Die Nachricht vom Tot

Waldweg im Licht

Der Weg ist lang, doch es wird heller

fotolia/Gerorgiew
Bilder aus glücklichen Zeiten

Überall in der Wohnung stehen, liegen und hängen Fotos. Gerahmt und ungerahmt, an die Wand gepinnt, auf der Fensterbank aufgereiht, im Bücherregal. Auf allen ist ein junger Mann zu sehen. Mal hält er Remo und Natela zärtlich im Arm, mal sitzt er im Kreis von Freunden und Familie, mal mit Kameraden. Martin Augustyniak war Soldat. Der Hauptgefreite gehörte zum Fallschirmjägerbataillon 373 in Seedorf. Er fiel im Feuergefecht mit Aufständischen im Norden Afghanistans, nahe Kundus. Mit ihm sterben die Kameraden Hauptfeldwebel Nils Bruns und Stabsgefreiter Robert Hartert, fünf weitere werden verwundet. Ziemlich genau ein Jahr und einen Monat ist das her. Es war am Karfreitag 2010. Auf allen Bildern strahlt er, wirkt positiv, glücklich mit seiner kleinen Familie und man sieht ihm an, dass er einer ist, der zupacken kann, der etwas vor hat im Leben. Die Bilder simulieren Präsenz. Sie wirken lebendig. So, als sei er tatsächlich mittendrin im Raum. Aber er ist nicht da. Er fehlt. Wenn Natela von ihrem Mann erzählt, leuchten ihre großen braunen Augen. Sie ist sehr zierlich, eigentlich zu dünn. Sie wirkt jugendlich und auf Anhieb sympathisch. Man spürt, dass in ihr viel Kraft und Lebenslust stecken. Doch ihre Energie brennt auf Sparflamme. Natela entschuldigt sich für die einfachen Klappstühle, die im Wohnzimmer um den kleinen Tisch stehen. „Es ist nicht sehr bequem“, sagt sie, und es ist, als beschreibe sie damit ungewollt ihre Lebenssituation: Alles ist eingerichtet, funktioniert – aber nichts fühlt sich gut an.

Papa ist bei den Sternen

Gegen 13 Uhr Ortszeit wurden deutsche ISAFInternational Security Assistance Force-Kräfte etwa sechs Kilometer westlich von Kundus beschossen. Die Soldaten haben das Feuer erwidert. Im Verlauf des Gefechts gerieten die Soldaten in einen weiteren Hinterhalt. Dabei sind drei deutsche Soldaten gefallen.“ – So lautet die Meldung, die das Bundesverteidigungsministerium am 2. April 2010 veröffentlicht.

Es ist der Moment, an dem Natelas Leben aufhört, sich gut anzufühlen. Wie die Nachricht bei ihr ankam, beschreibt sie minutiös.

„Meine Mutter war zu Besuch, es war ja Ostern. Die Sonne schien, es war tolles Wetter, eigentlich wollten wir draußen etwas unternehmen. Aber irgendwie fühlte ich mich plötzlich nicht gut. Ich wollte lieber zu Hause bleiben und meinem Mann einen Brief schreiben. Das schob ich schon so lange vor mir her. Obwohl wir immer viel geredet und geschrieben haben. Per Telefon oder E-Mail. Aber ein Brief ist doch etwas anderes. Ich fand irgendwie keinen Einstieg. Und das schrieb ich auch: Ich weiß gar nicht, wie anfangen soll …“ Da klingelt es an der Tür. Sie hört es, aber sie bleibt sitzen. Sie will nicht öffnen. „Ich wollte nicht zu dieser Tür gehen. Ich wollte einfach sitzen bleiben und meinem Mann schreiben. Ich wollte die Tür auf keinen Fall öffnen.“ Aber es klingelt weiter. Irgendwann öffnet ihre Mutter und lässt die Nachricht herein.

Remo war an dem Tag bei den Großeltern in Bielefeld; dem Elternhaus von Martin. Die Nachricht vom Tod des Sohnes zerreißt auch dort alles.

Ihrem Sohn erklärt Natela das Unerklärbare so: „Papa ist mit dem Flugzeug geflogen und das hat ihn zu den Sternen gebracht. Dort ist er jetzt und passt auf Dich auf.“ Als sie kürzlich mit ihm nach Georgien zu ihrer Familie flog, war Remo ganz aufgeregt. Jetzt würde er doch sicher seinen Papa bei den Sternen sehen. Nur langsam begreift er, dass er den Papa nie wieder sehen wird. Die Fotos sind jetzt seine Sterne.
Remo wird in seinem Kindergarten liebevoll betreut. Die Erzieherinnen dort sind auf multikulturell geprägte Kinder eingestellt, und sie gehen auch mit dem Thema Tod offensiv um. Sie sind mit einer Gruppe Kindern zur Beerdigung gekommen und haben dort gesungen. Auch Remo war dabei und sang am Grab seines Vaters. „Das war sehr bewegend“, erzählt Natela. Remo habe es geholfen, mit dem Tod des Vaters umzugehen.

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