Von der reinen Männerdomäne zur bunten Truppe

Von der reinen Männerdomäne zur bunten Truppe

  • Personal
  • Bundeswehr
Ort:
Köln
Lesedauer:
5 MIN

Wenn ein Thema die Bundeswehr nachhaltig beschäftigt, dann ist es der stetige Wandel. In den 65 Jahren ihrer Geschichte hat sie sich immer wieder die Frage gestellt, wie mit diesem Wandel umzugehen ist. Spätestens seit Charles Darwin besteht die Erkenntnis, dass „nicht der Stärkste überlebt, nicht einmal der Intelligenteste, sondern derjenige, der sich am schnellsten einem Wechsel anpasst“.

Soldaten unterschiedlicher Herkunft in einer Reihe

Vielfalt in der Bundeswehr bedeutet Zukunftsfähigkeit

Bundeswehr/Sebastian Wilke

1955, im Gründungsjahr der Bundeswehr, hatte Deutschland eine Bevölkerungszahl von knapp 71 Millionen Menschen. Auf 100 Männer kamen ungefähr 118 Frauen. Nachwirkungen des Zweiten Weltkrieges. Viele deutsche Männer sahen die Bundeswehr in der wirtschaftlich schwierigen Nachkriegszeit als attraktiven Arbeitgeber. Bereits in den ersten acht Monaten des Gründungsjahres 1955 meldeten sich 150.000 Freiwillige.

In diesem Jahr wurden von Unternehmen und Behörden Millionen ausländischer Arbeitskräfte, sogenannte Gastarbeiter, aus verschiedenen südeuropäischen Ländern angeworben. Sie und ihre Familien bilden bis heute die größte Gruppe der in Deutschland lebenden Menschen mit Migrationshintergrund.

Multikulturelles Deutschland

Die Bevölkerungszusammensetzung der Bundesrepublik Deutschland befindet sich seitdem und aktuell in einem zum Teil drastischen Umbruch. Nicht nur die Altersstruktur der Bevölkerung ändert sich, sondern auch die ethnische Zusammensetzung ist einem Wandel unterworfen. Ebenso wie diese Entwicklungen hat auch die Tatsache, dass seit 2001 Frauen in allen Verwendungen bei der Bundeswehr zugelassen sind, Auswirkungen auf die Zusammensetzung und auf das Miteinander in der Armee. Um weiterhin als attraktiver Arbeitgeber konkurrenzfähig im Wettbewerb um qualifiziertes Personal zu sein, musste sich die Bundeswehr mit der neu entstehenden Vielfalt auseinandersetzen. Die Vielfalt, also die Diversität, systematisch handhaben, also managen, um aus der entstandenen Vielfalt auch Nutzen zu ziehen, das war beziehungsweise ist die Herausforderung. Die Bundeswehr muss also Diversity Management betreiben.

Reden über sexuelle Orientierung

Als im Januar 2017 die damalige Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen einen Workshop zur sexuellen Orientierung und Identität in der Bundeswehr veranstaltete, war das Unverständnis nicht nur beim politischen Gegner groß. Rainer Arnold, damals verteidigungspolitischer Sprecher der SPDSozialdemokratische Partei Deutschlands-Bundestagsfraktion, lästerte, die Ministerin solle sich „statt um die Alltagsprobleme der Soldaten eher um die Verzögerung von Rüstungsprojekten kümmern“.

Diese Lesart ist gerade unter alten Haudegen verbreitet. Mehr Panzer müssen her, die Marine braucht neue Schiffe, russischer Cyberbedrohung muss die Stirn geboten werden. All diese richtigen und wichtigen Maßnahmen übersehen eins: Sie wirken nur, wenn es Menschen gibt, Soldatinnen und Soldaten und zivile Angehörige der Bundeswehr, die sie umsetzen können.

Von der Leyen hat mit diesem Workshop vor allem der Führungsebene gezeigt, dass das Thema sexuelle Orientierung und Identität bei einem modernen Arbeitgeber ein zentraler Punkt ist und es deshalb von oben unterstützt werden muss. In ihrer damaligen Rede hat sie klar herausgestellt, dass die Bundeswehr Diversity als Selbstverständlichkeit verstehen möchte. „Seitdem ist natürlich viel passiert. Dieser Wandel ist in den Köpfen nicht von einem Tag auf den nächsten zu erreichen“, sagte der Vorsitzende des Arbeitskreises homosexueller Angehöriger der Bundeswehr, jetzt Queerbw, Leutnant Sven Bäring.

