Panzerabwehr bei der Bundeswehr

Panzerabwehr bei der Bundeswehr

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Lesedauer:
17 MIN

Sprecher: Redakteur Björn Lenz (BL), Oberstabsfeldwebel Jörg Pollentzke (JP) und Oberstabsfeldwebel Andreas Neidhardt (AN).

Delta to all. Radiocheck. Over.
Hier ist Bravo. Kommen.
This is Tango. Over.
Funkkreis – Podcast der Bundeswehr

Herzlich Willkommen zur Ausrüstung und Technik. Hier blicken wir mit euch unter die Motorhaube und hinter die Abdeckung von Waffen und Gerät der Bundeswehr. Unser Thema heute: die Panzerabwehr. Wir sprechen mit zwei Panzerabwehrexperten der Bundeswehr, den Oberstabsfeldwebeln Jörg Pollentzke und Andreas Neidhardt. Beide bilden an der Infanterie Schule in Hammelburg aus. Sie erklären uns, wie man Panzer bekämpft und welche Panzerabwehrwaffen die Bundeswehr benutzt. Mein Name ist Björn Lenz aus der Redaktion der Bundeswehr. Guten Morgen zusammen.

JP: Guten Morgen.

 AN: Guten Morgen!

BL: Es gibt jetzt gerade im Ukraine Krieg zahlreiche Videos, in denen gezeigt wird, wie russische Panzermodelle bekämpft werden und explodieren. Was würden Sie sagen als Experten: Warum sind denn gerade die russischen Modelle so anfällig gegenüber Panzerabwehrwaffen?


JP: Was uns der Ukraine-Krieg gerade eben zeigt, ist, das glaube ich persönlich, egal welche Panzer dort fahren würden, dass sie die gleichen Bilder hätten, wegen der Art, wie dort der Kampf geführt wird. Ein Kampfpanzer hat natürlich auch seine Schwächen. Und wenn ich als Panzerabwehrsoldat oder Soldat allgemein den Auftrag habe, feindliche Kampfpanzer oder Schützenpanzer zu vernichten, wenn ich die Schwächen kenne und mich dem anpasse, dann wird jeder Panzer seine Schwierigkeit haben. Das hat meiner Meinung nach nichts damit zu tun, dass es russische Modelle sind.

AN: Das hat mich auch überrascht mit den Panzerverbänden in der Ukraine. Mir ist aufgefallen, dass die gepanzerten Verbände ohne Unterstützung abgerissener Kräfte angreifen und dass auch in Ortschaften, wo der Infanterist sich mehr oder weniger wohlfühlt, vor allem um Panzer zu bekämpfen. Dort hat er genug Deckung und kann auch von oben her Ziele bekämpfen. Dann ist mir aufgefallen, die Ukrainer, die versuchen, den Feind zu kanalisieren im Gelände. Aufgrund der Begebenheiten setzen die Russen immer auf Straßen an, das heißt, die fahren immer in Reihe, in Konvoi-Formation, und das ist natürlich das Optimale für Panzervernichtungstrupps, die dann diese von der Seite her bekämpfen können. Die Russen führen auch keine Auflockerung durch, wie wir es in der Bundeswehr machen. Die fahren wie an der Perlenkette hintereinander. Normalerweise ist der Vorteil von Panzer im Angriff, dass sie sich auf dem Gefechtsfeld breitmachen und ihre Waffen an den Feind bringen und dann dadurch auch mehr Aufklärung durchführen können. Aber das Gelände gibt es dort nicht her, weil die Ukrainer das auch nicht zulassen, die versuchen die immer zu kanalisieren. Und was mir noch aufgefallen ist, diese Gefechtsfahrzeuge der Russen, die haben keinerlei Tarnung, was bei uns ein absoluter Grundsatz ist. Bei uns wird auch ein gepanzertes Fahrzeug immer so getarnt, dass es ausschaut wie ein fahrender Busch. Es ermöglicht natürlich auch den Panzervernichtungstrupps, viel leichter die Ziele aufzuklären.

BL:Was für Panzerabwehrwaffen hat denn die Bundeswehr, die ich jetzt dafür einsetzen könnte?

