275 Tage Afrika: Als Militärbeobachter in der Westsahara

275 Tage Afrika: Als Militärbeobachter in der Westsahara

  • Einsatz
  • MINURSO
Datum:
Ort:
Marokko
Lesedauer:
5 MIN
Gruppenbild mit Soldaten, daneben UN-Fahrzeuge
Bundeswehr

Nach 275 Tagen im Einsatz bei MINURSOThe United Nations Mission for the Referendum in Western Sahara kehrte Hauptmann Merten E. nach Deutschland zurück. Für ihn waren die neun Monate in der VNVereinte Nationen-Mission eine prägende Zeit. Seine vielfältigen Aufgaben im Einsatz machen deutlich, was an Militärbeobachtereinsätzen so besonders ist.

Dieser Einsatz begann schon ganz anders, als ich es aus meiner Zeit in Afghanistan kannte. Fast zehn Monate ist es her, dass ich gemeinsam mit meinem Kameraden, Hauptmann Sven T., am Flughafen Berlin-Tegel stand, neben uns jeweils fünf große Kisten und zwei vollgepackte Rucksäcke: Helm und Schutzweste, persönliche Bekleidung bis hin zu knapp zehn Kilo medizinisches Equipment – alles musste mit.“

Unter dem blauen Barett in die Westsahara

Fahrzeugpatrouille im Gelände
Bundeswehr

Die Bundeswehr stellt permanent Offiziere für den Einsatz als Militärbeobachter für die Vereinten Nationen. Koordiniert werden diese Einsätze unter dem blauen Barett im Dezernat Beobachtermissionen im Einsatzführungskommando in Potsdam. Sven und ich wurden dort spezifisch auf den Einsatz in der Westsahara vorbereitet.

Das Ziel war Laayoune, die „Hauptstadt“ der Westsahara. Die Anführungszeichen deuten bereits den Hintergrund unseres Einsatzes an: Der völkerrechtliche Status der Westsahara ist ungeklärt. Die Demokratische Arabische Republik Sahara wurde am 27. Februar 1976ausgerufen, sie wird jedoch von zahlreichen Ländern, darunter auch Deutschland, nicht  anerkannt. Marokko übt die Kontrolle über rund 80 Prozent des Gebiets der Westsahara aus.

An dieser Situation hat sich seit fast über 25 Jahren – auch nach der Unterzeichnung eines Waffenstillstandsabkommens – nichts geändert. So wurde 1991 die VNVereinte Nationen-Mission MINURSOThe United Nations Mission for the Referendum in Western Sahara ins Leben gerufen. Hauptaufgabe ist die Überwachung des Waffenstillstands zwischen dem Königreich Marokko und der Frente Polisario („Volksfront zur Befreiung von Saguia el Hamra und Río de Oro“).

Hektische Ankunft

Soldat mit silbernen Containern und Gepäck
Bundeswehr

In Laayoune gelandet, hieß es für uns beide erst einmal, uns zu orientieren: Wo ist das Hauptquartier? Wie kommen wir dort hin? Wo schlafen wir? Wie geht’s jetzt weiter? Ich erinnere mich nur zu gut an das erleichterte Aufatmen, als wir einen Soldaten in deutscher Uniform am Flughafen entdeckten. Wir hatten Glück. Im Hauptquartier war ein weiterer Deutscher.

Mit zwei Patrouillenfahrzeugen fuhren wir in unser Hotel – und noch am gleichen Abend zur Konferenz der neun Teamsite-Kommandeure („Teamsite“: MINURSOThe United Nations Mission for the Referendum in Western Sahara-Feldlager mit etwa 20 Soldaten).

Mit der MI-8 ins Ungewisse

Am nächsten Tag erfolgte dann unsere Einführung: Jeder neu ankommende Militärbeobachter wird innerhalb einer Woche in die aktuelle Lage, die Führungsmittel, das Berichtswesen, die missionsinternen Abläufe und die Patrouillenfahrzeuge eingewiesen. Währenddessen wurde auch entschieden, in welche Teamsite und auf welche Seite des Berm (marokkanischer Verteidigungswall, der die Waffenstillstandslinie markiert) wir eingesetzt werden sollen.

Ich denke, das ist eines der besonderen Merkmale dieses Einsatzes: Für viele Soldaten ist es schlicht unvorstellbar, in ein Einsatzgebiet verlegt zu werden, ohne zu wissen, wohin es genau gehen und wie genau das Tätigkeitsfeld aussehen wird.

Soldat in Einsatzkleidung im Helikopter
Bundeswehr

Am Ende der Einweisungsphase ging es mit einer VNVereinte Nationen-Transportmaschine Antonov B26-100 und einem Mi-8-Helikopter in die Wüste. Für Sven und mich hieß es – zumindest vorläufig – voneinander Abschied zu nehmen: Er kam auf die Westseite in die Teamsite Oum Dreyga, ich auf die Ostseite nach Tifariti.

