Invictus Games

Auf dem Weg nach Den Haag – Besuch im Trainingslager

Auf dem Weg nach Den Haag – Besuch im Trainingslager

  • Sport
  • Bundeswehr
Datum:
Ort:
Warendorf
Lesedauer:
4 MIN

Seit 2019 warten die Athleten des Teams Germany auf die Invictus Games in Den Haag. In diesem Jahr soll es endlich soweit sein. Die Erleichterung ist groß, dass es bald losgehen wird. Aber auch die Aufregung wächst mit jeder Woche ein wenig mehr. Im letzten Trainingslager vor den Spielen geht es um Sport, Psyche, Austausch und das Teamerlebnis.

Ein Mann in Sportkleidung fährt auf einem Heimtrainer in einer Sporthalle.

Beim Training: Teamkapitän Marcin „Stani“ Staniszewski. Eine seiner Disziplinen ist Radfahren.

Bundeswehr/Tom Twardy

In der Georg-Leber-Kaserne in Warendorf ist es ganz anders als an anderen militärischen Standorten. Es dreht sich alles um Sport. Und egal, wohin man blickt, überall begegnen einem Menschen in Trainingsanzügen. Soldat oder Soldatin, Dienstgrad oder Zivilist? Das ist nicht zu erkennen – und auch nicht relevant.

Doch einige Sportanzüge heben sich von den anderen Bundeswehr-Sportoutfits ab: Sie tragen die Schriftzüge „Invictus Games“ und „Team Germany“. In dieser Bekleidung stecken die Athleten, die im April bei den Spielen in Den Haag antreten werden. In Warendorf, dem Bundeswehrstandort der Sportschule und des Zentrums Sportmedizin kommen sie aus ganz Deutschland zum Trainingslager zusammen.

Das Team hatte so viele Trainingslager wie keine andere Mannschaft, die zu den seit 2014 existierenden Spielen gefahren sind. Der Grund dafür: die Pandemie. Immer wieder musste der Termin verschoben werden. Im April soll nun endlich der Startschuss für das langersehnte Ereignis fallen. Und somit ist es das letzte Trainingslager für die rund 20 körperlich oder seelisch versehrten Soldaten. Soldatinnen sind nicht darunter.

Ein Mann auf einem Heimtrainer von unten fotografiert
Marcin Staniszewski, Hauptmann Bundeswehr/Tom Twardy
Es war eine harte Zeit für uns, als die Spiele verschoben wurden. Aber wir motivieren uns gegenseitig und bleiben dabei.

Die Tage sind klar strukturiert: Yoga zum Start in den Tag, Teammeeting mit Blick auf die wichtigsten Punkte. Am Morgen ist also schon viel los in der Sporthalle, die während des Trainingslagers als Teamhalle fungiert. Wer an eine muffige Schulsporthalle denkt, irrt. Sie ist gemütlich eingerichtet mit Sofas, Stehtischen und Schwedenstühlen. Da liegen Sportmatten, die dann doch an den Schulsport erinnern, fürs Dehnen und es gibt einen kleinen Bereich mit heißen und kalten Getränken. An den Wänden hängen Tafeln mit den Trainingsangeboten und organisatorischen Hinweisen. Für den Zeitvertreib stehen eine Tischtennisplatte und ein Kicker bereit.

Kurz gesagt: Hier kann man sich wohlfühlen. Und das tun die betroffenen Athleten. Sportler, Trainer und Betreuer, darunter eine Truppenpsychologin, begegnen sich auf Augenhöhe, alle sind per du, militärische Hierarchie hat hier keinen Platz. Alle teilen ein Schicksal, alle stehen einander bei.