AN: Dazu haben wir einmal die Panzerfaust 3 mit der Patrone DM72 und wir haben das Panzerabwehrlenkflugkörpersystem MELLSMehrrollenfähiges Leichtes Lenkflugkörper-System.

JP: Und dann zusätzlich haben wir natürlich auch noch die Panzerabwehrrichtmine und wir haben natürlich auch noch Panzerabwehrminen, die man natürlich auch einsetzen kann. Stationär logischerweise dann.

BL: Das hört sich jetzt alles relativ komplex an, wie kann ich mir das vorstellen? Also eine Panzerfaust an sich kennt jeder, zumindest aus irgendeinem Film oder so, die sieht ja relativ einfach aus. Wie funktioniert dann eine Panzerfaust?

AN: Die Handhabung der Panzerfaust 3, die ist sehr einfach. Da ist sogar eine Bedienungsanleitung aufgedruckt, die es jedem einzelnen Schützen ermöglicht, die Waffe einzusetzen. Ich brauch nur das Griffstück anklicken, das Abstandsrohr herausziehen, wenn ich gegen Kampfpanzer schießen will. Will ich nur gegen Schützenpanzer schießen, zum Beispiel BMP oder BMDBallistic Missile Defence oder BTR. Dann brauche ich das Abstandsrohr nicht. Dann reicht die normale Sprengwirkung, weil mir dieser erziele ich dann viel höhere Schäden am Fahrzeug wie mit Hohlladungsvariante. Die Panzerfaust ist eine Waffe mit einer Hohlladung beziehungsweise mit einer Tandemhohlladung. Die Hohlladung benötige ich, um die Panzerung von einem Kampfpanzer zu durchdringen. Und zwar ist in der Ladung eine Kupfereinlage, die hinterlegt ist mit Sprengstoff. Diese Kupfereinlage wird dann quasi umgestülpt und die entwickelt sich dann zu einem Kupferstrahl und dieser Kupferstrahl, der hat eine extrem hohe Geschwindigkeit – zehn Kilometer pro Sekunde übrigens, und einen Druck von über 100.000 bar und dieser wirkt sich dann auf die Panzerung aus, durchdringt die einfach. Als Beispiel sage ich immer, wenn man mit dem Zeigefinger in die Margarine drückt. So funktioniert das beim Panzer und diesem Hohlladungstrahl. Wenn er die Panzerung durchdrungen hat, zerstört er im Inneren Elektronik, Hydraulik, Personen, die da sitzen oder Munition, die dann umsetzt und das Fahrzeug völlig zerstört.

BL: Ist es schwierig zu zielen und zu treffen?

AN: Bei der Panzerfaust 3 haben wir bisher nur das Griffstück, da haben wir eine hohe Trefferwahrscheinlichkeit bis 200 Meter, weil da die Flugbahn noch entsprechend gestreckt ist. Alles was darüber hinausgeht, braucht schon viel Erfahrung. Die Erfahrung holen wir uns dann beim Schießen am AGSHP (Ausbildungsgerät Schießsimulator Handwaffen/Panzerabwehrhandwaffen, Anm. d. Red.) oder mit dem Schießgerät auf dem Truppenübungsplatz.

BL: Also kann man sagen, das ist die Panzerabwehr Waffe für jeden.

AN: Das ist die Panzerabwehrwaffen für jeden. Die kann jeder bedienen und einsetzen.

BL: Sie haben es schon angesprochen. Außer der Panzerfaust drei haben wir noch MELLSMehrrollenfähiges Leichtes Lenkflugkörper-System, also einen Panzerabwehrlenkflugkörper. Der ist auch relativ neu. Wie funktioniert der denn?