Eigeninitiative gefragt

Nun hieß es erst einmal, sich einzuleben, Patrouille zu fahren, sich zum Patrouillenführer zu qualifizieren sowie seinen „Nebenjob“ zu übernehmen. Als Militärbeobachter ist man nämlich nicht nur für das Patrouillieren zuständig. Da so eine Teamsite nur 12 bis 20 Soldaten hat, nimmt man „nebenbei“ noch andere Aufgaben wahr: Eine Wäscherei oder eine klassische Truppenküche vermisst man in solch einem Einsatz genauso wie einen Friseur. So funktioniert einfach alles auf der Do-it-yourself-Methode.

Noch mehr Nebenaufgaben

Personalmangel, Abwesenheit oder Rotationen zwischen den Teamsites führen dazu, dass gleichzeitig zwei Aufträge auszuführen sind. In meinem Fall war ich zum einen „Food-Officer“ und zum anderen „G2“ – eine Art Sicherheitsbeauftragter.  Nach den Patrouillen hieß das unter anderem, die Küchenhygiene zu überwachen. In den Abendstunden – nach einem Anruf in der Heimat – war anschließend meine Sicherheitstätigkeit an der Reihe. Hierzu zählten die Auswertung von Patrouillenberichten und Vorbereitungen von Koordinierungstreffen mit der Frente Polisario.

Das Koordinierungstreffen

Wenn wir uns in Tifariti mit Vertretern der „Volksfront zur Befreiung von Saguia el Hamra und Río de Oro“ – der Polisario – treffen wollten, habe ich vorher alle relevanten Ereignisse der vergangenen Wochen analysiert und Patrouillenteilnehmer eingeplant. Militärbeobachter, die entweder spanisch oder arabisch sprechen, werden bei den Treffen als Übersetzer eingesetzt.

Mit dem Kommandeur unserer Teamsite haben wir festgelegt, wie wir Vorkommnisse thematisieren. Das erfordert oft diplomatisches Geschick, denn einerseits überwachen wir als Militärbeobachter die Aktivitäten oder Truppenbewegungen und melden gegebenenfalls Verstöße gegen das Waffenstillstandsabkommen, andererseits sind wir aber auch auf die Absicherung unserer Teamsite durch die Frente Polisario angewiesen.

Zum Appell angetretene Soldaten
Bundeswehr

Am Tag des Koordinierungstreffens fuhren wir zum Hauptquartier der Military Region (entspricht einer Brigade). Nach förmlichen Begrüßungen und gegenseitigen Respektsbekundungen wurden beim obligatorischen Tee – die richtige Zubereitung war ein eigenes kleines Ritual, das manchmal gut und gerne 45 Minuten dauern konnte – die Vorkommnisse besprochen. Alle wichtigen Erkenntnisse wurden in einem Bericht für das MINURSOThe United Nations Mission for the Referendum in Western Sahara-Hauptquartier zusammengefasst. Dieser Bericht musste spätestens am nächsten Tag um 8 Uhr dem Hauptquartier vorliegen.

Neue Aufgaben im Hauptquartier

Dann hieß es für mich, mich in der Mission noch einmal in ein neues Tätigkeitsfeld einzuarbeiten, denn Ende Oktober 2015 wurde ich als Verbindungsoffizier zwischen der militärischen Operationszentrale und dem zivilen Mine Action Coordination Center (MACC) im Hauptquartier ausgewählt. In diesem Zentrum wird daran gearbeitet, die Beseitigung der Kriegsaltlasten voranzutreiben.

Mein Hauptauftrag war die dauerhafte Koordination zwischen Militär und dem MACC, die Bearbeitung der aktuellen Kampfmittellage im Einsatzgebiet und die Ausbildung neu eintreffender Militärbeobachter. Dafür besuchte ich die Teamsites, um Wiederholungs- und Vertiefungsausbildungen durchzuführen.

Besuch mit besonderer Herausforderung

Als ich zu einem dieser Besuche unterwegs war, musste ich mein Können als Einsatzersthelfer Bravo anwenden Ein ziviler Pick-up war von der Straße abgekommen und hatte sich mehrfach überschlagen. Der Fahrer war aus dem Fahrzeug geschleudert worden. Jetzt half mir das intensive Training in Deutschland, um ihm erste Hilfe – mit Atemwegssicherung, Wärmeerhalt, Kontrolle seiner Vitalfunktionen und Vorbereitung seines Krankentransports – zu leisten. So war auch meine Ausbildung in diesem Bereich nicht umsonst gewesen!

Zurück nach Deutschland

In den neun Monaten erlebte ich viele bewegende und anstrengende, aber auch sehr schöne und glückliche Momente. Ganz besonders bin ich meinen Jungs aus unserem deutschen Kleinstkontingent für ihr Vertrauen und unser kameradschaftliches Miteinander dankbar.

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