Bundeswehr und NVANationale Volksarmee: Aus zweien werden WIR

Bundeswehr und NVANationale Volksarmee: Aus zweien werden WIR

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Die Wiedervereinigung verlief in der Bundeswehr schnell. Aus zwei Armeen von Frontstaaten des Kalten Krieges wurde ein Schrittmacher der Einheit. Heute ist die Bundeswehr vielfältig in den neuen Bundesländern vertreten. Eine Unterscheidung zwischen Ost und West gibt es nicht.

Feierliches Gelöbnis auf dem Marktplatz

Erstes feierliches Gelöbnis der vereinigten Armee in Bad Salzungen am 19.10.1990

Bundeswehr

Die Bundeswehr weiß nicht, welche Soldatin oder welcher Soldat aus den neuen Bundesländern stammt. Ebenso wenig weiß sie es bei den Beamtinnen und Beamten und den anderen zivilen Mitarbeitenden. Denn das Personalwirtschaftssystem verknüpft absichtlich nicht Geburtsort und das entsprechende Bundesland. Dieser Umstand beschreibt den Stand der Deutschen Einheit in der Bundeswehr sehr gut.

Bundeswehr im Osten angekommen

Auf dem Gebiet der neuen Bundesländer leisten heute 36.000 Soldatinnen und Soldaten und 13.000 zivile Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihren Dienst, etwa ein Fünftel des Personals der Bundeswehr. Das entspricht in etwa auch der Bevölkerungsverteilung in Deutschland.

Uniformwechsel

Um Mitternacht am 3. Oktober 1990 hörten die DDRDeutsche Demokratische Republik und damit auch die Nationale Volksarmee auf zu bestehen. Bereits vorher hatte die NVANationale Volksarmee massiv Personal abgebaut. Die verbliebenen 89.000 Soldatinnen und Soldaten ziehen an diesem Tag erstmals die Uniform des einstigen Klassenfeindes an. Auch die rund 48.000 Zivilbeschäftigten sind nun für einen neuen Dienstherrn tätig.

Die Soldatinnen und Soldaten werden zunächst als Weiterverwender in die Bundeswehr übernommen. Aus diesem besonderen Wehrdienstverhältnis heraus können sie Zeitsoldaten werden. Erst zwei Jahre später werden die ersten ehemaligen NVANationale Volksarmee-Angehörigen Berufssoldaten in der Bundeswehr. Wer für das Ministerium für Staatssicherheit der DDRDeutsche Demokratische Republik, für die Grenztruppen, als Politoffizier oder im Bereich Aufklärung der NVANationale Volksarmee tätig war, wurde nicht übernommen.

Als Deutsche zu Deutschen

Die verbliebenen Angehörigen der ehemaligen NVANationale Volksarmee und die in die neuen Bundesländer versetzten Soldatinnen und Soldaten bauten die Bundeswehr im Osten auf. Dazu diente auch eine für die Streitkräfte ungewohnte Struktur: das Bundeswehrkommando Ost. Es war die zentrale Führungseinrichtung aller Truppenteile und Dienststellen der Bundeswehr auf dem Gebiet der ehemaligen DDRDeutsche Demokratische Republik.

Gemäß des Zwei-plus-vier-Vertrages war es eine rein deutsche Kommandostruktur, ohne Einbindung in die NATO. Einziger Befehlshaber des Kommandos wurde der spätere brandenburgische Innenminister, Generalleutnant Jörg Schönbohm.

Das Bundeswehrkommando Ost baute nicht nur die Strukturen der Bundeswehr im Osten auf, sondern auch die innerdeutsche Grenze ab. Es überwachte auch den Abzug der Streitkräfte des Ostblocks und die Verwertung des nicht mehr benötigten Materials der NVANationale Volksarmee.

