der Konvoi stoppt. Nach kurzen Verhandlungen – und der Prüfung durch die Besetzer, ob sich in den EULEX-Fahrzeugen albanische Beamte befinden würden – rollt der Konvoi wieder an. Der neunte Versuch der vergangenen Tage hat endlich freies Geleit erhalten und setzt nun seinen Weg an die kosovarisch-serbische Grenze fort.

Am Grenzposten „DOG 31“ warten schon die dort eingesetzten Soldaten auf ihre Kameraden. Sie haben sicherlich auf ein anderes Ergebnis gewettet, waren doch die vorhergehenden Versuche allesamt gescheitert.

Der Weg zum DOG 31 nach dem Passieren Zubin Potoks verläuft durch dünn besiedeltes Gebiet. Die Straße schlängelt sich entlang eines Flusses mit einer Stauanlage. An einem Straßenknick schließlich steht der Kontrollpunkt vor der eigentlichen Grenzanlage. Hier sind Soldaten des ORF-Bataillons eingesetzt, die das Ende einer Umgehungsstraße aus und nach Serbien kontrollieren. Rund 180 Fahrzeuge passieren den Checkpoint, der abwechselnd von deutschen oder französischen Soldaten betrieben wird, täglich.

Kein Fahrzeug kommt hier vorbei, bevor es nicht von den Soldaten auf Waffen oder Drogen kontrolliert worden ist. Fahrzeuge über 3,5 Tonnen Gewicht weisen die Soldaten bei der Einfahrt aus Serbien zurück: Mit ihren Mitteln können die Soldaten die Fahrzeuge nicht durchsuchen. Nicht selten versuchen die LKW dann, auf zum Teil abenteuerlichen Wegen in den Kosovo zu gelangen, anstatt die Abfertigung an einem offiziellen Grenzübergang auf sich zu nehmen.

Deutsche Soldaten errichten eine Straßensperre aus Stacheldrahtrollen

Einfach, schnell und wirkungsvoll: Soldaten errichten eine Straßensperre (Quelle: Steffen Maluche)Größere Abbildung anzeigen

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Zum Duschen durch den Schnee

Am Grenzkontrollpunkt auf kosovarischer Seite ist jedoch kein Betrieb zu erkennen. Die Grenze scheint verwaist. Die Menschen benutzen lieber die Umgehungsstraße und nehmen die Kontrolle durch KFOR-Soldaten in Kauf, bevor sie den offiziellen Grenzkontrollpunkt, der eigentlich von der Pristina-Regierung und EULEX betrieben wird, passieren müssen.

Direkt hinter dem Kontrollpunkt steht ein kleines Feldlager der KFOR. Hier versehen seit Jahren schon französische Soldaten ihren Dienst. Nun ist hier dauerhaft ein Zug des ORF-Bataillons stationiert. Die Soldaten leben durchschnittlich sechs Tage am Checkpoint, bevor sie von anderen Kameraden abgelöst werden. Als Unterkunft steht ihnen ein Zelt zur Verfügung.

26 Soldaten – unter ihnen auch Frauen – teilen sich das Zelt. Die sanitären Anlagen sind ebenfalls feldmäßig – zum Duschen geht's durch einen Anbau des Zelts und über einen kurzen, derzeit verschneiten Weg. Eng ist es im Zelt. Es ist vollgestopft mit Ausrüstung und Bewaffnung, mit Schlafsäcken und persönlichen Dingen. Das Licht brennt die ganze Nacht, denn die Soldaten, die gerade nicht am Checkpoint im Dienst sind, haben Bereitschaft. Im Falle der Alarmierung müssen die Angehörigen des Zuges innerhalb von wenigen Minuten komplett ausrücken können. Denn wirklich stabil ist die Lage im Norden des Kosovo noch nicht.

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Stand vom: 03.12.13 | Autor: Steffen Maluche


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