Sie sind hier: Startseite > Soziales > Familie und Dienst > Vereinbarkeit von Familie und Dienst – Birgitt Heidinger im Interview (Teil 1)

Familie und Dienst – ein Interview

Berlin, 14.03.2012.
Vereinbarkeit von Familie und Dienst – hinter dieser kurzen Formel verbirgt sich ein weites Themenfeld. Birgitt Heidinger ist sich dessen bewusst. Die Beauftragte für Vereinbarkeit von Familie und Dienst berät das Ministerium in allen Fragen zu diesem komplexen Thema und stellt sich im Interview unseren Fragen.

Heidinger am Schreibtisch

Netzwerkerin in Sachen Familie und Dienst: Birgitt Heidinger (Quelle: Bundeswehr/Lopez)Größere Abbildung anzeigen

Ihr Aufgabenfeld berührt nicht nur die Dienst- sondern auch die Lebensbereiche von Soldaten und zivilen Mitarbeitern. Es geht über den Dienst hinaus und betrifft auch die Privatspähre von Familien. Es ist sensibel, komplex, individuell. Birgitt Heidinger ist sich dieser Herausforderung bewusst, und sie weiß um ihre Möglichkeiten – und ihre Grenzen.

Seit dem 12. April 2010 ist sie auf dem Posten. Birgitt Heidinger ist 62 Jahre alt, verheiratet, sie hat selbst zwei Kinder großgezogen und war dabei immer berufstätig, wie sie sagt. Wie schwierig es oft ist, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen, muss ihr niemand erzählen. Dass es heute ihre Aufgabe ist, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen, die Probleme darzustellen und vor allem Lösungen anzubieten, nimmt sie als große Herausforderung an. Wohl wissend, dass es „die“ Lösung nicht geben wird.

nach oben

Frau Heidinger, was konkret ist ihre Aufgabe?

Ich bin eingesetzt, um die Leitung des Ministeriums in grundlegenden Fragen zu diesem Themenbereich zu beraten. Dazu gehört es, Vorlagen zu erstellen, Probleme zu erkennen und Optimierungsmöglichkeiten darzustellen.

Das Thema Vereinbarkeit Familie und Dienst ist fachlich in verschiedenen Bereichen des Ministeriums angesiedelt, im Wesentlichen in der Abteilung PSZ (Personal-, Sozial- und Zentralangelegenheiten) und im Führungsstab der Streitkräfte (Fü S I). Das heißt, mein Team, bestehend aus einem Referenten und einer Sachbearbeiterin und mir, wir bemühen uns permanent, den Dingen nachzugehen und mit den handelnden Personen im Gespräch zu bleiben.

nach oben

Was bedeutet Vereinbarkeit von Familie und Dienst? Kann man das auf einen Nenner bringen?

Ein gemeinsamer Nenner ist: Kinderbetreuung. Dieses Thema ist neben der Abwesenheit von der Familie, Stichwort: Pendlerthematik, an allen Standorten der Bundeswehr der zentrale Punkt. Ich besuche zusammen mit meinem zuständigen Referenten, Oberstleutnant Michael Maul, regelmäßig Standorte und wir führen viele Gespräche mit Zuständigen und Betroffenen, angefangen beim Kommandeur, über alle Laufbahngruppen, bis hin zu zivilen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Dabei wird immer öfter ein weiteres Thema angesprochen: die Pflege Angehöriger. Man spürt, dass sich in diesem Bereich die Anforderungen zu verschieben beginnen, und wir da in Zukunft ebenfalls verstärkt Handlungsbedarf haben werden.

Dabei ist meiner Erfahrung nach allen bewusst, dass Vereinbarkeit von Familie und Dienst nicht bedeutet, dass ein Rundum-sorglos-Paket geschnürt wird. Jeder in der Bundeswehr weiß, dass er – wie in jedem anderen Beruf auch – Eigenverantwortung trägt.

