„Überleben See“ in Nordholz
Nordholz, 03.05.2012.
Der Lehrgang „Überleben See“ in Nordholz ist obligatorisch für alle Luftfahrzeugbesatzungen der Bundeswehr – egal ob Eurofighterpilot, Ladungsmeister in der Transall oder Luftoperationsoffizier in der P-3 Orion der Marine.

Das Training findet in Nordholz statt und dauert für die Erstausbildung fünf Tage. Für einen Luftwaffensoldaten ist die Marine-Umgebung irgendwie ungewohnt: Ich hätte mir noch einen Barcode-Scanner zulegen sollen, die Vielzahl von verschiedenen Streifen auf den Uniformen sind mir bisher leider zu wenig geläufig.
Das Marinefliegergeschwader 3 beherbergt hier in Nordholz neben der Orion, der Do228 sowie der Sea Lynx auch die Inspektion „Überleben See“, die für die kommenden Tage meine Heimat sein wird. Es werden nicht nur Erst-, sondern auch Wiederholungslehrgänge angeboten. Mein Lehrgang ist fünf Jahre gültig, dann werde ich als Wiederholer zurückkehren nach Nordholz.
Die Unterbringung ist angemessen. Jeder hatte immerhin eine eigene Stube mit Waschbecken. Die Verpflegung in der Truppenküche war auch nicht zu kritisieren. Das Wetter war aber typisch norddeutsch, also jeden Tag regnerisch, bedeckt und recht kühl. Nur am Freitag kam auch mal die Sonne hervor.
Abends haben wir uns unter anderem das beschauliche „Städtchen“ Nordholz angeschaut. Vor der Kaserne in Nordholz gibt es das Aeronauticum. Ein Museum, das sich mit Flugzeugen und der fliegerischen Geschichte beschäftig: empfehlenswert! Cuxhaven sowie Bremerhaven standen ebenfalls auf der Sightseeing-Liste, ein wenig norddeutsches Lebensgefühl muss nach fünf Jahren Bayern schon sein. Ebenfalls möglich war ein Tripp nach Bremen. Für mich nicht uninteressant, schließlich wird dort zukünftig mein Lebensmittelpunkt sein.
Dieser Lehrgang ist außerdem hervorzuheben, weil er der erste Lehrgang ist, bei dem ich den Flugdienstanzug (liebevoll „Kombi“ genannt) anziehen durfte. Nun aber mehr zur Ausbildung:
Montag
Da die Anreise bis zum Mittag dauerte, fing unsere Ausbildung erst am Nachmittag an. Der Hörsaalleiter stellte sich mit der Inspektion und den Ausbildern vor und hielt Unterrichte zur Überlebensausrüstung, die in den nächsten Tagen wichtig werden würde. So wurden uns der Rettungsschirm aber auch der Schleudersitz erklärt. Noch spannender wurde es beim Thema Rettungsinsel und -weste. Auch das Notfallpaket mit Nährlösung, Flickzeug, Angelschnur, Signalmitteln und vielem mehr wurde uns gezeigt und erläutert. Kombiniert wurden diese Unterrichte mit Erlebnissen der Ausbilder, die die Bedeutung der Themen verdeutlichten.
Dienstag
Am zweiten Tag des Lehrgangs mussten wir schon das erste Mal ins Nass. Die Ausbildungshalle ist aber komplett beheizt und das Wasser hat circa 30 Grad Celsius. Klingt nach Badewanne, hat aber auch einen Grund, denn mit der nassen Kombi, die wir alle beim Schwimmen tragen, kann es außerhalb des Wassers schnell kalt werden.
So befasste sich dieser Tag hauptsächlich mit der Eingewöhnung im Wasser und dem Schwimmen mit Kombi und Turnschuhen. Wir mussten außerdem zeigen, dass wir unter Wasser den Druckausgleich durchführen können. Dazu hieß es, einmal quer durch das Becken von circa einem auf drei Meter Tiefe zu tauchen.
Im Anschluss musste jeder von uns einmal vom Fünf-Meter-Turm springen, da dies später zum Ausbildungsinhalt gehört. Hätte sich ein Lehrgangsteilnehmer verweigert, wäre er vom Lehrgang abgelöst worden. Zum Abschluss des Tages wurden uns noch ein paar Techniken gezeigt, die uns im Falle einer Notwasserung kräftesparend an der Wasseroberfläche halten würden. So kann man den Flugdienstanzug beispielsweise aufblasen und als Schwimmhilfe nutzen.
