Afghanistan: Das Land am Hindukusch
1. Politisch-geographische Bedeutung
- Binnenland und strategisch wichtigstes Grenzland zwischen China, Pakistan, GUS-Nachfolgestaaten und Iran
- Antiterror-Kampagne der USA (Operation Enduring Freedom, seit Oktober 2001); Sturz und Vertreibung des Taliban-Regimes, vor allem durch die Nordallianz im Dezember 2001; Einigung über politische Neuordnung des Landes bis 2004 (Afghanistan-Konferenz, Petersberg, Dezember 2001 und 2002), damit Option auf Milliarden–Aufbauhilfe durch die Internationale Staatengemeinschaft
- Provisorische Regierung unter paschtunischem Stammesführer Hamid Karzai; Abschluss des Demokratisierungsprozesses mit Präsidentschaftswahlen im Oktober 2004 und Parlamentswahlen im September 2005 sowie Konstituierung des Parlaments im Dezember 2005
- Internationale Sicherheitsunterstützungstruppe (ISAF) unter NATO-Kommando im Auftrag der Vereinten Nationen (VN)
- Flüchtlinge: etwa drei Millionen, größtenteils in Pakistan und im Iran (stand Februar 2008); circa 132.600 Binnenflüchtlinge (seit September 2006)
- Wiedererstarken der diplomatischen Beziehung zum Irak im August 2002; Wiederaufnahme politischer Beziehungen zu Anrainerstaaten („Kabuler Erklärungen“ Januar 2003); Normalisierung der bilateralen Beziehungen zu Pakistan (Koordinierung gemeinsamer Militäroperationen, gemeinsames Vorgehen gegen Rauschgift- und Waffenhandel, Gefangenenaustausch, Grenzkontrollen, Transithandel), jedoch weiterhin schwelender Grenzkonflikt wegen umstrittener Grenzziehung entlang der „Durand“-Linie sowie Trainingslagern afghanischer Taliban in pakistanischem Grenzgebiet; Bau von Grenzschutzanlagen durch Pakistan 2007
- Starke Zerstörung zentraler Einrichtungen (Krankenhäuser, Schulen); unzureichende Infrastruktur, besonders in der Strom- und Wasserversorgung; verschärfter Engpass auf dem Wohnungsmarkt durch Rückkehr von Millionen afghanischer Flüchlinge; chronische Nahrungsmittelknappheit (bis zu fünf Millionen Betroffene); 16,5 Prozent Kindersterblichkeit (2003); noch fünf bis sieben Millionen Landminen vorhanden
2. Staats- und Regierungsform
- Islamische Republik Afghanistan und demokratische Verfassung seit Januar 2004
- Volksvertretung: Zweikammerparlament (351 Abgeordnete, darunter 68 Frauen)
- Administrative Gliederung: 34 Provinzen (Velayat-e)
- Mitgliedschaft in internationalen Organisationen: Vereinte Nationen und VN–Sonderorganisation, Asian Development Bank (ADB), Blockfreie; G–77
3. Lage, Größe und Grenzen
- Zeitzone: Mitteleuropäische Zeit (MEZ) plus 3,5 Stunden
- Lage: Vorderasien
- Fläche: 652.090 Quadratkilometer (fast doppelt so groß wie Deutschland)
- Nordwest–Südost–Erstreckung: circa 850 Kilometer
- Südwest–Nordost–Erstreckung: circa 1.550 Kilometer, mit dem Vakhan-Korridor nach China
- Afghanistan grenzt im:
- Norden an Turkmenistan (744 Kilometer), Usbekistan (137 Kilometer), Tadschikistan (1.206 Kilometer)
- Nordosten an die Volksrepublik China (76 Kilometer)
- Westen an den Iran (936 Kilometer)
4. Oberflächenformen, Gewässer und Landnutzung
Überwiegend Gebirgsland (50 Prozent des Landes in Höhenlagen zwischen 600 und 1.800 Meter, circa 33 Prozent zwischen 1.800 und 3.000 Meter und circa 10 Prozent über dem Meeresspiegel)