JP: Von der Wirkung her ähnlich wie eine Panzerfaust. Natürlich deutlich komplexer in der Bedienung. Ich habe dort einmal meine Waffenanlage an sich, also die  ICLU, Integrated Command Launch Unit (Integrierte Abfeuer- und Lenkeinrichtung, Anm. d. Red.) nennt sich das Ganze. Das heißt also, das, was bei der Panzerfaust im Endeffekt das Griffstück ist, ist hier bei der MELLSMehrrollenfähiges Leichtes Lenkflugkörper-System die ICLU. Grundsätzlich wird die aufgebaut auf einem Dreibein. Ich kann das auch nutzen ohne, aber vom Grundsatz her, wann immer möglich, benutzt man natürlich die Waffenanlage MELLSMehrrollenfähiges Leichtes Lenkflugkörper-System mit dem Dreibein. Und da wird ein Lenkflugkörper draufgeladen, ähnlich auch wie bei der Panzerfaust. Natürlich ist der Ladevorgang alles ein bisschen anders, aber von daher denke ich mal, ist es ja vom Prinzip her ähnlich. Aber die Bedienung ist natürlich deutlich schwieriger als mit einer Panzerfaust.

BL: Dafür habe ich dann aber auch die Möglichkeit, den Lenkflugkörper, wie der Name schon sagt, eben auch zu lenken. Das heißt, auch bewegliche Ziele zu treffen auf größere Entfernungen. Richtig?

JP: Das ist richtig. Grundsätzlich kann ich auch mit einer Panzerfaust bewegliche Ziele bekämpfen, aber mit der MELLSMehrrollenfähiges Leichtes Lenkflugkörper-System feuere ich ja meinen Lenkflugkörper ab. Der große Vorteil, den ich jetzt habe, mit meiner MELLSMehrrollenfähiges Leichtes Lenkflugkörper-System-Waffenanlage ist halt, dass ich mit dem Flugkörper mitfliege. Da ist eine Kamera drin und ich fliege praktisch mit dem Lenkflugkörper mit.

BL: Das heißt, ich kriege auf meinem Monitor an meiner Waffenanlage angezeigt, was der Flugkörper sieht.

JP: Richtig und kann natürlich auch dementsprechend. Wenn ich jetzt auf einen Kampfpanzer zum Beispiel den Kampf führe, bis auf die letzten Meter den Körper Ziel genau reinlegen. Die Vorschrift sagt, dass wir auf eine Fläche von 30 auf 40 Zentimeter punktgenau treffen.

BL: Und auf welche Entfernung ist das möglich?

JP: Wir bilden aus von 200 Metern bis 4.000 Meter.

BL: Sie haben jetzt schon zwei Panzerabwehrwaffen angesprochen. Wie ist denn die Panzerabwehr der Bundeswehr generell organisiert? Also muss jeder Soldat Panzer abwehren können oder gibt es dafür Spezialisten?

AN: Wir haben die Panzerabwehr in der Bundeswehr, die funktioniert nur im Rahmen Kampf der verbundenen Kräfte. Es teilt sich auf in plattformungebundene Panzerabwehr und plattformgebundene Panzerabwehr. Die plattformgebundene, das sind zum Beispiel die Kampfpanzer, Schützenpanzer oder Waffenträger Wiesel mit MELLSMehrrollenfähiges Leichtes Lenkflugkörper-System, Tiger, dann das indirekte Feuer mit Smart Munition oder mit Wurfminensperren oder auch mit Pionieren, die mit Richtminen und Verlegeminen arbeiten. Und die plattformungebundene, zu der wir gehören, die Infanterie. Die gliedert sich auf in die Panzerabwehr aller Truppen und in die qualifizierte Panzerabwehr. Zur Panzerabwehr aller Truppen gehört wieder die Basisbefähigung und die erweiterte Befähigung. Also das funktioniert immer nur im Ganzen, wenn alle mitarbeiten. So ist die Panzerabwehr aufgebaut. Wir verbrauchen den Feind quasi bereits auf weiteste Entfernung, damit der die Reichweite seiner Waffen nicht ausnutzen kann. Alles was da noch durchkommen sollte, wird dann durch die plattformungebundene Panzerabwehr aufgefangen. Bei der Basisbefähigung sind es die Kräfte der rückwirkenden Dienste, also zum Beispiel die Logistiker, die müssen nur mit ihrer Panzerfaust einzelne durchgestoßene Fahrzeuge bekämpfen. Es ist deren Aufgabe, diese auszuschalten. Die erweiterte Befähigung sind diejenigen, die zur Infanterie gehören, beziehungsweise zur Panzergrenadiertruppe. Die halten Feind auf direkt noch an der Front.

