NATO-Ostflanke

„Dass sie uns im Schwerpunkt einsetzen, ist ein riesiger Vertrauensvorschuss!“

„Dass sie uns im Schwerpunkt einsetzen, ist ein riesiger Vertrauensvorschuss!“

Datum:
Ort:
Rukla
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Zum Schutz der NATO-Ostflanke ist die eFPenhanced Forward Presence Battlegroup in Litauen stationiert. Dabei handelt es sich um ein verstärktes, multinationales Kampftruppenbataillon. Deutschland ist darauf eingestellt auch die enhanced Vigilance Activities Brigade nach Litauen zu verlegen. Seit September hat in Rukla der vorgeschobene Gefechtsstand, das Forward Command Element der eVAenhanced Vigilance Activities-Brigade, den Dienst aufgenommen.

7 Fragen an

Brigadegeneral Christian Nawrat

General Nawrat
André Forkert

Sehr geehrter Herr General, was ist die enhanced Vigilance Activities (eVAenhanced Vigilance Activities) Brigade Litauen, was ist ihr Auftrag und was zeichnet sie aus?

Die eVAenhanced Vigilance Activities Brigade Litauen ist eigentlich die Panzergrenadierbrigade 41. Sie wird einsatzbereit in Deutschland vorgehalten. Der Auftrag der Brigade ist dreigeteilt. Diese Brigade wird in Deutschland einsatzbereit gehalten, dies geschieht durch Ausbildungen und Übungen, zum Beispiel im Gefechtsübungszentrum. Der zweite Auftrag ist es, mit dem vorgeschobenen Gefechtsstand hier vor Ort dauerhaft ein Koordinierungselement vorzuhalten, um mit den Litauern die Abstimmung für die Verlegung der Brigade für Ausbildungen und Übungen zu koordinieren. Der dritte Auftrag, und das läuft über das Forward Command Element und andere Teile der eVAenhanced Vigilance Activities Brigade Litauen, ist es, sich in die litauischen Verteidigungsplanungen einzubringen, um in der Folge für die Verteidigung Litauens einsatzbereit zu sein.

General Nawrat
André Forkert

Was ist der Unterschied zwischen der eFPenhanced Forward Presence BG Litauen und eVAenhanced Vigilance Activities Brigade Litauen?

Die eFPenhanced Forward Presence Battlegroup ist letztendlich der litauischen Iron Wolf Brigade unterstellt und stellt gerade für diese einen erheblichen Mehrwert dar. Es ist ein etabliertes Unterstellungsverhältnis und ein etabliertes Verhältnis für Ausbildung, Übung und Operationsplanung. Die eVAenhanced Vigilance Activities-Brigade ist auf Grundlage eines bilateralen Abkommens gegenüber Litauen angezeigt, ist also nicht der NATO unterstellt. Das Ganze muss dann in der Folge mit den NATO-Operationsplanungen ab Sommer 2023 harmonisiert werden.

General Nawrat
André Forkert

Wo und wie ist die eVAenhanced Vigilance Activities Brigade Litauen im nationalen litauischen Verteidigungsplan integriert?

Wir unterstehen im Rahmen von Ausbildung und Übung weiterhin national der 1. Panzerdivision. Für die Verteidigungsplanung würden wir dem litauischen Land Forces Command unterstellt werden. Dort üben wir im Moment auch, dort bringen wir uns auch entsprechend ein, und gemeinsam werden wir die litauischen Verteidigungsplanungen vorantreiben.

General Nawrat
André Forkert

Der vorgeschobene Gefechtsstand der Brigade – NATO-Bezeichnung: Forward Command Element (FCE) – ist seit 8. Oktober in Rukla aufgestellt. Was ist der Sinn und Zweck dieser Vorstationierung?

Der vorgeschobene Gefechtsstand wurde am 8. Oktober in Dienst gestellt, durch unsere Verteidigungsministerin und ihren litauischen Amtskollegen. Vor Ort befindet er sich bereits seit dem 6. September. Das war notwendig, um den zeitgerechten Aufbau sicherzustellen. Sinn und Zweck ist es, als sichtbares ständig präsentes Koordinierungselement der Brigade vor Ort zu sein. Letztendlich ist die eVAenhanced Vigilance Activities Brigade Litauen grundsätzlich zum Großteil in Deutschland.

Die Aufträge der Brigade werden im Brigadestab in Neubrandenburg ausgeplant und umgesetzt. Um ein ständiges, präsentes Element hier zu haben, haben wir den vorgeschobenen Gefechtsstand nach vorne gebracht. Auf der einen Seite haben wir damit die Möglichkeit, uns als ständiger Ansprechpartner bei den Litauern in die Verteidigungsplanung einzubringen. Wir haben die Möglichkeit den Host Nation Support mit den Litauern konkret zu koordinieren. Das FCE steht mir zur Verfügung, für den Moment, wenn wir Kräfte aus Deutschland nach Litauen verlegen, um letztendlich deren Aufnahme sicherzustellen. In Phasen der Ausbildung und Übung natürlich mit deutlich mehr Personal, weil dann deutlich mehr Aufgaben auf diesen vorgeschobenen Gefechtsstand zukommen. Auf der anderen Seite müssen bestehende Aufgaben weiterhin im Brigadestab in Neubrandenburg gewährleistet werden.

