Ein Tag mit dem Spieß der Force Protection in Mali

Ein Tag mit dem Spieß der Force Protection in Mali

  • Einsatz
  • MINUSMA
Datum:
Ort:
Gao
Lesedauer:
5 MIN

Nicht immer planbar und manchmal auf den ersten Blick gar nicht zu erkennen: Die Aufgaben eines Spießes im Auslandseinsatz sind vielfältig. Was genau steckt hinter der Arbeit des Kompaniefeldwebels? Was macht seine Arbeit aus? Um Antworten auf diese Fragen zu bekommen, wurde Oberstabsfeldwebel Stefan K. einen Tag lang von Hauptfeldwebel Marc Vigansky begleitet.

Die Sonne geht im Hintergrund auf. Im Vordergrund steht der Campzaun. Auf dem Zaun ist Stacheldraht angebracht

Der Tag beginnt mit einem wunderschönen Sonnenaufgang über dem Camp Castor

Bundeswehr/PAO MINUSMA

Nur die indirekte Beleuchtung der Armaturen im Gefechtsfahrzeug Eagle wirft einen Schatten auf sein Gesicht, als Oberstabsfeldwebel Stefan K. entlang des Campzaunes patrouilliert. Ich blicke auf die gelbe Kordel an seiner rechten Schulter und denke darüber nach, was ich von einem Kompaniefeldwebel erwarte. Bei seiner Arbeit hat dieser viele Namen: Spieß, Mutter der Kompanie, Innendienstbearbeiter B oder einfach nur Kamerad. Aber was zeichnet den Menschen aus, der für viele Soldatinnen und Soldaten im Einsatz eine wichtige Vertrauensperson darstellt? Was ist in der Wüste Gaos anders als in der Kaserne in Deutschland? Um genau das herauszufinden, begleite ich den Spieß der Force Protection bei MINUSMAUnited Nations Multidimensional Integrated Stabilization Mission in Mali einen Tag lang. 

Der Spieß auf Patrouille

Soldat mit gelber Kordel sitzt auf einem Fahrrad welches vorn eine Kiste und am Gepäckträger eine Flaggenhalterung hat

Immer mobil: Für längere Wege im Camp und kleinere Transporte, hat der Spieß ein eigens für ihn konstruiertes Gefährt

Bundeswehr/ PAO MINUSMA

Es ist noch nachts, als wir uns treffen. Viele ruhen oder besetzen ihre Posten im Camp. Oberstabsfeldwebel Stefan K. hat Dienst, er übernimmt heute die Patrouille entlang der Campsicherung. Er muss das nicht machen, es wäre nicht seine Aufgabe als Spieß, die Sicherung abzufahren. Ich frage ihn, warum er sich trotzdem selbst für solche Dienste einteilt. Er antwortet kurz und präzise, wie ein typischer Heeresmann: „Die Männer und Frauen sollen schlafen, ich übernehme das.“ Die Nacht ist ruhig, es gibt keine Vorkommnisse, wir fahren wieder rein. Langsam wird es hell, ein neuer Tag beginnt.

Das Frühstück im Camp

Drei Soldaten stehen bei der Essenausgabe um eine Bierzeltgarnitur herum

Bei der Verpflegungsausgabe ist der Spieß heute nur noch stiller Beobachter. Alle Abläufe sind eingespielt

Bundeswehr/Marc Vigansky

Denkt man an einen Spieß, hat man als Soldat oder als Soldatin das Bild vor Augen, wie der Mann mit der gelben Kordel das Essen ausgibt. Im Einsatz und speziell bei der Force Protection läuft das jedoch anders. „Ich habe Soldatinnen und Soldaten in der Campbewachung, am Waffensystem MANTISModular, Automatic and Network capable Targeting and Interception System, einen Zug mit Litauern, Objektschützer der Luftwaffe sowie ihre Hundeführer und Gebirgsjäger in meiner Einheit. Alle haben andere Aufgaben, andere Zeiten, andere Pausen. Die Abläufe der Essensausgabe regeln die Trupps deshalb für sich“, sagt Stefan K. und erklärt mir, dass mittlerweile alles eingespielt sei. „In den ersten vier Wochen fuhr ich noch selbst das Essen holen, stand an der Ausgabe und schaute, dass alle satt werden. Heute kann ich sagen, dass die Frauen und Männer das bestens im Griff haben“, so der Spieß stolz. „Essen beendet, auf geht’s zur Besprechung“, sagt er kurze Zeit später, während ich noch an meinem Kaffee nippe.

