Funkkreis

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11 MIN

Delta to all radio check. Over.
Hier ist Bravo. Kommen.
This is Tango. Over.
Funkkreis – Podcast der Bundeswehr.

Hausbesuch per Videoschalte – das ist unser Thema heute. Hier ist Barbara Gantenbein von der Redaktion der Bundeswehr in Berlin und ich freue mich, dass Sie heute wieder zuhören.

Die Videosprechstunde ist ein Pilotprojekt vom Bundeswehr-Krankenhaus in Berlin. Und gerade jetzt, mitten in der COVID-19Coronavirus Disease 2019-Pandemie, ist die natürlich ganz besonders gefragt, denn online kann man sich nicht anstecken. Das Projekt hat eine ganze Menge weiterer Vorteile. Welche das sind, das erklärt uns jetzt Oberfeldarzt Gordian Weber. Er war von Anfang an dabei.

(G) Guten Tag, Herr Weber.

(W) Schönen guten Tag.

(G) Ich freue mich, dass Sie da sind, Herr Weber. Seit wann arbeiten Sie mit der Videosprechstunde?

(W) Mit der Videosprechstunde arbeiten wir jetzt seit 2018. Beziehungsweise 2018 haben wir angefangen, mit dem Cyber Innovation Hub – der Digitalschmiede der Bundeswehr – ein Konzept zu entwickeln.

(G) So lange schon?

(W) Genau. Denn wir wussten schon am Anfang, dass die Etablierung der Technik im Vordergrund stehen wird. Gerade in der Bundeswehr: Wo kriegen wir die Leitung her? Mit welchem Anbieter dürfen wir das machen? Also mussten schon viele Steine bewegt werden, damit wir überhaupt wissen, wo wir ansetzen können – damit wir das irgendwann mal in Echt durchführen können.

(G) Ich verstehe. Seit wann gibt es denn das Projekt jetzt mit „echten“ Patienten? (lachend)

(W) Das war ja damals ein Forschungsprojekt und da hatten wir auch schon echte Patienten. Da haben wir uns ein bestimmtes Patientenkollektiv, das wir hier operiert hatten, herausgesucht. Die Patienten haben wir dann quasi von Anfang an begleitet und bevor sie wieder kamen in die Ambulanz – als postoperative Vorstellung – haben wir sie einmal online konsultiert. Und dann haben wir die Ergebnisse verglichen, unsere Probleme gesehen und diese dann behoben. „In Echt“ – wenn man so sagen will – haben wir dann 2019, Übergang zu 2020, damit begonnen, das Kollektiv auszuweiten. Letztendlich haben wir im letzten Jahr die zuständigen Truppenärzte mit ins Boot geholt. Die Truppenärzte suchen sich Patienten aus, die sie uns vorstellen wollen, buchen einen Termin online, und stellen sie uns vor.

(G) Das ist spannend. Ist es denn immer noch ein Pilotprojekt oder ist es schon fest etabliert?

(W) Ja, es ist jetzt fest etabliert. Das Pilotprojekt ist abgeschlossen. Es hatte diese zwei Studienanteile: Einmal, wie gesagt, diese technische Etablierung. Dann, im zweiten Schritt, die Ausweitung auf die Truppenärzte. Das ist jetzt komplett abgeschlossen. Über die Ergebnisse werden bereits Arbeiten veröffentlicht. Und jetzt sind wir mehr oder weniger in der dritten Phase, wo es in den Regelbetrieb übergeht. Das heißt, dass wir es jetzt fest in unseren Ambulanz-Ablauf an zwei Tagen [in der Woche, Anm. d. Red.], die wir ausgewählt haben, integriert haben. Dann wird an einem ganzen Tag durch einen Facharzt online Videosprechstunde gemacht.

(G) Und wie empfinden Sie dieses Arbeiten per Video?

(W) Also für uns ist das eigentlich sehr angenehm. Wir haben jetzt einen festen Arbeitsplatz dafür eingerichtet. Der große Vorteil von dieser Geschichte ist natürlich, dass alles orts- und zeitunabhängig ist. Der Patient ist in seiner gewohnten Umgebung. Die Ergebnisse haben gezeigt: Die Patienten finden es alle ein bisschen komisch am Anfang, weil es ein neues Medium ist – der Arztkontakt per Video. Aber wir sind eigentlich alle – sowohl seitens der Ärzte als auch seitens der Patienten – mit der Atmosphäre sehr zufrieden.

