Mit Recht im Einsatz, die Legal Expertin bei EFPEnhanced Forward Presence

Mit Recht im Einsatz, die Legal Expertin bei EFPEnhanced Forward Presence

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  • EFP
Datum:
Ort:
Rukla
Lesedauer:
5 MIN

„Jurist ist einer der langweiligsten Berufe in Deutschland“: Zu dieser voreiligen Feststellung kam eine Studie des Jobvergleichsportals Emolument.com aus dem vergangenen Jahr, bei der 1.300 Expertinnen und Experten aus 14 verschiedenen Berufen befragt wurden. Wäre Xenia M. als Sachverständige gefragt worden, wäre das Ergebnis anders ausgefallen: Sie ist aktuell als Rechtsberaterin bei der 10. Rotation der Mission Enhanced Forward Presence in Litauen eingesetzt und kann jene These keinesfalls bestätigen.

„Einmal Heer, immer Heer“

Xenia M. ist 35 Jahre alt, Volljuristin und seit 2017 bei der Bundeswehr. In Deutschland ist sie als Rechtsberaterin und Wehrdisziplinaranwältin bei der 1. Panzerdivision im niedersächsischen Oldenburg eingesetzt. In ihrer Heimatverwendung berät sie die Disziplinarvorgesetzten in allen juristischen Fragestellungen, wobei die Schwerpunkte vor allem auf dem Disziplinar- und Beschwerderecht liegen. Als Wehrdisziplinaranwältin führt sie Verfahren in ganz Deutschland – auch vor Gericht – wegen Verstößen gegen die soldatischen Pflichten.

Nach dem Einstieg als Juristin bei der 1. Panzerdivision im Jahr 2017 konnte sie von 2020 bis 2021 die Bundeswehr auch aus Marinesicht kennenlernen. Sie war als Rechtslehrerin im „Roten Schloss am Meer“, der Marineschule Mürwik eingesetzt, um Offiziere sowie Offiziersanwärterinnen und Offiziersanwärter rechtlich auszubilden: „Auch, wenn ich die Zeit keinesfalls missen möchte, so musste ich doch feststellen, dass auch für mich gilt: einmal Heer, immer Heer“, erklärt Xenia M. die Rückkehr nach Oldenburg zur 1. Panzerdivision im Juli dieses Jahres mit einem Schmunzeln.  

Landes- und Bündnisverteidigung im Fokus

Eine Soldatin im Gespräch sitzt dem Kommandeur der EFP-Battlegroup gegenüber

Xenia M. berät den Kommandeur der EFPEnhanced Forward Presence-Battlegroup, Oberstleutnant Hagen Ruppelt, in rechtlichen Fragestellungen

Bundeswehr/Andy Meier

Aktuell hat die Stabsoffizierin ihren Dienstraum im oldenburgischen Divisionsstab mit einem Büro im Stab der Enhanced Forward Presence Battlegroup in Litauen eingetauscht. Bis Anfang Oktober wird sie in Litauen sein und den Dienstposten des „Legal Advisors“ wahrnehmen. Heißt: Sie ist die Beraterin des Kommandeurs in allen rechtlichen Belangen und bringt ihre Expertise unter anderem im Bereich des Disziplinar- und Beschwerderechtes sowie bei der rechtlichen Prüfung von Befehlen ein.

Somit unterscheidet sich die Tätigkeit nicht allzu sehr von ihren Aufgaben in Deutschland. Jedoch liegt der Fokus der EFPEnhanced Forward Presence-Battlegroup auf Übungen in Szenarien der Landes- und Bündnisverteidigung. Daraus resultieren zahlreiche rechtliche Fragestellungen, die in der Bundeswehr in Zeiten der Stabilisierungseinsätze nur eine Nebenrolle gespielt haben. Diese sind nun durch die Re-Fokussierung auf Landes- und Bündnisverteidigung wieder brandaktuell. Beispielhaft sind hier die Rechtsstellung deutscher Soldatinnen und Soldaten im Frieden in einem NATO-Land beziehungsweise die schwierige Frage der völkerrechtlichen Abgrenzung von Krieg und Frieden in hybriden Auseinandersetzungen zu nennen.

„All diese Aspekte gilt es so zu erklären, dass alle Soldatinnen und Soldaten – vom Panzerfahrer bis hin zum Disziplinarvorgesetzen – über die notwendige Handlungssicherheit verfügen. Gerade wenn es um den Einsatz von militärischer Gewalt geht“, untermauert der Kommandeur der EFPEnhanced Forward Presence-Battlegroup, Oberstleutnant Hagen Ruppelt, die Bedeutung der juristischen Aspekte im Rahmen der einsatzgleichen Verpflichtung in Litauen.