General Nawrat
André Forkert

Die situationsabhängige Verlegung haben Sie schon angesprochen. Über welche Zeitlinien sprechen wir hier?

Wir haben grundsätzlich erst einmal keine Notice to Move-Zeit. [Anmerkung der Redaktion: Vorgegebene Zeit für Verlegebereitschaft] Das muss man klar feststellen. In Zukunft wird das Deutsche Heer eine Brigade innerhalb von zehn Tagen verlegen können. Dazu müssen aber die notwendigen Voraussetzungen geschaffen werden. Wie die Vorausstationierung von Material, von Versorgungsgütern, aber auch die Möglichkeiten der Unterbringung. Und es ist maßgeblich davon abhängig, wie schnell die Verlegemittel auch tatsächlich bereitstehen. Es ist keine Frage, die Brigade an ihren Standorten zusammen zu ziehen, es ist eher die Frage, in welchem Verkehrsträgermix verlege ich die Brigade. Wenn ich die Friedensrahmenbedingungen nehme, benötigen Schienentransport und Fährtransport eine gewisse Vorlaufzeit. Auch die radbewegliche Verlegung bedarf der Vorbereitungs- und Koordinierungszeit. Daher ist dies sehr stark von den Rahmenbedingungen abhängig. Es sind Friedensrahmenbedingungen, und da gelten nun mal höhere Auflagen.

Aber ich mache das gerne an einem Beispiel deutlich. Das Jägerbataillon 413 mit fast all seinen Fähigkeiten haben wir am 4. Oktober nach Litauen verlegt. Den Auftrag habe ich der Bataillonsführung am Ende einer Übung im Gefechtsübungszentrums in der ersten Septemberwoche gegeben. Inklusive der Erkundung und Vorbereitung waren die Kräfte des Jägerbataillons 413 in weniger als 30 Tagen hier.

General Nawrat
André Forkert

Welche Erkenntnisse konnten Sie nach dem Ende der Übung Thunder Storm gewinnen?

Eine ganze Menge ist die einfache Antwort. Die etwas schwierigere Antwort ist wahrscheinlich die Unterscheidung zwischen den guten und den weniger guten Erkenntnissen. Oder, welche Hausaufgaben haben wir noch zu machen. Die wirklich guten Erkenntnisse: Die Litauer haben mit dem Land Forces Command ein Zwei-Sterne-Kommando aufgebaut, das in der Lage ist, die Brigade zu führen. Wir haben die hervorragende Möglichkeit, uns dort entsprechend einzubringen. Genauso gut ist es auch, dass wir uns mit ihren Gedanken beschäftigen, wie sie ihr eigenes Land verteidigen wollen. Und wo sie uns dann auch sehen. Dass sie uns im Schwerpunkt einsetzen, ist ein riesiger Vertrauensvorschuss, den wir hier als Deutsche genießen!

Die Herausforderungen und Hausaufgaben, die wir noch haben, sind natürlich alle verbunden mit dem Thema Interoperabilität. Das beginnt beim gleichen Verständnis vom Führungsprozess. Also die konsequente Anwendung der gängigen taktischen NATO-Vorschrift für die Planung des Einsatzes von Landstreitkäften ist auf beiden Seiten die große Herausforderung. Die zweite große Herausforderung ist wie immer die Sprache. Auf beiden Seiten – auch wir sind es nicht gewohnt, dauerhaft immer und alles in Englisch zu befehlen und zu koordinieren. Von daher muss man es einfach regelmäßig üben. Und die dritte Herausforderung ist die Austauschbarkeit zwischen den einzelnen ITInformationstechnik-Systemen. Da gilt es noch einige Hausaufgaben zu machen. Da bin ich aber zuversichtlich, dass wir mit den Erkenntnissen hier auch wirkliche Schritte nach vorne machen. Unter dem Summenstrich sage ich aber auch ganz ehrlich, es war eine sehr gute Möglichkeit für uns, uns daran zu beteiligen.

General Nawrat
Andre Forkert

Wie geht es mit dem FCE und der eVAenhanced Vigilance Activities Brigade LTU in 2023 weiter? Was sind die wichtigsten Vorhaben?

Das Forward Command Element wird dauerhaft hier in Litauen stationiert bleiben. Ende August/Anfang September wird die Verantwortung von der Panzergrenadierbrigade 41 an die Panzerbrigade 12 übergeben werden. Die beiden wichtigsten Vorhaben sind mindestens zwei große Übungsvorhaben. Einmal die Übung, die wir Operation Griffin Lightning nennen. Hier werden erneut Ende Februar/Anfang März große Teile meines Jägerbataillons 413 nach Litauen verlegt, um dann erneut gemeinsam mit den Litauern auf dem Truppenübungsplatz Pabrade zu üben. Das zweite Highlight wird die Operation Griffin Storm sein.

Unter Führung des Panzergrenadierbataillons 411 werden wir dann das erste Mal als eVAenhanced Vigilance Activities Brigade Schützenpanzer Marder und Kampfpanzer Leopard hierher verlegen. Auch dann wird gemeinsam mit den Litauern auf dem Truppenübungsplatz Pabrade geübt. Für mich sind das zwei absolute Highlights. Im Vordergrund steht die Interoperabilität und das gemeinsame Üben. Das zweite ist die Verlegung der Kräfte der Brigade soweit wie möglich zu standardisieren, und dabei alle Verkehrsträger zu nutzen.

General Nawrat

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