Drei Großlandschaften:
- Zentraler Landesteil: Von Ostnordost nach Westsüdwest verlaufende Gebirgsketten des Hindukusch; Länge über 1.200 Kilometer, Breite bis zu 250 Kilometer und Binnenhochland; Gipfelhöhen 3.000 bis über 7.500 Meter über dem Meeresspiegel (höchste Erhebung Noshag 7.485 Meter über dem Meeresspiegel)
- Zentralafghanisches Hochland; von Höhen zwischen 3.000 und 5.000 Meter über dem Meeresspiegel dominiert; durchzogen von zwei entlang von Schächezonen verlaufenden Tälern
- Tiefebenen und Becken: Rigestan– und Sistan–Becken im Süden und Südwesten (300-500 Meter über dem Meeresspiegel); Amurar'ya–Tiefland im Norden (250–400 Meter über dem Meeresspiegel); Kaboler Becken in tekonischer Senke im Osten (1.800–1.900 Meter über dem Meeresspiegel) und östlich anschließend Jalalabad–Becken (400–500 Meter über dem Meeresspiegel)
Gewässer: Flüsse meist aus dem Hindukusch; Wasserführung stark schwankend, meist in abflusslosen Senken, Seen oder Salzsümpfen endend (Helmand, Amudar'ya; Kabulfluss im Osten in den Indus (Pakistan)
Naturgefahren: Erdbeben, Überschwemmung, Dürren und Massenverlagerungen (Erdrutsche, Schlammlawinen)
Flächennutzung (2002): Ackerland 12 Prozent, Weide 46 Prozent, Wald 2 Prozent, Sonstige 40 Prozent
5. Klima
Überwiegend arides Kontinentalklima mit starken Temperaturschwankungen; reliefbeding ausgeprägte Klimaunterschiede, von aridem Wüsten – und Steppenklima (Ebenen) über subtropisches bis zu alpinem Hochgebirgsklima; geringe Niederschläge, unregelmäßig und je nach Höhenlage unterschiedlich; indischer Sommermonsun nur im Osten des Landes; im Westen im Winter geringe Niederschläge.
6. Bevölkerung und Besiedlung
- Einwohner: 31,9 Millionen (stand 2007)
- Bevölkerungsdichte: 50 Einwohner pro Quadratkilometer (stand 2007)
- Bevölkerungswachstum: 2,6 Prozent (stand 2007)
- Ethnien (mindestens 30): 45 Prozent Paschtunen; 28 Prozent Tadschiken; 9 Prozent Usbeken; 7 Prozent Hazara; 4 Prozent Aimak; 3 Prozent Turkmenen; 1 Prozent Belutschen; 3 Prozent sonstige (Nuristani, Kirgisen, Inder und andere)
- Sprachen: 50 Prozent Dari (afghanisches Persisch), 35 Prozent Paschtu; 10 Prozent Turksprachen (Usbekisch, Turkmenisch); 5 Prozent sonstige (circa 30 weitere Sprachen)
- Religion: 99 Prozent Muslime (84 Prozent Sunniten, 15 Prozent Zwölfer–Schiiten beziehungsweise Imaniten und Siebener–Schiiten beziehungsweise Ismaeliten); ein Prozent sonstige
- Analphabetenrate: 64 Prozent (Schätzung 2007)
- Städtische Bevölkerung: 20 Prozent (2007)
- Größere Städte (Berechnung 2008): Kabul (Hauptstadt) 3,2 Millionen Einwohner (Agglomeration); Kandahar 347.300 Einwohner; Mazar–e Sharif 277.300 Einwohner; Herat 350.200 Einwohner; Jalalabad 143.500 Einwohner; Konduz 113.700 Einwohner; Ghazni 50.000 Einwohner
7. Wirtschaft
