Transkription: Weihnachten im Einsatz – Soldaten berichten aus Mali

Transkription: Weihnachten im Einsatz – Soldaten berichten aus Mali

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17 MIN

Delta to all. Radio check. Over.
Hier ist Bravo. Kommen.
This is Tango. Over.
Funkkreis – Podcast der Bundeswehr

Morgen ist der 24. Dezember und damit Heiligabend. Für die meisten eine große Freude, zusammen mit den Liebsten und ihren Freunden zu sein. Doch einige sind tausende Kilometer weit weg, so wie unsere Soldatinnen und Soldaten im Auslandseinsatz in Mali. Wie sie dort das Fest verbringen und ob sie überhaupt feiern können, dass erfahren wir heute von unseren Gästen Oberstabsgefreiter Jessica, Hauptfeldwebel Jann und Oberleutnant Karol. Mein Name ist Amina Vieth (V) von der Redaktion der Bundeswehr und ich heiße im Funkkreis willkommen Oberleutnant Karol (zweite Stimme = K). Hallo, wie ist es in Mali?

(K): Hi! Vor allem sehr warm ist es hier, auch zur Weihnachtszeit in Mali. Ich bin hier im MINUSMAMultidimensionnelle Intégrée des Nations Unies pour la Stabilisation au Mali-Einsatz für Radio Andernach. Das ist der Betreuungssender der Bundeswehr. Ich erlebe Weihnachten im Einsatz durch zwei Brillen. Einmal als Radioredakteur mit Betreuungsauftrag und zum anderen als Einsatzsoldat getrennt von der Familie zu Hause.

(V): Und damit bist Du ja nicht alleine. Und Du bist auch jetzt gerade bei Dir im Büro nicht alleine, sondern hast noch zwei Gäste. Stell uns die doch mal kurz vor.

(K): Da schlage ich vor, dass die beiden das für sich selbst übernehmen. Zum einen ein Spieß, also ein Kompaniefeldwebel, der auch als „Mutter der Kompanie“ bezeichnet wird. Und was das gerade an Weihnachten bedeutet, erklärt er uns am besten selbst. Hallo Jann (JA)!

(JA): Hi, ich bin der Jann, der Kompaniefeldwebel der Objektschutzkompanie hier bei MINUSMAMultidimensionnelle Intégrée des Nations Unies pour la Stabilisation au Mali und bin hier mit meinen, wenn ich so sagen darf, 260 „Kindern“. Wir versuchen gerade denen ein schönes Weihnachtsfest vorzubereiten. Wir packen hier Adventstütchen. Das heißt, jeden Tag bekommen so zwischen 15 und 20 Leute ein Tütchen an die Tür gehangen, damit auch ein bisschen Weihnachtsfeeling aufkommt. Trotz der Hitze, wie gerade schon gesagt wurde, versuchen wir halt ein bisschen Weihnachtsfeeling aufkommen zu lassen und auch unsere multinationalen Kräfte – wir haben ja auch einige Litauer hier, die mit uns zusammen in der Kompanie sind – auch mit einzubeziehen und etwas Traditionsaustausch zu betreiben und hoffen auf ein paar friedliche Weihnachtstage.

(V): Wenn es so warm ist, wird Schokolade wahrscheinlich kein Inhalt dieser Adventstütchen sein, oder?

(JA): Momentan können wir sagen, dass das mit der Schokolade, die geliefert wurde – da wir ausreichend Kühlcontainer haben – bis jetzt geht. Und die Unterkünfte, in denen wir sind, die sind recht gut klimatisiert. Von daher. Wenn das schnell verbracht wird – und wir machen das ja meist morgens, wenn noch alle schlafen, so zwischen vier und fünf, damit wir auch nicht entdeckt werden und es nicht heißt: „Das war der Spieß!“, sondern es war tatsächlich der Weihnachtsmann beziehungsweise der Nikolaus  - geht das tatsächlich.

(V): (Lacht)

(JA): Bisher hat sich die Schokolade gut gehalten. Tagsüber, wenn es über 30 Grad ist, ist es immer schwierig. Aber in den Morgenstunden ist die Verbringung ganz gut.

(K): Ich glaube, da kommt es eher drauf an, dass man die Schokolade schnell gegessen hat. Und das klappt auch meistens.

(V): Das stimmt. Wer ist denn noch bei Dir?

