Trauer braucht Gemeinschaft

Trauer braucht Gemeinschaft

  • Evangelische Militärseelsorge
  • Militärbischof
Datum:
Ort:
Regen
Lesedauer:
3 MIN
Zehn Jahre liegt der Anschlag im OP North zurück

Zehn Jahre liegt der Anschlag im OP North zurück

Militärseelsorge / Doreen Bierdel
Zum neunten Mal gedenken Angehörige der Opfer des Anschlags im OP North in Afghanistan – an vielen Orten und doch gemeinsam.

In einer Kapelle in Berlin brennt Tag und Nacht eine Kerze. In einem Kasernengelände in Regen wird ein Kranz niedergelegt. In Hamburg singt eine Frau zum Gedenken an die Gefallenen der Bundeswehr.

Zur Zeit der Corona-Pandemie sind Videoschaltungen zur Gewohnheit geworden. Besprechungen, Tagungen und auch Gottesdienste finden auf diese Weise statt. Jetzt gedachten Angehörige und Freunde der deutschen Soldaten, die vor zehn Jahren im Norden Afghanistans von einem Innentäter ermordet wurden, auf diese Weise der Verstorbenen. Jedes Jahr seit dem Anschlag fand das Gedenken in der Bayerwaldkaserne in Regen statt – jetzt zum ersten Mal an vielen Orten gleichzeitig.

Überall werden Kerzen zum Gedenken entzündet

Überall werden Kerzen zum Gedenken entzündet

Militärseelsorge

Vielleicht war es anonymer als sonst, nicht jeder kennt den anderen, der nur als kleine Bildschirmkachel mit kurzem Namen und ruckeligem Bild zu sehen ist. Man kann sich nicht „am Rande“ austauschen, kann sich nicht in den Arm nehmen, nicht fragen: „Wie geht es dir?“ Aber zugleich war es auch besonders persönlich: Die Kameras richteten sich direkt in die Wohnzimmer der Familien. Da saßen sie, mitten in ihrem Leben an verschiedenen Orten und zugleich verbunden in ihren Erinnerungen. Ein besonderes Zeichen dieser Verbundenheit setzten sie mit den violetten Kerzen, die vorher an alle Teilnehmer verschickt worden waren und die sie jetzt gleichzeitig entzündeten.

Dass die Zeit nicht alle Wunden heilt, davon handelte die Ansprache des evangelischen Militärbischofs: „Die Tränen wollen nicht trocknen, wir wissen aber, dass gerade in dieser Leidenszeit Jesus Christus an unserer Seite ist – er trägt für uns in den Zeiten, wo wir den Schmerz besonders stark spüren, unsere Seele, unser Leben, unser Wesen.“ Sein katholischer Amtsbruder berichtete von der Kerze, die seit vielen Jahren Tag und Nacht in der Kapelle des Militärbischofsamtes für die Gefallenen brennt und von der Bitte, die in den Leuchter graviert ist: „Verleih uns Frieden gnädiglich, o Herr Gott in diesen Zeiten!“

Die Militärbischöfe sind live aus Berlin zugeschaltet

Die Militärbischöfe sind live aus Berlin zugeschaltet

Militärseelsorge / Doreen Bierdel

Vom Tag des Anschlags sollte sie berichten, die Mutter, die vor zehn Jahren ihren Sohn verloren hat. Stattdessen berichtete sie vom Tag der Heimkehr, vier Tage später. Nicht nur drei Särge waren in dem Flugzeug, das nachts in Nürnberg landete, sondern auch die lebenden Soldaten, deren Kontingent abgelöst wurde. In einer Kapelle begegneten die Familien ihren Verstorbenen und einander: „Hier haben wir das erste Mal gesehen, dass wir nicht alleine sind, dass da noch andere Familien sind, die in diesem Moment genau dasselbe erleben müssen wie wir.“ Aus dieser Erfahrung schöpft sie Trost – und zitiert Joe Biden, der seine Mitbürger zehn Jahre später ermutigte: „Trauer braucht Gemeinschaft.“

Nach der kirchlichen Andacht ist Zeit für Erinnerungen. Nicht nur Verwandte sind zusammen, sondern auch Menschen, die damals Verantwortung für den Einsatz und das Kontingent hatten, politisch und militärisch. Einer von ihnen hat wenige Tage vor dem Anschlag mit den späteren Opfern gesprochen: „Diese Soldaten wollten nicht nur irgendwelche politischen Signale setzen, sondern ganz konkret den Menschen im Land helfen.“

„Ich weiß nicht, ob ich vergeben könnte, wenn mein Sohn ermordet worden wäre“, sagt ein anderer, der ebenfalls Verantwortung trug. „Vergeben ist schwer, aber Vergebung ist eine der Grundlagen des Friedens.“

Zum Abschluss dieses besonderen Gedenkens wird eine leere Kirche in Berlin eingeblendet. Nur ein paar Musiker des Stabsmusikkorps stehen dort und spielen das „Lied vom guten Kameraden“.

von Walter Linkmann