Winterbiwak in den Alpen

„Nachlässigkeiten werden unter Extrembedingungen nicht verziehen“

„Nachlässigkeiten werden unter Extrembedingungen nicht verziehen“

  • Ausbildung
  • Heer
Datum:
Ort:
Berchtesgaden
Lesedauer:
4 MIN

Gebirgsjäger sind Experten für den Kampf im alpinen Gelände und unter extremen Witterungsverhältnissen. Auch nördlich des Polarkreises soll die Truppe in Norwegen nicht nur überleben, sondern kampffähig bleiben. Dafür haben die Angehörigen der 4. Kompanie des Gebirgsjägerbataillons 232 im Winterbiwak auf dem Hochgebirgsübungsplatz Reiteralpe geübt.

Ein Soldat in Schneeflecktarn wischt in einem Zelt die Zeltinnwand ab.

Weg mit der Feuchtigkeit: Die persönliche Ausrüstung warm und trocken zu halten, ist im Winterbiwak ein Problem. Das gilt auch für das Zelt. Erfahrene Ausbilder zeigen den angehenden Gebirgsjägern, wie man das hinbekommt.

Bundeswehr/Jana Neumann

Kälte und Schnee sind gefährliche Gegner. Ohne angemessenen Schutz hält niemand lange eisigem Wind und Nässe stand. Eine wettergeschützte Unterkunft steht deshalb ganz oben auf der Prioritätenliste – und in dieser Hinsicht kann der Schnee sogar Teil der Lösung werden. Vorausgesetzt, man weiß, wie es geht.

Oberstabsfeldwebel Marco Pampel ist Spieß der 4. Kompanie und gefühlt sein ganzes Leben Gebirgsjäger. „Das Wichtigste ist, erst einmal unter Schnee zu kommen. Das bietet Schutz vor Wind und Nässe.“ Und zwar für Mensch und Material.

Selbst gebauter Unterschlupf hält Wind und Nässe ab

Manche jüngeren Kameradinnen und Kameraden der 4. Kompanie erleben gerade ihr erstes Winterbiwak. „Denen zeigen wir verschiedene Möglichkeiten auf, sich einen Unterschlupf zu bauen“, erklärt Pampel. Wenn es schnell gehen muss, ist eine eilig gegrabene Schneehöhle allemal besser als nichts. Ausgepolstert mit Zweigen und mit ausreichend Raum für Atemluft versehen, lässt es sich darin gut aushalten.

Ein Iglu ist schon deutlich arbeitsaufwendiger. Techniken zum Iglu-Bau gibt es verschiedene, meist abhängig von der Beschaffenheit des Schnees. „Wir können das Iglu aus Schneeblöcken schichten oder aus einer verdichteten Schneewehe herausgraben“, sagt Pampel. 

„Oder wir häufen Schnee auf einige Kameraden unter einer Plane. Der entstehende Schneehaufen wird dann von außen verdichtet und von innen abgegraben.“ Fertig ist ein Schneekeller. Wichtig ist bei allen Bauten ein Kältegraben. Weil kalte Luft schwerer als warme ist, sinkt sie in den Kältegraben ab. Der Platz für Iso-Matten und Schlafsäcke wird dagegen etwas erhöht angelegt. Dort hält sich die von der Körperwärme der Bewohner erzeugte wärmere Luft. Weil die Decke des Iglus zumeist etwas nachrutscht, muss zwischenzeitlich etwas Schnee abgetragen werden. Instandsetzungsarbeiten sozusagen.

Ein liegender Soldat gräbt mit einem Klappspaten eine Schneehöhle aus

Klappspaten frei! Der Bau eines Unterschlupfes im Tiefschnee ist schweißtreibend. Aber die Mühe lohnt sich. Unterm Schnee kann es richtig gemütlich sein. Die Ausbildung zum Bau von Schneekellern oder Iglus ist Teil der Spezialgrundausbildung.

