Ein „Schweizer Taschenmesser“ im Einsatz

Ein „Schweizer Taschenmesser“ im Einsatz

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  • Irini
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in See
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Seit zehn Jahren herrscht Bürgerkrieg in Libyen. Die VN haben mit der Resolution 2509 (2020) ein Embargo für Waffenlieferungen gegen Libyen beschlossen. Ziel ist es, den illegalen Waffenhandel zu stoppen und dem Konflikt damit eine Grundlage zu entziehen. Deutschland beteiligt sich seit 2020 mit schwimmenden und fliegenden Einheiten der Marine an dem Einsatz European Union Naval Forces Mediterranean Irini – und damit auch an der Durchsetzung des Embargos. Derzeit ist der Einsatzgruppenversorger (EGVEinsatzgruppenversorger) „Berlin“ an der Mission beteiligt. Ein Versorger? Klingt ungewöhnlich, hat aber gute Gründe.

Replenishment at Sea – Tanken auf hoher See

Drei Schiffe fahren nebeneinander. Das Schiff in der Mitte betankt über Schläuche die beiden Schiffe links und rechts

Tankstelle auf hoher See: Der EGVEinsatzgruppenversorger „Berlin“ betankt zwei Schiffe gleichzeitig im Replenishment at Sea-Verfahren

Bundeswehr/Alexander Klebba

Wer als Laie den Begriff „Einsatzgruppenversorger“ hört, denkt vermutlich zuerst an Logistik. Das ist auch grundsätzlich richtig. Die „Berlin“ wurde als Versorgungsschiff am 11. April 2001 als erstes ihrer Klasse in Dienst gestellt. Die damalige Idee sah vor, einen maritimen Einsatzverband auf hoher See mit allem Notwendigen versorgen zu können: von Kraftstoff und Wasser über Lebensmittel bis hin zu Munition. In ihrem Rumpf finden bis zu 8.000 Kubikmeter Kraftstoff Platz – das entspricht acht Millionen Litern, was für die Tankfüllung von mehr als 130.000 Mittelklasseautos reichen würde.

Während der Fahrt können zwei Schiffe gleichzeitig betankt werden. Dieses Verfahren nennt sich Replenishment at Sea und sieht leichter aus, als es ist. Tausende Tonnen Stahl bewegen sich mitunter stundenlang in durchschnittlich 40 Metern Entfernung parallel zueinander. Durch die von Schiff zu Schiff an dicken Drähten geführten Schläuche schießen bis zu zehn Kubikmeter Kraftstoff pro Minute: jede Sekunde das Volumen einer Badewanne. Ein Abriss könnte gefährliche Folgen für Mensch, Schiff und nicht zuletzt die Umwelt haben. Höchste Konzentration aller Beteiligten ist bei diesem Manöver daher Grundvoraussetzung. Alternativ zu Tankschläuchen können an den Drähten auch Lasten hin- und herbewegt werden, beispielsweise Paletten mit Verpflegung und Personen. Aber Betankung und Versorgung sind nur zwei von vielen Funktionen des Schiffes.  

Medizinische Versorgung an Bord

Zwei Intensivbetten stehen nebeneinander auf der Krankenstation des Schiffes

Das Marineeinsatzrettungszentrum ist ein Containermodul. Ein Raum für Zahnarztbehandlungen steht ebenso bereit wie Intensivbetten

Bundeswehr/Alexander Klebba

Auf der „Berlin“ dienen während der Mission aktuell circa 220 Soldatinnen und Soldaten. Klar, dass da auch mal jemand medizinische Versorgung benötigt. Das reicht von der Seekrankheit über eine Verletzung bis schlimmstenfalls zur Verwundung. Das Schiff verfügt daher über ein Schiffslazarett mit einem Schiffsarzt nebst weiterem medizinischen Personal. Zusätzlich ist die „Berlin“ mit einem Marineeinsatzrettungszentrum (MERZ) ausgestattet. Das MERZ ist als Containermodul auf das Schiff montiert und bietet Behandlungsräume für weitere Ärzte, zum Beispiel einen Chirurgen, einen Anästhesisten sowie einen Zahnarzt – zusätzlich ergänzt durch Pflegepersonal, OP-Fach- und Anästhesiehelfer sowie Medizingerätetechniker. Das Leistungsspektrum der medizinischen Versorgung an Bord und auf hoher See erhöht sich dadurch enorm. Ein Auftrag ist die erste notfallmedizinische operative Versorgung, die Stabilisierung von Patientinnen und Patienten sowie ihre Vorbereitung auf den Weitertransport in ein Krankenhaus. Dieser kann zum Beispiel mit einem der beiden Bordhubschrauber des Typs Sea Lynx erfolgen.

