Seit über 60 Jahren

Dieser kleiner Moment des Glücks, wenn die Hilfe ankommt

Dieser kleiner Moment des Glücks, wenn die Hilfe ankommt

  • Betreuung und Fürsorge
  • Bundeswehr
Datum:
Ort:
Berlin
Lesedauer:
6 MIN

Seit mehr als 60 Jahren steht das Bundeswehr-Sozialwerk für gelebte Solidarität und Fürsorge in der Bundeswehr. Finanzielle und materielle Hilfe, aber auch soziales Engagement, sind Grundpfeiler des Vereins. Aktive und ehemalige Angehörige der Bundeswehr erhalten Hilfe, die vor allem Ehrenamtliche organisieren.

Ein Soldat steht vor einer Wand mit dem Text "Bundeswehr Sozialwerk - Hier scheint die Sonne!"

Oberstabsfeldwebel Volker Haas ist für den Bereich Ost beim Bundeswehr-Sozialwerk seit guten zehn Jahren eine feste Größe und wird für seinen Dienst geehrt

Bundeswehr

Freundliches Desinteresse ist sein „täglich Brot“, sagt Oberstabsfeldwebel Volker Haas. „Schön, dass es euch gibt, aber brauchen tut euch ja keiner. Na, so direkt hat das noch keiner gesagt. Aber man merkt es schon, dieses freundliche Desinteresse.“ Damit umzugehen hat er schon längst gelernt. „Ich will keinen überzeugen, ich verkaufe auch nichts. Ich informiere.“

Und das seit nunmehr zehn Jahren. Denn Volker Haas ist Ansprechpartner für den Bereich Ost und somit feste Größe und Gesicht des Bundeswehr-Sozialwerks in seinem Bereich. Er ist hauptberuflich für den Verein unterwegs und unterstützt, koordiniert und hilft den Ehrenamtlichen bei ihrer Tätigkeit. Diese Gradwanderung zwischen Informieren und „Auf-den-Keks-Gehen“, wie er es nennt, macht einen Großteil seiner Arbeit aus. 

„Den ganzen Tag gebuckelt – das war toll“

Und natürlich ist er mit Herzblut für das Bundeswehr-Sozialwerk im Einsatz. „Wir haben gebuckelt, den ganzen Samstag. Das war toll“, beschreibt Haas beispielsweise einen arbeitsreichen Tag beim Flughafenfest in Gatow. Mit den Menschen und für die Menschen arbeiten, das ist sein Antrieb. Infoarbeit heißt es offiziell, mit dem Ziel, das Bundeswehr-Sozialwerk vorzustellen. Fünf Bundesländer – Berlin, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen – sind sein Verantwortungsbereich.

Immer wieder ist er unterwegs, reist zu den Ansprechpartnern in den Kasernen. Auch auf zahlreichen „Tagen der offenen Tür“ ist Haas Stammgast. Ein weiterer wichtiger Teil seiner Arbeit: Zusammen mit dem Sozialdienst hilft er bei der Auswahl der Menschen, die eine Unterstützung erhalten. Seine Motivation: „Ich sehe, was ich mache. Den ganzen Aufwand, den wir betreiben, mit Infoständen, die Betreuung der Ehrenamtler und so weiter... Wenn ein Euro in die Spendendose reinfällt, geht dieser eine Euro wieder raus. Und wenn ich jemanden einen Reisegutschein oder eine andere Hilfe übergeben kann, weiß ich, was ich vorher dafür gemacht habe. Ich sehe also, was ich tue und dass das Sinn macht.“ 

Zwei große Säulen sind der Kern der Arbeit des Bundeswehr-Sozialwerks, erläutert Haas. Die Reisegutscheine und die Aktion Sorgenkinder der Bundeswehr, beide ermöglichen Hilfe schnell und unbürokratisch. Viele der Menschen, denen er zum Beispiel mit einem Reisegutschein eine kleine Freude machen konnte, sind ihm im Gedächtnis geblieben.

