Resolute Support: Teamleadertraining in Masar-i Scharif

Resolute Support: Teamleadertraining in Masar-i Scharif

  • Einsatz
  • RSM
Datum:
Ort:
Masar-i Scharif
Lesedauer:
4 MIN

Die verschneiten Züge des Marmal-Gebirges liegen friedlich am Horizont. Eine Infanteriegruppe des 209. Korps der afghanischen Armee (ANAAfghan National Army) patrouilliert durch die staubige Steppe. Plötzlich zerreißt ein Schuss aus der Ferne die Stille. Ein feindlicher Scharfschütze hat die Gruppe ins Visier genommen. Gleichzeitig werden sie frontal vom Feind beschossen. Die Lage ist unübersichtlich – und stellt im offenen Gelände eine hochgefährliche Situation dar. Sofort erkennen die Soldatinnen und Soldaten die Gefahr und gehen in Stellung.

Noch ist es nur Ausbildung

Afghanische Soldaten laufen über eine staubige Fläche. Im Hintergrund sind Berge zu sehen

In Schützenreihe patrouillieren die afghanischen Soldaten über ihren Übungsplatz, die deutschen Berater beobachten die Ausbildung

Bundeswehr/Johanna Hagn

Bei diesem Szenario handelt es sich zum Glück nur um eine Ausbildung, die Teil der NATONorth Atlantic Treaty Organization-Mission Resolute Support (RS) ist. Keiner der Beteiligten ist wirklich in Gefahr. Das Regional Military Training Center (RMTC) des 209. ANAAfghan National Army Korps in Masar-i Scharif bereitet ausgewählte Soldatinnen und Soldaten der afghanischen Streitkräfte auf ihre Aufgabe als Gruppenführer im Gefecht vor. Der Lehrgang dauert vier Wochen und steht ausschließlich den Besten offen: Alle Teilnehmer haben in der vorangegangenen zwölfwöchigen Grundausbildung Höchstleistungen gezeigt – und sich somit für Führungsaufgaben qualifiziert.

Auf die gefährliche Realität vorbereiten

Afghanische Soldaten gehen in Stellung. Ein deutscher Advisor beobachtet das Geschehen

Beschuss von zwei Seiten zwingt die Soldaten in Stellung zu gehen

Bundeswehr/Johanna Hagn

In der hier simulierten Situation müssen die Soldaten den feindlichen Scharfschützen in Deckung zwingen und nach bestimmten taktischen Grundsätzen den Feind bekämpfen. Diese Taktik schnellstmöglich zu definieren, ist Aufgabe des Gruppenführers. Er muss in einer gefährlichen und unübersichtlichen Situation umgehend die Lage erkennen und seinen Soldaten die richtigen Befehle geben. Eine überaus wichtige Aufgabe: Von seiner Führerleistung hängt das Überleben der ganzen Gruppe ab. Ein Teil der Gruppe nimmt jetzt den Scharfschützen unter Feuer. Der andere Teil konzentriert sich auf den frontal antretenden Feind und erwidert das Feuer. Bei der simulierten Gefahr wird selbstverständlich mit Manövermunition geschossen.


Jetzt beginnt das ‘Advisen‘

Ein deutscher Berater ist im Gespräch mit einem afghanischen Soldaten und gestikuliert dabei mit den Händen

Oberleutnant Simon H. bespricht den ersten Durchgang mit den afghanischen Ausbildern

Bundeswehr/Johanna Hagn

Doch in den kritischen Augen von Oberleutnant Simon H. reicht die gezeigte militärische Führungsleistung noch nicht aus. An dieser Stelle nicht so schlimm, denn noch handelt es sich nur um einen Lehrgang. Trotzdem sollten alle im Hinterkopf behalten, dass dieser auf die ernsthafte Realität außerhalb des Camps vorbereitet. „Deshalb beginnt jetzt das Advisen“, erklärt Simon H. und geht freundlich, aber bestimmt auf seinen afghanischen Partner zu. Der Oberleutnant ist der Ausbildungsleiter. Er empfiehlt: „Weniger ist mehr. Lieber die beiden Situationen – Hinterhalt durch eine feindliche Gruppe und Bekämpfung eines feindlichen Scharfschützen – voneinander trennen.“ So könne sich das Erlernte zunächst festigen, bevor im nächsten Ausbildungsschritt die Schwierigkeit nochmals erhöht wird.