(G) Ja, das ist toll. Aber können Sie diese Videosprechstunden für alles nutzen oder gibt es da Einschränkungen?

(W) Genau. Ob es da Einschränkungen gibt, haben wir auch untersucht. Wir haben aber gesehen, dass die Varianz an Krankheitsbildern, die uns durch die Truppenärzte vorstellt wurden, die ganze Unfallchirurgie und Orthopädie umfasst. So richtige Einschränkungen gibt es da nicht. Es gibt natürlich immer so ein paar „Häkchen“, muss man sagen. Denn: Wenn ich einen Patienten nicht untersuchen und anfassen kann, habe ich natürlich ein paar Einschränkungen. Wir haben das auch in den Ergebnissen gesehen. Gerade die speziellen orthopädischen Tests – ob nun im Knie oder in der Schulter – kann ich nicht durchführen. Ich kann dem Patienten nur etwas an die Hand geben, was er mir zeigen soll, was indirekt vielleicht ein Zeichen sein könnte. Aber wir sind auch dran, Funktionstests zu entwickeln, die der Patient selbstständig ohne Arzt durchführen kann.

(G) Also ich stelle mir das jetzt so vor: Jemand ist an der Schulter operiert worden und muss wieder eine bestimmte Beweglichkeit haben. Und Sie sagen dann quasi: „Machen Sie doch mal diese oder jene Bewegung.“ Und dann können Sie sehen, wie weit der Patient oder die Patientin kommt.

(W) Genau. Der Patient bewegt selbst den Arm, aber ich bleibe passiv. Ich kann nicht gucken, ob ich – wenn ich den Patienten untersuchen würde – den Arm höher kriegen würde. Er kann ja nur aktiv selber machen, was er kann. Da liegen die Einschränkungen.

(G) Aber kommt so etwas denn auch für eine Erstvorstellung in Frage? In dem Fall, wenn der Patient bei Ihnen operiert wurde, kennen Sie ihn ja. Aber wenn er noch nicht bei Ihnen war – geht das trotzdem? Wenn jemand akute Schmerzen hat, kann er dann auch die Videosprechstunde nutzen?

(W) Das geht auch. Es läuft aber im Moment so, dass es über die Truppenärzte geht. Die Truppenärzte stellen uns – auch als Erstvorstellung – Patienten vor. Wir halten das für sehr sinnvoll. Wir haben nämlich auch untersucht, was daraus resultiert. Es gibt ja Patienten, die wir gar nicht kennen, die noch nie bei uns in der Ambulanz „live“ waren. Man kann da sehr viel vorbahnen, bevor man sagt: „Der Patient muss jetzt herkommen.“ Oder wir haben sogar einige Fälle, die wir aus diesen Erstvorstellungen direkt in unserem OP eintragen konnten, weil es klar war, was der Patient hat. Da war die Vorarbeit schon so gut geleistet, dass wir uns die Livevorstellung in unserer Ambulanz sparen konnten, weil wir aus der Online-Videosprechstunde die Patienten direkt im OP eintragen konnten. Das heißt, er [der Patient, Anm. d. Red.] kam direkt her und – zack – in den OP.

(G) Das ist natürlich super. Ich kann mir vorstellen, dass das für die Patienten auch toll ist. Die Anreise, die Wartezeiten – all diese Dinge entfallen. Und Sie sagten ja eben auch schon, dass die Patienten sich nach ein bisschen Fremdeln da gut hineingefunden haben. Was ist denn so das Feedback gewesen? Was haben die Patientinnen und Patienten meistens gesagt?

(W) Sie fanden, wie gesagt, anfangs die Atmosphäre ein bisschen komisch, haben sich aber schnell daran gewöhnt. Und sie würden das auch jederzeit weiterempfehlen. Auch ärztlicherseits wird es weiterempfohlen. Von der Darstellung der Beschwerdesymptomatik her haben die Patienten einheitlich gesagt, dass es super ging – im Rahmen dieses Mediums. Und noch zur Entfernung – das haben wir nämlich auch untersucht: Wir hatten einen Patienten, der wäre aus 680 Kilometer Entfernung gekommen. Dem konnten wir diese 680-Kilometer-Anreise ersparen.