Mit diesen Gutscheinen können die Beschenkten in einer Freizeiteinrichtung des Bundeswehr-Sozialwerks Urlaub machen und so Abstand und Ruhe finden, wenn Zuhause gerade alles aus den Fugen geraten ist. Wie bei einigen betroffenen Familien nach dem Hochwasser im Ahrtal. Hin und wieder ist Volker Haas sogar bei einem der Freizeitangebote vor Ort. „Wenn man dann sieht, dass sie Spaß haben, dass auch die Betreuer Spaß haben. Das ist für mich auch die Motivation, dass ich mich auch übers Wochenende oder abends abseits von jeglichem Dienstplan, den ich eh nicht habe, engagieren kann.“

Zeit mal den Akku aufzutanken

In ganz Deutschland sind Helfende wie Haas unterwegs und sorgen dafür, dass die Hilfe des Bundeswehr-Sozialwerks (BwSWBundeswehr-Sozialwerk) ankommt bei den Bundeswehr-Angehörigen und ihren Familien. Eine dieser Familien lebt in Boppard in Rheinland-Pfalz: Familie Hopmeier. Ihr Sohn Moritz leidet an einer seltenen Chromosomenstörung. Im Alltag der Familie heißt das: Der heute Zwölfjährige ist kleinwüchsig, leidet an Schlafstörungen, seine Entwicklung ist verzögert und seine Bewegungen sind erheblich eingeschränkt. Rund um die Uhr ist er auf die liebevolle Hilfe und Pflege seiner Eltern angewiesen. Vor knapp drei Jahren nutzten die Eltern ein Angebot des BwSZ: Drei Wochen fuhr Moritz zu einer speziellen Freizeit für Menschen mit Behinderung. Diese drei Wochen waren für die Eltern, „Zeit, mal den Akku aufzutanken“, sagt Vater Holger.

Die Kinder werden von ehrenamtlichen Betreuerinnen und Betreuern versorgt, rund um die Uhr. Die Eltern Hopmeier sind voll des Lobes für das Team der Behindertenfreizeit. „Sie haben sich wahnsinnig viel Mühe gegeben. Schön, dass es solche Menschen gibt.“ Neben der nötigen Erholung für die Eltern hat sich noch ein weiteres Ergebnis eingestellt: „Moritz hat währen der drei Wochen mit dem Bundeswehr-Sozialwerk in Bad Münsteriefel einen tollen Entwicklungsschub gemacht. Er wurde deutlich selbstständiger und konnte sogar eine Schritte gehen“, erinnert sich Mutter Jessica. Das Angebot will die Familie künftig regelmäßig nutzen.

Eine Frau und ein Mann sitzen mit ihren zwei Kindern auf einer .

„Moritz hat einen tollen Entwicklungsschub gemacht“, freut sich Mutter Jessica. Die gesamte Familie ist dankbar für die Unterstützung durch das Bundeswehr-Sozialwerk.

Helmut Michelis

Die vom Bundeswehr-Sozialwerk mitfinanzierte Unterstützung für Stephan Forster dagegen ist schwarzhaarig, mit kalter Schnauze, vier Pfoten und treuer Hundeseele. Grisu heißt der Vierbeiner und ist der Assistenzhund von Stephan Forster. Der Oberleutnant der Reserve aus Swisstal ist an PTBSPosttraumatische Belastungsstörung erkrankt. Posttraumatische Belastungsstörung oder eben kurz PTBSPosttraumatische Belastungsstörung ist für Außenstehende nicht sichtbar. Erst acht Jahre nach dem auslösenden Ereignis wird bei Forster die Diagnose gestellt und anerkannt.

