FASTEN #1: MEIN ZIEL

Am Aschermittwoch ist nichts vorbei!

Am Aschermittwoch ist nichts vorbei!

  • Militärbischof
  • Evangelische Militärseelsorge
Datum:
Ort:
Berlin
Lesedauer:
4 MIN

Lebt wohl, Schnitzel, Bier und Schokolade, seid willkommen, Stille und Besinnung! Für diese Wende steht Aschermittwoch, und (mal ganz ehrlich) das sind gemischte Gefühle: Ich nehme das nicht besonders ernst mit dem Fasten, ich bin schließlich evangelisch. Doch ganz verkehrt wäre es nicht: vernünftiger sein, das Wesentliche im Blick haben, den Kopf frei haben zum Gebet – das will ich auch! Da ist „7Wochen Ohne“ meine Chance, mich ein bisschen in diese Richtung zu entwickeln.

Kundgebung am 27. Februar 2022 in Berlin

Kundgebung am 27. Februar 2022 in Berlin

Militärseelsorge

Erste Etappe der Aktion, erstes Wochen-Motto: „Mein Ziel“

Hoch gesteckt soll es sein. Selbst auf die Gefahr hin, es nicht ganz zu erreichen. Nicht jede und jeder, die bei „Jugend trainiert“ mitmachen, erreichen den Olymp. Aber das Ziel war gut. Wie auf einem Weg durch schwieriges Gelände, wo ich einen möglichst weit entfernten, gut sichtbaren Punkt anvisiere, um Kurs zu halten.

Mein Ziel als Christ ist nicht der Olymp, wir haben andere Ziele. Zum Beispiel die neue Welt, von der der Prophet schreibt:

Er sorgt für Recht unter den Völkern.
Er schlichtet Streit zwischen mächtigen Staaten.
Dann werden sie Pflugscharen schmieden
aus den Klingen ihrer Schwerter.
Und sie werden Winzermesser herstellen
aus den Eisenspitzen ihrer Lanzen.
Dann wird es kein einziges Volk mehr geben,
das sein Schwert gegen ein anderes richtet.
Niemand wird mehr für den Krieg ausgebildet.
Auf, ihr Nachkommen Jakobs,
lasst uns schon jetzt im Licht des Herrn leben!
(Jesaja 2,4-5)

Das Ziel ist hochgesteckt, die Gefahr besteht, dass wir es nicht erreichen. Alle haben gehofft, das Friedensprojekt Europa würde sich immer weiter ausbreiten, die Grenzöffnungen, der Fall des Eisernen Vorhangs, der „Wandel durch Handel“, all das sei unumkehrbar. Wir erleben jetzt unseren politischen Aschermittwoch, die große friedensethische Ernüchterung.

Also fasse ich das Ziel, das Jesaja beschreibt, fest ins Auge und gehe los.

Schritt Eins – für Recht sorgen. In den kleinen Konflikten, die mir meinen Frieden verhageln, und in der großen Politik: Was sagt das Recht? Wie würde dieser Konflikt ausgehen, wenn sich einfach alle Beteiligten an die bereits bestehenden und bekannten Regeln halten würden?

Schritt Zwei – Diplomatie. Zum Streit-Schlichten (nicht nur „zwischen den mächtigen Staaten“), gehört Kompromissbereitschaft. Kann ich auf mein Gegenüber zugehen? Oder ist die Lage so glasklar, dass es nur eine Lösung gibt: dass der andere seinen Fehler einsieht und reumütig einlenkt? Glaube ich das wirklich?

Schritt Drei – Ausstattung. „Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel“, soll Mark Twain gesagt haben. Im Großen können wir dankbar sein für alle erfolgreichen Abrüstungsrunden und UNUnited Nations-Konventionen der Vergangenheit. Je weniger Hämmer herumliegen, desto besser. Und im Kleinen? Es ist ein Unterschied, ob ich eine bitterböse Mail an den Großverteiler schreibe oder lieber zum Telefon greife. Das wäre doch eine praktische Übungsaufgabe für diese Wochen!

Schritt Vier – Ausbildung. Lesen Sie Zeitung? Dann ist mein Übungsvorschlag, eine andere zu kaufen als gewöhnlich. Ab und zu eine andere Meinung lesen als die, die ich ohnehin schon kenne. Das ist zu schwer? Wenn es leicht wäre, würden es alle machen – und mein Ziel ist hochgesteckt. Am Sonntag hat uns die EKD-Ratsvorsitzende beeindruckt, die auf der Demonstration in Berlin auf den Punkt gebracht hat, warum es auch für den Frieden nicht nur auf Ausstattung, sondern vor allem auf Ausbildung ankommt: „Wenn Krieg geführt wird, kommt es auf Waffen an. Wenn Frieden werden soll, kommt es auf uns an – auf jeden von uns“, so Annette Kurschus.

Schritt Fünf – die andere Dimension. Verständnis? Frieden? Toleranz? Ich überfordere mich, wenn ich den Weltfrieden (oder meinen Seelenfrieden) durch gute Vorsätze und mehr Selbstdisziplin erreichen will. Wer den einen Jesaja-Vers zitiert (und den zitieren viele), muss auch den anderen beherzigen: Im Licht Gottes sieht die Welt anders aus. Frieden beginnt damit, dass ich für meinen Feind bete; dann fällt plötzlich ein anderes Licht auf ihn und auf mich – im Großen und im Kleinen.

„Lebt wohl, Schnitzel, Bier und Schokolade, seid willkommen, Stille und Besinnung!“ So einen Aschermittwoch, an dem alles vorbei ist, gibt es vielleicht im Schlager, aber nicht in meinem Leben. Das Gute, was Gott mir schenkt, endet nicht mit der Passionszeit. Aber die Herausforderungen, vor denen wir stehen, auch nicht. Während wir diese Fastenaktion planen, weiß niemand, was die nächsten Tage bringen werden. Wir beten um Frieden, aber wir haben gleichzeitig Sorge, dass der Brand weitergeht und sich sogar ausweitet.

Dürfen wir in dieser Zeit vom Frieden reden, dürfen wir Jesaja lesen und sein Ziel fest im Auge behalten? Im schwierigen Gelände braucht mein Auge das sichtbare Ziel. Am Aschermittwoch 2022 brauche ich diese Friedensvision des Propheten Jesaja.

von Dr. Bernhard Felmberg, Bischof für die Evangelische Seelsorge in der Bundeswehr