Dragon 24

Wide Wet Gap Crossing: NATO-Truppen überqueren die Weichsel

Bei der NATO-Übung setzen Soldatinnen und Soldaten der Pioniertruppe Gefechtsverbände aus neun Nationen über den größten Fluss Polens.

Ein Panzer auf einer schwimmenden Amphibie

Bei der Übung Dragon 24 stoßen die multinationalen Verbände bei ihrem Marsch Richtung NATO-Ostflanke mitten in Polen auf die Weichsel. Der größte Fluss des Landes ist hier stellenweise mehr als 300 Meter breit. 900 Fahrzeuge aus neun Nationen sollen nahe des Ortes Korzeniewo übersetzen. Der Auftrag der Pioniere: Transport der Gefechtsverbände über die Weichsel.

Mit dabei ist das Deutsch/Britische Pionierbrückenbataillon 130. „Der Übergang Alpha liegt in unserem Zuständigkeitsbereich“, beschreibt der Kommandeur des Verbands, Oberstleutnant Florian Loges, das, was jetzt vor seinen Pionieren liegt. Insgesamt sind bei der Übung drei Übergangstellen zum gleichzeitigen Übersetzen über die Weichsel geplant. Je mehr Übergänge vorhanden sind, desto weniger Schwung ginge in einem Gegenangriff verloren. „Das Überqueren von Gewässern wie auch die Vorbereitungen, die dazu nötig sind, verlangen von allen viel Konzentration. Wir Pioniere müssen dafür Sorge tragen, dass die Gefechtsverbände hochmobil durch die Gewässerzone kommen und nicht stocken. Der Gegner kennt diesen Moment auch“, sagt Loges.

Wide Wet Gap Crossing ist für Landstreitkräfte eine äußerst wichtige Fähigkeit. Die Wortkombination steht für das Überwinden von sehr breiten wasserführenden Hindernissen – Gewässern, Flüssen oder auch sehr langgestreckten Seen, die nicht umfahren werden können.

Im Pendelverkehr über den Fluss

Soldaten koppeln schwimmende Amphibien zusammen.

Aus vier Amphibien setzen Pioniere eine Fähre zusammen. Zwei deutsche und eine britische Fähre entstehen.

Bundeswehr/Marco Dorow

Die Soldatinnen und Soldaten des Deutsch/Britischen Pionierbrückenbataillons 130 teilen sich die Gewässerzone mit polnischen und französischen Pioniereinheiten. Somit ist jeder Nation einer der drei Übergänge zugeteilt. Die Gesamtverantwortung über alle drei Übergänge liegt aber wiederum beim binationalen Pionierverband aus Minden. „An drei Stellen, Alpha, Bravo und Charlie, sieht der Plan für das Gefecht Übergänge über die Weichsel vor“, beschreibt ein junger Oberleutnant, der als Leiter der Übergangsstelle eingesetzt ist, die Ausgangslage.

Er erklärt, wie seine Soldaten die Gefechtsfahrzeuge am Übergang Alpha übersetzen. „Wir werden drei Fähren einsetzen, die später im Pendelverkehr, also immer an der gleichen Stelle, Fahrzeuge aufnehmen und am anderen Ufer absetzen werden. Wenn der Zeitplan stimmt, sind also immer zwei Fähren am Be- oder Entladen und eine auf der Weichsel unterwegs.“ Die Pioniere des deutsch/britischen Verbands setzen dafür zwölf Schwimmschnellbrücken Amphibie M3 ein, acht davon werden von deutschen und vier von britischen Soldaten bedient. „Diese Mischung macht es uns einfach, die Soldaten sind gleich ausgebildet, benutzen das identische Material und schaffen viel mehr“, so der Leiter der Übergangsstelle. 

Befehl: Gefechtsverbände übersetzen

Panzer auf einer Fähre setzen über einen Fluss.

Alle Nationen arbeiten Hand in Hand: Das französischen System Engin de Franchissement de l’Avant, kurz EFAFeldwebelanwärter, setzt spanische Kampfpanzer über.