Ein Soldat im Porträt

Leutnant Sven Bäring ist Vorsitzender von QueerBw

Bundeswehr/Tom Twardy

Aufarbeitung der eigenen Geschichte

Das aktuellste Beispiel, das den Wandel innerhalb der Bundeswehr zeigt, ist die geplante Entschädigung schwuler Soldaten. Lange Zeit mussten sie in der Bundeswehr Nachteile befürchten. Nun soll es eine Wiedergutmachung geben. Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer will schwule Bundeswehrsoldaten entschädigen, die zwischen 1955 und 2000 systematisch diskriminiert wurden. Sie bat die Betroffenen um Entschuldigung und fand dafür deutliche Worte: „Die Haltung der Bundeswehr zur Homosexualität war falsch. Sie war damals schon falsch und hinkte der Gesellschaft hinterher.“ Beschämend und unerhört sei es, dass die Truppe seit ihrer Gründung über Jahrzehnte hinweg Homosexuelle systematisch diskriminiert habe.

Positives Unternehmensimage durch Diversity

Über 20 Prozent der Bevölkerung hat einen Migrationshintergrund, bei Kindern deutlich mehr, Tendenz steigend. Frauen sind mittlerweile in allen Berufsfeldern vertreten und wollen Karriere machen. Gleichzeitig schreitet auch die sexuelle Liberalisierung weiter voran. Um diese Realität zu berücksichtigen, gibt es seit 2016 das Stabselement für Chancengerechtigkeit, Vielfalt und Inklusion. Es arbeitet an strategischem Diversity Management. Eine Operation am schlagenden Herzen, denn bereits heute haben rund 16 Prozent der Soldatinnen und Soldaten nach einer Erhebung des Verteidigungsministeriums einen Migrationshintergrund. Rund zwölf Prozent des militärischen Personals sind Frauen. Und LGBTQ (Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender)-Angehörige des Verteidigungsressorts haben sich bereits in einem eigenen Verband, dem bereits erwähnten Verein Queerbw, organisiert.

Dass das Ministerium nun strategisch über Vielfalt nachdenkt, zeigt den Fortschritt. Das Ministerium hat das Potenzial von zukünftigen und bereits eingestellten Soldatinnen und Soldaten mit Migrationshintergrund für eine wieder wachsende und global operierende Berufsarmee im Blick.

Insbesondere hinsichtlich eines zunehmend heterogenen potenziellen Bewerberkreises war das ein überfälliger Schritt. Vielfalt und Diversität sind aber für eine Parlamentsarmee, die sich als Spiegel der Gesellschaft versteht, noch weit mehr als Mittel zum Zweck. Nicht zuletzt bei der Integration der Flüchtlinge könnte sich die Bundeswehr als Motor erweisen.

Kramp-Karrenbauer spricht am Rednerpult im Bundestag

Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer: „Wir wertschätzen jeden Einzelnen.” (Archivbild)

Bundeswehr/Sebastian Wilke

Interkulturalität und Interreligiosität

Bereits getroffene Maßnahmen für ein Mehr an Diversität findet man zum Beispiel beim Zentrum Innere Führung der Bundeswehr, das sich um das Leitbild des Bürgers in Uniform und das Innere Gefüge der Streitkräfte kümmert. Bereits seit einigen Jahren gibt es hier mehrere Ansprech- und Koordinierungsstellen für nichtchristliche Soldatinnen und Soldaten und interkulturelle Fragen. Auch die militärische Kaderschmiede, die Führungsakademie der Bundeswehr, integriert das Thema verstärkt.

Zum ersten Mal in ihrer Geschichte bekommt die Bundeswehr außerdem jüdische Militärseelsorger. Kramp-Karrenbauer hatte bereits im vergangenen Dezember einen entsprechenden Gesetzentwurf auf den Weg gebracht. Der Bundestag fasste im Mai den Beschluss: Die ersten Militärrabbiner sollen noch in diesem Jahr ihre Arbeit aufnehmen.

Mit 65: Eine Bundeswehr für alle

Es geht allerdings nicht nur um nackte Zahlen. Die Bundeswehr hat sich stets als Spiegel der Gesellschaft gesehen. Dieser Anspruch bedeutet, allen Deutschen gleichermaßen die Möglichkeit zu geben, ihrem Land zu dienen und so auch allen zu zeigen, dass die Bundeswehr 65 Jahre nach ihrer Gründung nicht die Verteidigungsinstitution der weißen, christlichen, heterosexuellen Elite, sondern aller Bürgerinnen und Bürger ist und die Rechte aller schützt.

von Jörg Dilthey  E-Mail schreiben