Mit Methodik und Fingerspitzengefühl

Drei deutsche Soldaten im Gespräch mit zwei afghanischen Soldaten

Die deutschen Berater besprechen sich mit den afghanischen Ausbildern

Bundeswehr/Johanna Hagn

Das Motto der Mission lautet: „Train, Advise und Assist“ – Ausbildung, Beratung und Unterstützung.  Das Ziel ist es, die afghanischen Sicherheitskräfte auf eigenständiges Handeln vorzubereiten. Hierfür leisten alle Berater-Teams engagierte Hilfe zur Selbsthilfe: Sie beraten sowohl bei der Lehrgangsplanung, bei Ausbildungsvorhaben als auch bei Führungstätigkeiten in der operativen Stabsarbeit.  Die Beraterleisten immer das an Hilfe, was im Einzelfall nötig ist. Die erste Stufe ist grundsätzlich die Beratung (advise) der afghanischen Partner. Bei höherem Erklärungsbedarf wird zusätzlich unterstützt (assist). Sollten sich hingegen grundlegende fachliche Ausbildungslücken auftun, werden eigene Lehrgänge oder Ausbildungen (train) gemäß dem Grundsatz „Vormachen, Erklären, Nachmachen, Üben“ angesetzt. Dabei ist besonders wichtig, die Autorität der afghanischen Partner vor ihren Soldaten nicht zu untergraben und ihr Gesicht zu wahren: Interkulturelle Kompetenz, Fingerspitzengefühl und Geduld sind daher grundlegende Eigenschaften, die jeder Berater mitbringen muss.

Ein internationales Beraterteam

Drei deutsche Berater stehen auf einem Erdhügel

Die deutschen Berater werten den Ausbildungsabschnitt aus

Bundeswehr/ Johanna Hagn

Kroaten, Österreicher und Deutsche: Ein internationales Team berät gemeinsam das Regional Military Training Center in Fragen der Führung, Erstellung von Lehrgängen, Methodik und Didaktik der Ausbildung – und letzten Endes auch bei der Durchführung von Lehrgängen. Zu diesem Zweck sind sie nahezu täglich vor Ort im Camp Shaheen bei Masar-i Scharif und begleiten die afghanischen Ausbilder bei ihrem Dienst. Die Ausbildung der Ausbilder steht somit im Zentrum ihrer Arbeit. Das zugrundeliegende Konzept lautet: „Train the Trainers.“ Diese Trainer sind wiederum die Multiplikatoren für die afghanischen Streitkräfte und somit dafür verantwortlich, dass auch diese eines Tages mit hohem Qualitätsstandard  ausbilden können – dann ohne multinationale Berater an ihrer Seite.


Verbesserungen im zweiten Durchgang

An diesem Vormittag zeigen sich bereits erste Erfolge: Der zweite Trainings-Durchgang verläuft deutlich besser. Im Anschluss steht für die afghanischen Soldaten das Gebet und Mittagessen auf dem Programm. Damit ist ihre Ausbildung für den heutigen Tag beendet. Oberleutnant Simon H. und seine Kameradinnen und Kameraden haben noch eine wichtige Aufgabe vor sich: Im Camp Marmal diskutieren sie gemeinsam den Stand der Ausbildung und schreiben ihren Abschlussbericht. Dessen Ergebnis fließt schließlich in die Beratungsleistung des Senior Advisor beim Kommandeur des Regional Military Training Centers ein – so kann die Ausbildung nochmals verbessert werden.

von Christian Wolf

Mehr zum Thema