Bundeswehr/Jana Neumann

Eine brennende Kerze im Iglu hilft Leben retten

Neben taktischen Überlegungen für den Platz der Gruppe sind auch fundamentale Sicherheitsüberlegungen zu beachten. So brennt in jedem Iglu die ganze Nacht über eine Kerze – als Alarmsignal. Sie verlischt, sollte die Sauerstoffkonzentration ein kritisch niedriges Niveau erreichen. Die nachts ständig patrouillierende Streife würde das von außen sehen und eingreifen. Neben der Unterkunft sind bei den Gebirgsjägern noch andere Basisfähigkeiten gefragt, die unter winterlichen Bedingungen Probleme aufwerfen können.

„Nachlässigkeiten werden hier nicht verziehen“

Auch nach Wochen im Biwak müssen die Soldatinnen und Soldaten die Grundsätze der Feldhygiene beherzigen. Anders gesagt: Waschen! Bei strengem Frost ist das nicht unbedingt vergnügungssteuerpflichtig. Am Platz der Gruppe wird dazu neben einer Feuerstelle auch eigens ein Waschtisch aus Schnee errichtet. In zwei eingelassenen Vertiefungen finden Waschschüsseln Platz, an denen sich jeder des Morgens einseifen kann. Sogar ein „Toiletten-Baum“ wird bestimmt, denn niemand möchte allerorten von gelbem Schnee umzingelt sein.

„Vieles davon klingt erst einmal banal“, sagt die Kompaniechefin, Frau Major Almut Gebert. „Aber Nachlässigkeiten werden unter Extrembedingungen nicht verziehen.“ Nur mit Disziplin und professioneller Routine sei der Kampfkrafterhalt zu leisten.

Ein Soldat hockt im Schnee vor einem Gaskocher und rührt in einem Topf.

Feuerstelle, Alarmstellung, Waschplatz. Der Platz der Gruppe genügt allen militärischen Anforderungen. Komfort ist eher nicht zu erwarten. Der Brenner ist ein wichtiges Werkzeug. Er dient zur Essenszubereitung und zum Schmelzen von Trinkwasser.

Bundeswehr/Jana Neumann

Vorschlag: Wo das Paar Ersatzsocken um den Hals hängt

Mit den Leistungen ihrer Kompanie ist die Chefin zufrieden. „Ich sehe wirklich große Fortschritte.“ Vor der Akklimatisierungsphase in Nordnorwegen sei die Reiteralpe ein bewährter Platz, um die Kameradinnen und Kameraden mit ihrer Winterausrüstung vertraut zu machen. „Hier schaffen wir die Grundlagen, die wir in Norwegen vertiefen können. Und zur Übungsphase von Cold Response sind dann alle fit.“

Gebert ist schon seit 2008 bei der Gebirgsjägertruppe und mit vielen Kniffen vertraut. „Sind Sachen einmal feucht geworden, ist es bei Schneetreiben fast unmöglich, sie wieder trocken zu bekommen.“ Und ein Feuer ist nicht in jeder Situation eine Option. Gebert öffnet ihren Nässeschutz ein wenig. Um ihren Hals hat sie ein Paar Ersatzsocken gelegt. Am Körper gewärmt sind die für den nächsten Einsatz bereit.

Kompaniefeldwebel Pampel weist auf Schlafsäcke, die über einem Ast in der Sonne hängen. „Unsere Chance, die Feuchtigkeit rauszukriegen.“ Alles kein Hexenwerk, man muss es eben nur wissen. Und machen.

Schnee schmelzen für die Trinkwasserversorgung

Auch bei den Gebirgsjägern gilt: wie die Verpflegung, so die Bewegung. Auf der Reiteralpe wird die Versorgung durch ein Küchenteam sichergestellt. Das ist purer Luxus. Die Gruppen müssen sich ihre Rationen lediglich mit dem Schlitten UT 2000 an der Hütte abholen. Ebenso ihr Trinkwasser.

Gibt es aber keine Quellen oder ist das Nachführen von Wasser unmöglich, muss Schnee geschmolzen werden. Dieser Prozess kostet Zeit und Energie – jeden Tag. In diesem Fall teilt Gruppenführerin oder -führer Soldatinnen und Soldaten zum abwechselnd zum „Schmelzdienst“ ein. Denn wie überall lassen sich Herausforderungen auch auf der Reiteralpe am besten gemeinsam meistern.

von Markus Tiedke