Verbunden über den Tod hinaus

Verbunden über den Tod hinaus

  • Einsatz
  • RSM
Datum:
Ort:
Masar-i Scharif
Lesedauer:
3 MIN

Oberstleutnant C.: „Es gibt im Leben eines jeden Menschen Tage, an die man sich lange – vielleicht sogar ein Leben lang – erinnert. Meistens sind dies Extreme. Die Geburt meiner Söhne, meine Hochzeit, aber auch einige Tage meines Berufslebens. Einer dieser Tage ist der 29. April 2009. Ich war damals einer von zwei Kompaniechefs im damaligen PRTProvincial Reconstruction Team Kunduz, die mit ihren unterstellten Soldaten den Auftrag hatten, die übrigen Soldaten zu schützen.“


Die Gedenktafel von Sergej Motz

Der Coin des Kommandeurs

Bundeswehr / Jürgen Sickmann

Der dritte Zug seiner Einheit, der „Charlie“-Zug, befand sich am Vormittag dieses 29. April auf Patrouille. Gegen 10:00 Uhr erreichte das Team des Oberstleutnants C. die Meldung, dass die Soldaten des Charlie-Zuges angegriffen worden waren. „Ich bin sofort zum Gefechtstand. Recht schnell stellte sich heraus, fünf Verwundete, keine Gefallenen!“ Durchatmen. Maik C. erinnert sich: „Am frühen Nachmittag waren alle meine Soldaten, die an diesem Tag zur Unterstützung des Charlie Zuges eingesetzt waren, wieder zurück. Ich besuchte meine Soldaten im Lazarett, erleichtert, dass niemand lebensbedrohlich verwundet war.“ Ein aufreibender Tag neigte sich dem Ende entgegen. Nach dem Besuch der Kameraden, erreicht den Hauptmann per Funk die Nachricht, dass eigene Kräfte nordwestlich von Kunduz im Feuerkampf standen. Wieder ist die Lage unklar. Anders als am Morgen stehen nun die Kameraden des Foxtrott-Zuges in einem Feuergefecht. Sie waren nicht alleine dort. Sanitäter und Spezialisten für zivilmilitärische Zusammenarbeit und Kommunikation sind ebenfalls mit dem Foxtrott-Zug auf Patrouille.

Codewort „schwarz“

Der Gedenkkranz vor der Gedenktafel von Sergej Motz

Gedenken zum zehnten Todestag

Bundeswehr / Jürgen Sickmann

Vor einigen Tagen hatte die Afghanische Armee eine Offensive in den Raum gegen Aufständische ausgeführt. Nun kämpften unsere Kameraden auf der staubigen Piste um ihr Leben. Dann erreichte den Gefechtstand die Meldung, dass ein Soldat „schwarz“ sei. Schwarz? Schwarz ist die Bezeichnung für einen Verstorbenen, der im Feuerkampf gefallen war. Es folgte eine Nacht, die von zwei Dingen geprägt waren: Einerseits die Planungen des Stabes und der Führung der Infanteriekompanie, die draußen verbliebenen Soldaten des Foxtrott-Zuges bei Tagesanbruch in das PRTProvincial Reconstruction Team zurück zu führen. Davon ausgehend, dass der Feind, der zwischenzeitlich den Angriff eingestellt hatte, den Angriff wieder aufnehmen könnte. Andererseits die in das PRTProvincial Reconstruction Team zurückgeführten Verwundeten und der Gefallene im Lazarett. Die Verwundeten des Charlie-Zuges und einige des Foxtrott-Zuges wurden mittels Hubschrauber ausgeflogen. Das „Rotlicht“ aus dem Innenraum der CH-53 ist mir ebenso wie die Emotionen der Kameraden noch gut in Erinnerung. Ich sah Trauer, aber auch Entschlossenheit. Wir Soldaten des PRTProvincial Reconstruction Team, insbesondere unsere Kameraden der Infanteriekompanie wurden an diesem Mittwoch schwer getroffen.“

Persönliche Erinnerungen an 2009

Das 19. Deutsche Einsatzkontingent ISAFInternational Security Assistance Force in Kunduz wurde schwer getroffen. „Für mich war das Frühjahr 2009 die bislang intensivste Zeit meines Dienstes als Soldat. Neben dem „Handwerklichen“ als Soldat, bleiben mir vor allem starke Emotionen in Erinnerung.“ Maik C. schildert seine Erlebnisse: „Tränen, von gestanden Männern, die - psychisch verwundet - ihren Pflichten nicht mehr nachkommen konnten. Tränen, die ich nicht zurückhalten konnte, weil ich am Ende eines langen Tages einem Soldaten sagen musste, dass es „sein Kamerad“ nicht geschafft hat. Er tot ist!“

Diese Trauer über den Verlust von Kameraden. Eine Trauer, die man kollektiv geteilt hat und manchmal auch heute – zehn Jahre später – noch teilt. „Natürlich empfinde ich Schuld, weil durch meine Entscheidungen mir anvertraute Soldaten zu Schaden gekommen sind!“

Maik C. steht vor dem Ehrenhain.

Für Oberstleutnant Maik C. ist dieser Tag ein besonderer

Bundeswehr / Jürgen Sickmann

Auswirkungen auf die Zukunft

Ein Kamerad, der damals auch in Kunduz eingesetzt war, sagte zu C., dass man nicht rückwärtsgewandt denken dürfe. Das „Gestern“ interessiere im „Heute“ erst einmal nicht. Es ginge immer darum, die bevorstehenden Herausforderungen anzugehen. Abschließend sagt der Oberstleutnant: „Genau wie jeder andere Vorgesetzte habe ich zum Ziel, meine persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse in die Ausbildung und Führung der mir anvertrauten Soldatinnen und Soldaten einfließen zu lassen.

von Maik C.

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