Soldat und Familie

An sich eine Selbstverständlichkeit: Auch Soldaten sind Väter (Quelle: Bundeswehr/Bienert)Größere Abbildung anzeigen

nach oben

Die Neuausrichtung der Bundeswehr mit den einhergehenden Standortentscheidungen stellt besonders Familien vor neue Herausforderungen. Welche Hilfestellungen gibt es für sie?

Das Thema Kinderbetreuung muss weiterverfolgt werden. Wir bemühen uns, dass im Umfeld der Standorte Belegplätze in Kindergärten für die Bundeswehrangehörigen bereitgestellt werden.

Das ist aber aus meiner Sicht nicht ausreichend. Die Öffnungszeiten öffentlicher Kindergärten sind meistens nicht kompatibel mit den Dienstzeiten der Bundeswehr. Wenn um 7 Uhr morgens Dienstbeginn ist, müsste der Kindergarten in der Regel noch früher öffnen. Addiert man in ländlichen Regionen die Fahrzeiten zum Dienst hinzu, ergibt sich ein sehr früher „Abgabezeitpunkt“ für die Kinder. Hier wäre es hilfreich, eine dienstortnahe Betreuung zu haben. Die Kommunen sind aber regelmäßig für die Wohnortbevölkerung zuständig. Da müssen vor Ort jeweils viele Anstrengungen unternommen werden, um handhabbare Möglichkeiten zu finden. Im Einzelfall kann sicherlich auch der Dienstbeginn in der Dienststelle neu überdacht werden.

Aus meiner Erfahrung weiß ich, dass es da aber immer jemanden vor Ort gibt, der sich einsetzt, Gespräche führt und versucht, Lösungen zu finden. Eine pauschale flächendeckende Lösung gibt es nicht.

nach oben

Welche Erfolge gibt es?

Wir sind in ein Stück weitergekommen. Ich denke insbesondere an die Bundeswehr-Universitäten und die Bundeswehr-Krankenhäuser. Dort, wo sehr spezifische Herausforderungen gegeben sind, dort sind wir dabei, Betriebskindergärten einzurichten. Ich hoffe sehr, dass in München noch in diesem Jahr sichtbare Ergebnisse zu verzeichnen sein werden.

nach oben

Kann die Bundeswehr als Armee im Einsatz überhaupt „familienfreundlich“ sein?

Das ist eine sehr schwierige Frage, die sich aus meiner Sicht nicht eindeutig beantworten lässt. Das muss jeder Bundeswehrangehörige mit Familienpflichten für sich selbst beantworten.

Eines ist gewiss: Wir schicken niemals Eltern gegen ihren Willen gleichzeitig in den Einsatz. Dennoch ist der daheim Gebliebene dann alleinerziehend. Eine absolute Vereinbarkeit von Familie und Dienst kann es nicht geben. Wenn man Kinder hat, trägt man ein hohes Maß an Eigenverantwortung. Das gilt in der Bundeswehr ebenso wie in allen anderen Berufen unserer Gesellschaft.

nach oben

Familie ist immer ein sehr individuelles Thema. Können auch die Angebote individuell gestaltet werden?

Man kann zunächst nur allgemeingültige Regelungen aufstellen. Aber jede Familie ist ein Einzelfall, mit ganz persönlichen und spezifischen Anforderungen. Deswegen kann man keine Pauschallösung für alle Probleme anbieten. Man wird nicht allen so helfen können, dass es nirgends mehr Probleme geben wird.

Aber ich habe festgestellt, dass es immer die Bemühung gibt, auch im Einzelfall eine Lösung zu finden. Die Kommandeure an den Standorten, Vorgesetzte, Spieße, Mitarbeiter des Sozialdienstes, der Familienbetreuung, der Gleichstellungsbeauftragten und auch der Militärseelsorge sind Ansprechpartner, die sich vertrauensvoll auch um ganz persönliche Belange kümmern.

nach oben


FußFzeile

nach oben

Stand vom: 03.12.13 | Autor: Susanne Lopez


http://www.bundeswehr.de/portal/poc/bwde?uri=ci%3Abw.bwde.soziales.familie_und_dienst&de.conet.contentintegrator.portlet.current.id=01DB170000000001%7C8S5K35610DIBR