„Wir haben zusammen geschwitzt und geweint“

„Wir haben zusammen geschwitzt und geweint“

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Seit 2001 dürfen Frauen in allen Einheiten der Bundeswehr dienen. Diana Herbstreuth verpflichtete sich noch im selben Jahr und ging zu den Fallschirmjägern. Sie beschritt neue Wege – auf die ihr noch viele Frauen folgen sollten. Im Interview spricht die 39-Jährige über Hürden, Vereinbarkeit von Dienst und Familie und Rat an künftige Soldatinnen.

Porträt einer lächelnden Soldatin
Bundeswehr/Andreas Metka

Oberstleutnant Herbstreuth, was verbinden Sie mit ihrem ersten Tag im Dienst?

Bei dem Gedanken daran muss ich lächeln. Es war eine ganz andere Welt. Aber es war genauso, wie ich es mir vorgestellt hatte.

Was meinen Sie damit?

Es ist am Anfang ein sehr körperlicher Beruf, man führt einen Auftrag aus und bewältigt diesen überwiegend körperlich. Das kannte ich bereits, da ich in meiner Freizeit Sport leistungsorientiert ausübte. Ich komme aus den neuen Bundesländern, mir sind sportliche Leistungen, sich miteinander zu messen, Anweisungen zu folgen nicht fremd. So stellte ich mir das mit 19 Jahren auch bei der Bundeswehr vor.

Hat Sie das dazu bewogen, zur Bundeswehr zu gehen?

Ich wollte eigentlich zur Polizei, aber ich verfügte nicht über die entsprechende Sehstärke. Nach dem Abitur brachte mich ein Freund auf die Idee, zur Bundeswehr zu gehen. „Fallschirmjäger, das passt zu dir“, sagte er. Daraufhin machte ich einen Termin beim Karrierecenter und reichte anschließend meine Bewerbung ein.

Hatten Sie zuvor denn schon Berührung mit der Truppe?

Nein. Ich kannte nur die Erzählungen meines Vaters und meines älteren Bruders. So genau wusste ich nicht, was mich da eigentlich erwartet. Der Informationsbedarf wurde 1999 noch nicht im Internet wiedergegeben, wie heute.

Frauen in der Kampfeinheit waren neu für die Truppe. Fühlten Sie sich besonders auf den Prüfstand gestellt?

Mir wurde von Anfang an gesagt, dass ich keine Vorteile erwarten sollte. Das habe ich auch nicht. Aber man stand als Frau immer im Fokus – schon alleine dadurch, dass man da war. Bis zu einem gewissen Zeitpunkt war ich der einzige Soldat, weiblich, mit Pferdeschwanz. Vor allem in den Anfängen war das bei Unterkünften und sanitären Anlagen ein Thema. Teils hatte ich einen ganzen Flur für mich alleine, es war wie ein Sperrgebiet. Das schottet einen dann auch von den anderen ab.

Fühlten Sie sich dadurch abgehängt von der restlichen Truppe?

Nein. In der Freizeit war ich mit den männlichen Kameraden unterwegs – überwiegend beim Sport, einkaufen oder auf „Tour“. So hatte ich Anschluss. Mich abzuhängen, hätten sie so schnell eh nicht geschafft. (lacht)

In Ihrer Laufbahn wurde Ihnen sicher einiges abverlangt. Sie waren unter anderem bei den Fallschirmjägern und den Fernspähern. Sie haben sicher eine Menge Biss und Durchhaltevermögen beweisen müssen.

Ich habe hohe Anforderungen an mich selbst gestellt. Von außen gab es nie den Druck, dass ich besser oder schneller als die Männer sein musste. Das hatte ich mir wenn selbst auferlegt. Ich wurde auch nicht von den anderen gepiesackt. Ich habe alles genauso bestritten wie die Männer, mit dem gleichen Leistungsdruck, dem gleichen Gepäck und nach den gleichen Regularien. Ich habe genauso gelitten, wie die Männer. Wir haben zusammen geschwitzt und geweint.

Was war rückblickend Ihr schönster Posten?

Jeder Dienstposten hat sein Für und Wider. Die ersten drei Jahre bis zum Leutnant sind Lehrjahre. Das Studium (Anm. d. Red.: Sportwissenschaften) war eine schöne Zeit, aber mit geringerem militärischen Fokus. Die Erfahrungen nach dem Studium waren intensiv und spannend. Erfahrungen, wie die als Kompaniechefin macht man so nie wieder. Man hat plötzlich Disziplinargewalt, man arbeitet nicht nur zu, sondern trifft Entscheidungen. Das ist ein ganz anderes Verantwortungsgefühl.

Wie fassten es die Kameraden auf, von einer Frau befehligt zu werden?

Die meisten hat es nicht interessiert, dass ich eine Frau bin. Sicher hat der eine oder andere Soldat die Nase gerümpft oder konnte es sich nicht vorstellen, dass eine Offizierin das Kommando hat. Aber das sind Ausreißer, die gibt es überall. In solchen Fällen habe ich das Vier-Augen-Gespräch gesucht und immer versucht, alles sachlich und emotionslos dienstlich zu klären. Meine Vorbilder waren Frauen, wie die Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel. Frauen in diesen Positionen haben sicher viel mehr Gegenwind. Dann schaffe ich das auch, dachte ich mir.

Sie haben für viele Frauen in der Bundeswehr den Weg geebnet. Was bedeutet das für Sie?

Ich bin stolz darauf, eine der „Pionierinnen“ zu sein. Auch wenn das nicht immer schön ist. Man traf auf Hürden und Fragen, für die Lösungen und Antworten erst noch gefunden werden müssen. Weil es einfach neu war. Als ich meine Tochter bekam, konnte mich keiner beraten, wie ich Familie und Dienst vereinbaren kann. Da musste erst noch ein Weg gefunden werden. Das war nicht immer einfach. Aber man ist stolz, wenn man es geschafft hat.

Hatten Sie das Gefühl, sich entscheiden zu müssen zwischen Dienst und Familie?

An dem Punkt, als es um meinen Antrag zur Berufssoldatin ging. Es gab für mich noch keine Antwort darauf, wie man das als Mutter schaffen kann.

Wie haben Sie sich entschieden?

Ich habe den Antrag gestellt. Es war ein Sprung ins kalte Wasser. Aber nicht wie mit 19 Jahren, als ich meinen Dienst antrat, das hatte etwas von einem Abenteuer. Zehn Jahre später, mit einer kleinen Tochter, war das mit viel mehr Verantwortung verbunden. Es gibt in jedem „Job“ schwierige Zeiten, in denen man sich neu erfinden und managen muss. Ich habe den Schritt gewagt und kann rückblickend sagen: Es war richtig. Ich habe das Beste für meine Tochter und mich erreicht.

Ihr Rat an Frauen, die noch in die Bundeswehr eintreten wollen?

Einfach machen! Finde deinen Weg. Was sich jeder merken sollte: Kein Zweifel dieser Welt kann dich von deinem Weg abbringen. Wenn du an dich glaubst, dann wirst du deinen Weg gehen und auch neue Wege finden. Meine Kameradinnen und ich haben Wege gangbar gemacht. Dennoch wünsche ich mir, dass jede Frau ihren eigenen Weg geht. Es ist schön, so viele Frauen in den verschiedenen Laufbahnen zu sehen, dass es mehr und mehr zur Normalität wird. Aber das darf nicht mit Selbstverständlichkeit verwechselt werden. Wenn etwas selbstverständlich ist, dann wird es fragil. Das darf nicht passieren.

von Amina Vieth