(G) Das ist natürlich toll! Gerade wenn man krank ist – so eine Strecke zu fahren, ist natürlich eine erhebliche Anstrengung. Es ist super, wenn man das nicht tun muss. Sie hatten auch eine Durchschnitts-Kilometerzahl pro Patient ermittelt. Wo lag die?

(W) Genau. Die liegt bei exakt 191,5 Kilometer. In dem Zusammenhang haben wir auch ermittelt, dass die Soldaten durch die lange Anfahrt und Rückfahrt – verbunden mit einer durchschnittlichen Wartezeit, die knapp bei einer halben Stunde liegt – teilweise einen Dienstausfall von einem Tag haben.
Darüber hinaus: Wenn die Soldaten kein KfzKraftfahrzeug führen konnten oder die Zugverbindung zu schlecht war, wurde zusätzlich ein Dienst-KFz mit Fahrer benötigt. Also wir hatten dann noch einen [Soldaten, Anm. d. Red.] mehr gebunden und ein KfzKraftfahrzeug, damit der Soldat sich hier vorstellen konnte. Das konnten wir jetzt alles online lösen – ohne die hohe Entfernung, ohne Fahrer et cetera.

(G) Na, das ist super. Wie sieht es denn aus mit der Hard- und der Software? Was braucht man, um an der Videosprechstunde teilnehmen zu können?

(W) Da gibt es ja Mindestanforderungen. Aber in unserer heutigen digitalen Transformationszeit muss man sagen: Das hat jeder zu Hause. Egal ob Handy, Tablet, PC, Laptop, irgendetwas – es geht mit allem. Das absolute Minimum, was man braucht, ist ein Display mit drei Zoll. Da reden wir von einem kleinen Handy, das eine Auflösung von 640 mal 480 Pixeln hat. Das ist durchaus ausreichend für diese Online-Sprechstunde. Dazu Kamera, Mikrofon, Lautsprecher. Und man braucht eine gewisse Internetgeschwindigkeit. Das ist natürlich in Deutschland manchmal in den ländlichen Regionen ein bisschen schwieriger. Man sagt generell: Zum Durchführen einer Videosprechstunde sollten es etwa 200 Kilobits pro Sekunde sein. Und das ist ja eigentlich ein Standard, den jeder heute bedienen kann.

(G) Ja, da haben Sie Recht. Also das müsste eigentlich überall irgendwie klappen. Wir hatten jetzt über die Vorteile schon gesprochen. Was sind denn aus Ihrer Sicht die Nachteile, die es noch gibt und die man eventuell noch überwinden könnte?

(W) Eigentlich muss man sagen: Keine. (Lachen)

(G) Na, super – (lachend) das ist schön!

(W) Also die Nachteile sind, wie ich es bereits angedeutet hatte: Wir arbeiten gerade daran, Funktionstests zu etablieren, die die Patienten selbst durchführen können – ohne, dass ein Arzt Hand anlegt –, was uns Rückschlüsse auf das Krankheitsbild gibt. Ansonsten sehen wir kaum Nachteile.

(G) Das kann ich mir gut vorstellen. Ich muss jetzt mal etwas erklärend für diejenigen Zuhörer, die keine Soldaten sind, einschieben: Die Soldaten müssen sich ja immer zum Truppenarzt begeben – auch wenn sie nur einen grippalen Infekt haben. Wir Zivilisten können um die Ecke zum Hausarzt – das sind meistens kürzere Wege als für die Soldaten. Insofern ist das natürlich gerade für alle Soldatinnen und Soldaten eine unheimliche Erleichterung. Deswegen meine nächste Frage: Soll denn das [die Online-Sprechstunde, Anm. d. Red.] in Zukunft auch von anderen Abteilungen, außer der Orthopädie und der Unfallchirurgie, angeboten werden?