Mittwoch
Am Mittwoch stand eine Art Zirkeltraining auf dem Dienstplan. Hierbei sollten alle relevanten Überlebenstechniken nach einem Absturz über Wasser genutzt werden. Der Ablauf simuliert das Verlassen eines notgewasserten Luftfahrzeuges. Begonnen wurde mit einem Fünf-Meter-Sprung in voller Montur inklusive Helm und aufgeblasener Rettungsweste. Danach musste ich unter einem auf dem Wasser ausgebreiteten Fallschirm durchschwimmen. Nun konnte eine Rettungsinsel aufgerichtet und bestiegen werden. Zum Schluss wurde ich wieder auf den Turm gewincht.
Den zweiten Durchgang musste ich mit einer abgedunkelten Brille absolvieren. Durch diesen Umstand sollte ein nächtlicher Absturz nachgestellt werden.
Bei starken Winden auf offener See kann es auch vorkommen, dass man am Fallschirm durch das Wasser gezogen wird. In der Ausbildungshalle gibt es dafür einen Simulator, der mich einmal mit und einmal ohne verdunkelte Brille solange durch das Becken gezogen hat, bis ich meine Lage im Wasser stabilisiert hatte und das Gurtzeug lösen konnte.
Donnerstag
An diesem Tag stand zuerst das sogenannte Stundenschwimmen auf dem Dienstplan. Für mich bedeutete das, dass ich erst mit allen anderen Lehrgangsteilnehmern 30 Minuten im Kreis schwimmen durfte. Danach musste jeder mit den erlernten Techniken versuchen weitere 30 Minuten über Wasser zu bleiben.
Das Highlight des Tages kam aber danach. Um das „Ditching-Manöver“ zu üben, wurde ein Unterwasserausstiegstrainer genutzt, welcher in das Wasser gelassen wird und dabei gedreht werden kann. So werden der Absturz und das Umkippen eines Luftfahrzeugs simuliert (die Bestuhlung kann dabei an verschiedene Luftfahrzeugmuster angepasst werden).
Bei dem ersten Durchgang saß ich gleich neben der Tür und konnte als Erster den Flugzeugrumpf verlassen – nach maximal 10 Sekunden unter Wasser konnte ich schon wieder nach frischer Luft schnappen. Bei dem zweiten Durchgang kam wieder die verdunkelte Brille zum Einsatz und diesmal saß ich am anderen Ende der Sitzbank, ergo wartete ich diesmal, bis alle anderen vor mir das Luftfahrzeug verlassen hatten – aber auch diese Herausforderung bedeutete maximal 20 Sekunden Luftanhalten. Die Orientierung wird aber sehr erschwert und ist nur über den Tastsinn möglich. Hier ist eine große Portion Gelassenheit und Ruhe von Vorteil.
Zum Abschluss des Tages wurden uns noch verschiedene Signalmittel demonstriert, im Notfall hilfreich, um auf offener See auf sich aufmerksam zu machen.
Freitag
Zur Krönung des Lehrgangs fuhren wir am Freitag mit einem Schiff hinaus in die Elbemündung. Hier war eine Rettungsinsel bereits an einer Boje befestigt. Nun sprangen wir gruppenweise (die simulierte Notwasserung) in gelben, wasserdichten Rettungsanzügen mit Helm und Rettungsweste in die Nordsee und schwammen zu dieser Rettungsinsel. Aufgrund der recht starken Strömung war das nicht so einfach.
Dort angekommen, bestiegen wir nacheinander die Insel und warteten auf den Hubschrauber, der uns abholen sollte. Dieser winchte uns dann, wie wir das geübt hatten, aus der Rettungsinsel hinauf an Bord. Zur Freude aller ging es dann vom Hubschrauber auch wieder per Winde zurück auf das Schiff: freihängend am Hubschrauber – ein unvergessliches Erlebnis. Zurück in Nordholz folgte noch die Übergabe der Zeugnisse.
Somit war dieser sehr erlebnisreiche Lehrgang abgeschlossen, der erste Schritt Richtung Cockpit absolviert.

