Mit dem Feuerkommando steigt das Adrenalin

Mit dem Feuerkommando steigt das Adrenalin

  • Einsatzvorbereitung
  • Artillerielehrbataillon 325
Datum:
Ort:
Munster
Lesedauer:
4 MIN

Sie unterstützen die Kampftruppen, wenn Handwaffen und Panzer nicht mehr ausreichen: die Panzerhaubitzen. Aus kilometerweiter Entfernung feuern die Geschütze ihre gewaltigen Geschosse ab. Präzise Arbeit ist gefragt. Jeder Fehler könnte schwerwiegende Folgen haben. Ein Geschützführer gewährt Einblick in die entscheidenden Momente vor dem Schuss.

Ein Soldat mit Headset bedient ein Gerät im Inneren einer Panzerhaubitze

Wartet auf das Feuerkommando: Geschützführer Alexander D. gibt die Kommandos in der Panzerhaubitze. Beim Feuerkommando drückt der Unteroffizier letztlich den Knopf für den Abschuss.

Bundeswehr/Torsten Kraatz

Die Luken schließen sich. Vier Panzerhaubitzen stehen in Stellung. Die röhrenden Motoren übertönen jegliche Geräusche in der Umgebung. Dann ertönt ein kurzer, ohrenbetäubend lauter Knall. Der Körper bebt für einen kurzen Augenblick, ein Zucken lässt sich nicht vermeiden. Das Geschoss ist kilometerweit unterwegs. Erst als sich der Rauch vor dem mehr als acht Meter langen Rohr bereits verzogen hat, ist die Detonation der Granate im Zielgebiet zu hören. Während Außenstehende den Blick noch auf den Einschlag im Zielgebiet richten, steigt die Anspannung in der Haubitze.

Unteroffizier Alexander D.*
Der kleinste Fehler könnte schwerwiegende Folgen haben.

Die Soldaten warten auf den nächsten Befehl zum Schuss. Höchste Konzentration ist gefragt, absolute Präzision. „Der kleinste Fehler könnte schwerwiegende Folgen haben”, betont der Geschützführer, Unteroffizier Alexander D*. Wie ein sogenannter Ausbläser des Geschosses in den Innenraum der Haubitze beispielsweise. Dann würde ein Feuer in dem gepanzerten Fahrzeug wüten. In der Haubitze ist jeder Funken Feuer verboten, auch das Rauchen. Alexander D. ist es, der letztlich auf den entscheidenden Knopf drückt – „Feuer”.

Alexander D. hat den Bildschirm vor sich mit seinen Augen fixiert. Jeden Moment könnte die Meldung über ein neues Ziel kommen, dann muss das Team auf der Haubitze schnell reagieren. Ein Fahrer, drei Munitionskanoniere und der Geschützführer. Alexander D. ist seit vier Jahren Soldat und ebenso lange bei der Artillerie. Das Manöver in Litauen bei Enhanced Forward Presence der NATO wird sein erster Einsatz im Ausland sein. „Ich bin froh, dass wir jetzt noch einmal die Chance haben, uns darauf vorzubereiten. Insbesondere vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie. Es ist alles so realistisch wie möglich dargestellt. Das ist eine gute Sache.”

Leben in der Lage

Die Soldaten leben in der Lage. Alle müssen im Gelände oder im Fahrzeug schlafen. Alexander D. und seine Soldaten schlafen in der Panzerhaubitze. Der Fahrer auf seinem Sitz, die anderen nutzen den knappen Platz zwischen Sitzen und beladenem Magazin. „Es ist eng, aber machbar. Man lernt mit der Zeit die Kniffe und Tricks, wie man sich hinlegen kann”, weiß Alexander D. Jeder hat nur seinen Schlafsack, die Heizung ist aus. „Der Motor darf nachts nicht laufen.”

Maximal vier Stunden Ruhezeit am Stück haben die Soldaten. Das Maschinengewehr oben auf der Haubitze muss immer besetzt sein. Jeder muss mal ran. „Dem Fahrer gönnen wir in der Regel eine längere Ruhezeit, er muss fit sein.” Nach einigen Tagen mache sich die Belastung bemerkbar. „Das muss man physisch und psychisch trainieren.” Ausreichend Trinken und Essen seien elementar. „Wir motivieren uns auch gegenseitig. Etwas Ablenkung und Unterhaltung mit den Kameraden darf und muss auch sein.”