BL: Wie kann ich mir das vorstellen? So rein ganz praktisch. Ich bin jetzt mit meinem kleinen Trupp an Soldaten im Feld und entdecke einen Kampfpanzer – wie bekämpfe ich den jetzt?

AN: Da gibt es zwei Möglichkeiten einmal. Es kommt auf die Lage drauf an, aus der Stellung heraus ist es eine Ein-Mann-Waffe, die Panzerfaust 3.  Dort kann ich aus dem Kampfstand schon heraus das Ziel bekämpfen. Kann ich aber das Ziel aus dem Kampfstand heraus nicht bekämpfen, dann wird ein Panzervernichtungstrupp gebildet und der setzt sich auch wieder zusammen, je nach Lage aus einem Truppführer, ein oder mehreren Panzerfaustschützen, dann noch Nahsicherer. Zum Beispiel handelt es sich um einen Schützenpanzer, muss man damit rechnen, dass nach der Bekämpfung Infanteriekräfte absitzen und dann uns weiter bekämpfen. Deshalb muss der Nahsicherer mit dabei sein mit MG oder mit Sturmgewehr. Der Panzervernichtungstrupp wird dann so angesetzt, dass er die Ziele möglichst immer von der Seite oder von hinten bekämpft. Im Rahmen der Panzererkennung müssen die Leute natürlich auch ausgebildet sein. Die müssen erkennen um welche Fahrzeug handelt es sich hier? Ist es ein Kampfpanzer? Ist es ein Schützenpanzer? Ist es ein Kampfpanzer mit reaktiver Panzerung oder ist es sogar ein Kampfpanzer mit aktivem Schutzsystem? Dann müssen entsprechend – da muss ich dann mehrere Panzerfäuste einsetzen, die aus verschiedenen Richtungen das Ziel gleichzeitig bekämpfen, damit das aktive Schutzsystem des Ziels übersättigt wird.

BL: Sie haben gerade schon angesprochen – es gibt verschiedene Arten von gepanzerten Fahrzeugen und auch verschiedene Arten und Methoden der Bekämpfung generell. Was kann man dann sagen? Wie anfällig ist denn ein moderner Kampfpanzer noch gegen Panzerabwehr wie zum Beispiel eine Panzerfaust?

AN: Also mit unserer Panzerfaust 3 sind wir gut bestückt, weil die durchschlägt bis heute die modernsten reaktiven Panzerungen. Also egal von welcher Seite ich den Kampfpanzer bekämpfe, die Munition schlägt auf jeden Fall immer durch. Das einzige Problem was wir haben ist gegen aktive Schutzsysteme. Da können wir mit unserer Panzerfaust nicht mehr weit kommen, weil die Munition wird dann entsprechend abgefeuert durch das System. Dazu haben wir dann zum Beispiel wieder die MELLSMehrrollenfähiges Leichtes Lenkflugkörper-System.

BL: Das heißt, man könnte sagen, das ist immer ein Wettlauf zwischen Panzerung und Abwehrsystem und Panzerabwehrwaffen?

JP: Genau. Es war ja schon immer so, und das wird auch immer so bleiben. Es gibt Kampfpanzer, die eine Neuerung haben, zum Beispiel eine reaktive Panzerung und dann wird festgestellt, dass unsere Waffen gegen reaktive Panzerung keine Wirkung mehr haben. Dann wird ein neuer Lenkflugkörper hergestellt, der dann eben gegen diese reaktive Panzerung wirkt. Und genauso ist es jetzt auch mit den neuen aktiven Schutzsystemen. Wir hatten ja vorhin schon mal kurz angesprochen, diese Softkill oder auch Hardkill-Varianten. Auch hier geht die Entwicklung natürlich immer weiter und das muss immer wieder angepasst werden. Es ist immer ein Wettlauf zwischen denen, die die Panzer bauen mit ihren Schutzsystemen und denen, die Lenkflugkörper herstellen, um diese feindlichen Kampfpanzer eben zu vernichten.

