Kapitel 2 – Gemeinschaft
Eine deutsch- deutsche Geschichte
Thomas A. hat acht Jahre in der Bundeswehr gedient. Schon sein Vater und sein Opa waren beim Militär. Aber sie waren in der Nationalen Volksarmee der DDR und sind keine Veteranen der Bundeswehr. Die Gespräche und Konflikte in der Familie erzählen von deutscher Geschichte, der Wiedervereinigung und dem Soldatsein.
TEXT Wiebke Bolle
FOTO Christian Vierfuß
Aus seiner Zeit bei der Bundeswehr hat Thomas A. noch Ausweise, Fotos und Orden. Stolz zeigt er sie seinem Vater Uwe S., der seinerzeit Soldat in der NVA war. Foto: Bundeswehr/Christian Vierfuß
An einem Mittag im März steigen Thomas A. und sein Vater Uwe S. aus dem Auto auf dem Parkplatz des Campingplatzes Himmelreich in Schwielowsee bei Potsdam. Am 20. Juni organisiert Thomas A. hier ein Open Air für Veteraninnen und Veteranen. Bands werden spielen, an Ständen können sich die Besucherinnen und Besucher informieren und Bundeswehrfahrzeuge ansehen. Mit rund 1.000 Gästen soll es eine der größten Veranstaltungen vor der offiziellen Feier in Berlin am Nationalen Veteranentag werden.
„Ich will auf den Verdienst von Soldatinnen und Soldaten aufmerksam machen“, sagt Thomas A. „Es muss ja schließlich Leute geben, die diesen Job machen.“ Um sich für sie einzusetzen, hat er einen Verein gegründet, die Guardians League Germany. Die Mitglieder sind wie er aktive oder ehemalige Soldatinnen und Soldaten, aber auch Angehörige von Polizeien, Feuerwehren und Rettungsdiensten.
Foto: Bundeswehr/Christian Vierfuß
„Ich will auf den Verdienst von Soldatinnen und Soldaten aufmerksam machen.“
Thomas A. ist von ganzem Herzen Veteran.
Überzeugter Bundeswehrsoldat
Thomas A. zeigt seinem Vater, wo die Bar und die Bühne stehen sollen. Sein Vater schaut interessiert. „Ich komme als Gast“, sagt der 69-Jährige, obwohl auch er im Militär gedient hat – allerdings in der DDR bei der Nationalen Volksarmee, kurz NVA. Aus Sicht der Bundeswehr ist er damit kein Veteran. Nicht nur er: Neben den beiden war auch Großvater Lothar S. beim Militär. Alle Männer haben gedient, nur auf unterschiedlichen Seiten. Die NVA sicherte den Machtanspruch der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED). Sie war keine demokratische Armee und steht deshalb nicht in der Traditionslinie der Bundeswehr. In der Familie hat das zu Streit geführt, mit seinem Opa redete Thomas A. bis zu seinem Tod kein Wort mehr.
Wer ist Veteran und wer nicht? Darüber diskutiert die Familie von Thomas A. angeregt (Bild rechts). So wie hier sitzen sie regelmäßig zum Kaffeetrinken zusammen. Die Eltern von Thomas A. kommen häufig dazu. Foto: Bundeswehr/Christian Vierfuß
Ein paar Stunden zuvor hatte sich die Familie zum Kaffee zu Hause getroffen. In der Drei-Zimmer-Wohnung im ersten Stock eines Reihenhauses wohnen Thomas A. und seine Frau Jana mit ihrem 23-jährigen Sohn und der 18-jährigen Tochter. Uwe S. kommt oft aus dem nahegelegenen Beelitz dazu. Wer das Wohnzimmer betritt, blickt auf Dutzende militärische Orden und Abzeichen. Die Zeit bei der Bundeswehr hat Thomas A. geprägt. Acht Jahre hat er als Soldat auf Zeit insgesamt gedient. 1998 verlängerte er seine ursprüngliche Dienstzeit freiwillig und fing im Instandsetzungsbataillon 410 in Burg an. Zweimal ging er nach Bosnien und Herzegowina in den Einsatz, zuletzt war er Stabsunteroffizier im Logistikbataillon 172 in Beelitz. Heute leistet der Kfz-Elektriker und Logistikexperte jedes Jahr zwei Monate Reservistendienst beim Operativen Führungskommando in Schwielowsee, den Rest des Jahres leitet er die Werkstatt eines Motorradhändlers.
Foto: Bundeswehr/Christian Vierfuß
„Ich bin kein Mensch, der sich immer Sorgen macht.“
Jana A. unterstützte ihren Mann bei seiner Berufswahl.
Das Ende der NVA
Sein Vater Uwe S. verließ die NVA im Jahr vor der Wiedervereinigung. Bei der Bundeswehr anzufangen, wie es einige Kameraden taten, konnte er sich nicht vorstellen. Zehn Jahre lang hatte er in der ehemaligen Armee der DDR als Soldat gedient. Mit 19 absolvierte er im Panzerregiment 1 in Burg eine Ausbildung zum Wartungs- und Instandsetzungsgruppenführer für sowjetische Kampfpanzer T-54 und T-55, den damaligen Standardpanzern der NVA. Nach fünf Jahren im Divisionslager in Damsdorf beendete er 1985 seinen Dienst als Stabsfeldwebel und blieb als Zivilangestellter im technischen Bereich seines Panzerregiments. Nach der Wende machte Uwe S. sich mit einem Transportunternehmen selbstständig.

