Rückblick: Erster großer VN-Einsatz der Bundeswehr
Phnom Penh, Kambodscha, 22.05.2012.
Am 22. Mai 1992 beginnen Bundeswehrsoldaten in der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh mit dem Aufbau eines Lazaretts. Dort sollen sie die medizinische Versorgung der Mitarbeiter der VN-Friedensmission UNTAC sicherstellen. In dieser Größenordnung – mehr als 400 deutsche Soldaten beteiligten sich insgesamt – ist es der erste VN-Auslandseinsatz deutscher Soldaten nach der Wiedervereinigung*.

Die Beteiligung deutscher Soldaten an der UNTAC-Mission fällt in die Frühphase der Bundeswehr-Auslandseinsätze. Zu dieser Zeit signalisiert Deutschland seine internationale Verantwortungsbereitschaft, hält sich aber gleichzeitig militärisch zurück. Kampfeinsätze außerhalb des Bündnisgebietes sind Anfang der 90er-Jahre kein Gegenstand einer Debatte.
Vorgeschichte
Seit Jahrzehnten befindet sich Kambodscha in einem fast permanenten Bürgerkriegszustand. Seit 1953 ist das Land von seiner ehemaligen Kolonalmacht Frankreich unabhängig. Doch kommt es nur selten zur Ruhe.
Das dunkelste Kapitel der kambodschanischen Geschichte beginnt 1975, als die sogenannten Roten Khmer, eine maoistisch-nationalistische Guerillabewegung, die Hauptstadt Kambodschas Phnom Penh erobern. Ein bis zwei Millionen Menschen kommen direkt oder indirekt durch die Roten Khmer ums Leben.
1978 marschieren vietnamesische Truppen in Kambodscha ein und übernehmen die Kontrolle über weite Teile des Landes. Über zehn Jahre kämpfen die Roten Khmer und zwei weitere nichtkommunistische Guerilla-Armeen im Untergrund gegen die vietnamesischen Besatzer. Im Herbst 1989 zieht Vietnam seine Truppen ab.
Doch erst am 23. Oktober 1991 unterzeichnen die Bürgerkriegsparteien Kambodschas sowie Vertreter weiterer 18 Staaten zum Abschluss der Zweiten Pariser Kambodschakonferenz ein Friedensabkommen. Die Signatare legen darin fest, dass fortan der Oberste Nationalrat (SNC) die legitimierte Autorität Kambodschas ist.
Die Vereinten Nationen werden eingeladen, eine Übergangsverwaltung einzurichten. Die sogenannte UNTAC (United Nations Transitional Authority in Cambodia) löst die Vorausmission UNAMIC (United Nations Advance Mission in Cambodia) ab und soll den Friedensprozess sichern.
Knapp 16.000 Soldaten, 3.600 Polizisten und etwa 2.500 Zivilbeamte sollen den Waffenstillstand und das Ende der ausländischen Waffenlieferungen nach Kambodscha sowie die Einhaltung der Menschenrechte im Land sicherstellen. Neben der Entwaffnung aller bewaffneten Kräfte des Landes ist die Vorbereitung und Überwachung freier Wahlen dringlichste Aufgabe.
Deutscher Beitrag
Schon an der Vorausmission UNAMIC beteiligt sich eine kleinere Gruppe von Sanitätssoldaten der Bundeswehr und übernimmt die medizinische Betreuung des Personals.

Am 8. April 1992 beschließt die deutsche Bundesregierung, der Bitte des damaligen VN-Generalsekretärs Boutros Boutros-Ghali nachzukommen und die nachfolgende UNTAC-Mission mit einem von der Bundeswehr geleiteten Hospital zu unterstützen. Verteidigungsminister Volker Rühe sieht in dem deutschen Beitrag eine neue „Qualität und Quantität der Aufgaben
“.
Dieser umfasse jedoch keinen Kampfeinsatz und spiele sich in einem rein humanitären Betätigungsfeld ab. Dieser Auffassung schließt sich auch die oppositionelle SPD an und stimmt dem Einsatz zu. Trotzdem entfacht die Beteiligung der Bundeswehr an der VN-Mission in Kambodscha in der Folge eine große gesellschaftliche Debatte über die rechtliche Grundlage.
Rühe erklärt: „Der Unterschied zu den anderen ist, dass wir streng begrenzt sind auf die Sanitätskontingente und die Aufträge, die andere nicht mehr durchführen dürfen, sondern alleine eine humanitäre Aktion, die den Auftrag hat, Soldaten, Zivilisten und Polizisten der Vereinten Nationen zu pflegen und wieder gesund zu machen
.“
Das Haus der Engel
Ein baufälliges Universitätsgebäude soll die Heimat des „German Field Hospital“ werden. Bis es soweit ist, werden 350 Tonnen Material mit modernstem medizinischen Gerät nach Kambodscha transportiert.
Ohne auf ähnliche VN-Erfahrungen zurückgreifen zu können, nehmen am 8. Juni 1992 130 freiwillige Soldaten unter schwierigen Bedingungen den Klinikbetrieb auf. Die örtlichen Unterkünfte sind mit doppelt oder dreifach belegten winzigen Zimmern, selbst für die höheren Dienstgrade oder Ärzte, bescheiden.
Die schweren Kampfanzüge der deutschen Soldaten erweisen sich als ungeeignet für die Arbeit im tropischen Klima. Daraufhin versieht die Bundeswehr französische Tropenuniformen mit deutschen Abzeichen und kleidet damit ihre Soldaten ein.