Erst Besprechung, dann Begrüßung

Mehrere Soldaten stehen vor zwei militärischen Fahrzeugen. Im Vordergrund steht ein Wegweiser mit Städtenamen

Der Spieß empfängt seine Soldatinnen und Soldaten am Meldekopf im Camp Castor

Bundeswehr/Marc Viganksy

Wie man es auch nennen mag – ob Morgenlage, Besprechung, Informationsaustausch –, als Spieß ist Stefan K. wie die Spinne im Netz und muss über alles informiert sein. Viele Dinge bekommen seine Soldatinnen und Soldaten nicht mit, da sie im Hintergrund passieren oder er sie schlicht von ihnen fernhält. Ich bin ein wenig müde, das ist nicht meine bevorzugte Tageszeit und Besprechungen sind nicht gerade mein Highlight. Für Stefan K. hingegen ist es Alltag: „Ohne aktuelle Infos kannst du den Tag nicht planen und bevor die ,Jungs und Mädels‘ gleich rausfahren zur Operation, brauche ich die neuesten Informationen.“ Klingt für mich plausibel, wird wohl trotzdem nicht zu meinen Lieblingsaufgaben werden. Die Besprechung ist beendet und Stefan K. berichtet: „Heute bekommen wir noch einen neuen Soldaten.“ Ein Soldat müsse zurück nach Deutschland, deshalb komme heute ein Ersatzmann, erklärt er mir auf Nachfrage. Kurze Begrüßung, warme Worte, dann müssen wir schon wieder weiter – die Trupps müssen los!

Abmarsch zur Operation

Ein Soldat grüßt ein militärisches Fahrzeug, das an ihm vorbeifährt. Er trägt eine gelbe Kordel am Arm

Es ist guter Brauch, dass die Soldatinnen und Soldaten zu ihren Operationen verabschiedet werden

Bundeswehr/Marc Vigansky

Abmarschbereit für die Patrouille: Auf der QRF-Platte, wie der Aufstellungsplatz der Fahrzeuge hier in Gao heißt, fahren die Fahrzeuge in der befohlenen Reihenfolge auf. „Die Jungs freuen sich, wenn sie vor dem Rausfahren aus dem Camp verabschiedet werden“, so der Spieß und ergänzt: „Häufig stehen die militärischen Vorgesetzten der anderen Einheiten am Maingate und grüßen die Trupps zum Abschied.“ Heute stehen Stefan K. und ich allein am Tor und ich habe das Gefühl, dass es ihm sehr wichtig ist, hier zu sein. Wir warten seit 30 Minuten auf die Abfahrt der Fahrzeuge, langsam wird das Licht schlecht und ich habe etwas Sorge um mein Foto. Stefan K. sorgt sich wahrscheinlich eher um die Soldatinnen und Soldaten. Da ich es nicht genau weiß, frage ich ihn. Seine Antwort kurz und präzise: „Das sind meine Jungs und Mädels“, bekräftigt Stefan K. erneut. Wir halten noch ein wenig Smalltalk und besprechen den nächsten Termin.

Happy Birthday und dann Andacht

Ein Soldat mit einer gelben Kordel am Arm überreicht zwei Soldaten ihre Geburtstagskuchen, alle tragen Mund-Nasen-Schutz

Überraschung geglückt: Der Spieß überreicht jeder Soldatin und jedem Soldaten, die im Einsatz Geburtstag haben, einen Kuchen

Bundeswehr/Marc Vigansky

Es ist nun schon fast 24 Stunden her, dass Oberstabsfeldwebel Stefan K. und ich uns verabredet haben. Mein Tag wäre jetzt normalerweise beendet, aber heute ist Sonntag und zwei seiner Männer haben Geburtstag. Stefan K. hat Kuchen organisiert. „In Deutschland gratulierst du, wünschst einen schönen Dienstschluss und die Männer fahren zu ihren Familien zum Feiern. Hier ist es anders, hier fährt keiner nach Hause, hier kommt der Spieß, bringt einen Kuchen und warme Worte“, erklärt Stefan K. mit einem Augenzwinkern. Ich halte das für eine schöne Geste und darf ebenfalls vom Kuchen kosten.  

Letzter Termin: Gottesdienst beim Pfarrer. Oberstabsfeldwebel Stefan K. ist im Einsatz „Stammgast“ beim Gottesdienst, das scheint ihm viel zu bedeuten. „Ich stamme zwar aus Sachsen, lebe jedoch seit 28 Jahren in Bayern“, sagt er und gewährt einen kleinen privaten Einblick. „Ich gehe hier mit gutem Beispiel voran, denn man weiß ja nie, ob und wann man mal Beistand benötigt“, ergänzt er abschließend.

Weiß ich nun, was ein Spieß im Einsatz macht? Ich kann auf jeden Fall sagen, dass seine Aufgaben sehr vielfältig sind und er jede einzelne mit großer Überzeugung wahrnimmt. Was mir auch bewusstgeworden ist: dass nicht alles so locker ist, wie es auf den ersten Blick scheint – der Spieß trägt im Einsatz große Verantwortung.

von Marc Vigansky

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