Großvater Lothar S., der auf den Schwarz-Weiß-Fotos zu sehen ist, war ebenfalls bei der NVA. Der ehemalige Offizier war für Thomas A. ein Vorbild, bis es zwischen den beiden zum Bruch kam. Foto: Bundeswehr/Christian Vierfuß, Y/C3 Visual Lab (Bildrahmen)
Der Vater konnte mit der neuen Armee wenig anfangen, weil er nicht wusste, wohin die Reise im vereinigten Deutschland gehen würde, wie er sagt. Dass sein Sohn später zur Bundeswehr ging, überraschte ihn aber nicht. „Soldat sein – das passte zu ihm.“
Für Jana A. fühlte es sich damals schon komisch an, dass ihr Mann nur eine Woche nach ihrer Hochzeit in einen Auslandseinsatz ging. Die 45-Jährige hat ihren Mann und seinen besonderen Beruf aber stets unterstützt: „Ich weiß, dass er das lebt“, sagt sie. Als sich die beiden das Ja-Wort gaben, war sie 21 und er 23 Jahre alt. Die Kompanie von Thomas A. stand vor dem Standesamt Spalier. Das Paar hatte die Trauung extra vorgezogen, damit Jana A. im Ernstfall abgesichert wäre. Über Monate schrieb das junge Ehepaar sich während des Einsatzes Briefe, verabredete sich zum Telefonieren. „Aber ich bin kein Mensch, der sich immer Sorgen macht“, sagt Jana A. Stattdessen habe sie ihren Mann bei seinem Traum, zur Bundeswehr zu gehen, unterstützt.
Zahlreiche Challenge-Coins hat Thomas A. im Wohnzimmer aufgereiht. Dazu gehört auch die Münze des Zweiten Nationalen Veteranenkongresses, den der Deutsche Bundeswehr-Verband im September 2025 organisierte. Foto: Bundeswehr/Christian Vierfuß, Y/C3 Visual Lab (Bildrahmen)

Der einzige Soldat der Familie
Nicht jeder in der Familie reagierte so verständnisvoll. Auf dem Tisch liegt ein Schwarz-Weiß-Foto von Lothar S. Der 2019 verstorbene Großvater mütterlicherseits wurde an der Offizierschule der NVA in Moskau ausgebildet. Ein schwerer Motorradunfall hinderte den Infanterieoffizier daran, bis zum Militärattaché der DDR aufzusteigen. Als Kind habe ihn sein Opa einmal zu einem Tag der offenen Tür in die Kaserne mitgenommen und in einen NVA-Turnanzug gesteckt, erzählt Thomas A. „Ich wollte immer sein wie mein Opa.“ Doch Lothar S. lehnte die Bundeswehr und die neuen gesamtdeutschen Streitkräfte bis zu seinem Lebensende ab. In seinen Augen war er der einzig richtige Soldat in der Familie, berichtet Thomas A. „Er hat mich nicht ernst genommen und meine Auslandseinsätze kleingeredet.“ Seine Besuche bei den Großeltern in Cottbus wurden seltener, bis sie ganz aufhörten. „Die Bundeswehr war für ihn bis zum Ende ein Gegner und damit auch ich.“

Seine militärischen Bandorden hat Thomas A. ebenfalls behalten. Jeder einzelne steht für eine Medaille, die für Tapferkeit, Dienstzeit oder besondere Leistungen verliehen wurde. Foto: Bundeswehr/Christian Vierfuß, Y/C3 Visual Lab (Bildrahmen)
Offiziell kein Veteran
Wer in der DDR etwas werden wollte, der musste in die SED eintreten. Das galt auch für Vater Uwe S. Mehrfach wurde ihm die Mitgliedschaft nahegelegt. „Wäre ich in der Partei gewesen, hätte ich auf einen Schlag 400 Mark mehr im Monat verdient.“ Doch er habe sich gedrückt, erzählt Uwe S. stolz. Von der Politik hielt er sich fern, darauf legt er Wert. Er habe sich ohnehin auch eher als Techniker und weniger als Soldat verstanden. Dass er heute offiziell kein Veteran ist, stört ihn deshalb nicht. Der Ärger einiger ehemaliger Kameraden, mit denen er bis heute befreundet ist, liegt ihm fern: „Auch wir haben gedient und waren überzeugt, dass wir das Richtige tun würden. Es war eine andere Zeit, wir sind NVA-Veteranen.“
Foto: Bundeswehr/Christian Vierfuß
„Auch wir haben gedient und waren überzeugt, dass wir das Richtige tun würden.“
Uwe S. diente zehn Jahre in der NVA.
Sein Sohn setzt sich derweil mit seinem Verein für die öffentliche Sichtbarkeit von Soldatinnen und Soldaten ein: „Für mich ist jeder Veteran, der sich so fühlt.“ Zum Veteranen-Open-Air werden viele Freundinnen und Freunde kommen, ein Großteil davon ist oder war bei der Bundeswehr. Zwischen den Bäumen werden sie ihre Zelte aufschlagen. Außer Uwe S., der wird abends wieder fahren. Schließlich ist er ja nur Gast.
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