"Raum der Stille“ als „Kraftraum“ in Zeiten der Corona-Pandemie

"Raum der Stille“ als „Kraftraum“ in Zeiten der Corona-Pandemie

  • Katholische Militärseelsorge
  • Gottesdienst
Datum:
Ort:
Neuburg an der Donau
Lesedauer:
6 MIN
Soldaten und Militärpfarrer Schneider beim Gottesdienst im Raum der Stille

Angehörige des Taktischen Luftwaffengeschwaders 74 beim Gottesdienst im Raum der Stille

Bundeswehr/Rebecca Konstanjevec

Nichts wird so sein wie es vorher war

Dies sollte ursprünglich ein Bericht über den Standortgottesdienst vom 6. März 2020 werden. Zugleich sollte er eine von vielen möglichen geistlichen Interpretationen des Raumkonzepts anbieten. Mittlerweile – und bis zum Erscheinen des Beitrags sicher noch mehr – hat ein Virus ein ganzes Land, ja die ganze Welt, fest im Griff. – Und eines weiß man heute schon: „Nichts wird nach der Pandemie sein wie es vorher war“, sagte nicht nur unser Herr Bundespräsident.

Wer in diesen Tagen noch davon träumt, man werde nach Aufhebung der Maßnahmen zur Bekämpfung des Corona-Virus wieder zum Zustand vor der Krise zurückkehren, wird enttäuscht sein! Wenn nichts mehr so ist wie vorher, was ist dann überhaupt? Die Frage nach den essentiellen Dingen rückt durch die Ereignisse wie von selbst in den Vordergrund.

Soldaten und Militärpfarrer Schneider beim Gottesdienst im Raum der Stille

Österlichen Gottesdienst mit Militärpfarrer Frank Schneider in der Hauptmann Cornelius-Lounge

Bundeswehr/Rebecca Konstanjevec

Und da ergibt sich der Anknüpfungspunkt zum Standortgottesdienst vom März: Ich sprach davon, dass es eine Fastenzeit gibt, die sich die Kirche selbst auferlegt, und es eine Fastenzeit gibt, die einem auferlegt wird, und dass es in diesem Jahr so scheine, dass beides ineinanderfalle. Das wird nun mehr als bestätigt. Eine Fastenzeit, die man sich selber auferlegt, will bewirken, dass man sich selber bewusst bleibt und macht, dass „der Mensch Staub ist und zum Staub wieder zurückkehren wird“ (Genesis, Kap. 3, Vers 19), wie es bei der Aschenauflegung am Aschermittwoch heißt.

Will also heißen: Lieber Mensch, werde nicht überheblich; du bist zwar „Ebenbild“ Gottes, aber doch „nur“ Geschöpf und nicht Schöpfer! Lass dich von deiner Stellung als Ebenbild nicht dazu verleiten, zu glauben, sich die Dinge alle so zurechtlegen und beherrschen zu können, so dass alles und für alle gut würde, am besten so, wie es mir in den Sinn kommt: was aus menschlicher Herrschaft in der Geschichte alles geworden ist, kann jeder mit seinen selbst geringen Geschichtskenntnissen ausreichend ermessen: viel „verbrannte Erde“ und am Ende viel „Staub“!

Wir alle kennen den Spruch, der auf den Herrn Jesus Christus zurückgeht, mit dem er sich an die Jünger im Augenblick des bevorstehenden Kreuzesleidens am Ölberg wendet: „Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach“ (Matthäusevangelium, Kap. 26, Vers 41). In diesem Moment kommt Gott auf eine überraschende Weise zu Hilfe, die im Erleiden oder „Über-sich-ergehen-lassen-Müssen“ alles andere als nach Hilfe aussieht: Er verstärkt das „sich-selbst-Auferlegen“, indem uns gewissermaßen „von außen“ noch etwas in nahezu unbegreiflicher Weise auferlegt wird, an dessen Ende aber etwas Gutes steht.