BL: MELLSMehrrollenfähiges Leichtes Lenkflugkörper-System ist ja ein relativ neues System in der Bundeswehr. Was würden Sie sagen, sind wir damit auf der Höhe der Zeit?

JP: Ja, definitiv. Man muss sagen, dass die MELLSMehrrollenfähiges Leichtes Lenkflugkörper-System im Augenblick die modernste Panzerabwehrwaffe ist, die wir haben, die auch alle logischerweise alle Panzerungen durchschlägt, die bis jetzt bekannt sind und natürlich auch hervorragend sehr gegen Hard- oder Software-Varianten, weil das Prinzip eben ein komplett anderes ist, auch von der Steuerung her, dass das da unproblematisch ist, auch wirklich gegen die jetzigen Bedrohungen den Kampf zu führen und auch erfolgreich zu vernichten.

AN: Zumindest müssen wir auch noch dazu sagen, dass die MELLSMehrrollenfähiges Leichtes Lenkflugkörper-System die Ziele von oben her bekämpft, nicht wie die Panzerfaust von der Seite, also in einem flachen Anflug, sondern MELLSMehrrollenfähiges Leichtes Lenkflugkörper-System kommt circa im 60-Grad-Winkel, nämlich von oben und durchschlägt dann die Ziele an ihrer schwächsten Stelle. Und die ist eben oben beim Panzer.

BL: Wir sehen jetzt gerade im Ukraine-Krieg, dass auch hochmoderne Panzerabwehrwaffen wie zum Beispiel Javelin sehr viel eingesetzt werden. Javelin ist ja eine Fire-and-forget-Waffe. Wenn ich ihr einmal ein Ziel zugewiesen habe, sie abgefeuert habe, muss ich die nicht selbst ins Ziel führen, das macht sie selbsttätig. Ist das die Zukunft?

JP: Also meiner Meinung nach ist es nicht die Zukunft. Die Problematik bei einer Fire-and-forget-Waffe ist, natürlich muss ich das Ziel aufgeklärt haben, es muss also sichtbar sein. Auch die Reichweite, die ich habe, ist noch muss man sagen natürlich eingeschränkt, weil ich eben nicht die Entfernung habe, wie ich jetzt mit der MELLSMehrrollenfähiges Leichtes Lenkflugkörper-System zum Beispiel habe. Und ich habe natürlich auch keine Möglichkeit, nach dem Abschuss mein Haltepunkt zu korrigieren oder auch eine Mission abzubrechen aus welchen Gründen auch immer. Ich glaube nicht, dass Fire-and-Forget die Zukunft ist, weil zu viele Parameter mit reinspielen, die einfach dazu führen könnten, dass der Flugkörper im Fire-and-forget das Ziel dann eben nicht vernichtet. Wobei ich eben die Möglichkeit ja auch bei der MELLSMehrrollenfähiges Leichtes Lenkflugkörper-System habe. Ich kann auch mit der Welt Fire-and-Forget, das ist eine Option, die ich habe. Aber der Schwerpunkt, den bilden wir auch hier immer aus, ist das Fire-and-Observe. Das bedeutet, ich feuere meinen Lenkflugkörper ab und fliege mit dem zu Flugkörper die ganze Zeit mit, bis der dann das feindliche Ziel vernichtet hat.

BL: Wie schwierig ist denn die Bedienung des Lenkflugkörpers MELLSMehrrollenfähiges Leichtes Lenkflugkörper-System?