„Ich war immer zu hundert Prozent Soldat“, erzählt der Luftlande-Sanitäter mit Spezialqualifikation. Zehn mandatierte Auslandseinsätze hat er durchlebt. Er wurde verwundet. Doch die zusätzliche Wunde an seiner Seele blieb zunächst unbehandelt. Forster musste sich eingestehen: „Familie, Sport, alles ist dir weggebrochen. Mir sind irgendwann die Instrumente ausgegangen, wie ich mit meinem Leben klarkomme.“

Rettungsanker mit vier Pfoten

Für Stephan Forster war und ist Grisu ein Rettungsanker im Alltag. Der Assistenzhund erkennt immer wieder die Anzeichen für die Flashbacks oder Angstträume, aber auch die typischen Vermeidungssymptome wie stumpfe Teilnahmslosigkeit, noch bevor Stephan Forster sich selbst ihrer bewußt wird. Mal legt sich Grisu beruhigend auf die Füße, mal knabbert er am Ohr. Bellen tut der Hund aber nie. Denn der Lärm könnte auch Stress bei seinem Herrchen auslösen. Nur mit einem leisen Winseln teilt Grisu sich Forster mit. Wenn beim Einkauf eine Menschenmenge auf den ehemaligen Soldaten bedrohlich wirkt, stellt sich der Hund dazwischen und führt ihn aus der Situation hinaus. Die beiden sind inzwischen ein eingespieltes Team.

Doch der gemeinsame Weg war steinig: Die Warteliste für Therapiehunde ist lang, deren Wirksamkeit bei PTBSPosttraumatische Belastungsstörung-Patienten umstritten und ein Patient muss als austherapiert gelten – also alle gängigen Therapieformen durchlaufen haben –, bevor er überhaupt versuchen kann, einen Hund zu bekommen. Dann muss auch noch die Chemie zwischen dem Zwei- und dem Vierbeiner stimmen, bevor die gemeinsame Therapiearbeit beginnen kann...

Eine lange Geschichte mit Happy End: Grisus' Präsenz führt dazu, dass der ehemalige Fallschirmjäger erst teilweise, später vollständig auf Medikamente verzichten kann. Einen Teil der Kosten für Anschaffung und Ausbildung des Therapiehundes steuert das Bundeswehr-Sozialwerk bei. „Darüber habe ich mich sehr gefreut“, sagt Forster, „schon allein wegen der Wertschätzung, die damit verbunden ist.“ 

EIn Mann geht mit seinem Hund an der Leine spazieren.

Therapiehund Grisu und sein Herrchen Stephan Forster sind ein eingespieltes Team. Gemeinsam meistern sie den Alltag inzwischen so gut, dass Forster seine Medikamente zur Behandlung der PTBSPosttraumatische Belastungsstörung absetzen konnte.

Helmut Michelis

Positives Feedback an Helfende

Diese Wertschätzung ist auch vielen Ehrenamtlichen Lohn genug. Nicht nur, wenn eine Spende übergeben werden konnte wie an Stephan Forster, sondern auch, wenn eine Betreuerin oder ein Betreuer das erste Mal von einer Freizeit wieder nach Hause kommt. „Wer das erste Mal mitgemacht hat, der fährt auch wieder gern mit“, berichtet Volker Haas, „da bekomme ich in aller Regel ein sehr, sehr positives Feedback.“

Für ihn selbst ist die Arbeit für das Bundeswehr-Sozialwerk auf der Zielgraden. Zum Ende Sommers wird Haas die Bundeswehr verlassen und damit auch seine Aufgaben beim Bundeswehr-Sozialwerk an einen Nachfolger übergeben. Er freue sich auf diesen neuen Lebensabschnitt, sagt er, „irgendwann ist auch mal Schluss.“ Doch bis es soweit ist, wird er noch etliche Kilometer im Dienstwagen in seinem Bereich unterwegs sein, Vorträge vorbereiten und Menschen informieren, warum es sich lohnt, ein Teil des Bundeswehr-Sozialwerks zu sein. 

von Juliane Olbricht