Schnelle Hilfe im Gefecht: Die Ausbildung zum Einsatzersthelfer Bravo

Schnelle Hilfe im Gefecht: Die Ausbildung zum Einsatzersthelfer Bravo

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Die abgesessene Patrouille nähert sich einem Gebäude. Ein Knall zerreißt die morgendliche Stille. Das illegale Labor, in dem Terroristen eine „schmutzige Bombe“ herstellen, ist explodiert. Beim Versuch, den improvisierten Sprengsatz zu entschärfen, wurden Bundeswehrsoldaten schwer verletzt. Die Teilnehmer beim Lehrgang Einsatzersthelfer Bravo müssen schnell handeln, um Leben zu retten. Am Ausbildungs- und Simulationszentrum Sanitätsregiment 2 in Koblenz trainieren sie unter realistischen Einsatzbedingungen.

Soldaten versorgen eine verletzte Kameradin

Lageeinspielung: Patient mit Inhalationstrauma und Verbrennungen.

Bundeswehr/Dirk Bannert

„Der Verbrennungspatient röchelt und spuckt den Guedeltubus wieder aus, sein Sputum ist schwarz verfärbt“, lautet die Lageeinspielung von Hauptfeldwebel Sandra Schneider (30). Sie ist Rettungsassistentin und Lehrfeldwebel am Ausbildungs- und Simulationszentrum. Die angehenden Einsatzersthelfer Bravo setzen alternativ den nasal eingeführten Wendeltubus zum Offenhalten der Atemwege ein. Gleichzeitig sichert sich die bewaffnete Gruppe gegen mögliche Angriffe.

Mit Drill zum Erfolg

„Die drillmäßig geübten Algorithmen müssen den angehenden Einsatzersthelfer Bravo in Fleisch und Blut übergehen. Das lehren und üben wir, damit auch unter extremen Einsatzbedingungen korrekt am Patienten gearbeitet werden kann“, erklärt Hörsaalleiter Stabsfeldwebel Björn Lingnau (44). Die einsatzerfahrenen Ausbilder sind ausgebildete Notfallsanitäter oder Rettungsassistenten.

Die Lehrgangsteilnehmer sind aus allen Truppengattungen – ausgenommen dem Sanitätsdienst. Grenadiere, Fallschirmjäger, Marinesoldaten und Gebirgsjäger aller Dienstgrade arbeiten im Team – und wie im Einsatz gemeinsam mit ihrem „Buddy“. Erweiterte Selbst- und Kameradenhilfe im Gefecht, wenn kein Sanitätspersonal vor Ort ist, ist wichtig und notwendig.

Soldaten knien vor einem Modell eines abgetrennten Beines

Darstellung einer Amputationsverletzung abgebunden mit einem Tourniquet.

Bundeswehr/Dirk Bannert

Realistische Erstversorgung

Die mit verschiedenartigen Verletzungsmustern kunstvoll präparierten Rollenspieler fordern den Lehrgangsteilnehmern alles ab. Unter den aufmerksamen Augen der Schiedsrichter binden sie amputierte Gliedmaßen ab, um Blutungen zu stoppen, und legen Verbände, je nach dargestellter Verletzung, an. Die anschließende Auswertung bringt jeden Fehler an den Tag.

Lehrgansteilnehmerin Oberleutnant Sabrina Weirich fordert unterdessen über Funk den erforderlichen Lufttransport, einen sogenannten MedEvacMedical Evacuation (Medical Evacuation), für den Verwundeten bei der Verwundetenleitzentrale der sogenannten PECCPatient Evacuation Coordination Centre (Patient Evacuation Coordination Cell) an. Der Evakuierungshubschrauber landet in zehn Minuten. Fieberhaft arbeiten die angehenden Einsatzersthelfer Bravo, bereiten die Patienten für die Übergabe an den Arzt und das Sanitätspersonal vor. Jede Sekunde zählt, um das Leben ihrer Kameraden zu retten.

Retten im Gefecht

„Invasive Maßnahmen, wie die Nadelentlastungspunktion bei einem Spannungspneumothorax, intravenöse Zugänge am Arm oder auch Bein und intraossäre Zugänge in das Knochenmark für die Verabreichung von Infusionen – das lernen unsere EH-B ebenfalls für den Notfall. Atemwege sichern sie mit Guedel- und Wendltubus über Mund und Nase“, erklärt Oberleutnant Christian Stockschläder (36). Er führt derzeit das Ausbildungszentrum. Gegenseitiges „Stechen“ von Infusionsnadeln oder Intubieren in Mund- und Nasenrachenraum geschieht auf freiwilliger Basis. Dazu suchen die entsendenden Truppenteile im Vorfeld die potentiellen Lehrgangsteilnehmer sorgfältig und gewissenhaft aus.

Die Durchführung solch invasiver Maßnahmen ist in Deutschland und im Frieden Ärzten oder dafür ausgebildetem Sanitätspersonal vorbehalten. Im Einsatz und im Rahmen der Notstandskompetenz werden diese erweiterten lebensrettenden Sofortmaßnahmen auch durch die Einsatzersthelfer Bravo angewandt, wenn Fachpersonal lagebezogen nicht verfügbar ist. In der zweiwöchigen Ausbildung und den Prüfungen werden alle Kenntnisse und Fertigkeiten durch Ärzte, Notfallsanitäter, Rettungsassistenten und Einsatzsanitäter vermittelt und überwacht.

Soldaten versorgen ihre verletzten Kameraden auf einer Wiese

Ausbildung Einsatzersthelfer Bravo am Ausbildungs- und Simulationszentrum Sanitätsregiment 2 Koblenz.

Bundeswehr/Dirk Bannert

Übung macht den Meister

Einsatzersthelfer Bravo der gesamten Bundeswehr trainieren an den insgesamt vier Ausbildungs- und Simulationszentren des Sanitätsdienstes. Unbedarft sind die Lehrgangsteilnehmer nicht, der EH-B baut auf dem Lehrgang „Einsatzersthelfer A“ auf. Rund 900 Einsatzersthelfer Bravo werden jährlich am Ausbildungs- und Simulationszentrum Koblenz aus- und weitergebildet. Ebenso werden Notfallsanitäter, Rettungsassistenten und Einsatzsanitäter fachlich und einsatzorientiert geschult. Taktische Verwundetenversorgung im Teamtraining, die Einsatzland-unspezifische Ausbildung (ELUSAeinsatzlandunspezifische Ausbildung), sowie Schießlehrgänge nach dem neuen Schießausbildungskonzept gehören ebenfalls zum Lehrgangsprogramm der Zentren bundesweit.

von Uli Reinecke