(W) Ich will erst einmal einen kleinen Schritt zurückgehen zur Vorstellung beim Truppenarzt. Truppenärzte gibt es ja, über die Republik verteilt, relativ viele. Das Problem entsteht ja, wenn irgendetwas daraus [aus der Vorstellung beim Truppenarzt, Anm. d. Red.] resultiert – eine Verlängerung von irgendwelchen Maßnahmen, Physiotherapie, erweiterte ambulante Physiotherapie. Oder wenn es eine schwerwiegendere Situation ist wie bei einem schweren grippalen Infekt, dann muss er [der Soldat, Anm. d. Red.] zum Facharzt. Mit diesem Medium bieten wir an, dass man diesen Kasus relativ zeitnah und unkompliziert einem Facharzt vorstellen kann. Und jetzt zu Ihrer Frage zurück: Wir befinden uns gerade in der Phase, die Onlinesprechstunde auf die großen Abteilungen – etwa Urologie, Dermatologie, Chirurgie – auszuweiten. Der Ablauf wird diesen Abteilungen gerade gezeigt, sodass sie dieses Tool auch nutzen können.

(G) Das ist toll. Im Moment, sagen Sie, gibt es zwei feste Tage in der Woche [für die Onlinesprechstunde, Anm. d. Red.] und wahrscheinlich einen noch eingeschränkten Nutzer- und Nutzerinnenstamm. Ist es von Ihnen vorgesehen, dass es irgendwann täglich möglich sein wird?

(W) Genau. Wir warten da noch ein bisschen auf die Resonanz. Wir haben ja vor der Pandemie schon damit angefangen. Wir dachten dann: „Unter Corona explodiert das!“ Es ist aber jetzt so, dass durch diese Homeoffice-Situation – auch bei vielen Soldaten in den Kasernen – die Leute mehr zu Hause sind. Also es gibt weniger Unfälle in den Kasernen. Wir werden zwar besucht, sind aber im Moment mit den zwei Tagen noch nicht zu 100 Prozent ausgelastet. Wenn nach dieser Pandemie alle wieder normal arbeiten gehen können, dann werden wir das hier auch dementsprechend anpassen – sodass das natürlich auch mehr genutzt werden kann.

(G) Super. Thema Pandemie: Das ist doch auch für Sie bestimmt ein gewisser Schutz – ein noch nicht als positiv erkannter Patient, der sich per Video vorstellt, ist natürlich keine so große Gefahr. Ist das für Sie eine Erleichterung – auch vom Sicherheitsgefühl? Zumal ich mir vorstellen kann, dass es für Sie als Arzt nicht angenehm ist, in dieser Situation dem Risiko viel doch viel mehr ausgesetzt zu sein als andere Menschen.

(W) Wir werden ja mittlerweile regelmäßig getestet. Letztendlich ist es so genau richtig: Man minimiert die Kontakte. Denn wie wäre es sonst? Der Patient geht in Dresden zu seinem Truppenarzt und hat dort Kontakt zum Personal. Er fährt dann mit dem Zug hierher und hat dann Kontakt zu anderen Patienten, unserem Personal und dem entsprechenden Arzt hier – natürlich unter Hygienemaßnahmen. Das kann natürlich deutlich minimiert werden. Es gibt Situationen, wo man es nicht vermeiden kann. Aber gerade Dinge wie die Weiterverschreibung von Rezepten für Physiotherapie kann man unter Vermeidung von wirklichen Kontakten durchführen.

(G) Ja, wunderbar. Also wirklich ein ganz tolles Projekt. Danke, dass Sie uns das erläutert haben. Dann drücke ich die Daumen, dass das möglichst bald in möglichst vielen Abteilungen fest angeboten wird. Das ist ja wirklich für alle Beteiligten eine wunderbare Geschichte. Ganz herzlichen Dank, Herr Weber!

(W) Ja, na klar, bitte.

(G) Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.

(W) Ebenso, danke!

Das war Oberfeldarzt Gordian Weber zum Thema „Onlinesprechstunde“. Den nächsten Podcast gibt es wie gewohnt am kommenden Donnerstag. Ich wünsche Ihnen eine gute Woche. Bleiben Sie gesund. Ich melde mich ab aus dem Funkkreis. Tschüs!