Das Team ist über die vergangenen Jahre eng zusammengewachsen. Und fiebert nun den Spielen entgegen, weiß Teamkapitän Marcin „Stani“ Staniszewski. „Es war eine harte Zeit für uns, als die Spiele verschoben wurden. Aber wir motivieren uns gegenseitig und bleiben dabei“, sagt der Hauptmann. Er war bereits bei den Spielen in Toronto dabei und weiß, was ihn erwartet. Für die meisten seiner Kameraden ist es jedoch eine Premiere. Einige haben Sorge, dem Druck vor Ort nicht standhalten zu können. „Ich versuche, ihnen die Angst zu nehmen.“

Kameraden für Kameraden

Die Athleten sind füreinander da. Schwierige Gespräche führen sie gerne während des Trainings. In der Bewegung fällt es ihnen einfacher, sich zu öffnen und die Emotionen zu kompensieren. Wenn es doch mal zu viel wird, fangen sie sich gegenseitig auf. Denn insbesondere bei Menschen mit einer posttraumatischen Belastungsstörung kann es immer mal wieder zu einem Rückfall ins Trauma kommen. Doch dann sind die Teamkameraden füreinander da. Nicht umsonst lautet hier das Motto „Kameraden für Kameraden“.

Und dann gibt es auch noch die Truppenpsychologin Katja Schadow und den Truppenpsychologiefeldwebel Naef Adebahr. Ihre Türen stehen den Athleten jederzeit offen. Die Trainer sind ebenfalls Bezugspersonen. „Hier muss sich keiner erklären. Hier werden sie verstanden und es gibt keine Vorwürfe, dass sie an ihrem Leiden wegen der Berufswahl selbst schuld seien“, betont Teammanager Julian Tatje. Er steht in engem Austausch mit dem Teamkapitän und den Trainern. Außerdem kümmert er sich um Organisatorisches rund um die Spiele in Den Haag. Sonst fungiert er als Trainer in der Sporttherapie.

Ein Mann hockt am Schwimmbeckenrand und zeigt einem Athleten im Wasser eine Armhaltung

In der Schwimmhalle: Julian Tatje trainiert mit Athlet Carsten Stephan. Tatje ist zugleich auch der Teammanager.

Bundeswehr/Tom Twardy

Tatje, der an der Bundeswehruniversität in München Sportwissenschaften studiert hat und mittlerweile als Zivilangestellter an der Sportschule beschäftigt ist, hat bereits alle Invictus Games bis auf die in Toronto begleitet. Und dadurch viele körperlich oder versehrte Frauen und Männer kennengelernt, deren Schicksale auch ihn nicht kalt lassen. „Man kann sich teils gar nicht vorstellen, was sie erlebt haben“, sagt der Oberstleutnant der Reserve. Das gehe nicht spurlos an einem vorbei und berühre auch ihn. „Aber wir als Trainer müssen uns auf den Blick nach vorn konzentrieren: Ziele stecken mit den Teilnehmern und schauen, wie man sie erreichen kann.“ 

Das betont auch Trainer Hauptmann Kai Luge. „Für uns steht die Sporttherapie im Vordergrund“, sagt er. Für die tiefergehenden Gespräche und Belange gibt es die Truppenpsychologie. Alle arbeiten hier Hand in Hand. Als Trainer versuche man, Distanz zu wahren. „Und sollten wir doch mal was von der Arbeit mit nach Hause nehmen, können wir uns auch an die Truppenpsychologie wenden“, so Luge. 

Tatje, Luge und ihre Kollegen brennen für ihre Arbeit, mit der sie den Kameradinnen und Kameraden zurück ins Leben helfen. „Wenn neue Leute kommen, können einige uns gar nicht in die Augen schauen“, erzählt Tatje. Doch mit jedem Tag würden Fortschritte erzielt. „Und wenn sie abreisen, sind sie viel offener. Sie haben Muskelkater vom Lachen, weil sie teilweise monatelang nicht gelacht haben und drücken uns herzlich.“ Das motiviert das Team der Gruppe Sporttherapie – und die Sportler und Sportlerinnen.

Sie schöpfen neuen Mut, Motivation und finden Freundschaften, die ein Leben lang halten können. Bei den Invictus Games freuen sie sich auf den Austausch mit den Teilnehmern anderer Nationen. Sie verstehen einander – über Sprach- und Landesgrenzen hinweg. 

von Amina Vieth