Welch’ ein Mensch!

Welch’ ein Mensch!

  • Evangelische Militärseelsorge
  • Militärbischof
Datum:
Ort:
Berlin
Militärbischof Dr. Sigurd Rink

Militärbischof Dr. Sigurd Rink

Militärseelsorge/Walter Linkmann

Djibouti im November: Es ist ein kleines, staubiges Sträßchen, das uns zur Straßenkinder-Station der Caritas im Herzen von Djibouti führt. Jeden Tag kommen hier 50 bis 60 Teenager unter, die, aus Äthiopien stammend, auf der Flucht sind. Maria, eine junge temperamentvolle Frau aus dem italienischen Napoli kümmert sich um sie. Die Apotheke zur Erstversorgung der Jugendlichen sieht aus wie eine Rumpelkammer. Alles sehr schlicht, alles sehr arm, aber strahlende Kinderaugen.

Unweigerlich kommt mir Weihnachten in den Sinn. So ganz anders mag es wohl damals auch nicht ausgesehen haben, in Bethlehem. Wenn das Kind einer jungen Frau in einer Futterkrippe mitten im Viehstall abgelegt wird, ist das ja auch nicht besonders heimelig oder gar romantisch.

Und dann erlebe ich da, mitten in der brüllenden, schwülen Hitze am Horn von Afrika diese jungen Männer und Frauen in deutschen Uniformen und spüre förmlich, wie ihnen das Herz aufgeht ob dieser schreienden Not und dieser kläglichen Armut. Jeder Vierte in Djibouti lebt mit weniger als einem Dollar pro Tag. Die Straßen sind unbeschreiblich verschmutzt. Überall Plastikmüll: Flaschen, Kanister, Verpackungen. Hinterlassenschaften westlicher Vermüllung. Das räumt keiner weg. In der Bibel heißt es: „Und es jammerte ihn.“

Doch Soldaten wären nicht Soldaten, wenn sie nicht sofort den Impuls zum Helfen hätten.

Die Sozialforscher nennen das eine „benevolente“ Lebenseinstellung. Und lassen damit abermals die Weihnachtsgeschichte anklingen: „In terra pax hominibus bonae voluntatis“ - „Friede auf Erden allen Menschen, die guten Willens sind.“ So singen es die himmlischen Engel.

Das erlebe ich in den Streitkräften immer wieder. Ob auf dem Pilgerweg mit Soldaten nach 120 Wander-Kilometern kurz vor Santiago de Compostela, ob auf dem internationalen Soldatentreffen jedes Jahr im Sommer in den Cevennen, ob hier bei den Marinefliegern aus Nordholz: Es gibt die Lebenseinstellung Helfen. Auch in den Auslandseinsätzen der Bundeswehr engagieren sich Soldatinnen und Soldaten wie selbstverständlich in sozialer Weise. In Djibouti geben sie ihre wenigen freien Stunden dran: Für die Betreuerin Maria und die Mädchen und Jungen.

Die strahlenden Augen der Jugendlichen rufen uns auf, sich nicht gefangen nehmen zu lassen von den schlechten Nachrichten, von den Krisen und Kriegen dieser Welt. Uns auch nicht abstumpfen zu lassen von der tumben Routine, die mit dem Berufsalltag unweigerlich zuweilen einhergeht. Sondern in jedem Menschen, dem wir auch nur für einen Moment ein Lächeln auf die Lippen zaubern können, spiegelt sich das volle Ebenbild Gottes. Und wir haben die Chance, uns selbst zu entdecken. Sehet, welch’ ein Mensch!

Das ist mein Wunsch an Sie und Ihre Familien für den vor uns liegenden Weihnachtsfestkreis und für das kommende Jahr 2020: Öffnen wir unsere Herzen. Zeigen wir Mitgefühl. Mehr noch – unsere Barmherzigkeit.

Für Ihren unermüdlichen Dienst, den der Militärgeistlichen, der Pfarrhelfer und Pfarrhelferinnen wie der Unterstützungssoldaten in den Einsätzen sage ich herzlichen Dank.

Ihnen allen ein gesegnetes Weihnachtsfest. Bleiben Sie behütet im Neuen Jahr.

Ihr Sigurd Rink, Militärbischof