Bündnisverteidigung

NATO-Logistik: Nationale Aufgabe, multinationale Koordination

NATO-Logistik: Nationale Aufgabe, multinationale Koordination

  • Landes- und Bündnisverteidigung
  • Bundeswehr
Datum:
Ort:
Berlin
Lesedauer:
4 MIN

Ob NATO Response Force, Verstärkungskräfte oder reguläre Truppen: Für eine glaubwürdige Abschreckung müssen Streitkräfte schnell verlegt werden können – eine komplexe Aufgabe, die in nationaler Verantwortung der NATO-Bündnispartner liegt, jedoch multinational koordiniert wird. Eine Schlüsselrolle spielt dabei das NATO-Kommando JSECJoint Support and Enabling Command in Ulm.

Mehrere Militärfahrzeuge, Container und Zelte stehen auf einem Gelände

Schlüsselfaktor Logistik: Glaubwürdige Abschreckung erfordert die Fähigkeit, Einsatzkräfte und Material schnell zu verlegen. Durchhaltefähige und wirksame Verteidigung ist nur mit einer gesicherten Anschlussversorgung möglich. (Symbolfoto)

Bundeswehr/Marco Dorow

Anfang März 2022 verlegten rund 500 französische Soldatinnen und Soldaten nach Rumänien. Ihr Auftrag: Vor dem Hintergrund des völkerrechtswidrigen Angriffes Russlands auf die Ukraine die Ostflanke der NATO zu verstärken und Präsenz der Allianz zu zeigen. Die französischen Einsatzkräfte sind Teil der VJTFVery High Readiness Joint Task Force (Very High Readiness Joint Task Force). Die VJTFVery High Readiness Joint Task Force hat als sogenannte Speerspitze die kürzesten Alarmierungszeiten innerhalb der schnellen Eingreiftruppe NATO Response Force (NRFNATO Response Force). Im laufenden Jahr wird sie von Frankreich gestellt, 2023 von Deutschland. 

NRFNATO Response Force-Logistik: Multinationale Koordination

Die Verlegung der französischen Kräfte wurde von Ulm aus koordiniert. Grundsätzlich ist Logistik eine nationale Aufgabe, die jede truppenstellende NATO-Nation mit eigenen, sogenannten nationalen Unterstützungskräften erbringt. Doch im Fall der NRFNATO Response Force und damit auch der VTJF sorgt der multinational zusammengesetzte Stab der Standing Joint Logistics Support Group (SJLSG) für nahtlose Verlegungsprozesse, unabhängig davon, ob es sich um Übungsvorhaben oder – wie aktuell erstmals seit Bestehen der NRFNATO Response Force – einen Einsatz zur Abschreckung und Verteidigung des NATO-Bündnisgebietes handelt. 

Die SJLSG stellt dabei keine eigenen Transportdienstleistungen bereit, sondern fungiert im Wesentlichen als Koordinierungselement zwischen den Nationen. Das Ziel ist, parallel laufende Transporte ebenso wie Leerfahrten zu vermeiden, Kapazitäten zu bündeln, Synergien zu nutzen und ein aktuelles Lagebild zu erstellen.

Ein Panzer fährt aus einem Schiff heraus, dass Schiff ist in voller Länge im Hintergrund zu sehen.

Transatlantische Verstärkungskräfte überqueren per Schiff oder Flugzeug den Atlantik und nutzen Deutschland als Rast- und Versorgungspunkt und als logistische Drehscheibe für die weitere Verlegung ins Einsatzgebiet (Symbolfoto)

Bundeswehr
Viele Panzer und Container stehen aufgereiht an einem Hafen

Material wird getrennt von der Truppe transportiert und erst im Einsatzraum wieder mit den Einsatzkräften zusammengeführt (Symbolfoto)

Bundeswehr

Schnelle Verlegung, glaubwürdige Abschreckung

„Die reibungslose Verlegung der Einsatzkräfte in ihren jeweiligen Einsatzraum innerhalb der vorgegebenen Alarmierungszeit ist wesentlich für die glaubwürdige Abschreckung und die wirksame Verteidigung des NATO-Bündnisgebietes“, sagt Generalleutnant Jürgen Knappe, Kommandeur des Joint Support and Enabling Command (JSECJoint Support and Enabling Command) in Ulm, dem die SJLSG zugeordnet ist. 

Das JSECJoint Support and Enabling Command ist seit September 2021 operatives Führungshauptquartier der NATO. Es ist multinational zusammengesetzt und dem SACEURSupreme Allied Commander Europe  (Supreme Allied Commander Europe, NATO-Oberbefehlshaber in Europa) direkt unterstellt. Das ist derzeit der USUnited States-General Tod D. Wolters. JSECJoint Support and Enabling Command agiert damit gleichrangig neben den Joint Force Command Norfolk (USA) sowie den Allied Joint Force Commands in Brunssum (Niederlande) und Neapel (Italien). 

Anders als diese hat das JSECJoint Support and Enabling Command jedoch keine militärische Raumverantwortung für einzelne Regionen. Als funktionales Kommando koordiniert es Truppenbewegungen der NATO-Partner im gesamten räumlichen Zuständigkeitsbereich des SACEURSupreme Allied Commander Europe , also im europäischen Bündnisgebiet und im nordatlantischen Raum. Deutschland nimmt dabei wegen seiner zentralen geografischen Lage in Europa eine Schlüsselrolle ein: als logistische Drehscheibe, als Transitland und als rückwärtiger Operationsraum, in dem militärische Kräfte versorgt, ausgestattet und für den Einsatz vorbereitet werden.