K): Der Spieß hat ja sehr viele Kinder und damit er auch jedem einzelnen davon auch gerecht wird, hat er Hilfe an seiner Seite. Und das ist Jessica (vierte Stimme=J). Hi, wer bist du?

(J): Hi! Also ich bin im Endeffekt die rechte Hand vom Kompaniefeldwebel bei uns in der Kompanie – inzwischen eigentlich auch schon im ganzen Camp als „Spieß klein“ bekannt – und schau, dass ich den Chefs sowie dem Spieß natürlich überall unterstützen kann. Natürlich bin ich genauso für die Jungs da, wie der Spieß auch.

(V): Das klingt sehr gut und wie ich eben schon sagte, das nenne ich auch mal echten Einsatz. Und ich glaube, die Soldatinnen und Soldaten wissen das auch sehr zu schätzen, so weit weg von der Heimat und ihren Liebsten. Wie ist das denn für euch? Ist es das erste Mal, dass ihr über die Feiertage im Ausland, also im Auslandseinsatz, verbringt?

(K): Für mich ist es nicht das erste Mal. Mittlerweile feiere ich mein drittes Weihnachtsfest im Einsatz. Von Routine würde ich aber jetzt noch nicht sprechen, auch wenn ich und meine Familie auf Erfahrungen bauen können, die uns unser diesjähriges Weihnachten auf Distanz zumindest erleichtern.

(JA): Ja, für mich ist es das zweite Mal Weihnachten im Einsatz, aber das erste Mal als Kompaniefeldwebel und das ist schon eine besondere Herausforderung. Es ist ja was anderes, als ob man vom Spieß beschenkt wird und irgendwie ein Teil einer großen Kompanie ist oder, ich sag mal verantwortlich dafür ist mit „Spieß klein“. Aber wir beide meistern das ganz gut und wir freuen uns auf die Feiertage.

(J): Also für mich ist es tatsächlich das erste Mal weg von der Familie. Ich glaube, am 24. und am 25. werden auch ein paar Tränchen fließen, sobald man mal zu Hause anruft. Aber die Kameradschaft ist ja dann doch schon ganz schön und die Einsatzfamilie ist ja auch da. Das wird schon.

(V): Wie müssen wir uns das denn vorstellen, Weihnachten im Auslandseinsatz? Also hier ist es schon ziemlich kalt und auch mal ziemlich frostig teilweise. Dann geht man auf den Weihnachtsmarkt, trinkt einen Glühwein oder trifft sich vielleicht auch zu einer kleinen, unter Pandemiebedingungen möglichen Weihnachtsfeier. Kommt denn bei euch auch richtige Weihnachtsstimmung auf?

(K): Das beschreibe ich vielleicht mal so. Das romantische Weihnachtsbild von verschneiten Winterlandschaften, mit Glühwein vor dem Kamin, weicht schnell der khakifarbigen Einsatzrealität im Camp Castor jenseits der 30 Grad. Zugegebenermaßen ist das Aufkommen von Weihnachtsgefühlen etwas schwerer als sonst. Was dabei aber hilft, sind viele Details, wie echte Weihnachtsbäume, die überall aufgestellt wurden, Lichterketten, der Duft von selbstgebackenen Weihnachtskeksen, die in unzähligen Paketen aus der Heimat in den Einsatz geschickt wurden, das Weihnachtsprogramm von Radio Andernach natürlich, was hier und da auf einem Rechner läuft, oder der kleine Weihnachtsmarkt, der geplant ist. Das nimmt man dann schon wahr und man merkt auch, dass viele Spieße als Impulsgeber in den Kompanien viel dafür tun, dass sich doch noch Weihnachtsgefühle einstellen.

(V): Weihnachtsmarkt. Da interessiert mich jetzt natürlich gleich mal wie das bei euch aussieht und ob der Spieß denn damit auch was zu tun hat?

(K): Ja, dann fragen wir doch den Spieß. Hat er was damit zu tun?

(JA): Aber selbstverständlich. Unsere Einsatzwehrverwaltung war so nett und hat uns Weihnachtsstände gebaut, wo jede Kompanie einen Stand betreibt. Es gibt unter anderem einen Stand mit – Glühwein ist hier ja nicht erlaubt, wir sind ja hier auf 0,0-Promille – Weihnachtspunsch. Ich bin mal gespannt, wie die Abnahme beim Weihnachtspunsch ist bei den Temperaturen.