Bundeswehr/Marco Dorow

Es geht los: Auf Befehl setzen die Pioniere ihre Amphibienfahrzeuge in Bewegung. Aus der Fahrt gleiten die mächtigen Fahrzeuge Richtung Weichsel und tauchen mit einer schäumenden Bugwelle in das Wasser ein. Schon in der Anfahrt klappen die Schwimmkörper aus und machen aus den Fahrzeugen schwimmfähige Amphibien. Aus den Fahrzeugbesatzungen werden Fährenbesatzungen. „Wir verbinden auf dem Wasser vier diese Amphibien zu einer Fähre, das Ganze dauert nicht länger als zwölf Minuten. Mit der Traglast einer solchen Fähre sind wir in der Lage, alle gängigen Gefechtsfahrzeuge der Bundeswehr, aber auch darüber hinaus der gesamten NATO überzusetzen“, erklärt der Fährenführer. Er lenkt dann nur per Handzeichen die Fähre über die Weichsel.

In der gleichen Zeit, in der die deutschen und britischen Pioniere ihre Fähren zusammenkoppeln, arbeiten französische und polnische Pioniere an ihren Übergangstellen genauso konzentriert und schnell. Die ersten Gefechtsfahrzeuge passieren bereits die Kontrollpunkte der Gewässerzone. Die französischen Pioniere nutzen für ihren Übergang, ähnlich dem deutschen Vorgehen, eine Amphibie, die sie als Brücke oder Fähre einsetzen. Das sogenannte Engin de Franchissement de l’Avant (EFAFeldwebelanwärter) ist ebenfalls nach nur wenigen Minuten einsatzbereit. Die polnischen Pioniere setzen die Fahrzeuge des Gefechtsverbands mit dem selbst entwickelten Pontonsystem PP-64 über. Aus einzelnen Pontons entsteht eine Fähre, die eine enorme Traglast von bis zu 80 Tonnen hat.

Volle Einsatzbereitschaft bewiesen

Ein französischer und ein polnischer Panzer auf einer britischen Fähre

Die Pioniere des Deutsch/Britischen Pionierbrückenbataillons 130 setzen mehrere Schwimmschnellbrücken Amphibie M3 für eine Fähre ein

Bundeswehr/Marco Dorow


Rund 20 Minuten, nachdem die ersten Pioniere mit den Vorbereitungen begonnen haben, meldet der Leiter des Übergangsabschnitts: „Übergang Alpha, Bravo und Charlie bereit zum Übersetzen!“ Sofort rollen die ersten Gefechtsfahrzeuge auf die Übergänge zu. „Es spielt jetzt keine Rolle mehr, welche Panzer mit welcher Nation übergesetzt werden. Alle Fähren sind ausreichend tragfähig und die Verständigung zwischen den Fährenbesatzungen und Gefechtsfahrzeugen sind standardisiert“, macht Kommandeur Loges deutlich. Kampfpanzer, Infanteriefahrzeuge oder Versorgungsfahrzeuge aller Gefechtsverbände von Dragon 24 werden nach und nach über die Weichsel transportiert und setzen ihren Marsch Richtung Osten fort. Die polnische Luftwaffe sichert währenddessen den Luftraum im Nahbereich mit Hubschraubern und auch weiträumig mit MiGMikoyan-Gurewitsch-29 ab.

Das Deutsch/Britische Pionierbrückenbataillon 130 ist nicht nur ein binationaler Verband. Es besitzt, wie oben beschrieben, die Fähigkeit zum Wide Wet Gap Crossing. Dazu gehört auch das Gangbarmachen von Zu- und Abfahrten eines Gewässerübergangs mit schwerem Gerät. So können unabhängig von der Nation und der Leistungsfähigkeit der jeweiligen Streitkräfte gemeinsam die notwendigen Übergangsfähigkeiten für das NATO-Bündnis gewährleistet werden. Hier nahe Korzeniewo haben die deutschen und britischen Pioniere ihre volle Einsatzbereitschaft, also ihre Full Operational Capability (FOCFull Operational Capability), bewiesen. Sie arbeiten unter einheitlicher Führung in Übung und Ausbildung, aber dennoch national und souverän. Ihr gemeinsamer Auftrag: leistungsfähige Gewässerübergänge über breite Gewässer planen, bauen und betreiben.

von René Hinz

Multinational über die Weichsel

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