Nachhaltige Verstärkung, gesicherte Versorgung

Im Konflikt- und Krisenfall müssen dabei Mensch und Material nicht nur schnell nach Europa, innerhalb Europas und zurück über den Atlantik verlegt werden können. Außerdem ist ihre nachhaltige Verstärkung und gesicherte Versorgung über robuste Nachschublinien erforderlich, um Kampfkraft und Durchhaltefähigkeit der Einsatzkräfte zu gewährleisten.

Das JSECJoint Support and Enabling Command habe dabei die koordinierende Verantwortung, dies mit den beteiligten NATO-Staaten zu organisieren und als logistische Schnittstelle zivile und militärische Leistungserbringer zu verknüpfen, erklärt General Knappe: „Gefechtsverbände müssen sich auf ihren Kernauftrag konzentrieren können, und zwar darauf, das Bündnisgebiet zu verteidigen. Wir sorgen für reibungslose logistische Prozesse im Hintergrund, um diesen Auftrag bestmöglich zu unterstützen.“

Der Eingang eines mobilen Gefechtsstandes der Bundeswehr aus dem Gras heraus fotografiert

Im Bündnisfall verlegt das JLSG-Hauptquartier mit einem mobilen Gefechtsstand ins Einsatzgebiet. Vor Ort koordiniert der Stab Bedarfe und Kapazitäten der beteiligten NATO-Streitkräfte und steuert die Zusammenarbeit mit der Host Nation. (Symbolfoto)

Bundeswehr/Sebastian Bothe

Missionsbezogen Aufwuchs durch weitere NATO-Stäbe 

Sollte der Bündnisfall nach Artikel 5 des Nordatlantikvertrages eintreten, also ein NATO-Mitgliedstaat Unterstützung gegen einen Angriff auf seine territoriale Integrität benötigen, werden zusätzlich zu JSECJoint Support and Enabling Command und SJLSG weitere Joint Logistic Support Group Headquarters (JLSG HQHeadquarters) gebildet und dem regional zuständigen Allied Joint Force Command in Brunssum oder Neapel unterstellt.

„Ein JLSG HQHeadquarters ist ein multinationaler Führungsstab mit rund 100 bis 120 Soldatinnen und Soldaten, der missionsbezogen gebildet wird und in das jeweilige Operationsgebiet verlegt “, erläutert Oberstleutnant Hans Martin Hornhues, Head of Concept & Doctrine#en am Joint Logistic Support Group & Training Centre, Garlstedt. Damit unterscheide es sich von JSECJoint Support and Enabling Command und SJLSG, die als dauerhafte und stationäre Stäbe in Ulm verbleiben. 

Das JLSG HQHeadquarters führt im Operationsgebiet einen multinationalen logistischen Verband von rund 5.000 bis 7.000 Soldatinnen und Soldaten der Unterstützungskräfte, die ebenfalls von den NATO-Partnern bereitgestellt werden.

Ihre Aufgaben sind das sogenannte Reception, Staging und Onward Movement (RSOMReception, Staging, Onward Movement), bei dem Truppen und Material im Operationsgebiet aufgenommen, zusammengeführt und in den Einsatzraum verlegt werden, die Folgeversorgung der Kampftruppen im Operationsgebiet und das sogenannte Rearward Movement, Staging und Dispatch (RMSD), also die Rückverlegung von Truppen und Material.  

Eine erklärende Grafik zum Thema NATO-Logistik.

Das JSECJoint Support and Enabling Command koordiniert als stationäres Hauptquartier Truppenbewegungen im Verantwortungsbereich des NATO-Oberbefehlshabers in Europa. Im Konfliktfall kommt ein mobiles JLSG HQHeadquarters hinzu, das Aufnahme, Verlegung und Folgeversorgung im Einsatzraum steuert.

Bundeswehr

Fähigkeiten verknüpfen, Verteidigungsfähigkeit stärken

Zudem koordiniert das JLSG HQHeadquarters die Leistungen der nationalen Unterstützungskräfte der beteiligten NATO-Partner sowie der aufnehmenden Host Nation. „Das JLSG HQHeadquarters hat den Überblick über alle Bedarfe und alle Fähigkeiten, die potenziell abgerufen werden können – nationenübergreifend und auf allen Transportwegen“, sagt Hornhues. 

Der logistische Fußabdruck solle dabei möglichst gering gehalten werden, um nicht unnötig Kräfte zu binden: „Wenn die Host Nation oder ein Bündnispartner Wasser, Treibstoff oder Verpflegung für alle bereitstellen kann, ist dies weitaus sinnvoller, als Versorgungswege mit parallel laufenden Transporten über lange Distanzen zu blockieren. Und wenn die französische Einsatzkräfte Material benötigen und in einem deutschen Nachschubzug Transportkapazitäten frei sind, vermittelt das JLSG HQHeadquarters die Zuladung“, fasst Hornhues zusammen.

Die Verknüpfung der Fähigkeiten verschiedener Nationen sowie ziviler und militärischer Logistik unterstütze so die gemeinsame Verteidigungsfähigkeit der NATO-Bündnispartner.

von Simona Boyer

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