(V): Ich wollt gerade sagen, wird der als Eistee serviert? Oder wird der heiß serviert?

(JA): Nee, der soll heiß serviert werden. Von daher, schauen wir mal. Wobei ich sagen muss, zu den Abendstunden jetzt wird es doch schon etwas kühler. Der Weihnachtsmarkt geht grundsätzlich bis 21 Uhr und dann wird auch das eine oder andere Heißgetränk durchgehen. Dazu gibt es dann heiße Waffeln. Ich mach meine Pancakes, die immer gerne angenommen werden. Es gibt einen Rostbratwurststand, auf den sich wahrscheinlich viele Leute stürzen werden. Und, was haben wir noch an Ständen?

(K): Radio Andernach, zum Beispiel. Ja, wir haben auch einen Weihnachtsstand. Wir verteilen aber keine Bratäpfel oder Nussknacker. Wir stellen eine Verbindung zu den Lieben daheim her, in dem wir jedem der oder jeder die unseren Stand besucht die Möglichkeit bieten, Grüße über unser Hörfunkprogramm in die Heimat zu schicken. Über unsere Radio-Andernach-App geht das dann auch umgekehrt, so dass die Angehörigen zu Hause zurückgrüßen können. So schaffen wir an unserem Stand ein weihnachtliches Miteinander, trotz Entfernung.

(V): Oh, das klingt sehr schön und da wird es doch auch schon etwas familiär, auch wenn es nicht die gebürtige Familie ist. Oder?

(K): Auf jeden Fall. Aber man muss sagen, nichts kann die Familie ersetzen. Auch wenn wiederum das Gefühl von Kameradschaft im Einsatz vieles wieder wettmacht. Man hat hier, wie Jessica erwähnt hat, eine Einsatzfamilie, die sich neu findet und mit der verbringt man dann Weihnachten. Je nachdem, was man für ein Typ ist. Also ob man ein Weihnachtsmuffel ist und das dann eher für sich selbst verbringt, oder im Kreise der Kameraden – ohne Konsumdruck und Weihnachtsstress – Weihnachtstraditionen pflegt. Da macht jede Kompanie so ein bisschen was für sich selbst.

(V): Da möchte ich Jessica nochmal fragen. Du hast ja eben auch schon gesagt, dass die Kameradschaft wirklich hilft, dass man so weit weg von der Familie und den Freunden ist. Was hilft dir da am meisten? Oder was lässt dich am ehesten vergessen, dass du jetzt das erste Mal Weihnachten im Auslandseinsatz und einfach so weit weg verbringst?

(J): Im Endeffekt die ganzen Kameraden, die einen dann vielleicht auch einfach ein bisschen trösten, wenn sie sehen, dass man gerade ein paar Tränchen vergossen hat, wenn man mit der Familie telefoniert hat. Oder einfach mal abends beisammen sein, den Kopf freibekommen, weil es dann doch schon etwas stressig ist mit 260 Mann in der Kompanie. Aber, das macht auch schon ganz schön Spaß.

(V): Hast du denn auch, wenn ich das überhaupt fragen darf, ein Paket aus der Heimat schon bekommen zum Fest?

(J): Ja, tatsächlich sogar mehr als eins. Tatsächlich auch von vielen Kameraden noch zu Hause, von denen sogar am meisten. Aber auch schon von Freunden, Familie sehr viele, sehr große. Tatsächlich auch sehr viele Süßigkeiten, die ich inzwischen auch teilen muss. Aber ja doch, es freut einen schon sehr, wenn man aus der Heimat etwas bekommt.

(V): Da hat die Feldpost ganze Arbeit geleistet und gut, dass es dann auch noch pünktlich, nahezu überpünktlich, ankommt. Habt ihr denn am 24. oder über den ersten und zweiten Weihnachtsfeiertag noch eine besondere Zusammenkunft? Oder ein großes Essen zusammen? Oder lässt das der Dienst gar nicht zu?