Rund 22.000 Angehörige der UNTAC sollen medizinisch betreut werden, so der Auftrag der Vereinten Nationen an das beteiligte deutsche Militär. Die Bundesregierung betrachtet ihren Beitrag als humanitären Einsatz zugunsten der VN. Mit dieser Auslegung ermöglicht sie, dass die Bundeswehr-Ärzte auch die einheimische Bevölkerung behandeln.
Damit gehen die Bundeswehrsoldaten über den eigentlichen VN-Auftrag hinaus, was ihnen Kritik von der Führung der UNTAC einbringt. Diese verweist darauf, dass das von den VN finanzierte Lazarett sich hauptsächlich auf die Versorgung von UNTAC-Angehörigen zu beschränken habe.
Schnell spricht sich die kostenfreie und medizinisch ausgezeichnete Behandlung im deutschen Lazarett unter den Einheimischen herum. Sie nennen das „German Field Hospital“ sogar das „Haus der Engel“. Zeitweilig ist jedes zweite Bett mit Einheimischen belegt. Insgesamt beteiligen sich 445 Bundeswehrsoldaten.
Am Ende der Mission stehen etwa 100.000 ambulante und fast 3.500 stationäre Behandlungen zu Buche.
Ausflug endet tödlich
Am 14. Oktober 1993 ist der 26-jährige deutsche Sanitätsfeldwebel Alexander Arndt mit seinem Kameraden Torsten Klaas außerhalb des deutschen Krankenhauses in Phnom Penh unterwegs. Der seltene Ausflug zu einem Restaurant endet für Arndt tödlich.
Auf dem Rückweg ins Lazarett werden die beiden Feldwebel in ihrem VN-Fahrzeug von einheimischen Männern auf einem roten Motorrad überholt. Plötzlich zieht einer der Männer eine Pistole. Vier Schüsse fallen.
Arndt wird im Brustkorb und Oberschenkel getroffen. Klaas schafft es, vom Beifahrersitz aus den Wagen zu stoppen. Klaas fährt so schnell es nur geht zurück ins Lazarett, wo die Ärzte vergeblich versuchen, Arndt zu reanimieren. Arndt ist der erste Bundeswehrsoldat, der in einem VN-Einsatz im Ausland getötet wird.

Bilanz
Obwohl die Roten Khmer sich weigern, ihre Truppenteile zu entwaffnen und zu einem Boykott der Wahlen aufrufen, gerät letztere zu einem Erfolg. Die Wahlen verlaufen weitgehend friedlich.
Knapp 90 Prozent der Kambodschaner geben im Mai 1993 ihre Stimme für eine der 20 Parteien ab und setzen ein Zeichen für einen Neubeginn im Land. Die Bundeswehr erbringt in Kambodscha den Beweis ihrer Leistungsfähigkeit im Rahmen einer VN-Mission. Auch war sie erstmals stark in die operative Seite der Planung einer VN-Mission eingebunden. Rühe zieht ein positives Fazit.
Die UNTAC-Mission sieht er als Grundstein weiterer Auslandsunternehmungen der Bundeswehr: „Das ist eine Vorstufe, und ich sehe generelle Blauhelm-Einsätze, so wie Franzosen hier mit Fallschirmjägern sind und mit anderen Kontingenten, also across the board
.“
Anmerkung
*: Schon zuvor leistete die Bundeswehr mehrfach bei Katastrophen international Hilfe. Ihren ersten, wenn auch kleineren friedensschaffenden VN-Einsatz absolvierte sie 1989 mit Transportflügen für die UNTAG-Mission in Namibia.


