Eine Glocke für Jordanien

Eine Glocke für Jordanien

  • Einsatz
  • CD/CBI
Datum:
Ort:
Al-Asrak
Lesedauer:
3 MIN

Glockenschlagen. Ein Klang hallt laut und lang durch das Camp im jordanischen Al-Asrak. Ein ungewohnter Ton auf dem Luftwaffenstützpunkt – der erste dieser Art seit über vier Jahren. Dabei ist die Glocke nicht das erste Mal in einem Einsatz. Mehr als 15 Jahre war sie in Afghanistan – zunächst im Camp Warehouse in Kabul, wo sie jedoch nicht klingen durfte. Kurze Zeit später war sie im Norden des Landes. Im Camp Marmal in Masar-i Scharif läutete sie zu Gottesdiensten, an Festtagen, aber auch in Stunden der Trauer.

Eine Glocke hängt in einem Holzgestell

Die Glocke trägt unter anderem die Aufschrift „LUMEN CAECIS“ – „Licht denen, die im Finstern wohnen“

Bundeswehr/Elisabeth Schöneberg

Der evangelische Militärpfarrer Andreas Rominger ist aufgeregt. Lange hat er darauf gewartet, jetzt endlich ist es soweit. Vor ihm steht eine große und unscheinbare Metallkiste. Ein A330 hat sie aus Deutschland nach Jordanien transportiert. In ihr befinden sich 180 Kilogramm in kelchähnlicher Form gegossene Bronze: die Glocke. Diese ist verhältnismäßig klein, aber von perfekter Größe, um sie problemlos auf Reisen zu schicken. Auf ihr ist unter anderem die Inschrift „LUMEN CAECIS“ verewigt. Übersetzt bedeutet das so viel wie „Licht denen, die im Finstern wohnen“.

Der evangelische Militärpfarrer Andreas Rominger hatte nach seinem Studium einen handwerklichen Beruf gelernt: Zimmermann. Das sollte ihm hier zugutekommen. Eigens für die Glocke hat er einen Glockenstuhl konstruiert und über mehrere Wochen mit deutschen Soldaten auf dem Luftwaffenstützpunkt in Al-Asrak gezimmert. Einige von denjenigen, die geholfen hatten, sind schon wieder in der Heimat und können diesen Moment nicht miterleben.
Der jordanische Camp-Betreiber hat die Bodenplatte betonieren lassen, in welcher der Glockenstuhl heute verankert ist. Das ist keine Selbstverständlichkeit, denn in Jordanien ist der Islam Staatsreligion. Und doch lebt dieses Land als eines von wenigen das Miteinander der Religionen, auch außerhalb des Camps.

Reise in die Vergangenheit

Ein Haus mit geöffneten Toren und eine Glocke in einem Glockenstuhl stehen in einem Camp

Zunächst hing die Glocke in Kabul – für die längste Zeit jedoch in Masar-i Scharif. Nur dort durfte sie auch läuten.

Bundeswehr/Militärisches Militärbischofsamt

„Glocken gibt es seit 1.500 vor Christus. Sie haben also nicht nur eine christliche Tradition. Sie hatten auch immer schon eine musikalische Funktion und haben etwa zur Meditation aufgerufen“, berichtet der evangelische Einsatzdekan Bodo Winkler. Er ist eigens zum Richtfest des Glockenstuhles und anlässlich des ersten offiziellen Glockenschlags nach Jordanien geflogen.

Seit über 23 Jahren beschäftigt die Militärseelsorge das Thema rund um die Glocke in einem Auslandseinsatz der Bundeswehr. Damals waren deutsche Streitkräfte als Teil einer multinationalen VN-Friedenstruppe unter militärischer Leitung der NATO in Bosnien und Herzegowina bei SFORStabilisation Force im Einsatz. Im Feldlager Rajlovac stand ein Glockenstuhl vor der Betreuungseinrichtung der Soldatinnen und Soldaten.
Heute klingen Glocken für deutsche Bundeswehrangehörige und ihre Verbündeten etwa bei UNIFILUnited Nations Interim Force in Lebanon in Limassol, bei MINUSMAMultidimensionnelle Intégrée des Nations Unies pour la Stabilisation au Mali in Gao und EFP in Rukla.

Historisch gesehen läutet die Glocke nicht nur den Gottesdienst ein, sie erklingt auch bei Hochzeiten und Taufen oder ruft zum Gedenken. Früher warnte das Läuten auch vor Bedrohungen wie Feuer, Sturm, Überfällen oder wies Schiffe auf Gefahren im Nebel hin. Die Glocke auf der Airbase im Camp Sonic in Al-Asrak ruft bei den deutschen Soldatinnen und Soldaten etwas ganz Eigenes wach. Manche von ihnen verbinden mit ihr Einsatzerfahrungen in Afghanistan oder einem anderen Einsatzland. Manche verbinden mit der Glocke und ihrem Läuten aber auch Schmerz, manche Kameradschaft, manche Heimat, manche Geborgenheit. So hängt die Glocke heute neben dem Container, in dem die Kapelle ist und seitlich von dem Container, in dem der Kraftraum ist – in einem mit Herz und Hand gezimmerten Glockenstuhl.

Der Wunsch des Stifters

Gestiftet hat die Glocke ein ehemaliger Soldat, der in den ersten Stunden des Afghanistaneinsatzes dabei war, Hans-Christoph Rudolf. Gab er die Glocke der Bundeswehr zunächst als Leihgabe, hat er sie ihr später übereignet. Sein Wunsch: Die Glocke solle nach Möglichkeit immer in einem Einsatz der Bundeswehr läuten, nach Möglichkeit in dem größten.

Die Mission Counter Daesh / Capacity Building Iraq ist mit ihren über 300 Kontingentangehörigen, die über Jordanien, Irak, Katar und die Türkei verteilt sind, gewiss nicht der größte Einsatz. Aber es ist ein Einsatz der Bundeswehr, an dem deutsche Soldatinnen und Soldaten beteiligt sind – im internationalen Kampf gegen Terrorismus, für eine nachhaltige und politische Befriedung Syriens und der Region im Nahen Osten.

von Elisabeth Schöneberg

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