(JA): Doch, wir versuchen ein – also am 26. oder 27., je nachdem wie es der Dienst zulässt - einen großen Weihnachtsbrunch durchzuführen. Gerade dazu hat die Feldpost in den letzten Wochen sehr unterstützt. Unser Kühlcontainer ist jetzt voll. Wir haben viele Leckereien aus der Heimat schicken lassen. Wir wollen dann gemeinsam mit frisch gebackenem Brot, wir haben hier genug Brotbackautomaten und dank der heutigen Brotbackmischungen geht das ja auch ziemlich schnell im Einsatz, und leckeren Fleisch- und Käsegerichten aus der Heimat dann einen schönen Brunch machen. Unser Weihnachtsessen an sich, das für das ganze Camp durchgeführt wird, haben wir am 25. in unserer Truppenküche, oder DiFac wie wir das hier nennen, Dining Facility. Hoffen wir, dass uns da niemand dazwischenfunkt.

(V): Dürft ihr denn schon verraten, was es da gibt?

(K): Da muss ich nochmal einhaken, da ich unserem Verpflegungsoffizier Oberleutnant Tanja versprochen habe, dass wir noch nicht zu viel verraten. Was ich aber schon sagen darf, es wird ein Festtagsessen werden, das diesen Namen auch tragen darf. Es ist für viele Geschmäcker etwas dabei. Ja, und da wir erst am ersten Weihnachtsfeiertag unser Weihnachtsmenü genießen werden, wird es auch mehr sein als Kartoffelsalat mit Würstchen.

(V): Das will ich doch stark hoffen für euch. Auf jeden Fall bin ich mir sicher, dass es sehr, sehr lecker wird. Und nach diesen Feiertagen kommen ja auch nahezu schon die nächsten. Könnt ihr denn auch ein bisschen Silvester feiern?

(JA): Das will ich doch hoffen, aber ich kann es dir tatsächlich zum jetzigem Zeitpunkt noch nicht sagen.

(J): Also vielleicht gibt es ja auch irgendwie noch die Möglichkeit an alkoholfreien Sekt oder Champagner ranzukommen, damit wenigstens mal ein paar Flaschen geschüttelt werden. Aber Feuerwerk wird es auf jeden Fall nicht geben.

(K): Damit aber niemandem die Zeit zu lang wird, wird es auf jeden Fall ein paar Betreuungsangebote geben. Gesellschaftsspiele, eine Sport-Challenge, die schon einmal auf die neuen Vorsätze vorbereitet, ein Quiz oder auch das heißerwartete Neujahrsbingo. Für Abwechslung auf dem Weg in das neue Jahr ist also gesorgt.

V): Und weil wir eben schon mal schön bei den Grüßen waren und dieser Podcast ja für alle hörbar ist – auf allen Plattformen, wo es Podcasts gibt - möchtet ihr vielleicht noch jemanden grüßen?

(J): Ja, ich grüß natürlich ganz arg meine Familie, die mich hier brutal unterstützt. Meine ganz tollen Mädels zu Hause auch. Vielen Dank an alle, die mir immer mal wieder schreiben, die an mich denken, die mir natürlich auch Pakete schicken und ja, ich habe euch alle ganz arg lieb und haltet Taschentücher bereit, bis ich dann wiederkomme.

(K): Ich grüß meine Liebsten zu Hause: meine Frau, meine drei Jungs, die mir gerade den Rücken enorm freihalten. Danke euch, ihr seid echt das Beste, was man sich wünschen kann. Ich freu mich euch zu haben und nächstes Weihnachten – versprochen – dann wieder gemeinsam.

(JA): Ich grüß meine beiden Patenkinder und bedanke mich nochmal für dieses riesengroße Geschenk, was ich von euch bekommen habe. Auch mit den tollen Bildern. Das hat mich echt gefreut. Und natürlich grüße ich auch mein Regiment und mein Bataillon in Schortens, die zu dieser Zeit in der Amtshilfe gebunden sind und ja dementsprechend die Weihnachtstage auch nicht mit ihren Familien genießen können. Kameraden, macht das Beste daraus!

(V): Vielen Dank. Sie werden sich bestimmt sehr, sehr freuen und ich hoffe, sie hören es überhaupt. Ich bedanke mich für eure Zeit und wünsche euch alles, alles Gute, wunderschöne Feiertage und einen guten Rutsch in das neue Jahr natürlich.

(K): Sagen wir alle einmal geschlossen an dieser Stelle auch an die Gegenrichtung.

(V): Und jetzt geht es aus dem weit entfernten Mali zurück nach Berlin. Denn hier bei uns in der Redaktion der Bundeswehr haben wir noch einige Kolleginnen und Kollegen, die Ihnen noch schöne Wünsche für Weihnachten mit auf den Weg geben und zwar in ihren Landessprachen. Cristian (C), schieß los.