Eppelmann, Stoltenberg und Schönbohm nebeneinander

vlnr: Verteidigungsminister der Deutschen Demokratischen Republik, Rainer Eppelmann, Verteidigungsminister der Bundesrepublik Deutschland, Gerhard Stoltenberg, und Generalleutnant Jörg Schönbohm bei der Übernahme der Nationalen Volksarmee der DDRDeutsche Demokratische Republik

Bundeswehr/Zins

Innere Einheit

Die ehemals zwei deutschen Streitkräfte wuchsen schnell zusammen. Dass die Bundeswehr zu einem Schrittmacher der Einheit wurde, dazu trugen auch die Grundwehrdienstleistenden bei. Ganz gezielt wurden diese heimatfern in den anderen Teilen Deutschlands eingesetzt und trugen so zum gegenseitigen Verständnis bei.

Die Innere Führung und die damit verbundenen Freiheiten förderten die Integration ehemaliger NVANationale Volksarmee-Soldaten in die Bundeswehr. Aber auch die soldatische Kameradschaft gehörte zu den wesentlichen Pfeilern der Armee der Einheit. 1998 dienten noch 9.300 ehemalige Angehörige der NVANationale Volksarmee in der Bundeswehr. Sechs Jahre später wurde der erste unter ihnen zum Brigadegeneral befördert.

Veränderte Rahmenbedingungen

Zusammengefasst wuchs die Bundeswehr 1990 kurzzeitig auf 585.000 Soldatinnen und Soldaten und 215.000 zivile Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an. Damit die getroffenen Abrüstungsvereinbarungen erfüllt werden konnten, musste die Bundeswehr kräftig schrumpfen. Von der Ausrüstung der ehemaligen NVANationale Volksarmee wurde nur wenig übernommen.

Für wenige Jahre war die Bundeswehr bis zur Osterweiterung die einzige NATO-Streitmacht mit Flugzeugen vom Typ MiGMikoyan-Gurewitsch-29. Zehntausende Fahrzeuge aller Art und 1,3 Millionen Handfeuerwaffen wurden verschrottet oder verkauft. Die rund 2.300 Liegenschaften auf circa 277.000 Hektar wurden an neue Stationierungskonzepte angepasst. Dazu kamen noch die Liegenschaften der damaligen Westgruppe der sowjetischen Streitkräfte. Nicht zuletzt, um die ökologischen Altlasten zu beseitigen, investierte die Bundeswehr über eine Milliarde D-Mark jährlich in die Infrastruktur der neuen Bundesländer.

Schrittmacher der Einheit

Bereits 1991 wurden einzelne Aufgabenfelder des Bundeswehrkommandos Ost an die Teilstreitkräfte abgegeben, ein wichtiger Schritt von besonderen Aufgaben zur Bewältigung der Deutschen Einheit hin zur Normalität. Der damalige Bundesverteidigungsminister, Gerhard Stoltenberg, fasste es so zusammen: Die Bundeswehr habe „einen wesentlichen Beitrag zum Zusammenwachsen des vereinten Deutschlands“ geleistet. Innerhalb weniger Monate war gelungen, wo vorher mit Jahren gerechnet wurde.

Auch Einsätze schweißen zusammen

Durch die in den Streitkräften geforderte Mobilität verlor der Faktor Herkunft in der Bundeswehr schnell an Bedeutung. Bereits 1995 dienten 60.000 Soldatinnen und Soldaten von Heer, Luftwaffe und Marine in den neuen Bundesländern. In den Augen der Bevölkerung bewährte sich die Armee der Einheit während der Oderflut 1997. Weitere Hochwassereinsätze an der Elbe folgten.

Bundeswehr in Deutschland verteilt

Die Bundeswehr ist mit ihren Soldatinnen und Soldaten sowie den zivilen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auch in allen Bundesländern vertreten. Mit dem zweiten Dienstsitz des Verteidigungsministeriums, den Kommandos Marine, Luftwaffe und Heer in Rostock, Berlin und Strausberg, dem Einsatzführungskommando in der Nähe von Potsdam und dem Ausbildungskommando des Heeres in Leipzig sind auch viele herausgehobene Dienststellen in den östlichen Bundesländern stationiert. Für die Bundeswehr ist die Einheit Deutschlands schon lange gelebte Wirklichkeit.

von Alexander Schröder