"In einer experimentell simulierten Vorgehensweise liegt die Zukunft!"
Berlin, 01.03.2006.
Generalmajor Manfred Engelhardt spricht in einem Interview über das „Multinationale Experiment 4 (MNE 4)“.


Generalmajor Manfred Engelhardt während eines Manövers (Quelle: Bildstelle Bundeswehr)
Generalmajor Manfred Engelhardt ist Kommandeur der 10. Panzerdivision in Sigmaringen. Zuvor war er als Brigadegeneral und Stabsabteilungsleiter V im Führungsstab der Streitkräfte zuständig für den Einsatz der Bundeswehr. Im Jahre 2003 schrieb er in einem Fachartikel zur Neuausrichtung der Bundeswehr (SGW Kompendium, September 2003), dass die netzwerkzentrierte Operationsführung einen wesentlichen Einfluss auf die Weiterentwicklung nehmen werde. Diese werde durch
Concept Development and Experimentation (CD&E, Konzeptentwicklung und experimentelle Überprüfung)-Prozess der
USA und der
NATO auf Praxistauglichkeit und Realisierungschancen hin erprobt. Zitat: „Wir messen daher unserer Beteiligung an diesem
CD&E-Prozess erhebliche Bedeutung bei, weil wir uns hier einen Erfahrungsgewinn versprechen, den wir alleine in dieser Form nicht erzielen können.“
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Rückschläge durch den „Knowledge Based“- Ansatz vermeiden
Frage: Herr General. Als Kommandeur der 10. Panzerdivision tragen Sie in der neuen Bundeswehr-Struktur Verantwortung für zwei sogenannte Stabilisierungsbrigaden. Das Zentrum für Transformation der Bundeswehr mit dem Bereich
CD&E untersucht im "Multinational Experiment 4" derzeit am Szenario einer Stabilisierungsoperation in Afghanistan, wie man das Einsatzgebiet als System von Systemen verstehen und somit ein dynamisches und ganzheitliches Verständnis vor Ort gewinnen kann. Die Experten nennen das Knowledge Base Development (KBO). Was halten Sie von einem solchen Ansatz?"
Generalmajor Manfred Engelhardt: "Das Fördern und Begleiten einer friedlichen Entwicklung in einem Einsatzgebiet unter Absicherung durch Stabilisierungskräfte ist immer ein dynamischer Prozess, der durch vielfältige Faktoren Rückschläge erleiden kann. Die Ursachen solcher Rückschläge liegen zumeist nicht im Bereich noch vorhandener militärischer Machtmittel, sondern im Bereich wirtschaftlicher Perspektivlosigkeit, ethnisch oder religiös begründetem Radikalismus und einer zu diesen Zwecken instrumentalisierten emotionalisierten Öffentlichkeit, um nur einige wenige Beispiele zu nennen. Ein "
knowledge based"-Ansatz, der von vornherein das Ziel einer integrativen, auch alle nichtmilitärischen "
agencies" umfassenden Gesamtoperation beinhaltet, kann solchen Rückschlägen wesentlich besser vorbeugen und – falls sie dennoch eintreten – wirksamer begegnen. In einer solchen, auch experimentell simulierten Vorgehensweise liegt die Zukunft."
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Mehr Transparenz durch Informationsoperationen
Frage: Ein zweites Projekt, bei dem die Deutschen in
MNE4 führend sind, befasst sich mit Informationsoperationen. Darunter versteht man die Koordination aller militärischen Maßnahmen, mit denen Wirkungen auf Informationen und Informationssysteme erzielt werden können. Welche Bedeutung messen Sie den sogenannten
InfoOps bei?
Generalmajor Manfred Engelhardt: "Wir erleben zur Zeit ja gerade, welch strategische Dimension die Auseinandersetzung um die Mohammed-Karikaturen genommen hat. Auf Ebene unserer strategischen und operativen Hauptquartiere ist die herausragende Rolle von InfoOps als eines auf die "
hearts and minds" zielenden "
force multipliers" längst unbestritten. Es geht darum, die Ziele unserer Operationen transparent zu machen als Hilfe zur Selbsthilfe, um die geschundenen Völker zu befähigen, nach einem überschaubaren Zeitraum ihre Geschicke wieder selbst in die Hand nehmen zu können. Was mir persönlich zur Zeit noch zu kurz kommt, ist der selbstverständliche Umgang mit diesem Mittel auf der taktischen Ebene. Hier sehe ich noch Verbesserungsbedarf."