(C): Feliz Navidad y un prospero año Nuevo!

(V): Okay, ich erahne, welche Sprache es ist. Aber klär uns kurz auf.

(C): Das ist Spanisch und wird weltweit gesprochen. Und es ist ziemlich einfach, mehr sagt man da eigentlich nicht. Man kann auch nur Feliz Navidad sagen.

(V): Gibt es bei euch dann einen besonderen Brauch oder gibt es im Spanischen einen besonderen Brauch, was irgendwie eine besondere Geste angeht oder ein bestimmtes Essen?

(C): Ich müsste dann über sehr, sehr viele Menschen sprechen. Ich denke mal, das ist auch in jedem Land anders, wo Spanisch gesprochen wird. Da wo ich herkomme – ganz ehrlich, ich war so lange nicht mehr dort, vielleicht 20 Jahre. Ich weiß gar nicht, ob die da bestimmte Bräuche haben oder nicht. Ich weiß nur, in Südamerika ist gerade an Weihnachten Sommer. Das heißt, es ist sehr, sehr heiß und trotzdem wird da der Weihnachtsmann gepflegt. Er kommt vorbei, er bringt Geschenke in seinem Schlitten, das ist sehr, sehr merkwürdig.

(V): Und wahrscheinlich nicht in kurzen Hosen, oder?

(C): Er kommt in seinem ganzen Kostüm an und – ich habe es mal gesehen – es ist sehr, sehr anstrengend für den Weihnachtsmann. Er sieht dann ganz, ganz merkwürdig aus.

(V): Und bei mir ist jetzt der Vladimir (VL), der auch noch ein paar Weihnachtsgrüße für uns hat.

(VL): Ja, an der Stelle kann ich C*ristian nur noch unterstützen. Denn ich selber feiere seit 30 Jahren Weihnachten nach dem deutschen Gesetz. Die Russen feiern nämlich Silvester und erst danach Weihnachten.

(V): Das wusste ich auch noch nicht.

(VL): Und zwar nach dem gregorianischen Kalender in der Nacht vom 6. zum 7. Januar. Das heißt, die Geschichte vom ersten zum vierten Advent wird gestrichen, zumindest gibt es sie nicht in dieser Form. Den Weihnachtsbaum kauft man sich zwei Wochen vor Silvester. Der steht dann durch bis zum 7. Januar. Dann kommt Weihnachten. Zu Weihnachten wird mehr gegessen und die Familie kommt zusammen.

(V): Gibt es eine besondere Redewendung im Russischen, die man zu Weihnachten hat? Oder einen besonderen Brauch, ein besonderes Essen?

(VL): Ja, genau so wie in Deutschland. Man sagt Счастли́вого Рождества́, was so viel bedeutet wie „frohe Weihnachten“. Weihnachten hat ja in erster Linie einen religiösen Charakter. Deswegen gibt es ja auch nicht so viele Geschenke. Also man wird nicht so krass beschenkt, wie wir das in Deutschland kennen. Aber zu den ganzen Traditionen kann glaube ich mein Kamerad, der aus der Ukraine kommt, der Artem, besser erzählen. Die ganzen Bräuche sind recht ähnlich.

(V): Weihnachten fällt ja nicht überall auf den 24. Dezember, wie du gerade schon sagtest Vladimir, sondern auch in der Ukraine wird es an einem anderen Tag gefeiert. Das erklärt uns jetzt mal Artem (A). Hallo.

(A): Hallo.

(V): Schön, dass Du da bist.

(A): Vielen Dank für die Einladung. Man feiert in der Ukraine Weihnachten genauso wie in Russland vom 6. auf den 7. Januar, weil die Ukraine auch christlich-orthodox geprägt ist. Es wird etwas anders gefeiert als in Deutschland. Es gibt auch viel Familienbesuch und es wird viel gekocht. Es müssen auf dem Tisch zwölf Speisen stehen. Die müssen alle vegetarisch sein. Man darf erst anfangen zu essen, sobald man den ersten Stern am Himmel sieht. Dann kann man sich mit der Familie ganz normal hinsetzen und essen. Zwölf Speisen wie zwölf Monate.

(V): Ah, okay. Ich wollte gerade fragen, wo kommt die zwölf her? Aber das ergibt ja tatsächlich Sinn. Aber erster Stern am Himmel - was ist denn, wenn es bewölkt ist?

