Gelebte Erinnerung in der afghanischen Wüste

Gelebte Erinnerung in der afghanischen Wüste

  • Einsatz
  • RSM
Datum:
Ort:
Masar-i Scharif
Lesedauer:
2 MIN

Die letzten Sonnenstrahlen des Tages treffen auf die schroffen Felsen des Marmal-Gebirges. Von Minute zu Minute weicht das Goldgelb der Dämmerung, so auch im Camp Marmal am Fuße des Gebirges. Hier haben sich inzwischen über 100 Soldatinnen und Soldaten versammelt. Weitere kommen hinzu und füllen die Reihen, der Rollsplitt auf dem Boden macht ihre behutsamen Schritte hörbar. Hier verharren die Frauen und Männer in andächtigem Schweigen, den Kopf gesenkt. Alle tragen Waffen, sie sind in einem Kriegsgebiet.

Zu viele Tote

Eine große Gruppe von Soldaten steht mit gesenktem Kopf andächtig vor einem Ehrenmal, gesäumt von Flaggen

Mehr als 100 Soldatinnen und Soldaten versammeln sich zu den Andachten an den Todestagen ihrer Kameraden

Bundeswehr/Detlef Schachel

Die Soldatinnen und Soldaten stehen am Ehrenhain – wer das Camp Marmal betritt, kann ihn nicht übersehen. Zwei rechtwinklig angeordnete Reihen von Flaggenmasten mit den Nationalflaggen der hier stationierten Truppen, parallel dazu eine mannshohe Mauer aus Marmal-Gestein. An der Mauer viele Gedenkplatten - zu viele. Denn jede dieser Platten dokumentiert ein Menschenleben, das hier, irgendwo in der Weite Nordafghanistans, sein Ende fand. Sie alle sind versehen mit Dienstgrad, Namen, Geburts- und Sterbedatum. Zu jedem dieser Namen gehört eine Lebensgeschichte, gehören andere Menschen aus dem Umfeld der Toten.

Individuelle Geschichten

Ein großer Felsblock mit einer Gedenkplatte, davor ein Soldat im Schatten mit Trompete in der Hand

Ein großer Felsblock aus dem nahe gelegenen Marmal-Gebirge mit Aufschrift ist Teil des Ehrenhains

Bundeswehr/Detlef Schachel


Wenn der Militärpfarrer das Kontingent zum Gedenken an den Ehrenhain einlädt, erzählt er vom letzten Kapitel der Lebensgeschichte und von den Todesumständen der hier umgekommenen Soldatinnen und Soldaten. Damit macht er den Einzelnen in seiner Eigenheit ebenso sichtbar wie den Tod in seiner Vielfalt. Da gibt es die im Gefecht Gefallenen, die eines natürlichen Todes Verstorbenen, die tödlich verunfallten Soldatinnen und Soldaten - oder jene, die ihrem Leben selbst ein Ende setzten.  

Trompeter aus Leidenschaft

Ein Soldat in Uniform spielt auf einer Trompete

Im Kontingent als Personalfeldwebel eingesetzt, ist H. inzwischen eine feste Größe bei Gedenk- und Festveranstaltungen

Bundeswehr/Detlef Schachel

Inzwischen ist es dunkel geworden. Der Pfarrer tritt zur Seite, schaut noch einmal in die Runde und nickt kurz nach links. Das ist das Zeichen für Hauptfeldwebel Florian H. Er spielt das Lied vom guten Kameraden, jeder Ton sitzt.
Der gebürtige Prignitzer erklärt seine musikalischen Fertigkeiten: „Ich bin mit der Jagd groß geworden. Da habe ich mit dem Jagdhorn begonnen und spiele noch heute in einer Jagdhornbläsergruppe“. Auch er war bereits mehrfach in Auslandseinsätzen der Bundeswehr.   

Gedanken kreisen lassen

Der letzte Ton aus der Trompete ist verklungen. Es ist still, sogar der Wind hat aufgehört zu wehen, die Flaggen hängen schlaff herunter, gerade so, als wollen auch sie sich vor den Toten verbeugen. Die Soldatinnen und Soldaten lassen ihre Gedanken kreisen, der Pfarrer lässt sie gewähren. Vielleicht wandert die eine oder der andere der Frauen und Männer in diesen Augenblicken gedanklich nach Hause, nach Deutschland. Hier wird in diesen Tagen der Volkstrauertag begangen.

Hauptfeldwebel Florian H. spielt das Lied vom guten Kameraden, er ist auch im gemischten Chor des Camps Marmal aktiv


von Detlef Schachel

Mehr zum Thema