10 Soldaten sind das System Infanterist der Zukunft
Berlin, 23.04.2004.
Ein Gruppenführer, 9 Fallschirmjäger, Gebirgsjäger oder Jäger, ein gepanzertes Fahrzeug als Mutterschiff, Wärmebildgerät, Satellitennavigation, Laserentfernungsmesser, Granatpistole am Gewehr G36, in der Schutzweste integrierter Daten- und Sprechfunk, vernetzte Informationen dargestellt auf einem Handheld-Computer NaviCom. Das ist das System "Infanterist der Zukunft".
Im Rahmen des Berliner Forums Zukunft des Forschungs-institutes der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik fand am 22. April ein Expertengespräch zum Thema "Infanterist der Zukunft, Neue Fähigkeiten im Rahmen der vernetzten Operationsführung" statt.
Wie notwendig eine moderne Ausrüstung für die Infantristen ist, zeigte Brigadegeneral Werner Freers, Leiter der Stabsabteilung für Führung, Konzeption und Einsatzgrundsätze des Führungsstabes des Heeres auf. Rund 7000 Soldaten sind derzeit für die Bundeswehr im Einsatz, weit über 100.000 Soldaten haben Erfahrungen im Einsatzland sammeln können. Dabei treten aktuell drei Einsatzformen gleichzeitig auf, wie Freers ausführte. Krisen- und Konfliktbewältigung, Humanitäre Hilfe und Gefecht finden nebeneinander statt. "Dass dieses "
Three Block War" Szenario der Realität entspricht, erfahren verbündete Streitkräfte gerade im Irak", erläuterte Freers.
Für den einzelnen Soldaten in einer urbanen Umgebung bedeutet dies die unvermeidbare Duell-Situation auf kürzester Entfernung. Der Soldat kann sich nicht entziehen. Es entscheidet der technische Vorteil. Um den technischen Vorteil zu erlangen, wurde das System Infanterist der Zukunft (
IdZ) modular aufgebaut. Je nach den verschiedenen Rahmenbedingungen des Einsatzes lassen sich verschiedene Geräte und Ausstattungen vom "Mutterschiff", einem gepanzerten Fahrzeug, anlegen und mitführen. Besteht der einzelne Infanterist die verschiedensten Anforderungen, ist der Grundstein für den Erfolg der ganzen Operation gelegt.
Dr. Jens Gönnemann von der
Defence Electronic EADS Deutschland GmbH betonte, dass das System
IdZ ein wichtiger Schritt des Heeres hin zu einer vernetzten Operationsführung ist. Dabei stehen die Informations- und Entscheidungsüberlegenheit, kurze Reaktionszeit und niedrige Kosten als zentrale Anforderungen. Gönnemann führte das am Beispiel der Schutzweste aus. Die heute im Einsatz befindliche berüchtigte "Bristol", deren Gewicht auf den Schulten lastet, wird durch eine moderne, neun Kilogramm leichte und mit einem Tragesystem ausgestattete Schutzweste ersetzt. Deren Gewicht ruht zu 70 Prozent auf den Hüften. Diese Schutzweste erfüllt die Bedingungen der Schutzklasse 1, hält also beispielweise einen Messerstich ab. Sie ist mit Kevlarplatten auf Schutzklasse 4 erweiterbar. Dann wiegt sie 13 Kilogramm und hält dem Aufprall eines 7,62 mm Geschosses stand.
Mit dem Einsatz von unbemannten ferngelenkten Luft- und Bodenfahrzeugen (engl.
UAV/
UGV) kann Informationsüberlegenheit durch Aufklärung erreicht werden. Dabei werden die Daten von einem Quadrocopter, einem kleinen ferngesteuertem Hubschrauber mit vier Rotoren, in Echtzeit auf das NaviCom aller Soldaten vor Ort übertragen, die diese Information benötigen. Er ist auch in der Lage in Gebäude einzudringen, und eignet sich so für den Einsatz in urbanem Gelände.
Helmut Burkhardt, Geschäftsführer der Oerlikon Contraves GmbH stellte das Zielerkennungs-System Freund-Feind dar. Als Anbauteil am Gewehr G36 wird über die Ziellinie ein codierter Laserstrahl ausgesandt. Es muss Sichtkontakt zum Gegenüber bestehen. Eine am Oberarm getragene Box beantwortet die Abfrage per Funk. Am Gewehr des Abfragers erscheint dann ein Signal für "Freund" oder "unbekannt".
Prof. Dr. med. Karl Kirsch vom Institut für Physiologie der Charité gab einen umfassenden Überblick der körperlichen Grenzen, die einem Menschen gesetzt sind. Er legte dar, wie die Leistungsfähigkeit sich unter den unterschiedlichen Umweltbedingungen verändert, wie große Hitze in der Wüste, der Einsatz in großen Höhen den Soldaten beeinflussen.
Military Fitness unterteilte er in physische, kognitive, psychische und soziale Fähigkeiten.
Soldaten stehen ständig unter dem Druck, richtig im Sinne des Auftrages entscheiden zu müssen. Sie müssen zusammenhängend denken und Aufgaben präzise ausführen können. Diese kognitiven oder geistigen Fähigkeiten sollen auch bei der emotionalen Belastung des Einsatzes erhalten bleiben. Die körperliche Verfassung der Soldaten ist bereits verhältnismäßig gut erforscht. Es bietet sich eine Sensortechnik bis 500 Gramm an, um jederzeit Daten über Atmung, den Salz- Wasser und Energiehaushalt, die Körperaußen- und Kerntemperatur, den Umfang an Aktivitäten, die Qualität des Schlafes und das Nervensystem zu erhalten. Diese Daten lassen sich leicht zu Entscheidungen heranziehen und unterstützen so den Einzelnen aber auch den Kommandeur vor Ort. Dass es dabei um vermeintlich einfachste Dinge geht, wie beispielsweise Soldaten an die Aufnahme von Flüssigkeit während eines Einsatzes zu erinnern, zeigt, dass der Mensch im System "Infanterist der Zukunft" trotz aller Technik noch immer die wichtigste Komponente ist.
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