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„Entscheidend ist, was hinten rauskommt!“
Frage: "Das zentrale Thema von
MNE 4 ist ein auf Wirkungen basierender Zugang zu multinationalen Operationen (Effects-Based Approach to Multinational Operations/ MN EBO), das heißt: Die Operationen werden vom beabsichtigten Ende her geplant, durchgeführt und bewertet – frei nach dem Motto: "Entscheidend ist, was hinten rauskommt!" Wichtig ist dabei, alle Elemente staatlichen Handelns auf operativer Ebene zu integrieren, ja sogar nichtstaatliche Akteure wie zivile Hilfsorganisationen im Einsatzgebiet einzubinden, denn auch nicht-militärische Einflüsse wirken sich auf die Lage vor Ort aus. Wie bewerten Sie einen solchen ganzheitlichen, ressortübergreifenden Ansatz?"
Generalmajor Manfred Engelhardt:"
Effects-Based Operations haben ja zum Ziel, alle Wirkungselemente einer Operation auf das zu erreichende Ziel hin zu synchronisieren und zu optimieren. Militärische Kräfte sichern diesen dynamischen Prozess ab, sind also nur Teil eines unabdingbar notwendigen ressortübergreifenden Ansatzes. Was wir brauchen, ist eine unter straffer politischer Führung stehende Gesamtoperation, die alle Kräfte auf den zu erreichenden Endzustand hin bündelt, der die volle Souveränität des unterstützten Landes zum Ziel haben muss. Am Ende wird immer die Frage stehen: Erlauben politische und wirtschaftliche Lage sowie der Zustand innerer und äußerer Sicherheit diesen Schritt? Nur in einem ganzheitlichen ressortübergreifenden Ansatz liegt die Chance einer
Exit Strategy, die diesen Namen verdient."
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CD&E-Prozess
Frage: "All diese Projekte werden experimentell untersucht. Halten sie heute als Kommandeur einer Stabilisierungsdivision das für Selbstbeschäftigung von Wissenschaftlern und Experten, die nichts bringt? Falls nein, wie kann die Truppe davon profitieren?"
Generalmajor Manfred Engelhardt: "Der
CD&E-Prozess muss zu ressortübergreifenden, multinationalen Strukturen und Verfahren führen, die im Falle einer neu zu planenden Operation eine ganzheitliche Implementierung erlauben. Es reicht nicht aus, wenn das Militär in einem Krisengebiet für die Abkühlung des Konfliktpotenzials unter den Siedepunkt sorgt, das Feuer aber durch wirtschaftliche Perspektivlosigkeit weiter auf kleiner Flamme genährt wird. Für die Truppe heißt das, dass sie auf pragmatische Weise in den
CD&E-Prozess eingebunden werden muss, um ihre Fähigkeiten optimal einbringen und weiter entwickeln zu können. Wir dürfen auf keinen Fall den Fehler machen, den
CD&E Prozess zu bürokratisieren, sondern müssen das Innovationspotenzial der Truppe einbeziehen, um zu möglichst zeitnahen Verbesserungen unseres Verständnisses und unserer Fähigkeiten zu gelangen. Gerade das ist ja auch ein Ziel der Transformation."
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Soldatinnen und Soldaten als Motor der Entwicklung
Frage: "Herr General. Sie gelten als einer derjenigen, die den Begriff
CD&E in die Bundeswehr implementiert haben. Sehen sie Ihrer damaligen Erwartungen an Erfahrungsgewinn enttäuscht, erfüllt oder gar übertroffen?"
Generalmajor Manfred Engelhardt: "Nun, ich will die Implementierung des
CD&E-Prozesses nicht für mich allein reklamieren, ich war nur sehr früh in die US- und multinationalen Aktivitäten involviert und habe Anstöße gegeben. Ich denke, man wird abwarten müssen, ob die Veränderungen in Organisation, Strukturen, Verfahren, Rüstungsbeschaffungen und Ausbildung mit den Einsatzerfordernissen Schritt halten und der Transformationsprozess seine Dynamik beibehält. Es liegt an uns allen, für dieses Verständnis von Transformation zu werben und unsere Soldatinnen und Soldaten nicht nur mitzunehmen, sondern zum Motor dieser Entwicklung zu machen."
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