Militärpfarrer Frank Schneider im Gottesdienst vor einem Kreuz

Militärpfarrer Frank Schneider beim Gottesdienst im Taktischen Luftwaffengeschwader 74

Bundeswehr/Rebecca Konstanjevec

Schon jetzt sagen einem viele im Gespräch: Man wird zum Nachdenken „gezwungen“, nichts ist mehr selbstverständlich, alles kann auf einmal ganz anders sein wie vorher, und man hat es selber nicht in der Hand. Solches Nachdenken führt uns wieder zu den Kernfragen des Lebens, die man, geht es einem verhältnismäßig gut und überwiegend nach eigener Planung, eher als lebens- und weltfremde Katechismusfragen abgetan hat: „Wozu bin ich auf Erden?“, was nicht zu trennen ist von der Frage nach dem Gut-Sein, also von der Frage: Wie handle ich recht? Mit der Beantwortung dieser Fragen begibt man sich in Richtung dessen, der letztlich – so unsere Überzeugung – alles in der Hand hat, und in der Antwort der wird, der in der Antwort selber, also als Person uns nahe kommt: Gott! Das genau ist „logisch“, weil Gott „Logos“, das heißt: Wort und Sinn ist, Leib und Seele im Gottessohn Jesus Christus ist.

Der Augenblick als Teil des Lebensfadens

Skulptur "Augenblick" und das Kreuz im neu gestalteten "Raum der Stille"

Skulptur "Augenblick" und das Kreuz im neu gestalteten "Raum der Stille"

Bundeswehr

Und damit sind wir gedanklich schon in den „Raum der Stille“ eingetreten: da sehen wir die Skulptur des Künstlers, die er selber mit dem Wort: „Augenblick“ betitelt hat. Es ist immer „Augenblick“, und alles, was ihn dazu macht: ich selber, andere und die sogenannten Umstände, von mir zu beeinflussen oder nicht. Dieser „Augenblick“ ist im Kunstwerk Teil eines goldenen Fadens, den man als Lebensfaden deuten könnte, der eben einen bestimmten „Augenblick“ in Form eines kleinen fast nicht zu bemerkenden Querstrichs hervortreten lässt.

In der bis heute und gemeinsam erlebten Geschichte ist die Pandemie ein starker und zugleich nicht eben und harmlos vorübergehender Augenblick, der uns buchstäblich „quer gegen den Strich“ geht, der sicher noch lange in Erinnerung bleiben wird: bei Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen und denen im „vorgerückten“ Alter, die als „Risikogruppe“ betitelt wurden, - bei denen, die selber infiziert waren, in Quarantäne waren oder in Medizin und Pflege bis an ihre Grenzen gingen, um Leben zu retten, - die unter den ergriffenen Maßnahmen in Form von Beschränkungen und deren Auswirkungen zu leiden haben, bis hin zum Verlust der wirtschaftlichen Existenzgrundlage und bis hin zu psychischen und seelischen Grenzerfahrungen, die bis tief ins persönliche und in das Leben des Umfelds (Familie, Beruf, Freundeskreis) Platz greifen.

Kurz gesagt: Ein Augenblick, in dem sich der Lebensfaden zusammenzuziehen scheint und zu einem festen Knoten wird, von dem man heute noch nicht weiß: Wie löst er sich wieder? Ein Knoten, durch den einem alles wie „abgewürgt“ vorkommt, und die Frage nach sich zieht: „Wie löst sich das alles wieder in eine lebbare Zukunftsperspektive auf?“

Gottesmutter Maria - „Knotenlöserin von Augsburg“

Bild der Gottesmutter Maria als der sogenannten „Knotenlöserin von Augsburg“ im neu gestalteten "Raum der Stille"

Gottesmutter Maria als der sogenannten „Knotenlöserin von Augsburg“

fotografische Aufnahme von einer Kopie / © Bürgerverein bei St. Peter am Perlach in Augsburg e.V.