Sea Lynx: das „fliegende Auge“

Ein Hubschrauber schwebt über dem Wasser

Der EGVEinsatzgruppenversorger „Berlin“ verfügt über zwei leistungsstarke Hubschrauber vom Typ Sea Lynx

Bundeswehr/Alexander Klebba

Neben der Möglichkeit, Personal oder Material zu transportieren, kommt den Hubschraubern die Aufgabe der „Horizonterweiterung“ zu. Die Erdkrümmung beschränkt die Sichtweite von der Kommandobrücke der „Berlin“ und auch der weitreichende Blick mit dem Radar unterliegt physikalischen Beschränkungen. Die Hubschrauber können weit entfernt von ihrer Plattform operieren und auf diese Weise die Sichtweite erheblich steigern. Für diesen Zweck hat die „Berlin“ zwei Hubschrauber vom Typ Sea Lynx vom Marinefluggeschwader 5 aus Nordholz an Bord. Diese klären auf, was man vom Schiff aus nicht erkennen kann, und liefern wichtige erste Erkenntnisse. Dazu gehören zum Beispiel Antworten auf folgende Fragen: Wie sieht das gesuchte Schiff aus der Nähe aus? Wie verhält es sich nach der Sichtung? Ist es gut in Schuss? Gibt es Möglichkeiten, an Bord zu landen oder Personal per Fast-Rope-Verfahren, also durch schnelles Abseilen, abzusetzen? Das sind wichtige Fragen, die man klären muss, bevor die Soldaten des Bordeinsatzteams das Schiff betreten können: Sicherheit geht stets vor. 

Das Bordeinsatzteam: kein Job für jedermann

Über einem Schiff schwebt ein Hubschrauber. Aus dem Hubschrauber seilt sich ein Soldat auf das Deck des Schiffes ab

Ein Soldat des Bordeinsatzteams seilt sich per Fast-Rope-Verfahren vom Hubschrauber ab

Bundeswehr/Alexander Klebba

Der aktuelle Auftrag der „Berlin“ lautet primär, das Waffenembargo gegen Libyen durchzusetzen. Das bedeutet nicht nur, Schiffe zu finden, die im Verdacht stehen, illegale Waffen zu transportieren. Vielmehr muss das Bordeinsatzteam an Bord gehen, um sich einen Eindruck von Schiff und Besatzung sowie natürlich der Ladung zu machen. Auf hoher See ist das nicht so einfach. Das eingeschiffte litauische Bordeinsatzteam hat grundsätzlich zwei Möglichkeiten, an Bord eines anderen Schiffes zu gelangen: per Hubschrauber oder mit dem Speedboot. Beide Möglichkeiten erfordern höchste Konzentration und körperliche Leistungsfähigkeit, denn die Soldatinnen und Soldaten tragen dabei eine schwere Schutzweste, Helm und eine Waffe. Ein falscher Schritt oder ein Fehlgriff könnten schnell zur ernsten Gefahr werden, denn ein Absturz würde ein Fallen aus großer Höhe bedeuten – entweder ins Wasser oder auf das Deck des Schiffes.

Einmal an Bord angekommen, sichert das Team sich selbst und nimmt Verbindung zum Kapitän auf: Informationsgewinnung steht immer auf dem Auftragszettel des Teams. Das gilt sowohl für den Friendly Approach, also einen freundlichen Besuch mit Einwilligung des Kapitäns, als auch für das Boarding, eine Kontrolle des Schiffes und der Ladung. Die Soldaten des Bordeinsatzteams müssen daher auch Spezialisten in der Gesprächsaufklärung sein.  

Ausgerüstet zur Selbstverteidigung

Ein schweres Maschinengewehr ist auf die offene See gerichtet

Das Marineleichtgeschütz: Munition vom Kaliber 27 mm, Bedienung per Joystick aus einem geschützten Raum im Schiffsinneren

Bundeswehr/Alexander Klebba

Auch wenn die Führung eines Gefechtes auf See nicht zur primären Aufgabe eines Einsatzgruppenversorgers zählt, wüsste die Besatzung der „Berlin“ sich im Ernstfall dennoch zu wehren. Mit Marineleichtgeschützen mit einem Kaliber von 27 mm, mit schweren Maschinengewehren sowie mit Abwehrmitteln gegen Angriffe aus der Luft verfügt das Schiff über einen ausreichenden Eigenschutz gegen Speedboote oder Flugzeuge. Die Soldatinnen und Soldaten der Waffengruppen sind verantwortlich für die Pflege und das Bedienen der Waffen. Für sie gehören regelmäßige Schießübungen und das Waffenreinigen zur Dienstroutine. Denn auf See, gerade in einem Einsatz, sind die Waffen stets einsatzbereit. 



von Alexander  Klebba

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