JP: Man kann sagen die Bedienung von MELLSMehrrollenfähiges Leichtes Lenkflugkörper-System ist schwierig. Wir haben ja im Vergleich zu einer Milan oder zu einer TOW, wir haben auch Ausbildungsmittel, mit denen wir den Soldaten auf dem System schulen können. Wir haben einmal den Indoor Trainer, das ist im Endeffekt ja wie ein Computer, an dem der ausgebildete Lehrer verschiedene Übungen erstellen kann, Szenarien erstellen kann und mit den Soldaten dann die gesamten Abläufe der Waffe üben. Also von, von, von dem Aufklären bis zum Aktivieren des Lenkflugkörpers bis zum Feuerkampf kann er das mit ihm am Indoortrainer
immer wieder üben, weil natürlich die Bedienung der MELLSMehrrollenfähiges Leichtes Lenkflugkörper-System nicht so einfach ist, wie es gerne mal auf Videos gezeigt wird. Weil ich natürlich schon verschiedene Möglichkeiten habe, mit dem System zu arbeiten. Von daher muss ich das immer wieder üben. Wir haben dann zusätzlich noch einen Outdoor Trainer. Das ist im Endeffekt ein echter Lenkflugkörper, natürlich ohne irgendwelche Sprengmittel drin oder ähnliches, aber er hat einen echten Zielsuchkopf vorne verbaut. Das heißt, ich kann dort auch draußen den Gefechtsdienst üben mit den Soldaten, allerdings nur bis zum Aufschalten. Das heißt also, wenn er ein Ziel aufgeklärt hat, schaltet er sich auf das Ziel auf, betätigt, dann die Abfeuertaste und danach das Bild ist dann logischerweise weg.

BL: Das heißt man könnte sagen, die Panzerfaust 3 ist die Waffe für jeden und MELLSMehrrollenfähiges Leichtes Lenkflugkörper-System ist die Waffe für den Spezialisten. 

JP: So ist es. Die Panzerfaust 3 ist Panzerabwehr alle Truppen und die MELLSMehrrollenfähiges Leichtes Lenkflugkörper-System, das ist die qualifizierte Panzerabwehr. Wobei man aber auch sagen muss, auch die Ausbildung an der Panzerfaust 3, jetzt die reine Bedienung ist natürlich deutlich einfacher. Aber auch hier muss ich natürlich den taktischen Einsatz mit den Soldaten üben. Es geht ja nicht nur darum, diese Panzerfaust abzuschießen, sondern der gesamte taktische Ablauf, so wie es der Kamerad mal angesprochen hat. Wie, wo, wann setze ich wen ein? Auch das ist natürlich eine Sache, die geübt werden muss, immer wieder, damit der Soldat auch handlungsfähig wird. Und dazu zählt natürlich genauso auch die Panzererkennung und alles das was mit dazugehört. Um eben auch hier erfolgreich den Feuerkampf dann zu führen.

BL: Sie haben ja schon angesprochen, MELLSMehrrollenfähiges Leichtes Lenkflugkörper-System ist ein sehr neues System. Wohin geht denn generell die Entwicklung? Aus Ihrer Sicht werden wir auch in den nächsten 20 Jahren noch mit Flugkörpern auf Panzer schießen oder nutzen wir dann Laser?

