Der erste Anschlag gegen deutsche Soldaten

Der erste Anschlag gegen deutsche Soldaten

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Radio Andernach: Das erste Jahr nach dem Einsatzbeginn im Januar 2002 ist geprägt vom Bild einer Friedensarmee. Bundeswehrsoldaten fahren in offenen Geländewagen durch die afghanische Hauptstadt Kabul. Das ändert sich im Frühjahr 2003. Das von Kanzler Schröder angekündigte halbe Jahr ist längst verstrichen. Langsam ist auch in Deutschland klar, dass Afghanistan eine sehr langfristige Aufgabe wird. Nachdem anfangs der Oberbefehl und die Steuerung der ISAFInternational Security Assistance Force-Truppen zwischen mehreren Nationen wechselte, übernimmt die NATO dauerhaft die Führung der Mission. Und die ISAFInternational Security Assistance Force-Nationen beschließen, ihr Operationsgebiet auf ganz Afghanistan auszuweiten.

Oberstleutnant Schlaffer: Als Wendepunkte oder Einschnitte würde ich für uns in der Bundeswehr den Anschlag auf die deutschen Abflieger im Juni 2003 bezeichnen, den Busanschlag.

Radio Andernach: Auf dem Weg zum Flughafen sterben im Juni 2003 vier deutsche Soldaten bei einem Sprengstoffanschlag auf ihren Bus. Das Fahrzeug aus dünnem Blech bot keinerlei Schutz. 29 Soldaten werden verwundet, einige von ihnen schwer. Es ist der erste Anschlag in Afghanistan, der sich gezielt gegen die Deutschen richtet. Nach einer langen, ruhigen Phase wird alles anders. Ab dem Jahr 2006 häufen sich die Anschläge auf deutsche Patrouillen. Die Mission wird zu einem Kriegseinsatz, auch wenn in Deutschland dieser Begriff vorerst vermieden wird. Für das Empfinden der Soldaten aber bewegen sie sich im Kriegsgebiet mit einem überwiegend unsichtbaren Gegner, der vor allem mit Sprengfallen operiert. In Deutschland wird das zur Kenntnis genommen, wenn der Verteidigungsminister wieder einen Todesfall verkünden muss. Bis zum September 2009. 

Oberstleutnant Schlaffer: Als weiteren Wendepunkt der Angriff auf die Tanklaster bei Kundus. Dieser Vorfall mit dem Bombardement auf diese Tanklaster hat gerade in Deutschland klargemacht, wie in einem Kaleidoskop verschiedene Problemlagen des Einsatzes in die Öffentlichkeit gebracht werden und was passiert, wenn wir den Einsatz militärischer Mittel so anwenden.

Radio Andernach: Am 4. September ordnet der damalige deutsche Kommandeur Oberst Klein einen Luftangriff auf zwei von Taliban entführte Tanklaster an. Sie steckten einige Kilometer vom Feldlager entfernt am Kundus-Fluss fest. Dabei sterben zahlreiche Zivilisten. Der Luftangriff hat gewaltige Auswirkungen in Deutschland, am Ende müssen ein Minister und der Generalinspekteur zurücktreten, ein Untersuchungsausschuss und Gerichtsverfahren folgen. Die Situation vor Ort war keine einfache für den damaligen Oberst - heutigen General Klein, danach kann jeder sagen, er hätte es besser gemacht.

Oberstleutnant Schlaffer: Aber in der Situation muss man entscheiden und das ist ein wesentlicher Aspekt, die Vorgesetzte wieder lernen mussten. Die Entscheidung, die ich treffe, die ist bisweilen ultimativ und die beeinträchtigen Leben, körperliche Unversehrtheit oder auch die Psyche der Soldatinnen und Soldaten und auch des Gegners. Und dafür muss ich die Verantwortung übernehmen, egal wie es ausgeht.

Radio Andernach: In einem wesentlichen Punkt ändern die deutsche Justiz und dann auch die Politik ihre Ansicht: In Afghanistan herrsche Krieg, und das Vorgehen deutscher Soldaten richte sich nach dem Völkerrecht und nicht nach dem deutschen Strafgesetzbuch. Strafrechtlich bleibt der Befehl für Oberst Klein ohne Folgen.

von Sara-Christin Beck