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6 Fragen an Oberst Marc Vogt

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Werden Sie auch in den bevorstehenden Einsatz gehen?

Nein, leider nicht. Als Oberstleutnant war ich damals als Kontingentführer mit meinen Leuten im Einsatz; als Regimentskommandeur ist das nicht vorgesehen. Außerdem stellt das Heer in diesem Fall den Leitverband, sodass die Aufgabe, dieses Kontingent zu führen, auch dort bleibt. Dennoch wäre es schön, mit ihnen zu gehen – das ist immer besser, als „tatenlos“ zu Hause zu sitzen.

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Sie sagen „tatenlos“: glauben Sie, dass ihr Verband nicht gut vorbereitet ist?

Doch! Meine Soldatinnen und Soldaten sind noch in der Einsatzvorbereitung und sie bekommen die Ausbildung und Ausstattung, die sie brauchen und alles in unserer Macht Stehende, um sie bestmöglich vorzubereiten. Aber: jeder Einsatz ist etwas Besonderes.

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Machen Sie sich Sorgen wegen des etwas anderen Auftrags den ihr Verband haben wird?

Meine Infanteriekräfte unterstehen dem Heer und ja, Fernpatrouillen fallen nicht in unser reguläres Spektrum. Heißt aber nicht, dass wir das nicht können. Wir kämpfen teilstreitkraftübergreifend, aber immer noch mit Vorurteilen. Aber für uns gilt das gleiche, wie für alle anderen: Wir können manche Sachen besonders gut und manche weniger. Sicher sind wir nicht die, für die der Angriff im Bataillonsrahmen zum Grundrepertoire gehört. Aber dafür sind wir die, die das „Risk-Management“ beherrschen. Wir können mit begrenzten Ressourcen den bestmöglichen Schutz eines Kontingentes sicherstellen. Wir sind die, die dafür sorgen, dass ein Luftfahrzeug sicher landen kann. Und dabei können wir uns nichts aussuchen: ob es uns passt oder nicht, wir müssen da rein. Uns sind die Zeit und der Raum einfach vorgegeben – und das trainieren wir tagtäglich.

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Aber was ist dann die Herausforderung?

Die Herausforderung, die ich für all meine Soldaten, von den Infanteristen, über die Pioniere bis hin zu den Brandschützern sehe, ist eine andere: Es ist die menschliche Ebene. Die Frage ist doch: Wie finden die Züge aus Heer und Luftwaffe zusammen? Wie kommen die Frauen und Männer miteinander klar, obwohl sie sich nicht kennen? Und das auf engstem Raum, mit operationellem Druck und über eine lange Zeit. Die Vorausbildung ist deshalb umso wichtiger, auch wenn die langen Übungsplatzaufenthalte in Süddeutschland wie kleine Einsätze vor dem Einsatz erscheinen. Generell will man das aufgrund der eh schon hohen Belastung vermeiden. In diesem Fall ist es aber einfach notwendig. Die Soldaten lernen den kennen, der für eine lange Zeit neben einem lebt und mit einem operiert. Wenn sie sich jetzt nicht kennenlernen, wann dann?

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Ist Afrika die große Unbekannte?

Mali ist etwas Anderes als Jordanien. Die Bedrohungslage ist eine andere. Es ist derzeit wie zu alten Zeiten in Afghanistan – wir leben dort einfach in einer heißen Phase. Das Besondere an diesem Einsatz ist, dass wir auf einen Schlag all unsere Fähigkeiten in den Einsatz entsenden. Angefangen von den Kampfmittelbeseitigern und Brandschützern über die infanteristischen Kräfte und Pioniere bis hin zu den Feldnachrichtenkräften. Und all diese Menschen und Fähigkeiten unter Corona-Bedingungen auszubilden und zu trainieren, ist unsere Herausforderung. Das ist schon eine Leistung, die ich meinen Männern und Frauen da gerade abverlange. Aber sie meistern es hervorragend.

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Was geben Sie Ihrem Verband mit auf den Weg?

Das gleiche, was ich immer auf die Karten, die ich in den Einsatz schicke, schreibe und was ich auch genauso meine: Passt gegenseitig auf euch auf, erfüllt euren Auftrag und kommt heil wieder! Wir sind einfach ein einmaliger Haufen und spätestens im Einsatz wird sich zeigen, dass das Schweizer Taschenmesser der Luftwaffe alle Herausforderungen meistern wird. Wir sind nicht singulär in unseren Fähigkeiten. Überall wird „pooling“ ganz großgeschrieben. Effizienz ist das, was dort zählt. Bei uns wird nicht gepoolt: Bei uns gibt es alles, was man für den Einsatz braucht. Das macht uns vielleicht nicht sehr effizient, aber dafür umso effektiver. Wir sind nur 1.600 Mann stark – aber jeder einzelne davon ist ein Profi.

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