Weitgehende Zerstörung des Landes nach über zwei Jahrzehnten kriegerischer Auseinandersetzungen, Industrie nur rudimentär vorhanden und auf Verarbeitung landwirtschaftlicher Erzeugnisse beschränkt; umfangreiche Hilfsaktionen der Vereinten Nationen seit Oktober 2001, marktwirtschaftlich orientierte Wirtschaft; Landwirtschaft derzeit einer der stärksten Wachstumsbereiche, Wiederherstellung wirtschaftlicher Grundbedingungen: Aufbau des Schul– und Gesundheitssystems durch das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF) und der Polizei (durch Deutschland), Errichtung neuer Stromerzeugungs– und Wasserbewirtschaftungseinrichtungen
- Währung: 1 Afgani (AF) gleich 100 Pils; 1 US-Dollar gleich 49,60 AF (stand Januar 2007)
- BIP: 9,9 Milliarden US-Dollar (stand 2007)
- BIP–Wachstum: 8,4 Prozent (Prognose 2008)
- BIP pro Kopf: 363 US-Dollar (Schätzung 2007)
- Inflationsrate:7,6 Prozent (Prognose 2007)
- Auslandsverschuldung: 11,3 Milliarden US-Dollar (2006); Umschulungsabkommen mit wichtigsten Gläubigerstaaten (April 2007)
- BIP-Entstehung: Landwirtschaft 38 Prozent; Industrie 25 Prozent; Dienstleistungen 37 Prozent (2005/06)
- Arbeitslosenquote: 70 Prozent (in Kabul), auf dem Land weitaus höher (im Osten und Süden des Landes bis 90 Prozent) (2006/2007)
- 80 Prozent der Bevölkerung (Landesbevölkerung) unterhalb der Armutsgrenze lebend (2008)
- Außenhandel (2005/06):
- wichtigste Handelspartner: Pakistan (circa 50 Prozent der Importe); China; Japan; Indien; Deutschland
- Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Fischerei:
- nur circa zwölf Prozent der Fläche für Ackerbau nutzbar, der größte Teil auf künstliche Bewässerung angewiesen; Probleme durch Zerstörung von Bewässerungskanälen und Verminung
- Anteil der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft: 80 Prozent (stand 2005)
- Ernteverluste durch anhaltene Dürreperiode
- Anbauprodukte: Getreide (vor allem Weizen), Gemüse, Früchte (vor allem Weintrauben, Melonen, Trockenfrüchte), Baumwolle;
- Viehwirtschaft: Zucht von Karakuschafen, Ziegenhaltung
- Bodenschätze: Kohle, Erdgas, Erdöl, Eisenerz, Marmor, Talk, Apatit, Graphit, Phosphor, Kupfer, Gold, Halbedelsteine (Lapislazuli: bedeutendste Fundstätte der Erde)
- Pipelines: Erdgas 466 Kilometer (2007)
- Energiewirtschaft: Versorgung durch heimische Brennstoffe (Holz, Holzkohle, Steinkohle, Erdgas), Wasserkraftwerke (63 Prozent der Stromkapazität) und eingeführte Erdölprodukte; Großteil der Wärme– und Wasserkraftwerke durch Kampfhandlungen zerstört (Instandsetzung von zwei Wasserkraftwerken durch Deutschland seit November 2002)
8. Verkehr
- Straßen (2007): 34.070 Kilometer insgesamt, davon 2.360 Kilometer befestigt; durch Krieg und Bürgerkrieg zerstörte Infastruktur mit Hilfe internationaler Gebergemeinschaft im Wiederaufbau (zum Teil Erneuerung des Überlandstraßensystems); extreme Minengefahr
- Schiene: nicht vorhanden; nur zwölf Kilometer Breitspur (Verbindung zwischen Termez (Usbekistan) üder kombinierte Eisenbahn–Straßenbrücke nach Hayratan am Südufer der Amudar'ya
- Wasser (2007): ganzjährig auf dem Grenzfluss Amudar'ya für Schiffe bis 500 Bruttoregistertonnen und bis einen Meter Tiefgang (1.200 Kilometer Wasserstraßen); größere Häfen: Shir Khan, Tash Gozar und Containerhafen Hayratan
- Luft (2007): drei internationale Flughäfen Kabul, Kandahar, Herat; circa 60 Flugplätze insgesamt, zehn befestigt; schwere Zerstörungen durch Laufangriffe (seit Oktober 2001)