Eine Panzerhaubitze 2000 fährt durch das Gelände

Im Gelände: Die Panzerhaubitze ist während der Übung Arbeits- und Schlafplatz der Soldaten

Bundeswehr/Torsten Kraatz

Das genaue Ziel ist ungewiss

Es piept laut. „Feuerkommando” ertönt es von dem Unteroffizier laut und deutlich. „Feuerkommando” schallt es von der Besatzung unisono zurück. Jeder weiß, was zu tun ist. Schnell und präzise. „Wir müssen uns aufeinander verlassen können”, betont Alexander D. Sie sind ein eingespieltes Team. „Wir üben immer zusammen. So können wir einen reibungslosen Ablauf garantieren.”

Auf dem Screen erscheinen Koordinaten: das Ziel. Worum es sich genau handelt, wissen die Soldaten in der Haubitze nicht. „Wir können es anhand der angeforderten Munition nur erahnen”, so Unteroffizier D. Leucht-, Nebel- und Sprengmunition sind an Bord. Dass sie das Ziel nicht genau kennen, spielt keine größere Rolle für die Besatzung der Haubitze. „Die Kameraden brauchen unsere Unterstützung. Sie verlassen sich auf uns. Das haben wir immer vor Augen.”

Jetzt muss alles schnell gehen. Jeder kennt seinen Auftrag. Der Ablauf funktioniert nahezu blind. Das System wird per Knopfdruck in den Gefechtsmodus geschaltet. Turm und Rohr der Haubitze sind komplett beweglich und richten sich nach den Koordinaten automatisch aus. Der Geschützführer drückt auf „Laden”, alles geht automatisch.

Eine Panzerhaubitze schießt auf dem Truppenübungsplatz bei Nacht

Nachtschießen: Das Schießen in der Nacht ist ein wichtiger Bestandteil der Übung

Bundeswehr/Torsten Kraatz

In zwei Minuten bereit zum Schuss

Das Geschoss liegt im Rohr. Der zweite Munitionskanonier checkt die Druckanzeigen. Wenn alles passt, folgt das Ansetzen der Treibladung – die Aufgabe des ersten Munitionskanoniers. Er muss sie händisch anbringen. Unteroffizier D. prüft noch einmal, nickt alles ab, dann wird hinter der Munition verriegelt. Wieder ein prüfender Blick, ob alles richtig sitzt. „Ist das nicht der Fall, könnte das Feuer nach hinten schlagen. Das wäre sehr gefährlich für uns”, erklärt D. Die Geschosse sind empfindlich. Feuer in jeglicher Form ist verboten, auch Rauchen.

Innerhalb von zwei Minuten ist die Haubitze bereit zum Schuss. „Feuer” ruft der Gefechtsführer und drückt den rot leuchtenden Knopf. Der laute Knall ist kilometerweit zu hören. Ohrenbetäubend für alle um das schwere Gerät herum. Im Innenraum ist es deutlich leiser. Dennoch ist an ein Agieren ohne Gehörschutz nicht zu denken.

„Das Kribbeln bleibt”

Ein Geschütz kann nur einen Schuss gleichzeitig abfeuern. „Aber wir schaffen drei Schüsse in zehn Sekunden, beispielsweise für einen Feuerschlag. Dieser besteht immer aus drei Schüssen”, betont der Geschützführer. Es werde auch mal stressig. „Da stehen uns auch mal die Schweißperlen auf der Stirn.”

Auch, wenn die Soldaten den Ablauf schon häufig geübt haben und schon viele Sprengkörper abgeschossen haben, „ist man immer wieder aufgeregt. Das Kribbeln bleibt”, so der Unteroffizier. „Der Respekt vor dem Ganzen bleibt. Es ist immer noch eine scharfe Waffe.” Sein Blick richtet sich wieder auf den Bildschirm. Jede Sekunde könnte es wieder das Feuerkommando erscheinen. Die Soldaten sind bereit. „Die Kameraden verlassen sich auf uns.”

*Name zum Schutz des Soldaten abgekürzt.

von Amina Vieth