Ratgeberin bei Alltagsfragen

Eine Soldatin steht vor sitzenden Soldaten und bildet sie in rechtlichen Aspekten aus. Im Hintergrund ist eine Leinwand.

Xenia M. führt für die Einsatzkräfte Weiterbildungen durch, damit sie über rechtliche Handlungssicherheit verfügen

Bundeswehr/Andy Meier

Doch nicht nur bei rechtlichen Fragestellungen militärischer Art ist Xenia M. eine wichtige Ansprechpartnerin. Sie steht den Kontingentangehörigen auch bei rechtlichen Alltagsfragen gerne mit Rat und Tat zur Seite: Wie verfasse ich eine rechtlich statthafte Vollmacht, damit meine Angehörigen zu Hause Behördengänge erledigen können? Wie kann ich den Hauskauf in der Heimat am besten abwickeln, ohne dass ich nach Hause zurückkehren muss? All das sind mögliche Fragestellungen, für die Xenia M. immer eine Antwort parat hat.

Einen typischen Arbeitstag gibt es für sie nicht. So kann es durchaus auch mal sein, dass aufgrund eines Vorfalls ihr Diensthandy mitten in der Nacht klingelt. Natürlich findet man sie eher im Büro am Schreibtisch oder bei der Beantwortung von E-Mail-Anfragen, als draußen auf dem Gefechtsfeld. Doch sie legt großen Wert darauf, nah bei den Soldatinnen und Soldaten zu sein und begleitet die Truppe deshalb so oft es zeitlich möglich ist bei Übungsvorhaben. „Das ist dann auch der passende Tapetenwechsel, der nach einem anstrengenden Tag im Büro mit vielen Rechtsvorschriften und Paragrafen eine klasse Abwechslung bietet“, berichtet sie.

Uniform versus Bürooutfit

Ein besonders sichtbarer Unterschied zwischen der Tätigkeit in Deutschland und der Verwendung im Ausland ist die unterschiedliche Berufskleidung. Denn während eines Auslandseinsatzes befinden sich Rechtsberaterinnen und Rechtsberater im Soldatenstatus und sind nicht als Beamtinnen beziehungsweise Beamte in Zivil gekleidet. Zuhause in Deutschland ist Xenia M. Oberregierungsrätin, hier in Litauen trägt sie wie jede andere Soldatin und jeder andere Soldat Uniform und hat den Dienstgrad Oberstleutnant auf den Schultern.

 „Für mich bedeutet die Uniform zu tragen, dass ich ein Teil des großen Ganzen bin und mit zur Kampfgemeinschaft gehöre. Hier erlebt man das besondere Band der Kameradschaft, was ich aus meinem Zivilleben so nicht kenne“, zeigt sich Xenia M. dankbar für diese Erfahrung. Sie habe so auch die Chance, als Teil der Truppe manche Probleme, Sorgen und Nöte aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. „Das hat meine Sichtweise auf viele Herausforderungen des Alltags der Soldatinnen und Soldatendeutlich verändert“, berichtet Xenia M. und ist davon überzeugt, dass sich diese Erkenntnisse auch positiv auf ihre Aufgaben in Deutschland auswirken werden.

Langeweile? Fehlanzeige!

Eine Soldatin spielt gegen einen Kameraden Tischtennis im Betreuungsbereich der Battlegroup in Litauen

Nach einem Tag im Büro mit vielen Rechtsvorschriften nutzt Xenia M. gerne das Betreuungsangebot vor Ort

Bundeswehr/Andy Meier

Doch in Deutschland wird die 35-Jährige in diesem Jahr nur noch auf Durchreise sein. Seit Anfang August ist sie in Litauen und nun schon wieder auf dem Sprung zur nächsten Herausforderung. Ihr Einsatz in Litauen endet planmäßig Anfang Oktober. Nach einer kurzen Verschnaufpause in der Heimat ist dann bereits Ende November der nächste Auslandseinsatz mit der Bundeswehr im Rahmen der Mission MINUSMAUnited Nations Multidimensional Integrated Stabilization Mission in Mali in Mali geplant. Hier wird sie ebenfalls als Rechtsberaterin tätig sein. Dann wieder in einem anderen Szenario – nicht mehr Landes- und Bündnisverteidigung, sondern im Bereich eines Stabilisierungseinsatzes, mit vielen neuen Begegnungen und unterschiedlichen rechtlichen Aspekten und Schwerpunkten. Von Langeweile im Job als Juristin bei der Bundeswehr kann also keine Rede sein!

von Timo  Radke

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