MINUSMA: Meine erste Nachtpatrouille in Mali

MINUSMA: Meine erste Nachtpatrouille in Mali

  • Einsatz
  • MINUSMA
Datum:
Ort:
Gao
Lesedauer:
4 MIN

Seit vier Wochen befinde ich mich als Pressefeldwebel im UNUnited Nations-Einsatz MINUSMAMultidimensionale Integrierte Stabilisierungsmission der Vereinten Nationen in Mali, jetzt bereite ich mich auf meine erste Nachtpatrouille vor. Diese dient dazu, die Sicherheit rund um das Camp zu gewährleisten. Sieben Stunden in der Dunkelheit liegen vor mir – 360-Grad-Sicherung, Patrouille zu Fuß, mobiler Kontrollpunkt. Wir fahren die Orte an, von denen sich ein Angriff auf unser Feldlager durchführen lassen könnte.

Befehlsausgabe kann Leben retten

Soldaten schauen auf eine Landkarte und machen sich Notizen

Die Gruppenführer werden vom Zugführer eingewiesen, unterstützt durch eine detailgetreue Landkarte

Bundeswehr/Thomas Bierbaum


Bei der Befehlsausgabe werden die Punkte angesprochen, die für jede Soldatin und jeden Soldaten im Einsatz überlebenswichtig sind: Wie ist die Lage in der Umgebung, in der die Patrouille durchgeführt wird? In welcher Reihenfolge fahren die Fahrzeuge? Wie wird die Patrouille während der Fahrt und bei einem Halt gesichert? Welche Aufgaben hat jede und jeder Einzelne von uns – vor allem bei einem Zwischenfall? All das und noch einiges mehr müssen wir uns alle genauestens einprägen; um sicherzugehen, schreibe ich alles mit, mein Kopf schwirrt von all den Informationen.

Mit voller Ausrüstung sitze ich in einem Gefechtsfahrzeug vom Typ Dingo 2,  ein sicheres und zuverlässiges Fahrzeug. Ich denke an die belgischen Kameraden, die damit im Januar zweimal auf Sprengfallen gefahren sind und alle überlebt haben. Mein Platz befindet sich neben dem Richtschützen. Was erwartet mich? Habe ich alles dabei? Ich gehe meine Ausrüstung noch mal durch: Weste, Helm, Waffen, Munition, Nachtsichtgerät und mein Daypack.


Stockdunkel und die Patrouille beginnt

Gefechtsfahrzeuge stehen hintereinander in der Dunkelheit. Alle Fahrzeuge haben ihre Scheinwerfer eingeschaltet

Die Gefechtsfahrzeuge sind in der befohlenen Reihenfolge aufgefahren: Es folgt die Funküberprüfung, dann Abfahrt

Bundeswehr/Thomas Bierbaum

Wer verlässt zuerst das Fahrzeug? Wer übernimmt die Nahbereichsüberprüfung beim Halt? Und wer ist als Funker für die Verbindung verantwortlich? Sind alle Frequenzen richtig eingestellt? Die Fahrzeugkommandanten Verteilen die Einzelaufträge an ihre Besatzungen. Beim Abendbrot hatte ich keinen sonderlich großen Appetit, ich hatte ein mulmiges Gefühl. Jetzt lege ich die Minenverriegelung der Fahrzeugtür ein. Erster Small Talk mit dem Richtschützen, wir kennen uns nicht, werden aber die nächsten sieben Stunden miteinander zu tun haben. Er versucht, mich aufzumuntern: „Der Vorteil vom Wärmebild ist, dass keiner sich verstecken kann“. Dank Funklautsprecher verfolge ich jeden Funkspruch. Ein beruhigendes Gefühl, dass alle jederzeit miteinander kommunizieren können. Pünktlich setzt sich die Patrouille in Bewegung.

Der erste Zwischenfall der Nacht

Auf einem Bildschirm sind trotz der Dunkelheit deutlich Soldaten und gepanzerte Fahrzeuge zu sehen

Ein Transportpanzer Fuchs hat sich im weichen Wüstensand festgefahren und muss herausgezogen werden

Bundeswehr/Thomas Bierbaum


Wir sind bereits 45 Minuten im Umland von Gao unterwegs. Wir passieren mehrere Checkpoints, bei jedem Halt ist mir bewusst: Ein stehendes Ziel ist besser zu treffen als ein fahrendes. Zum Glück werden alle Kontrollpunkte von der malischen Armee betrieben. So ermöglicht jeder Halt eine Gesprächsaufklärung. Der Sand wird weicher und tiefer, der Kraftfahrer schaltet die Differenzialsperren des Fahrzeuges ein. Mit ihnen kommen wir im sandigen Untergrund besser voran.