JP: Also ich sage mal, wohin geht die Entwicklung? Die Entwicklung richtet sich natürlich immer danach, was kommt mir als Feind entgegen? Wie geht die Entwicklung bei Panzern weiter? Also ich könnte mir vorstellen, dass wir auf jeden Fall daran arbeiten werden, noch eine deutlich höhere Reichweite zu bekommen, also mit unseren Lenkflugkörpern, dass wir eine noch bessere Präzision bekommen, dass man die gesamte Optronik und Sensorik natürlich verbessern wird. Ein ganz großes Thema wird natürlich auch sein, wie ist die Energieversorgung sichergestellt. Weil ich muss mit der mit der Panzerabwehrwaffe MELLSMehrrollenfähiges Leichtes Lenkflugkörper-System brauche ich halt zwingend Batterien, um diese Waffenanlage zu bedienen, wie wird die Energieversorgung irgendwann mal so sichergestellt, dass man auch über mehrere Tage hinweg das Ganze machen kann. Was ein ganz großes Thema werden wird, wird logischerweise wird das Bekämpfen von Zielen sein, ohne dass ich eine direkte Sichtverbindung habe. Dieses Non-Line-of-Sight-Verfahren. Auch hier wird es mit Sicherheit noch viele, viele weitere Entwicklungen geben. Das heißt zum Beispiel könnte es sein, dass ich extern von jemanden eine Zuweisung bekomme durch das Koordinatensystem, dass irgendwo Beobachter eingesetzt werden, die feindliche Kampfpanzer aufklären, die Zielkoordinaten dann direkt weiterleiten an die an die neuen Panzerabwehrwaffen und dass man dann wirklich auf so ein Verfahren schießen kann, das bedeutet, ich bin irgendwo in der Hinterhangstellung, kann meinen Flugkörper abfeuern und kann dann dadurch, dass ich eben mit diesem Lenkflugkörper mitfliege und die Richtung vom Ziel habe, das Ganze logischerweise dann auch bekämpfen. Genauso kann es auch sein, das und das wird ja auch teilweise schon gemacht, dass man Drohnen einsetzt, einmal natürlich um Ziele aufzuklären und dann Zielkoordinaten auch an die einzelnen Trupps weiterzugeben. Oder es wird irgendwann Drohnen geben, die selber Panzer vernichten können mit irgendwelchen Ladungen drauf. Ich denke mal, das wird ein ganz großes Thema werden, und auch, wie man mehrere Panzerabwehrwaffen zum Beispiel miteinander vernetzen kann. Das bedeutet, es hat jemand aufgeklärt einen feindlichen Kampfpanzer, kann ihn aber nicht vernichten, weil er außerhalb der Reichweite ist oder oder oder. Und es kann direkt gesendet werden an andere Panzerabwehrwaffen, die das Ziel dann vernichten können. Ich glaube, das wird der wird der große, der große neue Entwicklungssprung irgendwann sein. 

AN: Was aber bleiben wird, ist es ein gesunder, sage ich mal, Waffenmix, weil für Nah- und nächst Bekämpfung braucht es immer noch die schultergestützte Variante, alles was auf weitere Entfernungen jenseits 6.800 Meter drüber hinausgeht, stimme ich dem Kameraden Pollentzke voll zu.

JP: Ja, wobei man auch wieder aufpassen muss. Dieses Thema Drohnen, das wird mit Sicherheit auch noch hochspannend werden. Wenn jetzt zum Beispiel diese Kampfpanzer auch irgendwann Sensoren haben, um jetzt zum Beispiel auch Drohnen zu stören, dann wird das natürlich auch wieder schwierig. Weil wenn die Drohne nicht dahin kann, wo sie hinwill, weil sie gestört wird und dann abstürzt, da dann wird es natürlich auch schwierig. Das ist ja auch der der große Vorteil, den wir mit der Panzerabwehrwaffe MELLSMehrrollenfähiges Leichtes Lenkflugkörper-System haben. Die Waffe ist weder Laser gesteuert noch sonst irgendwas, sondern sie wird ja mit Lichtwellenleiterkabel gelenkt, das zurzeit nicht gestört werden kann. Also egal durch was.

BL: Wenn ich so eine Lehre aus dem Ukraine-Krieg ziehe, wir sehen unglaubliche Mengen an Panzern, an gepanzerten Fahrzeugen, die abgeschossen werden. Ist ein Panzer überhaupt noch zeitgemäß heutzutage?

AN: Ja, zeitgemäß sind die auf jeden Fall. Die müssen aber entsprechend auch eingesetzt werden. Bei uns werden die Kampfpanzer anders eingesetzt wie dort in der Ukraine. Bei uns kämpfen Kampfpanzer und Panzergrenadiere, also mit Infanterie gemeinsam. Die Infanterie schützt die Kampfpanzer, die Kampfpanzer überwachen das Vorgehen der Infanterie beziehungsweise Panzergrenadiertruppe und die schützen sich gegenseitig. In der Ukraine, wie gesagt, ist mir aufgefallen, die Russen, die fahren, bis sie angeschossen werden, immer auch durch Ortschaften. Bei uns wird vorher abgesessen und abgesessen angegriffen, damit Kampfpanzer aus sicherer Entfernung heraus das Ganze überwachen können und nicht vorzeitig bekämpft werden können.

BL: Das waren die Oberstabsfeldwebel Jörg Pollentzke und Andreas Neidhardt. Mein Name ist Björn Lenz, ich melde mich ab aus dem Funkkreis.