(A): Ja, das weiß ich nicht genau. Aber ich denke, man muss auf eine bestimmte Uhrzeit warten.

(V): Also ähnlich wie bei der Fastenzeit beim Ramadan?

(A): Nee.

(V): Ach so, nein? Gar nicht?

(A): Nein, gar nicht. Ich denke, man wartet wahrscheinlich bis 19 Uhr und wenn der Himmel nicht klar ist, dann kommt ein klarer Befehl von Mutti. Und Mutti sagt: „Naja, wahrscheinlich ist jetzt der erste Stern da!“ Es ist nur Tradition, kein Muss. Normalerweise wartet man bis zum ersten Stern, es müssen aber auf jeden Fall zwölf Speisen auf dem Tisch sein.

(V): Warum müssen die vegetarisch sein?

(A): Weil das auch mit der Fastenzeit zu tun hat. Streng Gläubige essen kein Fleisch, das können sie erst nach Weihnachten wieder machen.

(V): Kannst Du kurz irgendwie ein, zwei Beispiele nennen, was so typische Speisen sind, die dann zu Weihnachten aufgetischt werden?

(A): Ja, ich kann ein paar Beispiele nennen. Uswar, das ist ein Getränk. Man kocht es aus trockenen Früchten, getrocknete Äpfel, Birnen. Kutja ist gekochter Dinkel mit Honig und Mohn. Man kann auch variieren. Hauptsache ist, dass die Gerichte vegetarisch sind. Man kann auch verschiedene Gemüsespeisen kochen. Aber Kutja und Uswar müssen auf jeden Fall da sein. Und in das Kutja wird auch eine Kerze gesteckt.

(A): Zwölf Speisen! Als kleine Kinder haben ich und meine Schwester immer gewartet. Natürlich hatten wir auch Hunger und haben gefragt: „Mama, ist der erste Stern schon da?“ Kleine Kinder haben schon Spaß daran. Was ganz, ganz wichtig ist: In der Ukraine ist das auch die Koljada-Zeit. In ihr kommen verschiedene Jugendliche und Kinder in speziellen Kostümen vorbei und singen Lieder. Das ist ein bisschen wie Halloween in Deutschland. Die singen im großen Chor mit bis zu 30 Menschen.

(V): Die singen dann Weihnachtslieder?

(A): Die singen dann Weihnachtslieder und die Hausbesitzer müssen dann zum Beispiel Bonbons oder Geld, früher gab es auch Lebensmittel, verteilen.

(V): Dann ist das vielleicht so wie bei uns mit den Sternsängern. Die kommen ja dann auch ungefähr in der Zeit. Genauer am 6. Januar. Dann kommen die Sternsänger als Kaspar, Melchior und Balthasar und die kriegen dann auch Süßigkeiten und so was. Oder mal eine Mark zugesteckt.

(A): Genau das gleiche. Das heißt Koljada, weil die Weihnachtslieder Koljadky heißen. Die Koljada-Zeit geht allgemein zwei Wochen. In dieser Zeitspanne kann man diese Tradition ausleben.

(V): Sehr schön, wieder was gelernt. Und was wünscht man sich auf Ukrainisch? Wie klingt das dann?

(A): Auf Ukrainisch klingt das (… ukrainischer Weihnachtsgruß…).

(V): Und das heißt genau?

(A): Das heißt Frohe Weihnachten mit Jesus Christus.

(V): Jetzt weiß ich ja, dass Du nicht nur Ukrainisch sprichst, sondern noch andere Sprachen. Können wir da eine kleine Hörprobe bekommen?

(A): Das können wir versuchen. Auf Weißrussisch klingt das (… weißrussischer Weihnachtsgruß…).

(V): Oh Gott, das könnte ich nie aussprechen.

(A): Und auf Polnisch Wesołych Świąt.

(V): Und das heißt dann einfach beides frohe Weihnachten, oder?

(A): Das heißt auch frohe Weihnachten. Ja.

(V): Artem, vielen Dank für den kleinen Exkurs in deine Heimat.

(A): Immer gerne.

(V): Und mit diesen vielen wundervollen Weihnachtswünschen entlassen wir Sie jetzt in die Feiertage. Und auch gleich einen guten Rutsch noch dazu gewünscht, denn wir hören uns erst im neuen Jahr wieder. Mein Name ist Amina Vieth, ich melde mich ab aus dem Funkkreis.