Mit dieser Frage wird unser Blick auf ein anderes Kunstwerk im Raum gelenkt, zur Gottesmutter Maria als der sogenannten „Knotenlöserin von Augsburg“, einem Bildnis, das um 1700 entstand. Dieses Bild enthält nach meiner Auffassung einen enormen Bedeutungsreichtum, der alles abdeckt und somit jeden treffen kann, in jeden Augenblick seine positive Botschaft sendet, und das ist seine Absicht: irgendwie weiterhelfen kann. Denn: der Knoten, gleich welcher, wird durch die Mithilfe Mariens durch die „Kraft von oben“ (Lukasevangelium, Kap. 24, Vers 49) gelöst. Jeder wird in dem Augenblick, wie er ihn erlebt, auf die „Kraft“ dessen verwiesen, „mit der er sich alles unterwerfen kann“ (Paulus an die Philipper, Kap. 3, Vers 21).

Auffallend ist der konzentrierte Blick, den Maria auf den Knoten richtet. So viel und so konzentrierte Aufmerksamkeit wird meinen Knoten geschenkt! Das ist wirklich ein Geschenk! Meine und unsere Sorge genießt die ungeteilte Aufmerksamkeit. Und die Lösung kommt, aber nicht nach unserem Geschmack, sondern so, wie Gott will. Diese „Einschränkung“ ist keine Beschränkung, sondern frei von menschlich beschränkt möglichen Lösungen, die von gut gemeint bis interessegeleitet reichen können, und damit vergiftet oder „verseucht“ sein können. „Lösung“ in der Logik Gottes vollzieht sich immer ohne Ansehen, das heißt: ohne Rücksicht auf eine gesellschaftliche Position oder entsprechenden Einfluss oder die völlige Hilflosigkeit dessen, der ohne Einflussmöglichkeit alles und jedem ausgeliefert ist: „Jetzt begreife ich, dass Gott nicht auf die Person sieht, sondern dass ihm in jedem Volk willkommen ist, wer ihn fürchtet und tut, was recht ist.“ (Apostel Petrus, Apostelgeschichte, Kap. 10, Vers 34).
 

Darum verbinden sich beide Fäden, der aus der Skulptur und der aus dem Marienbild, gedanklich im Kreuz, das vor dem Altar im „Raum der Stille“ steht: hier läuft gewissermaßen alles zusammen, in der Person dessen, der am Kreuz starb und am dritten Tage wieder auferstand: Ja, „er“ (Gott Vater) selbst „hat beschlossen, die Fülle der Zeiten heraufzuführen, in Christus alles zu vereinen, alles, was im Himmel und auf Erden ist“ (Paulus an die Epheser, Kap. 1, Vers 10)!

Mit diesen holzschnittartigen Gedanken soll ein kleiner gedanklicher Rundgang durch unseren „Raum der Stille“ sein vorläufiges Ende finden mit Rücksicht darauf, dass der Rundgang, je nach Augenblick verläuft und wirkt, und daher zu weiteren einlädt. Dieser geschichtliche Augenblick 2020 trägt den Charakter einer Situation, die Jesus so beschreibt: „Es kommt die Nacht, in der niemand mehr etwas tun kann“ (Johannesevangelium, Kap. 9, Vers 4). Er selbst ist durch diese Nacht hindurchgegangen, um zu zeigen: er ist derjenige, der alles tun kann, wenn seine „Stunde“ da ist. Das heißt: ohne Nacht wird es nicht „abgehen“, aber wer will, kann sich durch die Nacht tragen lassen von dem, der sie durchschritten hat. Und das zählt für jeden Augenblick des Lebens und macht uns Mut und Hoffnung!

Gehen wir gemeinsam mit dem Herrn durch die Nacht dieser Zeit!

von Frank Schneider