Trotzdem kommt kurze Zeit später über Funk die Meldung, dass sich das Fahrzeug Drei festgefahren hat. Der Zugführer befiehlt: „Absitzen, Rundumsicherung, Fahrzeug Vier unterstützt bei der Bergung“. Die Anspannung steigt, wir stehen hier inmitten eines kleinen Dorfes und die Menschen kommen neugierig aus ihren Häusern. Der Sprachmittler verlässt das Fahrzeug und erklärt den Anwohnern, was hier gerade vor sich geht. Über das Funkgerät höre ich die Meldung: „Fahrzeug wieder frei“. Die Patrouille wird fortgesetzt.


Nur mit Rotlicht: Die Fußpatrouille beginnt

Zwei Soldaten schauen mithilfe einer Rotlichtlampe auf eine Karte

Orientierung bei Nacht wird aus taktischen Gründen immer unter Rotlicht durchgeführt

Bundeswehr/Thomas Bierbaum

Wir halten etwa 500 Meter vor einer Ortschaft. Die eingeteilten Soldaten steigen aus den Fahrzeugen und sammeln sich um den Zugführer. Ich greife meine Waffe sowie den Daypack. Jetzt geht es anderthalb Stunden mit Weste, Rucksack, Waffe und Helm zu Fuß durch die Nacht, das wird ohne Zweifel anstrengend. Die Fahrzeuge beziehen etwas entfernt eine Stellung und stehen bereit, falls etwas Unvorhergesehenes passieren sollte. Sternenklarer Himmel, der Mond ist nicht zu sehen. Es ist stockdunkel. In der Ortschaft ist eine Hochzeitsfeier im Gange. Die Gäste kommen auf uns zu und bedanken sich bei uns, dass wir für ihre Sicherheit da sind. Zu festgelegten Zeiten erfolgt eine Funküberprüfung, um unsere aktuelle Position mitzuteilen.

Auf dem Weg zum zweiten Ziel

Ein Soldat und der Sprachmittler gehen im Dunkeln auf ein Fahrzeug vom Typ Dingo 2 zu

Im Scheinwerferlicht steigen die Soldaten wieder auf die Fahrzeuge und die Patrouille wird fortgesetzt

Bundeswehr/Thomas Bierbaum

Ohne Zwischenfälle beenden wir unsere Fußpatrouille und begeben uns zum Abholpunkt, wo wir von den Einsatzfahrzeugen wiederaufgenommen werden. Ich kehre auf meinen Platz neben dem Richtschützen zurück und freue mich, ihn wiederzusehen. Obwohl wir uns gerade erst kennengelernt haben, haben wir während des gemeinsamen Einsatzes schon viel voneinander erfahren. Nach 90 anstrengenden Minuten zu Fuß in der Wüste greife ich erst einmal zur Wasserflasche, um meinen Durst zu stillen. Weiter geht’s zum zweiten Ziel dieser Nacht


Das Ende einer aufregenden Nacht

Eine fernbedienbare Waffenstation mit Maschinengewehr ist auf die Straße gerichtet

Bietet Sicherheit: eine fernbedienbare leichte Waffenstation mit Maschinengewehr

Bundeswehr/Thomas Bierbaum

Dort angekommen soll der Sprachmittler am temporär eingerichteten Checkpoint übersetzen und wechselt das Fahrzeug. Im Austausch bekommen wir einen Kameraden aus einem Transportpanzer Fuchs. „Es wird die beste Zeit meines Lebens, ich habe hier so viel Platz!“, schwärmt unser Kamerad scherzend. Er hat recht: Im Fuchs ist der Platz wirklich deutlich knapper bemessen.

Ungefähr zwei Stunden lang sichern wir die Gespräche. Alles passiert unter Rotlicht, so sind wir für den Gegner schwerer zu erkennen. Damit wir wach bleiben, kochen wir uns Kaffee und essen eine Kleinigkeit. In dieser Nacht bleibt es ruhig: Kein einziges Auto passiert den Checkpoint, weshalb der Befehl zum Abrücken kommt. Wir stellen die Marschformation wieder her und machen uns auf den Heimweg.

Es ist weit nach Mitternacht, als wir alle wohlbehalten im Camp Castor ankommen. Jetzt heißt es: Sicherheit an den Waffen herstellen, duschen und ab ins Bett. Es ist alles gut gegangen. Ich bin gleichzeitig erleichtert und froh über die zahlreichen Eindrücke der heutigen Nacht.

von Thomas Bierbaum

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